Amnesty Journal Argentinien 08. August 2025

Militärdiktatur in Argentinien: Opfer der "Stillen Diplomatie"

Buchcover einer Graphic Novel, darauf gezeichnet eine alte Frau mit Bluse, Strickjacke, langem Rock, Strumphose, das Haar kurz, dazu geschrieben "Nora, wo bist du?"

Ellen Marx hat zeit ihres Lebens nichts über das Schicksal ihrer verschwundenen Tochter erfahren.

Die Graphic Novel "Schweigen" erzählt die Schicksale von Ellen Marx und Elisabeth Käsemann während der argentinischen Militärdiktatur.

Von Nina Apin

Gibt es verschiedene Arten von Schweigen, fragt die Illustratorin Birgit Weyhe am Anfang ihrer Graphic Novel. Schweigen kann gut sein – vom diskreten Wegschweigen einer Peinlichkeit bis zum Nichtpreisgeben des Verstecks einer verfolgten Person. Oder schlecht, etwa wenn Menschen in einer Diktatur aus Angst verstummen oder ­Gewaltherrscher ihre Verbrechen vertuschen. Auf gut 360 Seiten erzählt Weyhe das Schicksal zweier Frauen, die auf unterschiedliche Weise vom privatem und politischem Schweigen betroffen waren: Ellen Marx und Elisabeth Käsemann.

Marx, 1921 als Ellen Pinkus in eine liberale jüdische Berliner Familie geboren, floh mit 17 Jahren nach Argentinien und heiratete dort. Ihre gesamte Familie wurde im Holocaust ermordet. Nach dem Verschwinden ihrer Tochter Nora zur Zeit der argentinischen Militärdiktatur schloss sich Marx der Menschenrechtsgruppe Madres de Plaza de Mayo an – sie starb 2008, ohne Gewissheit über Noras Schicksal erlangt zu haben. Die zweite Protagonistin, Elisabeth Käsemann, wurde 1947 in Gelsenkirchen geboren, engagierte sich in der deutschen Studierendenbewegung für die revolutionären Bewegungen Lateinamerikas und zog 1970 nach Buenos Aires. Als Oppositionelle wurde sie 1977 ermordet, trotz internationaler ­Appelle für ihre Freilassung, etwa von Amnesty International.

Bundesregierung und Auswärtiges Amt blieben stumm

In sachlichem Stil und dezenter Farbigkeit, unterbrochen von geschichtlichen Einordnungen, porträtiert Birgit Weyhe die Aktivistinnen, die sich wohl nie kennengelernt haben. Punkte, an denen sich ihre Geschichten verschränken, sind einmal geografisch Buenos Aires, wo Ellen Marx 1939 um ein Haar im Hafen zurückgewiesen wurde, da zu diesem Zeitpunkt die legale Einwanderung jüdischer Flüchtlinge fast unmöglich geworden war. Die politisch aktive Studentin Elisabeth Käsemann entschied sich 1970 nach einem Sozialpraktikum in La Paz und einer Reise durch den Kontinent ­bewusst für Buenos Aires als Wohnort. Vor allem aber verbindet Marx und ­Käsemann ihr Anrennen gegen Schweigemauern: Man sieht Ellen Marx über Seiten hinweg dabei zu, wie sie auf der Suche nach ihrer Tochter Polizeiwachen, Krankenhäuser und Kasernen abklappert und an der Ungewissheit fast zugrunde geht. Schließlich umrundet sie Woche für Woche mit einem weißen Kopftuch stumm mit anderen Müttern von Verschwundenen den Platz vor dem Präsidentenpalast. 

