Amnesty Journal Belarus 28. August 2019

Unbeugsam gegen den Diktator

Eine lachende Frau in einem blauen Kleid formt ein herz aus ihren Händen.

Die Menschenrechtlerin Olga Karatsch aus Belarus im Frühjahr 2019.

Wer sich in Belarus für die Menschenrechte einsetzt, muss mit harten Repressalien rechnen. Olga Karatsch, die Gründerin der Organisation Unser Haus, lässt dennoch nicht locker.

Von Stefan Wirner

"Ich kann mich kaum erinnern, wie oft ich schon eingesperrt wurde", erzählt Olga Karatsch. "Sie haben versucht, mir meine Kinder wegzunehmen, man hat mir Vergewaltigung angedroht, mich gefoltert und mir zeitweise Terrorismus vorgeworfen, worauf die Todesstrafe steht." Aber all diese Einschüchterungen haben sie nicht von ihrem Engagement abbringen können.

Geboren wurde Karatsch 1979 in der Industriestadt Witebsk im Norden von Belarus. Im Jahr 2002 schloss sie dort ihr Studium der russischen Philologie ab, 2012 machte sie ihren Magister in Politologie in Vilnius, der Hauptstadt Litauens. Heute lebt die Mutter zweier Kinder wieder in Witebsk und arbeitet als Lehrerin für Russisch und Belarussisch.

Bei ihrer eigenen Geschichte aber hält sich die 40 Jahre alte Menschenrechtlerin nicht lange auf. Ihr Thema sind die Menschenrechte in ihrem Heimatland. Alles fing 1998 an, als sie ein Flugblatt gegen das Vorgehen von Präsident Alexander Lukaschenko verteilte und verhaftet wurde. Vor Gericht verteidigte sie sich selbst – und gewann.

Von 2003 bis 2007 war Karatsch Abgeordnete im Stadtrat von Witebsk, als einzige Oppositionelle. Im Jahr 2005 gründete sie die Vereinigung Nash Dom, Unser Haus. Anfangs setzte sich die Organisation vor allem für Transparenz bei kommunalen Entscheidungen ein, inzwischen engagiert sie sich für die Menschenrechte in ganz Belarus. Das Netzwerk organisiert Kampagnen für Opfer staatlicher Repressalien.

Einen Schwerpunkt der Arbeit bildet derzeit die Kampagne "Kinder-328". Dabei geht es um Jugendliche, die unter dem Paragrafen 328 verurteilt wurden, der die Bestrafung von Drogenvergehen regelt. "Zwischen 12.000 und 18.000 Menschen im Alter zwischen 14 und 29 Jahren sind wegen dieses Paragrafen in Belarus inhaftiert", erzählt Karatsch. "Häufig geht es um den Besitz geringer Mengen an Marihuana, doch die Strafen fallen drakonisch aus: Es stehen zehn Jahre Haft darauf."

Karatsch erzählt, dass die Jugendlichen oft in eine Falle gelockt würden. Unbekannte würden ihnen auf Partys Drogen anbieten, offenbar damit sie anschließend verhaftet werden können. Die Eltern informiere man meist weder über die Festnahme noch die Verhöre, bei denen auch Gewalt angewendet werde.

Im Gefängnis werden die Jugendlichen dann als billige Arbeitskräfte ausgebeutet. Sie müssen für einen Lohn von ein paar Cents bis zu ein paar Euro im Monat schwere Arbeit verrichten und werden dabei unmenschlich behandelt; sie leiden Hunger und frieren im Winter. Karatsch spricht von "Sklaverei". Hintergrund sei die ökonomische Krise im Land, für Präsident Lukaschenko seien die Inhaftierten nichts als eine kostengünstige Ressource. Die Produkte, die in den Gefängnissen hergestellt werden, zum Beispiel Möbel, werden in 21 Länder exportiert, auch nach Deutschland.

Nash Dom versucht, den Inhaftierten und ihren Angehörigen zu helfen. 36 Familien betreute die Vereinigung in diesem Frühjahr. Immerhin konnte in einem Fall schon eine Strafminderung erreicht werden: Die Strafe für Emil Astrauko, der als Minderjähriger nach Artikel 328 zu zehn Jahren Haft verurteilt worden war, wurde auf acht Jahre reduziert. Karatsch wird nicht nachlassen in ihrem Engagement. Ihr Urteil über den Präsidenten steht fest: "Lukaschenko gibt sich als der große Vater des Landes. Er missbraucht seine Position. Paragraf 328 ist für ihn die Möglichkeit, das Leben anderer in seinen Händen zu halten. Er kann Menschen das Leben schenken – oder sie töten."

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