Amnesty Journal Bangladesch 23. Februar 2021

Verfolgt, vertrieben, umgesiedelt

Eine Frau mit Kopftuch lehnt ihren Kopf an die Brust eines Mannes, beide weinen; rechts hinter ihnen steht ein Junge und blickt zu Boden.

Entwurzelt: Rohingya, die auf die Insel Bhasan Char umgesiedelt werden (Ukhiya, Bangladesch, 3.12.2020).

Die Flucht vor den Kriegsverbrechen in Myanmar endete für die Rohingya in Bangladesch – im Elend des weltweit größten Flüchtlingslagers. Während einige der Geflüchteten seit Dezember auf eine Insel umgesiedelt werden, scheint der Militärputsch in ihrer Heimat alle Hoffnungen auf eine Rückkehr zunichte zu machen.

von Tobias Oellig

Drei Stunden dauert die Überfahrt bis nach Bhasan Char. Die Insel, etwa 30 Kilometer vor der Küste Bangladeschs gelegen, hat sich erst in den vergangenen zwei Jahrzehnten gebildet und gilt als Überflutungsgebiet. Dort beginnt für Tausende Rohingya ein neues Kapitel in der Geschichte ihrer Vertreibung: Bangladeschs Regierung will bis zu 100.000 Rohingya vom Festland nach Bhasan Char umsiedeln.

Mehr als eine Million muslimische Rohingya waren im Sommer 2017 aus ihrer buddhistisch geprägten Heimat in Myanmar geflohen. Vor Massenvergewaltigungen, Folter und Mord, ausgeübt insbesondere von den Streitkräften des Landes. Die Regierung unter Führung von Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi geriet international in die Kritik. Die UNO bezeichnete die Handlungen des Militärs als Völkermord.

Ihre Flucht führte die Rohingya nach Kutupalong im Distrikt Cox Bazar in Bangladesch, das als größtes Flüchtlingslager der Welt gilt. Schätzungsweise eine Million Rohingya leben dort, in armseligen Behausungen, auf engstem Raum und unter den Bedingungen der Corona-Pandemie.

Besiedlung ist umstritten

Ende 2020 hat Bangladeschs Regierung mit der Umsiedelung der Rohingya aus dem überfüllten Lager nach Bhasan Char begonnen. Verhandlungen zwischen der Regierung in Dhaka und der damaligen De-facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi über eine Rückführung der Flüchtlinge waren erfolglos geblieben, da Myanmar die Rohingya nicht als Staatsbürger anerkennt.

Nach Angaben der Regierung in Dhaka gehen die Flüchtlinge freiwillig auf die Insel, auf die Bangladesch Unterkünfte, Krankenhäuser und Moscheen für rund 300 Millionen Euro gebaut habe. Rund 7.000 der geplanten 100.000 Rohingya leben mittlerweile dort (Stand Februar 2021).

Die Besiedlung von Bhasan Char ist umstritten. Die UNO und Menschenrechtsgruppen äußern Zweifel, ob die Insel wegen der Überflutungsgefahr bewohnbar sei. Vor allem während der Monsunzeit und bei Stürmen gilt sie als gefährdet. Tausende Menschenleben könnten gefährdet sein. Bangladeschs Regierung erwidert, man habe Bhasan Char mit Dämmen gesichert.

Wie sicher und mit welcher Perspektive die Rohingya dort leben können, bleibt genauso unklar wie ihre Bewegungsfreiheit. Weder Reporter noch Hilfsorganisationen dürfen die Geflüchteten begleiten. "Eine so restriktive Situation wirft Fragen auf zur Freiheit der Menschen, die dort leben", sagt Saad Hammadi vom South Asia Regional Office von Amnesty International in Colombo, Sri Lanka. Die Regierung von Bangladesch müsse einen klaren politischen Rahmen festlegen, um die Flüchtlinge an den Entscheidungen in Bezug auf ihre Umsiedlung, ihre mögliche Rückführung und ihre Versorgung zu beteiligen. Nur so könne eine nachhaltige Lösung gefunden werden.

"Putsch macht alles noch schwieriger"

Geflohen, gestrandet, umgesiedelt – laut UNO gehören die Rohingya zu den am meisten verfolgten Minderheiten weltweit. In Myanmar werden sie nicht als Minderheit anerkannt, sind faktisch staatenlos und größtenteils entrechtet, dürfen nicht wählen und haben keinen Zugang zu höherer Bildung. Ihre religiösen Stätten wurden zerstört. Innerhalb ihres Landes dürfen sie sich nicht frei bewegen. Siedlungen der Rohingya gelten als illegal und können unangekündigt beschlagnahmt oder zerstört werden, gleiches gilt für ihren Privatbesitz. Zudem werden den Rohingya Sondersteuern auferlegt.

Als sei die Geschichte ihrer Verfolgung und Entwurzelung nicht bereits bedrückend genug, macht nun der Militärputsch in ihrer Heimat die Lage noch aussichtsloser. Demokratische Reformprozesse, die Anlass zur Hoffnung auf eine Rückkehr boten, wurden damit schlagartig gestoppt. "Der Putsch macht alles noch schwieriger", sagt Saad Hammadi. "Als er am 1. Februar stattfand, war die erste Reaktion vieler Rohingya Unsicherheit und Enttäuschung. Viele wollen nun keinesfalls in ihre Heimat zurückkehren, sie fürchten noch größere Repressalien als bisher schon." Der Anführer der Putschisten, Ming Aung Hlaing, wird direkt mit den Verbrechen an den Rohingya in Verbindung gebracht.

Die Chance, in absehbarer Zeit wieder nach Hause zurückkehren zu können, scheint für die Rohingya damit völlig außer Reichweite gerückt.

Tobias Oellig ist freier Reporter und Autor. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International oder der Redaktion wieder.

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