Die Verschleppung und anschließende Folter und Ermordung von Elisabeth Käsemann im Gefängnis "El Vesubio" zeichnet Weyhe anhand von Aussagen überlebender Mitgefangener nach. Breiten Raum gibt sie dem Skandal, dass der damalige deutsche Botschafter in Buenos Aires Käsemanns Rettung aktiv hintertrieb. Die Bundesregierung und das ­Auswärtige Amt schwiegen zu den Menschenrechtsverletzungen – wegen der ­guten Wirtschaftsbeziehungen. "Der Preis der 'Stillen Diplomatie' waren am Ende über hundert ermordete Deutsche bzw. Deutschstämmige. Darunter waren auch die Kinder von deutschen Juden (…) Eine Kontinuität des verbrecherischen Schweigens", notiert Birgit Weyhe gegen Ende ihrer so kämpferischen wie spannend erzählten Graphic ­Novel.

Birgit Weyhe: Schweigen. Avant Verlag, Berlin 2025, 368 Seiten, 39 Euro.

WEITERE BUCHTIPPS

Widerstand im Alltag

von Maik Söhler

Gibt es ein richtiges Leben im falschen? Der in Frankfurt am Main lehrende Soziologe Ferdinand Sutterlüty bedient sich einer bekannten Frage der Frankfurter Schule rund um das seit mehr als 100 Jahren bestehende Institut für Sozialforschung und liefert Antworten. Sein Sachbuch "Widerstehen" enthält acht lange Interviews mit Menschen, die in ihrem Alltag und/oder in ihrem Berufsleben grundlegend anders handeln als die meisten ihrer Mitmenschen. Sie können als Beispiele dafür dienen, wie ein "richtiges Leben" womöglich aussieht. In einem kundigen Vor- und Nachwort beantwortet der Autor die Frage schließlich noch auf seine Art. 

Sutterlüty nennt weder die richtigen Namen der Befragten noch die Orte. Doch lässt sich aus seinen Angaben schließen, dass die Interviewten in Deutschland, ­Österreich und der Schweiz leben. Wer Gespräche mit Philosoph*innen, alternativen Medienmacher*innen oder linken Aktivist*innen erwartet hat, wird überrascht von widerständigen Bäuerinnen und Bauern, einer solidarischen Reinigungs- und Pflegekraft, einem nahbaren Lehrer, der Schülerinnen und Schüler nicht "hinbiegen" will, und einer Forstwirtin, die als "unbotmäßige Frau in einer Männerdomäne" vorgestellt wird. In ihren Lebensentwürfen könnten sie kaum unterschiedlicher sein, und doch ist ihnen gemeinsam, dass "sie alle die sozialen Ungerechtigkeiten und ökologischen Zerstörungen (…) nicht hinnehmen. Ihre daraus resultierende, oft eigensinnige Lebensführung verbindet stets eine individuelle mit einer politischen Widerständigkeit", schreibt Sutterlüty im Nachwort.

"Widerstehen" ist ein im besten Sinne sperriges Buch. Kein Wunder, denn es ist voller sperriger Charaktere, die einem auch nach der Lektüre noch lange im Kopf bleiben. Mit ihnen bleibt eine einfache und zugleich klare Botschaft: Ein anderes, ein engagiertes Leben ist möglich.

Ferdinand Sutterlüty: Widerstehen. Versuche eines richtigen Lebens im falschen. Hamburger Edition, Hamburg 2025, 208 Seiten, 19 Euro.

Was die Toten erzählen

von Till Schmidt

"Siehst Du, diese passen ineinander. Die Knochen sprechen für sich." Als ihr die Forensikerin Senem Škulj in Sarajevo ihre Arbeit zeigte, sah Taina Tervonen zum ersten Mal einen Toten. Die finnische Journalistin war nach Bosnien-Herzegowina gereist, um einen Dokumentarfilm über die Verschwundenen des Bosnienkriegs zu drehen. Das war 2010, 15 Jahre nach Kriegsende. Ihr jetzt erschienener Band "Die Reparatur der Lebenden" schildert ihre Recherche.

