Amnesty Journal Deutschland 17. Dezember 2020

Mit Mentoren nicht verloren

Eine junge Frau mit Brille und Kleid steht vor einem Gebäude.

In den Redaktionen deutscher Medien blieben migrantische Perspektiven lange außen vor. Die Neuen deutschen Medienmacher*innen arbeiten seit Jahren daran, das zu ändern.

Von Klaus Ungerer (Text) und Michael Danner (Fotos)

Sie haben in Moskau und in Berlin gelebt. Warum wollen Sie jetzt Ihr Volontariat hier bei einem lokalen Medium machen?" Das sind so Fragen, mit denen man beim Bewerbungsgespräch konfrontiert werden kann. Das sind so Momente, in denen sich Verunsicherung einstellen könnte: Hm, ja, was mache ich hier eigentlich? Wie bin ich hier hingekommen? Haben die vielleicht recht, und ich bin hier völlig falsch? Auf solche Fragen muss man vorbereitet sein, inhaltlich und mental. Für Alina Ryazanova war es dann eher ein guter Moment, als diese Frage gestellt wurde. Denn die 26-Jährige hatte gut trainiert.
Rund 20 Jahre zuvor nahm in Moschaisk, Russland, eine Frau, die sich für Literatur interessierte, ihre kleine Tochter mit zu einer Lesung der Dichterin Svetlana Truschina. Alina kannte die Gedichte der Autorin auswendig, sie hatte sie ein paar Mal gelesen und dann gleich gekonnt. Stolz führte ihre Mutter das Mädchen nach der Lesung zur Autorin, und Alina trug die Gedichte vor. Das war ein Moment, der allen dreien in Erinnerung blieb. Später schrieb das Mädchen selbst Erzählungen und Gedichte, die Dichterin begleitete sie, und eines Tages stellte sie den Kontakt zur Lokalzeitung her. Da war Alina 13 Jahre alt.

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Egal, welches Talent du hast, du brauchst immer auch Verbündete, brauchst Menschen, die an dich glauben. Und du brauchst Menschen, die deine Lage verstehen, weil sie in derselben Lage sind oder waren. So dass ihr euch gegenseitig unterstützen und Mut machen, oder wie man heute sagt: empowern könnt.

Noch vor einem guten Jahr hätte Alina Ryazanova es nicht gewagt, sich bei deutschen Medien um ein Volontariat zu be­werben. "Ich hätte immer gedacht: Es gibt ja so viele Deutsche." Vor einem guten Jahr stand sie aber auch noch vor dem entscheidenden Schritt: Sie war mit ihrem Journalistik-Bachelor aus Moskau nach Deutschland gekommen und wollte hier ihren Master machen. Alina Ryazanova ist ein wacher Geist, sie hat als 16-Jährige in der Nowaja Schisn, ihrer Lokalzeitung in Moschaisk, eine Jugendseite gegründet und geleitet. Sie hat jahrelange journalistische Erfahrung und spricht perfektes Deutsch, doch um sich hier zu bewerben, fehlte ihr das Zutrauen. Zunächst. Dann nahm sie am Mentoringprogramm der Neuen deutschen Medienmacher*innen (NdM) teil.

Die Neuen deutschen Medienmacher*innen sind ein Zusammenschluss von Medienschaffenden mit und ohne Migrationsgeschichte. Der Verein wurde 2008 gegründet und ist mittlerweile eine Institution. Zunächst waren es jedoch nur ein paar Journalistinnen und Journalisten, die sich zumeist untereinander kannten und in Berlin einen Stammtisch hatten. Bei diesen Treffen gab es seit Langem Unmut über all die einseitigen Geschichten in den deutschen Medien, in denen die Migrationsperspektiven praktisch nie vorkamen. Wie oft würde man sich noch über die gleichen Geschichten hinter den Medienkulissen austauschen müssen? Wie man mit Diversitätsthemen in den Redaktionen abblitzte, weil die ja ein Nischenprodukt seien. Wie oft würde man noch kopfschüttelnd die wohlfeile Klage aus den Medienhäusern hören müssen? Ja doch, gern würde man geeignete Bewerber aus Einwandererfamilien einstellen – aber die gebe es halt nicht!

Deutschland ist seit so vielen Jahren Einwanderungsland, es muss noch viel mehr geschehen. Immer noch werden viele Perspektiven oder Lebenswelten gar nicht gesehen, kommen darum auch nie in den Medien vor.

Konstantina
Vassiliou-Enz
Geschäftsführerin der Neuen deutschen Medienmacher*innen
Eine blonde Frau in schwarzem Kleid mit schwarzen Stiefeln sitzt in einem Büro am Schreibtisch.

