Amnesty Journal China 26. Juli 2021

Wahre Kunst

Arbeiter_innen suchen auf einer Müllhalde nach verwertbarem Elektronikschrott, über ihre Köpfe ziehen Rauchschwaden.

Die Zukunft ist da: Arbeiter_innen suchen auf einer Müllhalde in Guiyu im Südwesten Chinas nach verwertbarem Elektronikschrott.

Science-Fiction aus China wird weltweit immer populärer. Zugleich bewegen sich die Autor_innen ständig am Rande verbotener Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen.

Von Felix Lee

Giftige Dämpfe steigen aus dem Müll auf. Es haben sich längst ganze Berge von alten Monitoren, Virtual-Reality-Brillen und Cyber-Implantaten gebildet, aus denen abgerissene Kabel hängen. Kinder in Lumpen durchsuchen die ölverschmierten Industrieabfälle nach verwertbaren Metallen und Mikrochips. Der Nachschub stockt nie, denn der Elektroschrott der gesamten Welt wird auf dieser Insel recycelt.

Diese Vision entwirft der Science-Fiction-Autor Chen Qiufan in seinem Roman "Die Siliziuminsel", der 2019 auf Deutsch erschienen ist. Die Insel, irgendwo im Südwesten Chinas, ist zwar ausgedacht, für den düsteren Schauplatz gibt es allerdings ein reales Vorbild. Es ist zwar keine Insel, liegt aber ebenfalls im Südwesten Chinas: In der Gemeinde Guiyu in Chens Heimatprovinz Guangdong befindet sich tatsächlich die größte Elektronikschrotthalde der Welt.

Science-Fiction aus China wird derzeit weltweit viel gelesen. Das hat auch mit den Ausdrucksmöglichkeiten des Genres zu tun. Die Handlung in Romanen wie dem von Chen Qiufan ist frei erfunden. Doch wie in den meisten Science-Fiction-Geschichten geht es um aktuelle und höchst irdische Probleme. Deren literarische Behandlung wird in China zwar durch die Zensur eingeschränkt. Doch im Kontext der Fantastik lässt sich doch manches thematisieren, was normalerweise nicht durch das Netz der Aufseher_innen käme.

"Science-Fiction Reality"

Die chinesische Science-Fiction fühlt sich besonders real an, denn das Land mit seinen vielen modernen Städten und technischen Neuerungen ist ein idealer Nährboden für futuristische Geschichten. Zugleich kämpfen viele der Charaktere, die etwa Chen in seinen Romanen beschreibt, mit dem rasanten technologischen Wandel und seinen gesellschaftlichen Folgen. Im Ausland werden diese Werke daher zuweilen auch als "Science-Fiction Reality" bezeichnet, auch wenn einige der Autor_innen dieses Label nicht mögen, weil sie befürchten müssen, ihre Werke könnten in ihrem Heimatland verboten werden.

Chen ist nicht der einzige chinesische Science-Fiction-Autor, dessen Werke unter diese Bezeichnung fallen. In Liu Cixins berühmtem Roman "Die Drei Sonnen", dem ersten Band der "Trisolaris"-Trilogie, geht es vordergründig um eine chinesische ­Astrophysikerin, die als erster Mensch einem außerirdischen ­Pazifisten vom Planeten Trisolaris begegnet. Weil dessen Zivilisation vor der Zerstörung steht, will sie die Erde zu seinem neuen Lebensraum machen.

Der Hintergrund der Astrophysikerin ist aber äußert real, nämlich eingebettet in die Kulturrevolution in den späten 1960er Jahren. Die Protagonistin muss mit ansehen, wie ihr ­Vater, ein angesehener Akademiker, von vier Rotgardistinnen zu Tode geprügelt wird und sich sowohl ihre Mutter – aus Angst – wie auch ihre jüngere Schwester – aus Eifer – für seine Hinrichtung aussprechen. Was Autor Liu in seinem Roman beschreibt, hat es in der Volksrepublik so oder ähnlich zehntausendfach ­gegeben.

Auf Barack Obamas Leseliste

Nachdem 2014 die englische Übersetzung erschien, erhielt Liu als erster asiatischer Autor überhaupt einen Hugo-Award, ­einen der wichtigsten Science-Fiction-Literaturpreise. Auch Barack Obama nannte den Roman eines seiner Lieblingsbücher. Liu Cixins Erfolg rückte die Subkultur der chinesischen Sci-Fi-Autor_in­nen ins Rampenlicht.

