Amnesty Journal Belarus 12. November 2021

Sie können singen, aber man hat ihnen die Stimme gestohlen

Menschen mit rotweißen Gesichtsmasken stehen als Gruppe zusammen auf einer Treppe vor einem Gebäude.

Rot-weiß verhüllt: Im Juni 2021 trat der Volnij-Chor in Berlin auf.

Der Volnij-Chor ist zu einem Symbol der belarussischen Opposition geworden. Seine Sänger_innen müssen sich bei ihren Auftritten zu ihrer eigenen Sicherheit maskieren.

Von Barbara Oertel

Einige Passant_innen bleiben neugierig stehen an diesem lauen Sommerabend auf einem Platz in Berlin-Mitte. Gerade hat er Aufstellung genommen, der Volnij-Chor bzw. das, was von ihm noch übrig geblieben ist. Die zehn Sänger_innen sind alle maskiert und haben ihre Köpfe unter Tüchern und Kapuzen verborgen. Sie wollen sich damit nicht vor dem Coronavirus schützen, sondern nicht erkannt werden, denn das könnte sie in Lebensgefahr bringen.

Als die Leiterin Galina, die ihren Nachnamen lieber für sich behält, das Zeichen zum Einsatz gibt, singt der Chor langsam, getragen und voller Inbrunst: "Gib uns Achtung, Kraft und fes­ten Glauben an unser Recht, an unsere Zukunft". Es ist eine ­Strophe des Liedes "Mahutny Bozha" (Mächtiger Gott) aus dem Jahr 1947, das eine Art Hymne der belarussischen Opposition ­geworden ist. Später sagt Galina: "Das Lied ist unsere Antwort auf den Albtraum, der in unserem Land stattfindet."

Proteste vieler Berufsgruppen

Vor über einem Jahr trieb die dreist gefälschte Präsidentenwahl vom 9. August 2020 Zehntausende Belaruss_innen wochenlang auf die Straße. Der autokratische Staatschef Alexander Lukaschenko unterschätzte den Durchhaltewillen der Protestierenden, die sich aller Brutalität seitens des Regimes zum Trotz nicht einschüchtern ließen. Ein weiteres Novum war, dass sich immer mehr Berufsgruppen und Künstler_innen der politischen Bewegung anschlossen. Bereits in der zweiten Augusthälfte 2020 machten Musiker_innen der Minsker Philharmonie ihrem Unmut Luft, indem sie Plakate mit der Aufschrift "Wir sind gegen Gewalt!" in die Höhe hielten. Das war auch die Geburtsstunde des Volnij-Chors, dessen Mitglieder sich maskiert und in zunächst stummem Protest den Aktionen anschlossen. Ihre Botschaft lautete schlicht: "Wir können singen, aber man hat uns unsere Stimmen gestohlen."

Als die Sicherheitskräfte begannen, auch gegen Künstler_innen brutal vorzugehen, verlegte sich der Chor auf spontane Auftritte auf Märkten, in Einkaufszentren, U-Bahn-Stationen sowie in Hinterhöfen von Plattenbauten, die so kurzzeitig zu kleinen Inseln des Widerstandes gegen Lukaschenko wurden, der seit nunmehr 27 Jahren im Amt ist.

Sein gesamtes Repertoire trägt der Chor nicht auf Russisch, sondern auf Belarussisch vor. Für das Regime gilt der Gebrauch dieser Sprache als Sündenfall und als Anzeichen für nationalistische Umtriebe und unbequeme Geister. Wer auf der Straße Belarussisch spricht, muss eine polizeiliche Vorladung oder noch Schlimmeres wie Geldstrafen oder Arrest befürchten. 2003 wurde das Minsker Jakub Kolas-Gymnasium, in dem ausschließlich auf Belarussisch unterrichtet wurde, verboten. Seither existiert die Schule nur noch im Untergrund, ihre Abschlüsse werden nicht anerkannt.

