Amnesty Journal Brasilien 28. August 2019

Brasilien: Abgebrannt am Amazonas

Zwei Männer laufen durch den Regenwald

Für Indigene ist der Wald ein Schutzraum. Uru-Eu-Wau-Wau im März 2019. 

Brasiliens Regierung will indigene Bewohner des Amazonasgebiets von ihrem angestammten Land vertreiben – durch Zwangsumsiedelungen und Rodung. Christine Wollowski hat die Munduruku im Hochland von Santarém besucht. Eine Reportage. 

Sie tragen rote Kriegsbemalung, die Farbe stammt aus den Samen der Urucum-Pflanze. Federschmuck hängt über ihren T-Shirts, viele sind in Flip-Flops da: Gut ein Dutzend Personen stehen an diesem Frühlingstag auf dem zementierten Versammlungsplatz des Dorfes Açaizal im Norden von Brasilien. Zum Auftakt des Treffens schwingt Dorfvorsteher Josenildo Munduruku die Rassel zu einem Rundtanz, der von lautem Gesang begleitet wird. Und zwar auf Portugiesisch: Denn die in Açaizal lebenden Munduruku haben so lange versucht, sich an das Leben der Weißen anzupassen, dass ihnen darüber die eigene Sprache verloren gegangen ist. 

Doch fühlen sie sich weiter als Indigene und wollen auf dem Land ihrer Vorfahren traditionell leben: jagen, fischen, pflanzen. Die Chancen dafür schwinden aber, weil das Dorf von Sojaplantagen eingeschlossen ist. "Wir beobachten, dass die Bauern immer ungenierter Flächen durch Brandrodung in Felder verwandeln. Der Wald schwindet jeden Tag ein Stück mehr", sagt der 33-jährige Dorfvorsteher. "Wir werden krank von den Pflanzenschutzmitteln, die Tiere im Wald verschwinden – es ist ein täglicher Kampf, hier im Dorf zu bleiben."

Das Hochland von Santarém im Amazonasgebiet ist mit 75.000 Hektar Anbaufläche ein eher kleiner Sojaproduzent neben dem Bundesstaat Mato Grosso, der für knapp ein Drittel der insgesamt mehr als 110 Millionen Tonnen umfassenden Ernte jährlich in Brasilien verantwortlich ist. Bis zum Horizont erstrecken sich rund um Açaizal die grünen Felder. 

Für den Präsidenten ein Hindernis

Für Brasiliens Präsidenten Jair Bolsonaro sind diese Schutzgebiete Hindernisse: Er will das unter Korruptionsskandalen und Wirtschaftsflaute leidende Land durch eine radikale wirtschaftliche Erschließung des Amazonasgebietes aus der Krise führen. Immerhin sind dort Bodenschätze im Wert von Billionen Euro zu finden. Internationale Konzerne wie der kanadische Goldminenbetreiber Belo Sun warten nur noch auf die Genehmigung der Umweltbehörden, um ihre Millionengeschäfte ohne Rücksicht auf die Wälder und deren Bewohner zu betreiben. 

Im Amazonasgebiet, das fast die Hälfte von Brasiliens Gesamtfläche einnimmt, ist dafür reichlich Platz. Tausende Hektar für das kulturelle Überleben von ein paar Dutzend indigenen Familien zu schützen, findet Bolsonaro unsinnig. Die von Indigenen beanspruchten Gebiete könnten stattdessen für Bergbau und Holzhandel genutzt werden und riesige Flächen für Rinderzucht und Sojaanbau bieten – so sieht es das brasilianische Staatsoberhaupt. Dass es allein seit Jahresbeginn mehr als 76.000 Waldbrände gab, hat auch mit dessen Politik zu tun: Zwar stimmte er im August der Entsendung von mehr als 44.000 Soldaten in die Brandgebiete im Amazonas zu. Doch der Forderung von vier Bundesstaaten, mehr zur Ergreifung der Brandstifter zu tun, kam er bislang nicht nach. Um 84 Prozent gestiegen im Vergleich zu 2018 ist die Zahl der Waldbrände. 

