Nuklearer Neokolonialismus
Einer von mehr als 2.000 Tests weltweit: Sowjetischer Atombombentest (Semipalatinsk, 18. Oktober 1951)
© Science Photo Library / Reuters
Immer wieder drohen Machthaber mit dem Einsatz von Atomwaffen. Deren Entwicklung und Tests verletzen jedoch auch in Friedenszeiten Menschenrechte.
Von Stefan Wirner
Heute Nacht wird eine ganze Zivilisation sterben" verkündete US-Präsident Donald Trump am 7. April auf seiner Plattform Truth Social. Die USA und Israel führten zu diesem Zeitpunkt seit fünf Wochen Krieg gegen Iran. Manche interpretierten Trumps Äußerungen als Ankündigung, Atomwaffen gegen das Land einzusetzen, was aber glücklicherweise nicht geschah.
Trump ist nicht der einzige Machthaber, der derzeit mit dem Einsatz dieser Massenvernichtungswaffen droht. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine im Jahr 2022 hat auch Russlands Präsident Wladimir Putin immer wieder entsprechende Anspielungen gemacht. Im Jahr 2024 verschärfte er überdies die russische Atomdoktrin dahingehend, dass Russland Atomwaffen auch gegen einen Staat einsetzen kann, der zwar selbst keine Atomwaffen besitzt, aber von Atommächten unterstützt wird. Und der französische Präsident Emmanuel Macron kündigte im März 2026 an, angesichts der internationalen Spannungen werde Frankreich die Zahl seiner Atomsprengköpfe erhöhen.
Lange Zeit schien es, als führe das "Gleichgewicht des Schreckens" dazu, dass ein Einsatz dieser Waffen nicht mehr ernsthaft erwogen würde. Man ging davon aus, dass ein Atomkrieg die Vernichtung aller Kriegsparteien zur Folge hätte. Diese Einschätzung scheint in einigen Regierungszentralen hinfällig zu sein. "Solange diese Waffen existieren, besteht die Möglichkeit, dass sie eingesetzt werden", sagt Juliane Hauschulz, Vorstandsmitglied von ICAN Deutschland, einer Organisation, die sich für ein weltweites Atomwaffenverbot engagiert. "Wenn diese Waffen eingesetzt werden, verletzt dies das Völkerrecht und die Menschenrechte der Betroffenen", sagt Hauschulz.
Eine Atombombe tötet augenblicklich Tausende oder Hunderttausende Menschen und verletzt deren Recht auf Leben. Sie verletzt das Recht auf Gesundheit und körperliche Unversehrtheit von Menschen, die in der Nähe der Abwurfstelle leben und wegen des radioaktiven Fallouts schwere Krebserkrankungen erleiden. Auch die Rechte auf Nahrung, Wasser und eine gesunde Umwelt sind betroffen.
Weltweit bislang 2.056 Atomtests
Selbst ohne Einsatz verletzen diese Massenvernichtungswaffen Menschenrechte. Denn Atomwaffen geht eine Entwicklungsgeschichte voraus, sagt Hauschulz: "Hierzu gehören der gesundheitsgefährdende Uranabbau und die Anreicherungsanlagen, die immer wieder Lecks aufweisen. Man kann auch die gesundheitsschädlichen Auswirkungen von Atomkraftwerken hinzuzählen." Und nicht zuletzt die Atomtests. Weltweit wurden bislang 2.056 solcher Tests durchgeführt.
ICAN spricht von Rassismus und nuklearem Neokolonialismus, denn die Versuche fanden vorwiegend auf Indigenem Land bzw. in ehemaligen Kolonien statt. Das bekannteste Beispiel sind die Marshallinseln im Pazifik: Zwischen 1946 und 1958 führte das US-Militär im damaligen US-Treuhandgebiet 67 Tests durch. Dabei wurden die Indigenen Bewohner*innen der Atolle nicht ausreichend informiert oder gewarnt und teils nicht evakuiert, sondern ohne ihr Wissen als Versuchspersonen missbraucht. "Nach den Tests untersuchte das Militär die Menschen", sagt Hauschulz. "Nicht, um ihnen zu helfen. Es ging um Forschung: Was macht Radioaktivität mit Menschen?" Jeban Riklon, ein Betroffener der Versuche auf den Marshallinseln und später Senator des Kwajalein-Atolls, sprach von einer "Meerschweinchen-Studie an Menschen".
