Amnesty Journal 14. September 2026

"Das Meme unterbindet jede demokratische Auseinandersetzung"

Der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich nennt die Trump-Regierung eine "Memokratie". Ein Gespräch über digitale Spottbilder als politische Waffe und Trump als Jesus.

Interview: Brigitte Werneburg

Sie haben untersucht, wie Memes ­zunehmend die Politik prägen. Was sind Memes überhaupt?

Memes stammen aus der Frühzeit des ­Internets, sie sind also viel älter als die ­sozialen Medien. Damals kursierten witzige Bildchen und Bildcollagen, oft Versatzstücke aus Kinofilmen, die situativ mit einer Losung verbunden wurden. Die schnelle Reaktion darauf und der betont trashige Stil, der signalisiert, dass es kein hehres Werk ist, sondern verändert werden kann und soll, sind bis heute grundlegende Elemente.

Woher kommt der Begriff Meme?

Der Begriff ist dem Gen und der Genmutation nachgebildet. Manche Mutationen sind bekanntlich sehr erfolgreich und ­gehen dann – auch so ein Begriff aus der Biologie – viral. Dies folgt einer pseudodarwinistischen Logik: Ich bastle 30 Varianten und schaue, welche sich durchsetzt. Aber erst mit der Occupy-Bewegung ab 2010 wurde das Meme politisch aufge­laden.

Sie sagen, kritisch denkende Menschen tun sich schwer mit dieser Kommunikationsform, denn die Herrschaft über und durch Bilder war jahrtausendelang eine ­autokratische Angelegenheit. Auch heute scheinen Memes eher zu deren Propaganda-­Arsenal zu gehören …

Der US-Publizist Steve Bannon erkannte früh, was sich in dem witzigen Format ­alles verpacken lässt. Das Meme kommt lässig daher und kann dabei sehr fies sein, antisemitisch, rassistisch und frauenfeindlich. Bannon setzte Memes gezielt ein, um die Alt-Right-Bewegung groß zu machen und später auch im Wahlkampf für Donald Trump. Bannon verstand auch, dass man Leute fürs Memen rekrutieren und bezahlen kann. So entstand ein ultrarechtes Netzwerk, gespeist auch aus der Gamer- und Memeskultur. 

Auch Donald Trump arbeitet gerne mit Memes: Das Selbstbild als Christus, der einen Kranken heilt, auf ­seiner Plattfor Truth Social sorgte für Empörung, es war schnell wieder weg. Lässt sich vielleicht doch nicht alles zum Meme machen?

Das Bild hat selbst in der Trump-Community für Unruhe gesorgt. Einigen ging es zu weit, vor allem, weil Trump es losschickte, nachdem er eine halbe Stunde vorher Papst Leo XIV. per Tweet abgekanzelt hatte. Er hatte wohl das Gefühl, das Volk würde ihn als Christus sehen. Denn das Bild stammt ja nicht von ihm. Es ist "Fan-Fiction" und wurde aus dem Strom ähnlicher Memes herausgefiltert, die täglich im Weißen Haus gesichtet werden.

Solche Memes entstehen jeden Tag hundertfach?

Der Fan, der dieses Bild bereits Anfang Februar gepostet hat, postete eine Zeitlang fast jeden Tag solche Motive. Es ist nicht einmal sicher, ob das Meme aus der Bewegung Make America Great Again (Maga) kommt. Vielleicht wollten Trumps Gegner ihn auch mit einer Strategie der Hyper­affirmation einmal richtig vorführen. Man denke an das satirische KI-Video von Solo Avital und Ariel Vromen im Frühjahr 2025, das eine absurde Luxusversion des Gazastreifens als "Riviera des Nahen Ostens" zeigte, mit modernen Wolkenkratzern, Pool-Szenen mit Benjamin Netanjahu und Elon Musk im Geld­regen. Trump postete es auf Truth Social als ernst gemeinten politischen Plan. Hyperaffirmation funktioniert nicht mehr.

Das Meme kommt lässig daher und kann dabei sehr fies sein.

