Amnesty Journal Ruanda 01. März 2021

Zuhause im Selbst

Eine weiße und eine schwarze Frau tragen blaue Overalls oder Arbeitshemden und stehen im Halbdunkel eines Raumes in den Licht fällt.

Von Ruanda lernen: Die Performerinnen Nirere Shanel und Lisa Stepf bringen Feminismus auf die Bühne.

Ein ruandisch-deutsches Theaterprojekt widmet sich der Selbstbehauptung von Frauen – mit überraschenden Ergebnissen.

Von Elisabeth Wellershaus

Es waren die verblüffenden Zahlen, die Sophia und Lisa Stepf inspiriert haben. In Barbara Achermanns Buch "Frauenwunderland" hatten die Schwestern gelesen, dass in Ruanda doppelt so viele Frauen im Parlament sitzen wie in Deutschland. Das ließ sie nicht mehr los. Wie konnte es sein, dass ein kleiner ostafrikanischer Staat den Gleichstellungsturbo eingeschaltet hatte, während die deutsche Gesellschaft in Sachen Quote nicht recht vom Fleck kam? Mit dieser Frage stiegen die Stepfs – Sophia als Regisseurin, Lisa als Performerin – in ihr neues Theaterprojekt ein. Ein paar Tage vor der Premiere von "Learning Feminism from Rwanda" probt ihre Company Flinn Works mit einem internationalen Team und erlebt, wie europäische Gendertheorien auf afrikanischen Pragmatismus treffen.

Auf einer großen Leinwand in den Berliner Sophiensaelen richtet sich der ruandische Performer Wesley Ruzibiza ans Publikum. "Ich habe gehört, dass ihr in Europa ziemliche Probleme habt", sagt er. "Sexuelle Belästigung, Vergewaltigung, häusliche Gewalt, betrüblich wenig Frauen im Parlament." Doch er hat Lösungsvorschläge. Deutschland müsse nur dem Beispiel Ruandas folgen, sagt er – "mit neuen, flächendeckenden Verhaltensregeln gegen toxische Maskulinität". Streng blickt Ruzibiza in die Kamera. Denn was er auf der Bühne spielerisch verhandelt, hat einen ernsten Hintergrund: die Tatsache, dass es einem europäischen Publikum noch immer weitgehend absurd scheint, es könne von einem Land wie Ruanda lernen.

Weltspitze der Frauenquote

Im Sommer 1994 lag die ruandische Gesellschaft in Trümmern. Innerhalb weniger Monate hatten Angehörige der Hutu-Mehrheit etwa 75 Prozent der Tutsi-Minderheit und moderate Hutu getötet. Präsident Paul Kagame wusste, dass er sämtliche Hände brauchen würde, um das traumatisierte Land wieder aufzubauen. Frauen waren bis dahin in der Öffentlichkeit kaum sichtbar, hatten weder Chancen auf Bildung noch auf politische oder gesellschaftliche Mitsprache. Nach dem Genozid waren sie nun aber die größte gesellschaftliche Gruppe im Land – und wurden gebraucht. So sorgte ab 2003 eine neue Verfassung unter anderem dafür, dass fortan mindestens 30 Prozent der Parlamentssitze an Frauen gingen.

Heute sind in Ruanda mehr als 61 Prozent der Parlamentsmandate an Frauen vergeben – mehr als in jedem anderen Land der Welt. Zahlreiche Unternehmerinnen werden vom Staat gefördert. Und doch steht der Fortschritt auf wackeligen Füßen. Es bleiben Zweifel am Bild von der einflussreichen ruandischen Frau, die im Eiltempo den Weg zur Gleichberechtigung durchlaufen hat. Kann ein Land allein mit politischem Willen ein über Generationen gefestigtes Geschlechterbild überwinden? Reicht es, dass ein Autokrat wie Paul Kagame beschlossen hat, die Zeit der Frauen sei gekommen?

Lisa Stepfs Bühnenfigur will in den Sophiensaelen zunächst einmal wissen, was sich die deutsche Gesellschaft in Ruanda abgucken kann. Die Szenen im Theatersaal wechseln sich aus pandemischen Gründen mit denen auf dem Bildschirm ab. Ruandische und deutsche Performerinnen und Performer haben Statistiken bemüht, weibliche Bundestagsabgeordnete und ruandische Sex-Expertinnen zitiert und das Thema Gleichstellung aus verschiedenen Perspektiven unter die Lupe genommen.