Fisch aus dem "Atomsee"
Auf der Webseite "To Survive is to Resist" (survivors.ippnw.de) der deutschen Sektion der Internationalen Ärzt*innen für die Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) kommen Überlebende von Atomversuchen zu Wort. Ida Betke aus Semipalatinsk in Kasachstan etwa, wo das sowjetische Militär von 1949 bis 1989 insgesamt 458 Atombomben zur Explosion brachte. "Von der Schädlichkeit dieser Atomtests wussten wir nichts", sagt Betke. "Wir sind nach draußen gegangen, um den aufsteigenden Pilz zu bewundern, oder sind in der Wohnung geblieben, um die Schränke festzuhalten, damit das Geschirr nicht herausfiel. Gemüse und Obst haben wir selbst angepflanzt und gegessen. Auch Fisch aus dem 'Atomsee' – einem See, der durch einen Atomtest entstanden ist – haben wir gegessen."
In vielerlei Hinsicht ähneln sich die Erzählungen der Betroffenen, egal ob sie aus Kasachstan stammen oder von den Marshallinseln. Man ließ die Menschen in Unkenntnis darüber, wie gefährlich die Tests waren, setzte sie gesundheitsschädlicher Strahlung aus, und machte ihre Heimat oft unbewohnbar.
Zynischer Umgang mit Betroffenen
Zahlreiche Zitate von Verantwortlichen belegen den zynischen Umgang mit der Bevölkerung in den Testgebieten. "Zwar leben diese Leute nicht, sagen wir mal, wie westliche Menschen, zivilisierte Völker, aber dennoch ähneln sie mehr uns als den Mäusen", stellte ein beratender Ausschuss der US-Atomenergiekommission 1956 fest. In einem britischen Bericht von 1957 über einen Test auf Kiribati heißt es: "Die Strahlendosis ist etwa 15-mal höher als es nach der Internationalen Strahlenschutzkommission zulässig wäre, aber es besteht nur eine sehr geringe Gesundheitsgefahr, und das auch nur für primitive Menschen."
Auch wenn derzeit kein Staat offizielle Atomtests durchführt – zuletzt Nordkorea im Jahr 2017 – möchte Ican über die Bedrohung weiter aufklären. Das internationale ICAN-Bündnis erhielt 2017 für seine Arbeit den Friedensnobelpreis. Die deutsche Sektion organisiert Seminare zum Thema, so etwa im April die sogenannte Nukipedia: ein Wochenendworkshop, der sich vorwiegend an junge Menschen richtete, die sich über die Gefahren von Atomwaffen informieren wollen.
NATO-Mitglieder bleiben Verhandlungen fern
Außerdem ruft die Organisation Städte in aller Welt dazu auf, den von der UNO im Jahr 2017 verabschiedeten Vertrag zum Verbot von Atomwaffen zu unterstützen. 122 Mitgliedstaaten stimmten dem Vertrag zu. Aber die neun Staaten, die Atomwaffen besitzen – USA, Russland, Großbritannien, Frankreich, China, Indien, Pakistan, Nordkorea und Israel – sowie Deutschland und fast alle NATO-Mitglieder blieben den Verhandlungen fern. Der ICAN-Appell richtet sich an Städte, weil sie die ersten Ziele eines atomaren Angriffs wären. In Deutschland haben sich 145 Städte dem Appell angeschlossen, so viele wie in keinem anderen Land.
Hauschulz räumt ein, es sei zuletzt schwieriger geworden, sich zu engagieren. "Nun heißt es wieder: Atomwaffen bieten Schutz vor einem Angriff", sagt sie. "Was für ein Schutz soll das sein? Auch die sogenannten taktischen Atomwaffen, die neuerdings gerne ins Feld geführt werden, weil sie eher für militärische Ziele vorgesehen sind, stellen eine Gefahr dar", betont sie. "Diese Waffen senken die Hemmschwelle eines Einsatzes und würden zum gleichen Szenario eines Atomkriegs führen. Massenvernichtungswaffen und Menschenrechte widersprechen sich fundamental."