Tervonen lernte Škulj zu Beginn ihres Aufenthalts kennen. Die Mittdreißigerin arbeitete für die Internationale Kommission für vermisste Personen (ICMP), betrachtete ihre Tätigkeit jedoch weder als Lebenstraum noch als Berufung. Sie hatte den Krieg als Teenager in Novi Travik überlebt. Als sie später Arbeit suchte, fand sie diese beim ICMP. Sie stieg bald auf und war jahrelang für die Identifizierung von Knochen aus den Massengräbern in Bosnien-Herzegowina zuständig. Tervonen stellte fest, dass die bosnische Forensikerin nur wenig über ihre Gefühle und ihr eigenes Erleben zwischen 1992 und 1995 erzählte, die Arbeit mit den Toten stand im Mittelpunkt. Wenn es ihr gelang, Vermisste zu identifizieren, konnte sie ein Band wieder herstellen, das gerissen war, als man die Toten ihrer Würde beraubt und den Lebenden den Abschied verwehrt hatte. 

Senem Škulj ist eine der beiden Protagonistinnen in Taina Tervonens Reportageband "Die Reparatur der Lebenden". Die zweite ist Darija Vujinović, die für das ICMP Familien besuchte, um Interviews zu führen und DNA-Proben zu nehmen. Als Serbin hatte sie im Krieg völlig andere Erfahrungen gemacht. "Dank meiner Arbeit habe ich vieles verstanden", sagt Vujinović in Tervonens Buch. Eine Hommage an zwei beeindruckende Frauen, die jeweils auf ihre Art mit dem Schweigen über den Bosnienkrieg kämpfen.

Taina Tervonen: Die Reparatur der Lebenden. Zwei Frauen in Bosnien-Herzegowina auf der Suche nach den Ermordeten des Krieges. Zsolnay, Wien 2025, 208 Seiten, 25 Euro.

Demokratie ganz konkret

von Marlene Zöhrer

Kein Kinderbuch, aber ein wichtiges Buch für alle Menschen mit Kindern: Natascha Sagorskis Ratgeber "Wie wir mit unseren Kindern die Demokratie verteidigen" zeigt, warum es notwendig und wichtig ist, für Demokratie zu kämpfen. Es geht um nicht weniger als um die Zukunft der Kinder und kommender Generationen. "Klimawandel, Krieg in Europa, ein Präsident Trump in Amerika und immer weniger Vertrauen in die Demokratie: Unsere Zukunft sieht auf den ersten Blick nicht gerade rosig aus", stellt die Autorin fest. "Aber das Gute an Zukunft ist, dass wir sie gestalten können. Wir und vor allem diejenigen, für die Zukunft noch bedeutender ist als für uns selbst: unsere Kinder." 

Wie genau sich die Zukunft jeden Tag und auch im Kleinen gestalten lässt, zeigt die Autorin, die sich selbst familienpolitisch engagiert, anhand anschaulicher und alltagstauglicher Beispiele. So erklärt sie etwa leicht verständlich, was Demokratiebildung mit Familienpolitik zu tun hat, warum Online-Netzwerke nicht nur Gefahren, sondern auch Chancen für die Demokratie bergen und welche Möglichkeiten zur politischen Einflussnahme es gibt. Außerdem geht es um ganz konkrete Dinge und Maßnahmen, die in Kita, Schule und Familie realisiert werden können, um das Verständnis für Demokratie zu fördern und gegen Diskriminierung vorzugehen.

"Wie wir mit unseren Kindern die Demokratie verteidigen" bietet einen guten und fundierten Einstieg in das Thema und liefert umfangreiches Zusatzmaterial, das sich über einen QR-Code abrufen lässt. Dazu zählen Gespräche und Interviews mit Aktivist*innen und Politiker*innen, eine Checkliste für Petitionen, eine Zusammenfassung der wichtigsten Kinderrechte sowie Leseempfehlungen und viele anregende Links für Kinder, Eltern und Fachkräfte.

Natascha Sagorski: Wie wir mit unseren Kindern die Demokratie verteidigen. Politisches Empowerment für Familien. Beltz & Gelberg, Weinheim 2025, 208 Seiten, 18 Euro.

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