Im Hochland von Santarém wird seit 1998 Soja produziert. Geliefert wird vor allem nach China und Europa – auch Deutschland kauft brasilianisches Soja, das vor allem als Futtermittel ­genutzt wird. Der Konflikt um das traditionelle Land der Munduruku existiert beinahe ebenso lang. Die Sojaproduzenten versuchen seither, den indigenen Bevölkerungsgruppen ihr Land abzukaufen. Manche haben sich darauf eingelassen. Weil die Großbauern außerdem illegal Waldflächen abholzen, schrumpft der Lebensraum der Munduruku seit Jahren: Wer von Santarém nach ­Açaizal fährt, sieht über unendliche Kilometer nichts als Soja­felder. 

Graubraun vertrocknetes Unkraut an den Rändern bezeugt, dass Glyphosat eingesetzt wird. Über den Einsatz des umstrittenen Unkrautvernichtungsmittels wird in der EU diskutiert. Nach Ansicht von Umweltschützern ist das Pflanzengift krebserregend und gefährdet die Artenvielfalt. In Brasilien ist jedoch ein gegenläufiger Trend festzustellen: Seit dem Amtsantritt Bolsonaros im Januar wurden mehr als 100 Pestizide neu zugelassen. 

Gegen Pestizide resistent

Erzielt werden die Rekordernten, die Brasilien auf den weltweit zweiten Platz der Sojaproduzenten katapultiert haben, vielerorts mit genmanipulierten Pflanzen. Und die sind inzwischen selbst gegen die schärfsten Pestizide resistent – mit gravierenden gesundheitlichen Folgen. Rund um das Dorf Açaizal be­ackern Großbauern Tausende Hektar in Monokultur, ihre Felder grenzen von allen Seiten direkt an das Land der Munduruku an. Wenn die Bauern mit ihren Traktoren die Pestizide versprühen, trägt der Wind die Giftwolken auf das Land der Indigenen, die Pflanzen sterben ab. Der Wind weht das Gift aber auch in Wohnhäuser und Schulen. »Wir leiden unter Atemwegserkrankungen, die Kinder klagen über Übelkeit und Atemnot. An Tagen, an denen Gift eingesetzt wird, sinkt die Konzentration bei allen spürbar«, erklärt der Dorfschullehrer. Mindestens alle sechs Wochen wird Glyphosat versprüht. 

"Ich versuche, meine eigenen Beete so weit wie möglich von der Grenze entfernt anzulegen, denn wir leben vom Ertrag unseres Biogemüses, das wir auf dem Markt in Santarém anbieten", sagt Paulo Munduruku. Sein Haus steht idyllisch zwischen Mango- und Graviolabäumen – nur wenige Meter von den Sojafeldern entfernt. Früher habe es hier »dichte Wälder voller Wild und Wildfrüchte« gegeben, erzählt der 56-Jährige, »unzählige Flussarme, in denen wir fischen und baden konnten". Heute hingegen gebe es kaum noch Fische, die Flüsse seien ausgetrocknet, weil die Wälder abgeholzt wurden und sich nur noch zur Regenzeit füllten – "mit dem von den Pestiziden vergifteten Wasser, das aus den Feldern abläuft". Das Fischen ist den Munduruku damit nicht mehr möglich. "Wir halten jetzt Hühner und pflanzen Maniok", sagt Paulo. 

Ein weiteres Problem ist die schlechte Gesundheitsversorgung. Medizinische Erstversorgung gibt es nur in einem acht Kilometer entfernten Gesundheitsposten. Eigentlich war geplant, dass Açaizal im Rahmen eines staatlichen Programms zur indigenen Gesundheitsversorgung einen eigenen Posten bekommen sollte – doch will Bolsonaro dieses Programm ganz abschaffen. Im Frühjahr gingen deshalb in ganz Brasilien indigene Gruppen auf die Straße und protestierten gegen die Abschaffung des Programms. Bolsonaro hält das traditionelle indigene Dorfleben für rückständig und überholt und möchte indigene Bevölkerungsgruppen stattdessen in die Städte umsiedeln, wo sie sich den Sitten der modernen brasilianischen Gesellschaft anpassen sollen. 

