Amnesty Journal Brasilien 18. Juni 2021

Allein gegen die Krankheit

Auf einer brasilianischen Straße stehen und sitzen vier Frauen beinander, unterhalten sich und lachen, im Hintegrund stehen parkende Autos.

Widrigen Bedingungen zum Trotz gut gelaunt: Anwohnerinnen des Viertels Uruguai in Salvador.

Rassismus und eine prekäre Infrastruktur verschärfen die Lage der Bewohner_innen in dem Viertel Uruguai in der brasilianischen Stadt Salvador. Der Staat hilft wenig – und das nicht erst seit der Covid-19-Krise.

Von Christine Wollowski

Luana da Conceição Souza hat ihren jüngsten Sohn mitten in der Pandemie auf einem öffentlichen Platz geboren. Die 23-Jährige lebt mit ihrer Mutter, ihren drei Geschwistern, ihrem Partner und ihren beiden Söhnen im Stadtviertel Uruguai in Salvador im Bundesstaat Bahia. Das Haus der Familie liegt am Ende einer langen schmalen Gasse, die auf beiden Seiten von Hausmauern begrenzt ist, an denen Wäscheleinen hängen. Für Fenster ist in dem engen Haus kein Platz, die schmale Eingangstür ist die einzige Lüftungsmöglichkeit.

Die junge Mutter sitzt in dem winzigen Wohnzimmer auf einem Sofa, das kaum in den Raum hineinpasst. "Wir haben über Stunden versucht, ein Taxi zu bekommen, aber alle hatten Angst, nachts in unser Viertel zu kommen", erinnert sie sich an die Geburt. Öffentliche Verkehrsmittel gibt es in diesem Teil des Viertels nicht. Ihr Sohn Gaél Henrique erblickte schließlich auf einer Betonbank das Straßenlicht der Welt. Eine Polizistin beobachtete die Geburt von einem Polizeiposten aus und fuhr die Mutter und das Neugeborene im Streifenwagen ins Krankenhaus.

Während Luana da Conceição Souza erzählt, kommen weitere Familienmitglieder nach Hause und verschwinden diskret hinter einem geblümten Vorhang, der den Wohnraum vom Bad und vom Schlafplatz trennt. Die Grundfläche des Hauses misst vielleicht 20 Quadratmeter. Es ist kaum vorstellbar, dass dort acht Menschen Platz zum Schlafen finden. Tagsüber verlassen alle Familienmitglieder zumindest zeitweise das Haus, um als Putzfrau und Maniküre zu arbeiten, einzukaufen, zu spielen oder einfach Luft zu schnappen. Die Corona-Fälle im Viertel steigen und viele Menschen sind schon gestorben, doch in der Familie ist noch niemand erkrankt.

Das Viertel Uruguai ist Teil einer der ältesten Favelas der Millionenstadt Salvador im Nordosten Brasiliens. Die ersten Bewohner_innen kamen in den 1950er Jahren aus dem Hinterland, in der Hoffnung in der Großstadt bessere Lebensbedingungen zu finden. Da sie keine Miete bezahlen konnten, bauten sie Hütten auf Stelzen in den Mangroven der Halbinsel Itapagipe in der Unterstadt von Salvador, die sogenannten Alagados.

Viele Jahre lang versuchte die Regierung immer wieder, die Zuwander_innen durch Räumungen zu verdrängen. In den 1980er Jahren gab sie auf. Die Stadt legte das Gebiet trocken und errichtete eine Handvoll einfacher Sozialbauten. Mangelnder Wohnraum, Armut, Gewalt und die Abwesenheit staatlicher Sozial- und Bildungspolitik prägen die Alagados bis heute.

Kaum staatliche Unterstützung

Mehrere der Erziehungs- und Bildungseinrichtungen im Viertel beruhen auf dem Engagement der Bevölkerung: Nonnen führen ehrenamtlich die öffentliche Kinderkrippe. Die Stadt liefert nur Lunchpakete. Frauen des Viertels haben die Gemeinschaftsgrundschule Luiza Mahin vor mehr als 30 Jahren gegründet, weil die vorhandenen öffentlichen Schulen nicht genügend Plätze für ihre Kinder boten. Sie sammelten Geld, schleppten Steine und zogen in dem Gebäude Zwischendecken ein. Die ersten zwei Jahre finanzierten sie die Schule über Spenden. Erst dann begann die Stadt, die Lehrkräfte zu bezahlen.
Inzwischen hat die US-amerikanische Organisation Ashoka die Grundschule als "Changemaker" ausgezeichnet. Der Unterricht ist darauf ausgerichtet, afrobrasilianische Kultur wertzuschätzen. Alle Klassenräume tragen Namen schwarzer Ikonen: "Die Kinder müssen spüren, dass sie ein Recht auf Leben haben", sagt die 61-jährige Maria De Lourdes Conceição Nascimento, eine der Gründerinnen der Schule. Zwei ihrer Brüder hat sie an den Drogenkrieg verloren. "Wir müssen uns selbst unterstützen, sonst ist niemand da."

