Amnesty Journal Belarus 03. September 2026

Kseniya Lutskina kämpft für Pressefreiheit

Eine junge Frau mit schulterlangem Haar trägt einen Strickpulli und eine Handtasche, sie steht draußen in einer Fußgängerzone.

Die Journalistin Kseniya Lutskina

Die Journalistin Kseniya Lutskina brach 2020 mit dem belarusischen Staatsfernsehen und stellte sich gegen die staatliche Zensur. Für diesen Einsatz bezahlte sie ­einen hohen Preis.

Von Mona Noor-Bakhsch

Kseniya Lutskina wirkt ein wenig angespannt, doch begegnet sie ihrem Gegenüber mit einem wachen, durchdringenden Blick. Wenn sie von ihrer Zeit in Belarus erzählt, findet sie Worte, die wie Bilder wirken und lange nachhallen. Ihre Heimat beschreibt sie als "Land der großen Angst". Der Wendepunkt war im Jahr 2020, als die gefälschte Präsidentschaftswahl die größten Massenproteste in der Geschichte von Belarus auslöste. Es folgte eine beispiellose Kriminalisierung und systematische Verfolgung der Zivilgesellschaft, die bis heute andauert.

Aufbau unabhängiger Medienplattform

Damals arbeitete die Journalistin beim staatlichen Rundfunkunternehmen Belteleradio. Sie sah die Demonstrationen auf den Straßen von Minsk mit eigenen Augen, doch das Staatsfernsehen ignorierte den Protest in seinem Programm und zeigte stattdessen konsequent regierungstreue Inhalte. An der systematischen Zensur hat sich bis heute nichts geändert.

Lutskina war davon überzeugt, dass objektive Informationen für eine Gesellschaft wichtig sind. Deshalb schloss sie sich den Demonstrant*innen an und baute gemeinsam mit Kolleg*innen eine unabhängige Medienplattform auf – trotz Repression und fehlender Ressourcen. Doch noch bevor der erste Beitrag online gehen konnte, wurde die Journalistin am 22. Dezember 2020 festgenommen. Zwei Jahre später verurteilte ein Gericht sie unter dem konstruierten Vorwurf der "Verschwörung zur Erlangung der Staatsmacht" zu acht Jahren Haft.

 

Das Gefängnis war eine Welt ohne Glück.

Wenn Lutskina über ihre Zeit im Gefängnis spricht – sowohl in Untersuchungshaft als auch im Straflager waren ihre Haft­bedingungen sehr hart, ihre Gesundheit litt darunter – wird ihre Widerstandskraft deutlich: "Es ist wichtig, eine Routine zu entwickeln, denn die rettet dich. Wenn du sonst nichts kontrollieren kannst, kannst du zumindest deine Routine kontrollieren." Ihre Routine bestand aus Dingen wie Bücher lesen und Postkarten schreiben, obwohl die Chance gering war, dass sie die Welt außerhalb des Gefängnisses erreichen würden. Weil Worte oft zensiert wurden, kommunizierten auch die Inhaftierten häufig über Bilder auf Postkarten. Das Gefängnis sei eine "Welt ohne Glück" gewesen, erklärt die Journalistin, "aber wenn du beginnst, dir selbst Momente des Glücks zu schaffen, kannst du dort überleben".

Hoffnungsvoller Blick in die Zukunft

Die 1984 geborene Journalistin wuchs nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion auf und erlebte einen "Frühling der nationalen Kultur". Damals bildete sich eine eigene belarusische Identität heraus, die heute durch russische Assimilationsbestrebungen unter Druck steht. Wer im eigenen Land öffentlich Belarusisch spreche, könne als extremistisch eingestuft und kriminalisiert werden, sagt Lutskina. "Gerade deshalb müssen wir zeigen, dass wir eine eigene Identität haben."

Im August 2024 wurde sie von Präsident Aljaksandr Lukaschenka begnadigt, der damit auch geopolitische Interessen verfolgte. Zuvor hatte sie es zweimal abgelehnt, ein Gnadengesuch zu stellen. Erst als klar wurde, dass mit ihr 29 weitere politische Gefangene freikommen würden, willigte sie ein. Heute lebt Lutskina mit ihrem Sohn in Berlin und engagiert sich für die ­politischen Gefangenen in Belarus. Obwohl im Dezember 2025 und im März 2026 mehr als 370 Gefangene freikamen, befinden sich nach Angaben des Menschenrechtszentrums Viasna noch immer mehr als 840 Menschen aus politischen Gründen in Haft. Lutskinas Blick in die Zukunft ist hoffnungsvoll – trotz allem. Sie ist davon überzeugt, dass das auf Angst gebaute System Lukaschenkas nicht dauerhaft bestehen wird und sie eines Tages zurückkehren kann. "Vielleicht bin ich zu idealistisch. Aber nur idealistische Menschen können die Welt zu einem besseren Ort machen."

Mehr Informationen zur Menschenrechtslage in Belarus.

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