Ein Mann im Regenwald

Der brasilianische Präsident Bolsonaro will den Wald wirtschaftlich erschließen. Uru-Eu-Wau-Wau im März 2019. 

"Wir leben seit 519 Jahren im Widerstand"

Zurzeit sind 13 Prozent des brasilianischen Staatsgebiets als indigene Reservate registriert, Ansprüche angemeldet haben idigene Gruppen auf mehr als das Doppelte dieser Fläche. Auch Bolsonaros Vorgänger hatten es nicht eilig damit, diesen Forderungen nachzukommen: Unter dem sozialistischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva wurden deutlich weniger Schutzgebiete ausgewiesen als unter dessen Vorgänger Fernando Henrique Cardoso. Unter Lulas Nachfolgerin Dilma Rousseff ging die Zahl der neuen Schutzgebiete noch weiter zurück. 

Die indigene Bewegung APIB erklärte bei ihrer Jahresversammlung in der Hauptstadt Brasilia im April: "Wir leben seit 519 Jahren im Widerstand". Tatsächlich kamen Indigene in der brasilianischen Verfassung ursprünglich gar nicht vor. Erst durch die Neufassung von 1988 erhielten sie einen Rechtsanspruch auf ihre Lebensweise, ihre Traditionen und die von ihnen traditionell besiedelten Gebiete. Binnen fünf Jahren sollten alle diese Flächen vermessen, ausgewiesen und registriert werden. Doch mehr als dreißig Jahre später sind weniger als die Hälfte dieser Gebiete offiziell anerkannt. 

Seit 2010 versuchen indigene Bevölkerungsgruppen vergeb­lich, ihre Gebiete offiziell vermessen zu lassen, um sich vor Landnahme zu schützen. Seit 2017 sollte eine Gruppe von Anthropologen der Indigenenbehörde FUNAI die Registrierung vorantreiben. Bolsonaro will die Vermessung dieser Gebiete jedoch komplett einfrieren: "Keinen weiteren Zentimeter" werde er schützen lassen, kündigte er bereits im Wahlkampf an. Direkt nach seinem Amtsantritt verlegte er die FUNAI aus dem Justizministerium ins Landwirtschaftsministerium und bestimmte, sie sei künftig nicht mehr für die Analyse der indigenen Gebiete zuständig. Damit diese Entscheidung rechtsgültig wird, muss ihr allerdings das Parlament zustimmen. Eine Regierungskommission sprach sich gegen die Umwidmung aus, die einer Entmachtung der Behörde gleichkommt. 

Derweil verschärfen sich die Konflikte in der Hafenstadt Santarém, aus der ein Großteil der Sojaernte verschifft wird. Die Agrarlobby verdächtigt NGOs und kirchliche Organisationen, Indios zu schaffen, wo es keine gibt. Eine unrühmliche Rolle spielte dabei ein Wissenschaftler, der vorsichtshalber freiwillig aus der brasilianischen Gesellschaft für Anthropologie austrat, bevor er wegen unethischen Verhaltens ausgeschlossen werden sollte. Unmittelbar nach Bolsonaros Wahlsieg hatte er sich für eine Untersuchungskommission in der Abgeordnetenkammer von Santarém eingesetzt. Sie sollte eine "von NGOs betriebene ethnische Ausbreitung" untersuchen. "Der Mann ist eine Bedrohung für die Indigenen", sagt Rechtsanwalt Pedro Martins von der NGO Terra de Direitos in Santarém. "Davon sind nicht nur die Munduruku betroffen, sondern auch andere indigene Bevölkerungsgruppen in der Region." Nach dem geltenden Recht ist es nicht möglich, Angehörigen dieser Gruppen ihren Status abzusprechen: Indigen ist, wer sich als indigen erklärt. 