"Mit geboren, mit verloren"

Alina Ryazanova hat sich einmal um ein Praktikum bei einem deutschen Medium beworben. Vorkenntnisse hatte sie zur Genüge, und auf der Homepage des Unternehmens hatte es geheißen, man könne sich ein halbes Jahr vorher um ein Praktikum bewerben. Als sie dort anrief, sagte man ihr jedoch, es gebe keine Kapazitäten, um sie zu betreuen. Als sie erklärte, sie brauche keine intensive Betreuung, und fragte, ob es denn in einem oder in zwei Jahren Kapazitäten gebe, war die Antwort: Das könne man gerade nicht abschätzen. Später erfuhr sie über Umwege den Hintergrund; in der Redaktion hatte es mal eine Praktikantin gegeben, die nicht so gut Deutsch konnte und für den Job ein wenig zu schüchtern war. Diese Praktikantin war, zu Alinas Unglück, zufällig auch Russin gewesen. Mit geboren, mit verloren. So schlicht sind die Leute manchmal. Auch wenn man von Medien mehr Offenheit und mehr Neugier erwarten sollte.
Erwartungen sind das eine. Kämpfen muss man dann meist trotzdem. Der Berliner Stammtisch hatte ein wichtiges Thema, bei dem sich aber in den Redaktionen nur wenig bewegte. Und so organisierten Konstantina Vassiliou-Enz, die heutige Geschäftsführerin der NdM, und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter im Jahr 2008 eine Veranstaltung, zu der 200 Journalistinnen und Journalisten aus ganz Deutschland anreisten. Alle hatten dasselbe Problem – sie wurden ausgegrenzt. Das Thema ließ sich nicht mehr aufhalten. Doch mit den ersten Erfolgen kam auch das ers­te Problem: Die Freudenberg-Stiftung wollte die Initiative finanziell unterstützen, deshalb musste ein offizieller Kanal geschaffen werden. So taten sie seufzend das Deutscheste, das sich vorstellen ließ, und gründeten 2009 einen Verein.

Das Prinzip Tandem

2010 starteten die Neuen deutschen Medienmacher*innen dann ihr Mentoringprogramm, das seit dem Jahr 2016 von Rebecca Roth koordiniert wird. Sie bringt eine Mentorin oder einen Mentor mit einem Mentee zusammen und achtet darauf, dass die Chemie zwischen den beiden stimmt. Sie sollen möglichst nah beieinander wohnen, für ein ähnliches Medium arbeiten und ähnliche Schwerpunkte in ihrer Arbeit haben. Dann gibt es ein erstes Treffen. Und wenn das gut gelaufen ist, wird man ein Tandem.

Bei Alina Ryazanova und ihrem Mentor Daniel Schulz von der taz hat die Chemie gestimmt: "Er ist ein netter, offener Mensch, und auch sehr professionell", erzählt die 26-Jährige. Sie konnte ihn immer fragen, und er fand Zeit, nahm sie als ­Kollegin ernst und half ihr.

So wie bei der Geschichte mit den "Nachtlichtern": bürgerschaftliches Engagement im Regenbogenkiez von Berlin-Schöneberg. In der Nacht, als Alina Ryazanova die "Nachtlichter" durchs Viertel begleitete, hatte sie gleich doppeltes Reporterinnenglück. Erst begegnete sie einem Obdachlosen, der spannende Geschichten zu erzählen hatte, und es kam zu einer Prügelei in einer Bar, bei der die Schlichter der "Nachtlichter" zum Einsatz kamen. Als Alina Ryazanova über ihrem Text saß, mit dem sie sich bewerben wollte, wusste sie nicht recht weiter und wandte sich an ihren Mentor. Daniel Schulz hatte Zeit für sie, obwohl es Samstag war, und erkannte das Dilemma, das jeder Journalist und jede Journalistin irgendwann kennenlernt: Du hast zu viel Material und du bist zu nah dran. Er erklärte ihr: Das sind zwei getrennte Geschichten. Du kannst nur eine davon erzählen.