Auf der Leinwand klaffen die Gerechtigkeitslücken

Im Videogespräch mit der fiktiven Radiomoderatorin Aunty Mama will Stepf auch feministische Gerechtigkeitslücken diskutieren, Gender Pay Gaps und Gender Care Gaps. Doch sie verheddert sich im Austausch über Thigh Gaps (Oberschenkellücken) im kulturellen Missverständnis. Irgendwann kommt aus Ruanda der höfliche Hinweis, man habe dort handfestere Probleme als in Deutschland und auch nicht immer Zeit für theoretische Diskurse. Aber dann kommt Nirere Shanel in Glitzerboots und mit königlicher Flechtkrone auf die Berliner Bühne und bringt alle wieder auf Kurs. Während Stepf rhythmisch auf die Leinwand trommelt, auf der die Statistiken sämtlicher Ungerechtigkeitsgaps abgespult werden, begleitet Shanel sie zunächst mit traditionellem Gesang. Dann fordert sie, an alle gewandt: "Frauen, lehnt euch nicht zurück und lasst nicht über euch ­bestimmen – take your places."

Nirere Shanel war acht Jahre alt, als sie den Genozid in Kigali miterlebte. Mit 13 nahm sie ihren ersten Song auf über eine Gesellschaft im kollektiven Trauma. Heute lebt die 35-Jährige als Sängerin, Schauspielerin und Aktivistin in Paris, wo sie vor Jahren mit einem Stipendium hinzog. In ihren Liedern arbeitet sie sich weiterhin an der Gewalt ab, die sie in Kindertagen erlebt hat, und auch als Aktivistin nimmt sie sich eine Gesellschaft vor, die noch immer durch Gewalt geprägt ist. Denn die patriarchale Dominanz wirft bis heute lange Schatten.

Feminismus weltweit

Vor ein paar Jahren hat die Soziologin Justine Uvuza ruandische Frauen befragt und festgestellt, dass die meisten – unabhängig von gesellschaftlichem Status oder politischem Einfluss – zu Hause weiterhin unterdrückt werden. Politikerinnen erzählten ihr, dass sie im Parlament für härtere Strafen gegenüber Sexualverbrechern eintreten konnten, sich aber kaum trauten, über die Repressionen innerhalb der eigenen vier Wände zu sprechen. Auf die Frage nach einer Frauenbewegung hörte sie oft: Feminismus sei eine Sache des Westens.

Shanel sieht im Feminismus eine globale Bewegung. Aber sie weiß um die gesellschaftlichen Unterschiede. "Auch in Frankreich, wo ich heute lebe, sind Frauen in patriarchalen Strukturen gefangen", erzählt sie in einer Probenpause. Doch in Ruanda prallen Möglichkeiten und Missstände noch härter aufeinander. Vergangenes Jahr hat sie den Song "Atura" aufgenommen und die gleichnamige Kampagne ins Leben gerufen. "Es bedeutet 'Das Schweigen brechen'", sagt sie. "Ich wollte ein Lied produzieren, in dem es um häusliche Gewalt geht, aber auch eine Plattform kreieren, auf der ruandische Frauen von ihren ­Erlebnissen erzählen können."

Mittlerweile regt sich in Ruanda Widerstand auch auf anderen Ebenen. Viele Schulen beteiligen sich heute an Projekten zum Thema Gender. Jungs und jungen Männern wird dort erklärt, dass Mädchen und Frauen ebenso ein Recht auf ein selbstbestimmtes und angstfreies Leben haben wie sie. Dass die Gewalt, die sie oft von zu Hause kennen, sich nicht fortschreiben muss. Dass die Machtverhältnisse, die ihnen vorgelebt werden, nicht in Stein gemeißelt sind.

Ebenso wenig wie die vermeintlichen Gewissheiten, mit denen das Team von "Learning Feminism from Rwanda" vor Monaten in die gemeinsame Arbeit einstieg. Am Ende bringt die Performerin Natasha Muziramakenga per Video auf den Punkt, was sie mit den Kolleginnen aus Deutschland und Frankreich verbindet: "Ich will in meiner Stadt zu Hause sein, in meinem Büro, auf der Tanzfläche, in einer dunklen Seitenstraße, in meiner Haut, meinem Körper, meinem Bett", sagt sie. "Ich will einen Tornado, der das System zerstört." Etliche Scherben liegen auf der Bühne der Sophiensaele. Teller, die Shanel und Stepf aus Wut über die Verhältnisse zertrümmert hatten. Ein Mann aus dem Publikum fegt sie zusammen. Immerhin.

Elisabeth Wellershaus ist Autorin, Übersetzerin und freie Journalistin. Sie lebt in Berlin. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International oder der Redaktion wieder.

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