Amnesty Journal Äthiopien 15. Juli 2022

"Der Internationale Fokus hat sich verschoben"

Ein Mann mit schwarzen kurzen Haaren trägt ein Hemd und darüber einen Pullover mit V-Ausschnitt, er lächelt, steht vor einem Weg an dem Bäume wachsen.

Autor und Blogger Befeqadu Hailu Techane

Befeqadu Hailu Techane (42) wurde für seine Arbeit als Autor und Blogger mehrfach ausgezeichnet – und inhaftiert. Über die Gefahren von regierungskritischem Journalismus in Äthiopien.

Interview: Parastu Sherafatian

Sie gründeten vor zehn Jahren gemeinsam mit acht anderen Blogger*innen das Kollektiv Zone 9. Was war der Anlass?

Als wir uns zu Zone 9 zusammenfanden, stand der äthiopischen Zivilgesellschaft nur sehr wenig Raum zur Verfügung. Wir hatten uns deshalb zunächst virtuell zusammengeschlossen und lernten uns erst später persönlich kennen. Da wir vor der Gründung alle bereits Erfahrungen mit Online-Aktivismus mitbrachten, hatten wir schnell eine Community – die dann ebenso schnell der Regierung auffiel. Dieser gefiel nicht, dass wir unter anderem auf die kritische Situation von politischen Gefangenen aufmerksam machten. Wir wurden dann inhaftiert und gefoltert.

Sie waren 596 Tage im Gefängnis. Hat das Ihren Aktivismus verändert?

Nach meiner ersten Festnahme fühlte ich mich erst recht verpflichtet, mich für eine bessere Menschenrechtslage in meinem Land einzusetzen. Zuvor hatte ich über die Grausamkeiten, die den Inhaftierten ungerechterweise angetan wurden, nur geschrieben. Nun erlebte ich die körperliche Gewalt, die Isolation und das unfaire System am eigenen Leib. Mein soziales Umfeld ist seither deutlich geschrumpft. Einige Menschen fürchten, mit mir in Verbindung gebracht zu werden und dann vielleicht auch verfolgt zu werden. Auch Zone 9 existiert seit dieser Zeit nicht mehr, aber wir engagieren uns alle weiterhin. Sobald man das Ausmaß der Ungerechtigkeiten zu spüren bekommt, kann man nicht mehr die Augen davor verschließen.

Sie gründeten vor drei Jahren das Center for Advancement of Rights and Democracy. Was ist Ihr Ziel?

CARD ist eine Non-Profit-Organisation, mit der wir das Ziel verfolgen, demokratische Prinzipien als Norm in Äthiopien zu etablieren. Wir haben verschiedene Schwerpunkte: Wir bilden zukünftige Menschenrechtsverteidiger*innen aus und trainieren Journalist*innen in Medienkompetenzen wie zum Beispiel Fakten-Check oder Umgang mit Nachrichten in Online-Netzwerken.

Menschen sagen mir in Addis Abeba auf der Straße, dass sie wegen unserer Arbeit Hoffnung schöpfen. Solche Momente geben mir die Kraft, nicht aufzugeben.

Werden Sie dabei international unterstützt?

Während meine Kolleg*innen und ich inhaftiert waren, haben uns Organisationen wie Amnesty International sehr unterstützt. Viele solidarisierten sich damals mit dem Hashtag #FreeZone9Bloggers. Und wir merkten: Je mehr Druck auf die Regierung ausgeübt wurde, desto besser wurde der Umgang mit uns im Gefängnis. Die internationale Solidarität zeigte Wirkung. Doch in letzter Zeit hat sich der internationale Fokus verschoben. Nun wird anderen Konflikten, wie derzeit dem Krieg in der Ukraine, mehr Beachtung geschenkt. Über Konflikte in meinem Land wird vereinzelt berichtet, wenn es keine anderen, "größeren" Nachrichten zu vermelden gibt.

Was motiviert Sie, trotz aller Widrigkeiten weiterzumachen?

Meine Überzeugung, dass es eine bessere Zukunft geben sollte und diese auch geben wird. Solange es Menschen gibt, die ihre Augen vor Ungerechtigkeiten nicht verschließen, wird es ein demokratischeres Äthiopien geben. Menschen sagen mir in Addis Abeba auf der Straße, dass sie wegen unserer Arbeit Hoffnung schöpfen. Solche Momente geben mir die Kraft, nicht aufzugeben.

Parastu Sherafatian ist Mitarbeiterin der Pressestelle von Amnesty International in Deutschland.

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