Die "Vielfaltfinder"

Die Entwicklung der Neuen deutschen ­Medienmacher*innen ist eine Erfolgs­geschichte. Der Verein wuchs rasant – zunächst hatte er nur einen Schreibtisch in einer befreundeten Agentur, heute verfügt er über eigene Räume und hat um die 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Es gibt eine Kartei von Expertinnen und Experten namens "Vielfaltfinder", die für mehr Diversität in deutschen Redaktionen gesorgt hat. Und zahlreiche Institutionen unterstützen die Initiative – vom Familienministerium über den Europarat bis hin zu Twitter. Große Wirkung hatte auch das "NdM-Glossar" ein jährlich aktualisiertes Kompendium, das problematische und diskriminierende Begriffe auflistet und Alternativen vorschlägt. Außerdem sind da noch die vielen Aufstiegsgeschichten ehemaliger Mentees, und es gibt mittlerweile eine neue Zweigstelle mit einem Mentoringprogramm in Nordrhein-Westfalen.

Einiges hat sich in den vergangenen Jahren zum Besseren verändert.

"Dennoch", sagt Konstantina Vassiliou-Enz, "Deutschland ist seit so vielen Jahren Einwanderungsland, es muss noch viel mehr geschehen. Immer noch werden viele Perspektiven oder Lebenswelten gar nicht gesehen und kommen darum auch nie in den Medien vor. Sie wird häufig von Redaktionen zu Blatt- und Sendekritiken eingeladen und stellt immer wieder fest, wie viele nicht merken, dass sie selbst nur für eine bestimmte Zielgruppe stehen und berichten.

Eine junge Frau mit Brille und kurzen schwarzen Haaren steht in Bluse und Rock auf einem Parkplatz.

"Ein Beispiel: Den ganzen Sommer über habe ich Corona-Reiseberichte gelesen, wo erzählt wird, wie schön Urlaub in Deutschland ist, wie herrlich zum Beispiel der Nationalpark Sächsische Schweiz ist. Ich lese das und denke: Zwei Drittel meiner Freundinnen und Freunde können da nicht hin. Die sind da nicht sicher. In der Sächsischen Schweiz gibt es zu viele Neonazis. Ich habe nur einen einzigen Bericht von einer Schwarzen Kollegin gelesen, die erzählte: Wenn wir mal einen Wochenendausflug machen wollen, kommen wir ins Überlegen, wo wir überhaupt hinfahren können." Aus der Redaktion kam dann das Argument:  Man könne doch nicht nur für diese eine spezielle Gruppe schreiben! "Darauf habe ich gesagt: Aber genau das macht ihr. Ihr berichtet nur für eine spezielle Gruppe. Für eure eigene."

Inzwischen hat der Verein mehr als 260 Mentees unterstützt, darunter sehr viele Frauen und viele Exiljournalistinnen und -journalisten. Dass sie nicht Bittstellerinnen und Bittsteller sein müssen, sondern wertvolle Ressourcen anzubieten haben, muss­ten fast alle erst lernen. Wie will man in Deutschland im Jahr 2020 Journalismus machen, wenn man nur Deutsch und Englisch kann? "Viele Geschichten", sagt Rebecca Roth, "sind ja nicht nur auf Deutschland bezogen. Wenn eine Redaktion niemanden hat, der auf Arabisch recherchieren kann, dann sieht sie alt aus, dann kann sie nur noch Agenturmeldungen übernehmen, und das war’s."

Unbewusste Ressourcen aktivieren

Vielen Mentees war zunächst gar nicht bewusst, welche Ressourcen sie besaßen, weil sie immer wieder Diskriminierungserfahrungen machen mussten. Sie hörten in den Redaktionen so oft, dass sie nicht gut genug seien und es sich bei ­ihren Themen nur um Nischengeschichten handele, bis sie es selbst glaubten. Das veränderte sich erst, als sie auf das Netzwerk der NdM stießen, auf Menschen, denen es genauso ergangen war. "Du fühlst dich aufgehoben bei Menschen, die das kennen", sagt Konstantina Vassiliou-Enz. "Das Empowerment, die Kontakte, auch der Mentees untereinander, sind ein ganz wichtiger Teil des Mentoringprogramms, viel wichtiger als wir zuerst dachten."

Vor einem guten Jahr hätte Alina Ryazanova nicht gedacht, dass sie eine Chance auf ein Volontariat haben würde, die Hürden schienen unüberwindlich. Dann kam sie in das Mentoringprogramm, traf viele spannende Personen mit allen möglichen kulturellen Hintergründen – und war selbst eine davon. Sie habe dort viele Freundinnen gefunden, erzählt die Journalistin. Sie halfen sich gegenseitig, machten sich Mut, simulierten Bewerbungsgespräche.

"Sie haben in Moskau und in Berlin gelebt. Warum wollen Sie jetzt Ihr Volontariat hier bei einem lokalen Medium machen?" Die Frage kam dann wirklich. Und Alina Ryazanova hatte eine Antwort parat.

Klaus Ungerer ist freier Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International oder der Redaktion wieder.

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