Auch während der Pandemie müssen sich die Bewohner_innen größtenteils selbst helfen. Manche schreiben es der Schule zu, dass es im Uruguai eine Anwohnervereinigung und sogar eine Lokalwährung mit eigener Bank gibt. In den ersten Pandemiemonaten zahlte die Vereinigung umgerechnet 50 Euro an junge Kleinunternehmer_innen aus, um deren Unternehmen zu retten.

"Wir werden in der Pandemie von der Stadt weitgehend alleingelassen", sagt auch Raimundo Nascimento. Er ist in den Alagados geboren und aufgewachsen und kämpft seit vielen Jahren gegen Rassismus und für Menschenrechte, vor allem für das Recht auf Wohnraum und Sanitärversorgung. 2014 hat er es als Sekretär für Gleichstellung in die Stadtverwaltung von Salvador geschafft.

Nascimento hat die Nichtregierungsorganisation CAMA (Centro de Arte e Meio Ambiente) 1995 mit ins Leben gerufen, die ein Recyclingprojekt, berufsbildende Kurse und künstlerische Aktivitäten organisiert. Während der Pandemie initiierte die Organisation Solidaritätsaktionen zum Sammeln von Lebensmitteln und veröffentlichte die offiziellen Zahlen zu Neuerkrankungen und Todesfällen.

Krankheit auf engem Raum

Im Vergleich zu besseren Wohnvierteln lagen die Corona-Zahlen hier stets deutlich höher. "Die einen bekommen Leistungen vom Staat, die anderen nicht", sagt Nascimento. Er wirkt müde, aber nicht besiegt. Den Kampf um menschenwürdigen Wohnraum führt er, seit er denken kann. Die ersten Sozialbauten hätten nur einen Raum und eine Außentoilette gehabt. Inzwischen seien es immerhin zwei Zimmer.

All das wirke sich auch in der Pandemie aus. "Wir haben ja nicht einmal eine Sozialarbeiterin, um die Krankheitsfälle zu begleiten", sagt der 57-Jährige. "Hier gab es Familien, in denen gleich drei, vier Mitglieder an Covid gestorben sind. Oft benutzen sechs oder mehr Menschen das gleiche WC, viele Häuser bestehen überhaupt nur aus einem Raum."

Der strukturelle Rassismus und die soziale Ungleichheit sind in der Pandemie in Brasiliens Großstädten besonders offensichtlich. Isolation ist in beengten Wohnverhältnissen nicht möglich, Zugang zu sauberem Wasser längst nicht in allen Haushalten selbstverständlich. Hausmädchen, Putzfrauen, Bauarbeiter und Straßenhändler_innen können nicht im Homeoffice arbeiten.

Gut 41 Prozent der Bewohner_innen Salvadors leben in "subnormalen Agglomerationen", wie Favelas in den Statistiken heißen. Mehr als die Hälfte ihrer Bewohner_innen sind schwarz, 70 Prozent aller schwarzen Brasilianer_innen traf die Pandemie ohne jegliche finanzielle Reserve.

Eine Studie des Instituto Locomotiva ergab, dass mehr Schwarze als Weiße die zwischen April und Dezember 2020 gewährte staatliche Nothilfe beantragt hatten. Ihren Anträgen wurde allerdings seltener stattgegeben. Die Gesundheitsorganisation Vital Strategies zeigte in einer Untersuchung auf, dass Schwarze in Brasilien seit der Pandemie im Schnitt umgerechnet mehr als 200 Euro weniger Lohn erhalten als Weiße – so groß war der Unterschied zuletzt im Jahr 2012.

Knapper Lebensunterhalt

Taise de Assis verdient den Lebensunterhalt für sich und ihren achtjährigen Sohn damit, dass sie ihren Kundinnen bei Hausbesuchen Braids, Cornrows und andere Flechtfrisuren macht. "Im ersten halben Jahr der Pandemie habe ich fast gar nicht gearbeitet, weil ich Angst hatte, mich und meinen Sohn anzustecken", sagt sie. Vor der Pandemie hatte sie einen kleinen Imbissstand, dieser wurde jedoch im Zuge einer städtebaulichen Maßnahme abgerissen.

Ihr blieb nichts anderes übrig, als zu ihrem damaligen Lebensgefährten zu ziehen und vom Gehalt seiner Festanstellung zu leben. Die Stimme der 37-Jährigen klingt resigniert, ihr Blick ist gesenkt. Das Zusammenleben ging nicht lange gut. Geldknappheit und die ständige Anwesenheit ihres Sohns führten zu Spannungen. Ihr Partner wurde erst arbeitslos und dann immer eifersüchtiger, sah in jedem Passanten einen Konkurrenten, bedrohte sie. Trank er zu viel Bier, wurde er handgreiflich, warf ihr Handy an die Wand oder ging auf sie los.