Zu diesem Kreis gehört auch Hao Jingfang, die für ihre Erzählung "Peking falten" ebenfalls einen Hugo-Award gewann. Darin ist die chinesische Hauptstadt aus Platznot in drei Sektoren unterteilt, die sich mittels einer raffinierten Konstruktion zusammenfalten und in der Erde versenken lassen. Ein strenger Plan sorgt dafür, dass immer nur ein Sektor entfaltet wird, damit die Menschen darin ihren Tätigkeiten nachgehen können. Kontakte über die Sektorengrenzen hinweg sind streng verboten. Der Protagonist ist ein Müllarbeiter im dritten Sektor, der es wagt, in die abgeschirmte erste Zone – das Peking der Reichen – zu reisen. Ist das eine Anspielung auf die enorm gewachsene Ungleichheit in der Hauptstadt eines Landes, das sich offiziell noch als kommunistisch bezeichnet? Auch Hao Jingfang bringt in ihrem Werk erstaunlich viel Sozialkritik unter.
Noch konkreter als Liu Cixin wird Wang Jinkang mit seinem jüngsten Roman "Die Kolonie". Auch er greift die Zeit der Kulturrevolution auf. In seinem Roman trifft eine Studentin, die zur Umerziehung aufs Land geschickt wurde, erneut auf ihre ­Jugendliebe. Gemeinsam fassen sie einen Plan: Sie wollen ein Ameisenserum an den Menschen testen, um sie kooperativer zu machen und blutige Wirren zu beenden.

Sozialkritische Plots unter erschwerten Bedingungen

Es überrascht, dass diese Science-Fiction-Romane auch in der Volksrepublik millionenfach verkauft werden dürfen. Ins­besondere unter Xi Jinping als Staats- und Parteichef wird die ­Literatur so stark zensiert und kontrolliert wie seit Maos Zeiten nicht mehr. Schriftsteller_innen müssen mit Verfolgung und Haft rechnen, wenn sie systemkritische Inhalte veröffentlichen.

Und es sind keineswegs nur die sogenannten T-Themen, die Autor_innen in China nicht aufgreifen dürfen: Tibet, Taiwan und die gewaltsam beendeten Demokratieproteste auf dem Tian­anmen-Platz 1989 in Peking. Unter Xi werden auch Inhalte und Positionen zensiert, die als zu "westlich" gelten oder das "chinesische Nationalgefühl verletzen". Die Definitionsmacht liegt bei der mächtigen Propagandaabteilung der Parteiführung. Und darunter fällt immer wieder auch Sozialkritik – die unter Xi Jinpings Vorgänger zumindest bei Teilen der Führung durchaus noch erwünscht war, um die chinesische Gesellschaft zu "stabilisieren".

Doch offenbar steht die Führung nun vor einem Dilemma: Die weltweite Beliebtheit der chinesischen Science-Fiction-Romane ermöglicht ihr ein gewisses Maß an kulturellem Einfluss auf den Rest der Welt, sogenannte Softpower, nach der sich die KP-Führung sehnt. Gerade in den vergangenen Jahren, in denen China sich wegen seines Umgangs mit der Demokratiebewegung in Hongkong, der Unterdrückung der muslimischen ­Uigur_innen, aber auch seines Vorgehens in Handelsfragen weltweit immer unbeliebter machte, ist dies aus der Sicht Pekings eine wichtige Währung. Die Regierung unterstützt das Genre geradezu, die Provinzregierung von Sichuan finanziert sogar ein Forschungszentrum.

Dass die Science-Fiction-Autor_innen mit ihren Werken durchkommen, führt der ebenfalls mehrfach mit dem Hugo-Award ausgezeichnete US-amerikanische Autor und Übersetzer Ken Liu auch darauf zurück, dass die zumeist jungen Autor_innen geschickt lavieren und wissen, wie viel Verfremdung nötig ist, um an der Zensur vorbeizukommen. Wie es ihnen gelinge, unter diesen Bedingungen sozialkritische Plots zu entwickeln, sei "meisterhaft".

Felix Lee ist freier Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

LESETIPPS

Sci-Fi aus China

Chen Qiufan: Die Siliziuminsel. Aus dem Chinesischen von Marc ­Hermann. Heyne Verlag, München 2019, 479 Seiten, 16,99 Euro

Liu Cixin: Die drei Sonnen. Aus dem Chine­sischen von Martina Hasse. Heyne Verlag, München 2016, 592 Seiten, 16,99 Euro

Hao Jingfang: Peking falten. Aus dem Chinesischen von Jakob Vandenberg. Elsinor Verlag, Coesfeld 2017, 84 Seiten, 13 Euro

Wang Jinkang: Die Kolonie. Aus dem Chine­sischen von Karin Betz, Heyne Verlag, München, erscheint im März 2022, 496 Seiten, 16 Euro

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