Das Gesetz hielt den rechten Anthropologen jedoch nicht davon ab, im November 2018 ohne Einladung eine Delegation der Interamerikanischen Menschenrechtskommission zu begleiten, als diese Açaizal besuchte. Er folgte der Delegation im Jeep eines Vertreters der Agrarlobby und skandierte unablässig "Das sind keine Indios, hier gibt es keine Indios". 

Die Dorfbewohner berichten, er oder Vertreter der Agrarlobby tauchten immer dann auf, wenn sie ihren Widerstand organisierten oder die Öffentlichkeit suchten. Als ein Vertreter der Staatsanwaltschaft das Dorf besuchte, fuhren gleich 30 Jeeps mit Großgrundbesitzern vor, um dessen Zusammentreffen mit den Indigenen zu verhindern. 

"Sie fühlen sich unter der neuen Regierung sicher, beschimpfen uns als Vagabunden und werden immer unverfrorener", sagt Paulo Munduruku. Sein direkter Nachbar, ein Sojabauer, schleppe häufig absichtlich Baumstämme auf den einzigen Verbindungsweg, sodass Paulo und seine Familie einen Bogen um das Hindernis machen und dabei den Rand seiner Felder betreten müssen. "Dann brüllt er uns an, wir hätten sofort sein Land zu verlassen, und droht: ›Ich weiß, wer du bist, ich werde dir schon zeigen, wo dein Platz ist.‹" 

Schleppende Ermittlungen

Solche Drohungen sind durchaus ernst zu nehmen. Der Bundesstaat Pará weist eine der höchsten Mordraten des Landes auf. Amnesty International betrachtet Brasilien als eines der Länder mit den weltweit höchsten Raten, was Morde an Menschenrechtlern und Landaktivisten betrifft. 

Die Munduruku sehen sich vor. Führende Persönlichkeiten verlassen das Dorf nur noch zu zweit. Wer in die Stadt muss, nimmt den Bus im Morgengrauen, um ungesehen das Dorf zu verlassen. "Zu viele Wortführer der Indigenenbewegung sind schon gestorben", sagt Dorfvorsteher Josenildo Munduruku. Ende 2018 traf es den Bewohner eines Nachbardorfs. Die Munduruku gehen davon aus, dass der Mord von Bauern in Auftrag gegeben wurde, denn der Ort liegt mitten im Sojagebiet. Doch die Mühlen der Ermittlungsbehörden mahlen langsam: Die Polizei ignoriere Meldungen über die Morde entweder ganz oder verschleppe die Untersuchungen, sagen Anwälte. Verfolgt und eingeschüchtert werden stattdessen die Interessenvertreter der indigenen Bevölkerungsgruppen, darunter selbst der Staatsanwalt von Santarém. Luis Camoes Boaventura lacht, als er erzählt, wie sein Name mit einem illegalen Holzhandelsbetrieb in Zusammenhang gebracht wurde, um ihn in Misskredit zu bringen. Er werde seiner Pflicht, als Ankläger Unrechtmäßigkeiten zu verfolgen, jedoch nachgehen, "solange das möglich ist". 

Optimistisch ist er nicht. Ziel der neuen Politik sei es, die ­zuständigen Institutionen aufzuspalten und zu schwächen. So stünden der Umweltschutzbehörde ein halbes Jahr nach Bolsonaros Amtsantritt kaum noch Finanzmittel zur Verfügung. Laut Verfassung ist der Staat verpflichtet, Indigene, ihre Kultur und ihren Lebensraum zu schützen – doch er betreibt das Gegenteil. "Der Bundesstaat Amazonas erlebt zurzeit einen historischen Tiefpunkt", sagt Boaventura, "die Lage ist erschreckend".

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