Touareg-Kultur: Sehnsucht ist wie das Trinken heißen Tees
Ein Dokumentarfilm und zwei Bands machen das Schicksal der Touareg sichtbar – jenseits von westlichen Klischees.
Von Vanessa Barisch
Der strahlend blaue Himmel kontrastiert mit den gelben Dünen, über die Männer mit Kamelen schreiten. Fast klischeehaft schön ist die Landschaft im Dokumentarfilm "Ressacs, une histoire touarègue" (Brandung, eine Geschichte der Touareg) von Intagrist el Ansari. Der Regisseur hält darin das Schicksal der Touareg fest, die aufgrund von Konflikten in der Sahelregion und dem Klimawandel die Sahara kaum noch als Nomad*innen bewohnen können. Stattdessen leben viele in Flüchtlingslagern. "Ich wollte diese fast verlorene Welt für meinen Sohn einfangen, der das Nomadenleben nicht kennt", sagt Ansari.
Der Regisseur lebt in der mauretanischen Hauptstadt Nouakchott und hat in Frankreich studiert. Die dort veröffentlichten anthropologischen Werke über die Touareg will Ansari durch seine Perspektive ergänzen: "Es ist der erste Film, der von einem Touareg selbst gemacht ist und in dem ausschließlich die Touareg selbst zu Wort kommen", betont er. Zehn Jahre arbeitete er an seinem Dokumentarfilm, der 2024 auf dem internationalen Filmfestival Journées Cinématographiques du Carthage Premiere hatte und den von der Delegation der Europäischen Union in Tunesien vergebenen Menschenrechtspreis "Lina Ben Mhenni" gewann. Seither war "Ressacs" auf zahlreichen Festivals zu sehen, im Frühsommer kommt der Film in Frankreich und Deutschland ins Kino.
Lager M´bera: Wie eine Wüstenstadt
Auslöser war für Ansari der Militärputsch von 2012 in Mali und die Kontrolle des malischen Nordens durch islamistische Gruppen. Viele dort lebende Touareg und andere Gruppen mussten Mali deshalb verlassen. Ansari filmte auch im Osten Mauretaniens, wo das UNHCR das Flüchtlingslager M’bera errichtete. Auf Ansaris Aufnahmen wirkt M’bera wie eine Wüstenstadt: sandsteinfarbene Häuser reihen sich aneinander, Taxis holpern über die staubigen Straßen. Doch der Schein trügt: Es gibt keine Kanalisation, und die Menschen dürfen das Lager wegen des Migrationsdeals zwischen Mauretanien und der EU nicht verlassen. Die Zahl der Menschen allein in M’bera hat sich seit 2012 verdoppelt. 120.000 leben derzeit laut UNHCR in dem ursprünglich für 60.000 Menschen ausgelegten Camp, weitere 154.000 im Umkreis.
Fadimata Walett Oumar floh bereits in den 1990er Jahren mit ihrem Mann aus dem Süden Malis nach Burkina Faso. Grund dafür war eine gescheiterte Touareg-Rebellion, die die Fronten zwischen der Minderheit und dem Rest der Gesellschaft verhärtet hatte. In einem Flüchtlingscamp nahe Ouagadougou engagierte sie sich für Touareg-Frauen. Während sich Fadimata Walett Oumar in ihrer Jugend eher für Discomusik interessiert hatte, gründete sie mit anderen die Band Tartit, die die traditionelle Musik der Touareg neu interpretiert. Wichtige Elemente der Musik sind Tachidialt-Trommeln, die den Rhythmus mit dumpfen Tönen vorgeben, während eine einseitige Violine (Imzad) und das Zupfinstrument Tehardent die helle, fast scharfe Melodie spielen. Der mehrstimmige Gesang, den die Sängerinnen mit Yoyo-Lauten unterbrechen, vollendet die facettenreichen Lieder von Tartit.