Nach einem halben Jahr gelang es ihr endlich, eine eigene Bleibe zu finden. "Egal, wieviel Covid-Fälle es gibt, wenn jemand frisiert werden möchte, komme ich immer", sagt sie. "Ich brauche das Geld zum Überleben." Taise de Assis trägt Maske, wenn sie aus dem Haus geht. "Immer", betont sie, und erzählt, dass in der vergangenen Woche zwei Bekannte von ihr an Covid gestorben seien.

Im Uruguai, wo rund 70.000 Menschen leben, gibt es keine Gesundheitsstation. Eine Zeitlang haben die Bewohner_innen des Viertels selbst eine unterhalten. "Aber das ist Aufgabe des Staates, das konnten wir nicht dauerhaft machen", sagt Raimundo Nascimento. "Seit 2020 haben wir eine Notaufnahme, von der aus Patienten weitergeleitet werden, aber niemanden, um die Menschen hier zu versorgen."

"Uns hat die Stadt immerhin Spenden mit Masken, medizinischem Alkohol und geriatrischen Windeln geschickt", sagt Célia Maria Lopes da Silva, die in einem Wohnhaus gegenüber der Schule Luiza Mahin das private Altenheim "Lar feliz" ("Glückliches Heim") führt. In vier karg möblierten Schlafzimmern und einem Aufenthaltsraum leben dort bis zu 15 Senioren. Sie werden von vier Angestellten im Schichtdienst rund um die Uhr betreut.

Dicht an dicht stehen die Betten, das Gemeinschaftsbad wird gerade gefliest – eine Auflage des Gesundheitsamtes. Die städtischen Angestellten besuchten ihr Heim erst nach mehr als einem halben Jahr Pandemie, um Tests durchzuführen, erzählt da Silva. 11 von 13 Bewohner_innen, zwei von vier Betreuerinnen und die 66-jährige Leiterin wurden im Oktober 2020 positiv auf Covid getestet. "Die Angestellten und ich blieben 14 Tage zu Hause, zum Glück nur mit leichten Symptomen", sagt sie, "die Alten wurden erst nach Tagen zur Isolation in ein Krankenhaus verlegt." Zwei erlagen dem Virus, die anderen kehrten nach der Quarantäne zurück ins "Glückliche Heim". Vier der Betagten sitzen auf dem kleinen Vorplatz vor dem in Rosé gestrichenen Haus und genießen ein paar Sonnenstrahlen. Auf einem winzigen Bildschirm flackert das TV-Programm.

Zunehmende Polizeigewalt

Plötzlich fällt ganz in der Nähe ein Schuss. Die Alten lassen sich nicht stören. Auch nicht von heulenden Polizeisirenen und gellenden Frauenstimmen. Soeben habe die Polizei drei Jugendliche festgenommen, erklärt eine Eisverkäuferin, die hastig vorbeieilt. "Unter der aktuellen Regierung führen sich die Polizisten auf, als dürften sie alles", sagt eine andere Passantin. "Wer hier nicht am Corona-Virus stirbt, der stirbt an Schüssen."

Seit der Pandemie habe die Polizeigewalt zugenommen, bestätigen weitere Anwohner. Erst in der vergangenen Woche seien zwei junge Männer erschossen worden, in der vergangenen Nacht drei. Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro macht keinen Hehl aus seiner Haltung zu gewalttätigen Polizeieinsätzen in Favelas. "Das sind alles Drogenhändler", kommentierte er im Mai lakonisch den Tod von 25 Menschen bei einer Polizeiaktion in einer Favela in Rio de Janeiro. Zu den Todeszahlen der Pandemie sagte er im April: "In welchem Land sterben keine Menschen?"

Die feministische Organisation schwarzer Frauen Odara fordert von den Regierenden in Salvador Tests und Impfungen für alle Menschen. Doch die Realität sieht bislang anders aus. Die vorerst bis Juli 2021 gewährte neue Auflage der Nothilfe erhalten 22 Millionen Menschen weniger als im vergangenen Jahr. Sie liegt mit umgerechnet bis zu rund 60 Euro monatlich knapp über der Grenze zur absoluten Armut. Mitte Mai waren in Salvador rund 334.000 Menschen mit der zweiten Dosis geimpft, das entspricht etwa zwölf Prozent der Bevölkerung. Zwei Drittel der Geimpften in Brasilien sind weiß.

Christine Wollowski ist Autorin, Journalistin und Brasilien-Korrespondentin. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

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