Es wird also alles unterschiedslos weiterverbreitet: Der Output der Maga-Bewegung genauso wie der des gegnerischen Lagers, je nachdem, wie es gerade passt? 

Ja, die Memes waren mal Protestkultur, und die Alt-Right-Bewegung bestand aus einem Haufen Spinner. Nun betreiben die USA damit ihre primäre Online-Kommunikation und suggerieren, selbst Teil einer Sub- und Protestkultur zu sein. Was ­irreführend ist, denn Trump und Co. sind alles andere als Underdogs, die bei Wahlen betrogen werden und den bösen Mainstream gegen sich haben. 

Bei Memes weiß man oft nicht, wie man darauf reagieren soll. Etwa auf das "Alligator Alcatraz"-Meme der Homeland Security-Behörde: Alligatoren mit ICE-Basecap marschieren unter der Zeile "Coming Soon" vor ­einem Gefängnisbau mit Stacheldraht und Wachturm  auf. Ignoriere ich es, scheine ich einverstanden. ­Kritisiere ich es, habe ich die Ironie nicht verstanden. Ist das Meme eine kommunikative Falle?  

Der Begriff "kommunikative Falle" ist treffend. Denn egal, wie man reagiert, ­reagiert man falsch. Die Trump-Regierung verschafft sich dadurch einen großen Spielraum. Sie testet Dinge aus, und wenn sie durchgehen, wird die Politik knallhart durchgezogen. Wenn nicht, dann war es eben nur ein Witz. Doch hinter diesem Schutzschild "Witz" werden die Dinge erst recht vorangetrieben. Das ehemals oppositionelle Nischenmedium eignet sich also gut für Leute, die sich einem demokratischen Diskurs verweigern. Das Meme unterbindet von vornherein jegliche Art demokratischer Auseinandersetzung. 

Trumps Regierung unterstützt die Tech-Oligarchen im Kampf gegen die Regulierung ihrer Plattformen. Ist sie deren Erfüllungsgehilfin – oder ist es andersherum?

Der willfährige Aufmarsch von Musk, ­Zuckerberg und Co. bei der Vereidigung des Präsidenten scheint dafür zu sprechen, dass die Politik die Oberhand hat. Die Trump-Regierung könnte ja einzelne Plattformen verbieten. Da die unregulierten Plattformen für Trump und seine Leute aber das entscheidende Herrschaftsinstrument sind, werden sie das nicht tun. Das spüren Leute wie der X-Chef Musk, die ihren Algorithmus so umstellen könnten, dass Trump nicht mehr vorkommt. Das weiß Trump. Im Moment erleben wir in den USA eine Art informelle Gewaltenteilung. Für den Rest der Welt ist die Situation fatal, denn wir haben ­darauf keinen Einfluss. Ohne eigene Plattformen kann Europa zwar versuchen, die amerikanischen zu regulieren, hat aber sowohl die Trump-Regierung als auch die Tech-Konzerne gegen sich. Ich bezweifle, dass die EU ihre Regulierungen durchsetzen kann.

Der Kunsthistoriker Aby Warburg ­erfand den Begriff der Pathosformel für emotionale Erregtheit in der Kunst. Ist das Meme die Pathosformel der ­digitalen Moderne? 

Lebte Warburg heute, würde er sich sehr für Memes interessieren. Schon deshalb, weil er sich besonders für die Wandlung der Pathosformel im Lauf der Zeit interessiert hat, das Auftauchen des Motivs in verschiedenen Kulturen und Gattungen. Er würde untersuchen, warum bestimmte visuelle Versatzstücke immer wiederkehren. In KI-Bildern sind das etwa Momente, die wir aus der Historienmalerei kennen. Ich würde nicht sagen, das Meme ist die digitale Pathosformel, sondern es sind sehr oft Bilder von Pathosformeln, die in Memes verhandelt werden.

Wolfgang Ullrich ist freier Autor und  Kultur­wissenschaftler.

Wolfgang Ullrich: Memokratie. Soziale Medien und autoritäre Bildpolitik. Wagenbach Verlag, Berlin 2026. 192 Seiten, 
23 Euro.

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