Aktuell Türkei 17. September 2026

Türkei: Massive Repression gegen LGBTI+ und ihre Unterstützer*innen

Mehrere Protestierende heben die Faust in die Höhe, ein Polizist steht im Vordergrund

Protest in der türkischen Stadt Izmir für LGBTI-Rechte am 27. Juni 2026

Seit dem 12. September 2026 gehen die türkischen Behörden mit Razzien, Festnahmen und Kontosperrungen gegen LGBTI-Organisationen und Aktivist*innen vor: Mehr als 60 Menschen wurden bei Razzien festgenommen, über 180 Social-Media-Konten gesperrt – auch das der türkischen Amnesty-Sektion. Wir fordern die sofortige Freilassung aller Inhaftierten und ein Ende der Repression gegen LGBTI+ und ihre Unterstützer*innen.

Seit dem 12. September 2026 gehen die türkischen Behörden mit extremer Härte gegen Gruppen vor, die sich für die Rechte von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans und intergeschlechtlichen Menschen (LGBTI+) einsetzen.

Dutzende Aktivist*innen wurden festgenommen. Amnesty International fordert, dass die inhaftierten Aktivist*innen unverzüglich freigelassen und die gezielten Angriffe sowie die Stigmatisierung von LGBTI+ und ihren Unterstützer*innen eingestellt werden.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Die Polizei hat in der Türkei nach Razzien bei LGBTI-Organisationen in 15 Provinzen mehr als 60 Personen festgenommen.
  • Mindestens 23 Personen wurden in Untersuchungshaft genommen.
  • Gegen mehr als 160 Personen wurden strafrechtliche Ermittlungen eingeleitet.
  • Mehr als 180 Social-Media-Konten von LGBTI-Organisationen und -Aktivist*innen, Journalist*innen, Medienunternehmen und anderen wurden zusammen mit einer Reihe von Websites gesperrt oder eingeschränkt.
  • Betroffen ist auch das X-Konto von Amnesty International in der Türkei.

Esther Major, stellvertretende Regionaldirektorin von Amnesty International für Europa, sagt dazu:

"Diese erschreckende Eskalation der Repressionen in der Türkei stellt einen umfassenden Angriff auf LGBTI-Rechte und alle, die sich für sie einsetzen, dar. Die unerbittlichen Razzien, Festnahmen und die Dämonisierung von LGBTI+ unter dem Vorwand des 'Schutzes der Familien' zeigen, warum die Verteidigung der LGBTI-Rechte in der Türkei wichtiger denn je ist.

Diese groß angelegte Razzia, bei der Dutzende Menschen festgenommen wurden, hat nichts mit dem Schutz von Familien zu tun, sondern dient einzig und allein dazu, eine Gemeinschaft, die seit Jahrzehnten gegen Diskriminierung und Einschüchterung kämpft, weiter anzugreifen und zu stigmatisieren."

Die Razzien am 12. September wurden unter dem Namen "Ailem Güvende" ("Meine Familie ist in Sicherheit") durchgeführt und von den Generalstaatsanwaltschaften in Ankara, Istanbul, Izmir, Aydın und Mersin koordiniert.

Viele Menschen mit Protestschildern

"LGBTI+ nicht kriminalisieren!" Protest für mehr LGBTI-Rechte in Izmir am 14. September 2026.

Angebliche Verstöße gegen "öffentliche Moral"

Trotz der zunehmenden Proteste in der Türkei und der wachsenden internationalen Kritik sind die türkischen Behörden fest entschlossen, ihre Maßnahmen zu verschärfen. Am 14. September versandte das Justizministerium ein Rundschreiben an 175 Generalstaatsanwaltschaften in allen 81 Provinzen der Türkei.

Darin ging es um Inhalte und Aktivitäten, die nach Ansicht des Ministeriums gegen die "öffentliche Moral" verstoßen und Familien, Kindern und Jugendlichen schaden. Das vom Justizministerium herausgegebene Rundschreiben weist die Staatsanwaltschaften an, Beschwerden und Meldungen unverzüglich zu prüfen, sofortige Ermittlungsmaßnahmen einzuleiten, digitale Beweismittel zu sichern und, falls erforderlich, die Entfernung oder Sperrung von Online-Inhalten zu veranlassen.