Demonstrierende vereinen

Die Lieder, die der Volnij-Chor vorträgt, stammen von Komponist_innen, die während der Russifizierung des Landes unter Stalin unterdrückt wurden und die Lukaschenkos Kulturpolitik aus dem historischen Gedächtnis zu tilgen versuchte. Galina und ihre Mitstreiter_innen mussten sich daher die meisten ­Noten aus internationalen Archiven der belarussischen Diaspora zusammensuchen. "Unsere Noten gelten als extremistische Literatur", sagt die Chorleiterin. "Wenn ich mit meiner Mappe in Minsk spazieren gehe, muss ich jederzeit damit rechnen, festgenommen zu werden."

Dies sagt viel über die Geisteshaltung Lukaschenkos und ­seiner Handlanger_innen, aber auch über die Bedeutung des Chores aus. Diese könne in so schweren Zeiten wie diesen nicht hoch genug eingeschätzt werden, sagt Galina. Lieder seien nicht nur eine Möglichkeit, Emotionen Ausdruck zu verleihen und diese zu durchleben, sie hätten sich auch als wichtiger Faktor ­erwiesen, um die Demonstrierenden zu vereinen.

Galinas Kollege Sergej, der ebenfalls im Volnij-Chor aktiv ist, bezeichnet diesen sogar als Symbol der Revolution: "Wir haben den Belaruss_innen ihre Lieder zurückgegeben. Sie sind der historische Code unserer Nation, der bei den Menschen etwas bewirkt hat", sagt der Kulturmanager, Musiker und Sänger. Der Chor sei zu einer Stimme der Nation geworden, er gebe Hoffnung und spende Kraft.

Die werden er und seine Mitsänger_innen brauchen, denn die Repressionen gegen Andersdenkende werden zunehmend härter. Seit August 2020 landeten Zehntausende Belaruss_innen in den Gefängnissen des Landes, in denen Demütigungen und Folter an der Tagesordnung sind. Oft reicht schon das Tragen eines Kleidungsstückes in den Nationalfarben Weiß und Rot, um inhaftiert zu werden. Mitte September 2021 zählte die belarussische Menschenrechtsorganisation Viasna 671 politische Gefangene. Ihr Vorsitzender, der Menschenrechtsverteidiger Ales ­Bialiatski, ist einer von ihnen.

Das ist unsere einzige Waffe, denn den Panzern können wir uns nicht entgegenstellen.

Sergej
Mitglied des Volnij-Chors

Auch Mitglieder des Volnij-Chors, der seit Mai nicht mehr in Belarus auftreten kann, waren von Festnahmen und Strafen betroffen. 300 Mitglieder zählte das Ensemble, jetzt sind es noch 60 bis 70. Diejenigen, die noch in Belarus leben, müssen sich verstecken. Galina und Sergej sind ins Ausland geflohen. Sie haben sich auf eine längere Zeit im Exil eingestellt und versuchen, so viele Kolleg_innen wie möglich aus Belarus herauszuholen. Das bringt nicht nur logistische, sondern vor allem auch finanzielle Probleme mit sich.

Gleichzeitig tun die beiden alles dafür, um ihren Chor weiter am Leben zu erhalten. Sie haben bereits mehrere große Online-Konzerte veranstaltet und planen weitere. "Das ist wichtig, um unsere Landsleute weiter zu unterstützen", sagt Sergej. "Das ist unsere einzige Waffe, denn den Panzern können wir uns nicht entgegenstellen." Auch wenn es noch einen langen Atem brauchen wird – er und Galina geben die Hoffnung nicht auf, dass sich in ihrem Heimatland etwas zum Besseren ändern wird. "Wir werden siegen. Irgendwann wird dieser Tag kommen. Dann werden wir gemeinsam singen und unserer Opfer gedenken. Und dann wird ganz Belarus zu einem Chor werden. Das ist mein Traum", sagt Galina. Bis es soweit ist, werden sie ihre Stimmen erheben – laut, vernehmlich, auf Belarussisch, aber unter Kapuzen und hinter Masken.

Barbara Oertel ist freie Journalistin. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

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