Amnesty Journal 04. September 2026

75 Jahre Repression: Wie China Tibet unterdrückt

Eine Aktivistin rennt schreiend über eine Rasenfläche eines Parks, während sie eine tibetische Flagge vor ihrem Körper ausgebreitet hält; indische Polizeibeamte versuchen im Hintergrund andere Aktivisten festzuhalten.

Protestveranstaltung zur Erinnerung an den Aufstand in Tibet von 1959 (Neu-Delhi, Indien, März 2026)

In der autonomen Region Tibet übt China seit Jahrzehnten Druck aus und verletzt zahlreiche Menschenrechte. Die tibetische Identität ist in Gefahr.

Von Oliver Schulz

Vor 75 Jahren übernahm China in Tibet die Macht, und seit 1951 gibt es zahlreiche Berichte über Menschenrechtsverletzungen in der Region. Bereits beim Einmarsch der Volksbefreiungsarmee ab 1949 kam es nach tibetischer Darstellung zu Morden, Vergewal­tigungen, willkürlichen Inhaftierungen und Folter. Seit Jahrzehnten klagt die Bevölkerung Tibets über Einschränkungen der Rechte auf Religions-, Glaubens-, Meinungs-, Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit sowie über willkürliche Haft und Misshandlungen in Gewahrsam. 

"Im letzten halben Jahrhundert starben mehr als 1,2 Millionen Tibeter an den Folgen chinesischer Gräueltaten", schreibt die exiltibetische Jugendorganisation ­Tibetan Youth Congress. Die tibetische Exilregierung, die seit dem Aufstand in Tibet, der Niederschlagung durch China und der Flucht von Tibets geistigem Oberhaupt, dem Dalai Lama, im Jahr 1959 in Indien untergekommen ist, stuft die Herrschaft Chinas seit 1951 als eine Form der Kolonialisierung ein. Die chinesischen Behörden weisen Berichte über Menschenrechtsverletzungen in der autonomen Region Tibet dagegen kategorisch zurück.

Systematische Unterdrückung:  "Anti-Terrorismus"

Die systematische Unterdrückung der tibetischen Bevölkerung wird, ähnlich wie in der ebenfalls zu China gehörenden autonomen Region Xinjiang (siehe auch Amnesty Journal 02/2025), mit Begriffen wie "Anti-Separatismus", "Anti-Extremismus" und "Anti-Terrorismus" bemäntelt. Nach Ansicht von Theresa ­Bergmann, Asien-Expertin von Amnesty International Deutschland, hat "die Diskriminierung und Einschränkung der Rechte der Tibeter*innen durch die chinesische Regierung ein solches Ausmaß erreicht, dass zunehmend die kulturelle Identität und Sprache der Tibeter*innen untergraben werden". 

Viel Aufsehen erregten im Jahr 2020 Berichte des deutschen Anthropologen Adrian Zenz über Zwangsarbeit bzw. Arbeitslager. Allerdings widersprach Robert Barnett, der ehemalige Direktor des Modern Tibet Studies Programme an der Columbia University Zenz’ Einschätzung, dass die Arbeitsprogramme mit Gewalt durchgesetzt worden seien. Nach Ansicht von Barnett waren die Zwangsarbeitslager in Tibet "im Grunde eine Erfindung". Es handele sich um "eine massive Übertreibung" des ehemaligen Premierministers der tibetischen Exilregierung Lobsang Sangay, die durch einen Fehler von Zenz noch verschärft worden sei. "Wahrscheinlich gab es 2016 drei Internierungslager und möglicherweise eines im Jahr 2019", so Barnett. Dabei habe es sich aber nicht um Zwangsarbeit gehandelt, und die Lager seien recht klein und von kurzer Dauer gewesen. "Seitdem sind uns keine weiteren Lager bekannt."

Tibetischer Buddhismus unterwandert

Unumstritten ist hingegen, dass die chinesischen Behörden versuchen, den tibetischen Buddhismus zu unterwandern. So entführte die chinesische Regierung 1995 den vom Dalai Lama anerkannten Panchen Lama und ersetzte ihn durch einen regierungstreuen Kandidaten. Unter Präsident Xi Jinping verfolgt sie insbesondere das Ziel, den tibetischen Buddhismus zu "sinisieren", also auf chinesische Linie zu bringen: Die Lehren müssen mit den Werten des chinesischen Sozialismus und der nationalen Identität der Han-Chinesen in Einklang gebracht werden. 