Trommeln für Frauenrechte
1995 hatte die Band den ersten Auftritt beim "Festival of Womens’ Voices" im belgischen Lüttich. Heute lebt Fadimata Walett Oumar wieder in Mali: "Die Sicherheitslage ist immer noch nicht ideal, aber ich kann nicht ewig im Exil leben", sagt sie. In der Zwischenzeit hat die Gruppe fünf Alben aufgenommen und ihren Stil weiterentwickelt. "Die Basis bleiben natürlich unsere traditionellen Klänge, aber ich schreibe neue Texte, die zu unserer aktuellen Lebensrealität passen, etwa über die Wichtigkeit von Bildung für Frauen", erklärt die Feministin. "Auch haben wir einen Gitarristen in die Gruppe aufgenommen, um die Jugend anzusprechen."
Die Idee mit der Gitarre übernahm Fadimata Walett Oumar von der populären Touareg-Band Tinariwen. Deren Geschichte reicht bis Anfang der 1980er Jahre zurück. Die erste Generation von Tinariwen lernte sich in Libyen in einem Militärcamp kennen, wo Touareg-Rebellen sich auf die Eroberung Nordmalis vorbereiteten. Die Band spielte zunächst für die Rebellen im Camp und im Süden Algeriens. Als es 1991 zu einem Friedensabkommen mit Mali kam, legten die Bandmitglieder ihre Waffen nieder, nahmen ihr erstes Album auf und widmeten sich fortan nur noch der Musik.
"Assouf" bedeutet Sehnsucht
Auch Regisseur Intagrist el Ansar nimmt in seinem Film "Ressacs" die populäre Band in den Blick, vor allem Persönlichkeiten der älteren Generation wie den Tinariwen-Gitarristen und Liedtexter Abdallah Ag Alhousseyni. Er ist seit 1987 dabei und lebt nach einiger Zeit im Camp M’bera heute ebenfalls in Nouakchott. Im Film erlebt man Ag Alhousseyni zwischen seinen überbordenden Bücherregalen, während er über das traditionelle Nomadenleben berichtet, aber auch über Schicksalsschläge wie die Dürre Anfang der 1970er Jahre.
Die internationale Karriere von Tinariwen begann 1999, als die französische Band Lo’Jo die Musiker zu einem Konzert nach Frankreich einlud. Seither tourt die Band auf der ganzen Welt und gewann 2012 einen Grammy für ihr siebtes Album "Tassili". Westliche Musikexpert*innen ordnen Tinariwen in das Genre "Desert Blues" ein. Die Band erkennt sich darin aber nicht wieder und etablierte deshalb den eigenen Begriff "Assouf", was in ihrer Sprache Tamasheq "Sehnsucht" bedeutet. Gemeint ist damit sowohl die Sehnsucht nach einer verlorenen Zeit und einem verlorenen Leben in der Sahara mit Viehzucht und Karawanenhandel als auch die Sehnsucht nach alltäglichen Dingen. So heißt es in dem Lied "Ishweg Attay": "Ich schütte den Tee in ein Glas. Beim Trinken beginnt mein Herz zu brennen", zitiert Ag Alhusseyni. "Erinnerungen und Sehnsucht brennen im Herzen wie heißer Tee."
Auch für Intagrist el Ansari und Fadimata Walett Oumar spielt diese Sehnsucht eine Rolle. Die Musikerin hofft, dass es eines Tages gelingen wird, die Sahara wiederzubeleben. "Es ist der reichste und schönste Fleck der Erde, den ich mir vorstellen kann. Wenn wir alle anpacken, dann kann dort wieder Leben erwachen." Ansari träumt von einer Zukunft, in der die Touareg in Freiheit und Frieden leben können. Ein eigener Staat ist dafür seiner Meinung nach nicht notwendig: "Es reicht, wenn wir ungestört in der Sahara leben können. Ich kann mich überall zu Hause fühlen, solange ich in der Sahara bin."
Vanessa Barisch ist freie Journalistin. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.