Am selben Tag soll die Polizei in Izmir Pfefferspray gegen friedliche Demonstrierende eingesetzt haben. Zwei Demonstrierende wurden festgenommen und später wieder freigelassen. Am Morgen des 15. September hat die Polizei eine Gruppe friedlicher Demonstrierender eingekesselt, die sich vor dem Gerichtsgebäude in Çağlayan in Istanbul versammelt hatte, um dort eine Presseerklärung zu verlesen. Mehr als 95 Menschen wurden Berichten zufolge festgenommen.

Proteste werden unterdrückt

Amnesty International fordert die Behörden auf, weitere landesweite Proteste ohne ungerechtfertigte Einschränkungen zuzulassen.

Esther Major sagt dazu:

"Dieses harte Vorgehen ist Teil eines umfassenderen, fortgesetzten Angriffs auf die Rechte von LGBTI+ und derjenigen, die sich für LGBTI-Rechte einsetzen. 

Amnesty International fordert die türkischen Behörden nachdrücklich auf, diese Welle der Repression zu beenden, die sofortige Freilassung aller Personen zu gewährleisten, die ausschließlich wegen ihres Engagements für die Menschenrechte inhaftiert wurden. Sie müssen sicherstellen, dass LGBTI-Aktivist*innen und -Vereinigungen ihre Rechte ohne Diskriminierung, Kriminalisierung, Einschüchterung oder Repressalien ausüben können.

Alle Menschen haben das Recht, ihr Leben frei von Diskriminierung zu führen. Wir müssen uns diesem ungerechtfertigten Vorgehen entgegenstellen. Es ist an der Zeit, gemeinsam gegen die Unterdrückung der LGBTI-Rechte in der Türkei einzutreten, unsere Stimmen zu erheben und unsere Solidarität sichtbar zu machen."

Amnesty-Konto gesperrt

Amnesty International Türkei erhielt am 14. September eine E-Mail von X, in der mitgeteilt wurde, dass das X-Konto (@aforgutu) aufgrund einer Entscheidung des Amts für Cybersicherheit, das dem türkischen Präsidenten untersteht, gemäß Artikel 8/A des Gesetzes Nr. 5651 gesperrt worden sei.

Auf das Konto kann nur noch von außerhalb des Landes zugegriffen werden. Amnesty in der Türkei hat X kontaktiert, um eine Kopie des Beschlusses anzufordern. Diesen hat Amnesty bislang jedoch nicht erhalten, sodass die Organisation die Rechtsgrundlage der Maßnahme nicht prüfen kann.

"Wir sind hier, wir machen weiter": Posting von Amnesty in der Türkei auf dem neuen X-Konto @amnestyTR.

Am 13. September hat Amnesty International im Rahmen einer gemeinsamen Erklärung des Solidaritätsnetzwerks für Menschenrechtsverteidiger*innen die Kriminalisierung von LGBTI-Rechten in der Türkei verurteilt und die sofortige und bedingungslose Freilassung der Inhaftierten sowie ein Ende der Schikanen und des Drucks gegen LGBTI+, Organisationen und Menschenrechtsverteidiger*innen gefordert.

Weltweite Solidarität am 18. September

Am Freitag, dem 18. September, wird sich Amnesty International den internationalen Protestaktionen vor türkischen Botschaften in Hauptstädten weltweit anschließen, darunter Brüssel, Paris, London, Oslo, Washington, D.C. und vielen anderen.

Amnesty-Posting auf Instagram:

Instagram freischalten

Wir respektieren deine Privatsphäre und stellen deshalb ohne dein Einverständnis keine Verbindung zu Instagram her. Hier kannst du deine Einstellungen verwalten, um eine Verbindung zu den Social-Media-Kanälen herzustellen.
Datenschutzeinstellungen verwalten

Weitere Artikel