Eine Bedrohung stellen auch mehrere große Energieprojekte dar. So sollen etwa für den geplanten Bau eines Wasserkraftwerks am Jangtsekiang Tausende Menschen vertrieben und umgesiedelt werden. Proteste dagegen wurden zuletzt 2024 niedergeschlagen, gefolgt von Inhaftierungen. 

"Eine der größten Herausforderungen bei der Dokumentation der chinesischen Menschenrechtsverletzungen ist die anhaltende Schwierigkeit, verlässliche Informationen aus Tibet zu erhalten", sagt Tenzin Tsering vom Tibetan Centre for Human Rights and Democracy in Indien. Verschärft wurde die Lage durch die Schließung der US-finanzierten Nachrichtensender Radio Free Asia und Voice of America im Mai 2025, zwei der wichtigsten unabhängigen Nachrichtenquellen für Tibeter*innen. US-Präsident Donald Trump hatte zuvor per Präsidialdekret die Finanzierung aller großen US-finanzierten Auslandsmedien verweigert. Beide Sender nahmen im Februar bzw. März dieses Jahres ihre Dienste – auch für Tibet – wieder auf, nachdem ein US-Bundesrichter eine entsprechende Anordnung ausgesprochen hatte.

"Online-Anonymität faktisch aufgehoben"

Chinesische Behörden überwachen die Nutzung von Medien in Tibet streng. So gibt es immer wieder Berichte über Festnahmen wegen angeblich politisch motivierter Telefon- und Internet­delikte. "Chinas Gesetzgebung zum Umgang mit dem Internet, insbesondere das 2017 in Kraft getretene Cybersicherheitsgesetz, hat die Online-Freiheiten erheblich eingeschränkt", meint Tsering. "Das Gesetz wird als Maßnahme zum Schutz der ­nationalen Sicherheit dargestellt, doch schreibt es die Registrierung mit Klarnamen für alle Internetnutzer vor und verknüpft Online-Aktivitäten mit ­nationalen Ausweisen und Telefonnummern. Damit ist die Online-Anonymität faktisch aufgehoben und eine umfassende staatliche Überwachung in Tibet möglich."

Ob online oder physisch: Viele Restriktionen zielen auf die Sprache und Kultur. Bereits seit Jahren schließen die chinesischen Behörden tibetische Schulen; Kinder werden unter Zwang in Internate geschickt. Die Politik der chinesischen Regierung untergrabe systematisch das Recht auf Bildung in der Muttersprache, sagt Tenzin Tsering: Trotz Chinas "Autonomiegesetz" von 1984, das autonomen Regionen wie Tibet und Xinjiang theoretisch weitreichende Selbstverwaltungsrechte zugestehe – von Gesetzgebung über Kultur und Sprache bis hin zu Wirtschaft – verfolgten die Behörden eine Agenda der Nationenbildung. "Sie beruht auf einer homogenisierten Identität, mit Mandarin als dominanter Sprache und Loyalität gegenüber dem chinesischen Staat. Dies hat in der Praxis zur systematischen Marginalisierung der tibetischen Sprache in Schulen und Online-Plattformen geführt", analysiert Tenzin Tsering die Folgen.

Auch Internet-Plattformen für Tibetisch-Unterricht seien wiederholt ins Visier genommen worden: "Im April 2024 schalteten die Behörden Luktsang Palyon ab, einen beliebten tibetischsprachigen Blog mit mehr als 10.000 Beiträgen zu Bildung und Kultur. Tibetische Nutzer ­berichten auch über Verbote tibetischsprachiger Inhalte auf Plattformen wie Douyin. Der Live-Streamer Tashi Nyima wurde willkürlich festgenommen, weil er nach Ansicht der Behörden die tibetische Sprache und Kultur förderte", sagt Tenzin Tsering.

Anfang 2026 beschloss der chinesische Nationale Volkskongress ein weiteres Gesetz zur Förderung der gemeinsamen nationalen Identität. Kinder sollen Mandarin nun bereits im Vorschulalter lernen. Die kulturelle Identität ethnischer Minderheiten wie der Tibeter*innen, aber auch der Uigur*innen und der Mongol*innen, dürfte weiter geschwächt werden.

Oliver Schulz ist freier Autor und Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

Mehr zum Thema Menschenrechte in China. Und unter diesem Link kannst du dich einsetzen für Choktrul Dorje Ten Rinpoche, einen tibetischen Religionsführer, der seit Dezember 2025 vermisst wird.

Weitere Informationen

Länder

Weitere Artikel