Pressemitteilung Aktuell Ukraine 09. März 2022

Ukraine: Russische Bomben töten Menschen bei einer Essensausgabe

Das Bild zeigt eine Person, die vor einem stark zerstörten Haus steht

Ein Mann steht in der nordukrainischen Stadt Tschernihiw in einem Wohngebiet vor einem Gebäude, das durch einen russischen Luftangriff zerstört wurde (4. März 2022).

++ Dieser Artikel wurde am 11. März 2022 um 10:34 Uhr mit einer deutschen Übersetzung aktualisiert. ++

 

­Amnesty International wirft Russland einen rücksichtslosen Angriff auf Zivilpersonen in der Stadt Tschernihiw am vergangenen Donnerstag vor. Alle ausgewerteten Beweise deuten auf ein weiteres Kriegsverbrechen durch russisches Militär hin.  ­

Bei einem russischen Luftangriff auf die ukrainische Stadt Tschernihiw wurden Berichten zufolge am 3. März 47 Zivilpersonen getötet. Nach einer eingehenden Untersuchung erklärte Amnesty International heute, dass der Angriff ein Kriegsverbrechen darstellen könnte.
 
Am Donnerstag, dem 3. März, schlugen in Tschernihiw gegen 12:15 Uhr mehrere Bomben auf einem kleinen Platz zwischen den Straßen Viacheslava Chornovola und Kruhova ein. Mehrere Zivilpersonen wurden getötet und die umliegenden Gebäude schwer beschädigt.
 
Auf der Grundlage neuer Interviews und ausgewerteter Videobeweise kam das Krisenteam von Amnesty International zu dem Schluss, dass es sich bei dem Angriff höchstwahrscheinlich um einen russischen Luftangriff handelte, bei dem mindestens acht ungelenkte Fliegerbomben – sogenannte "dumb bombs" – eingesetzt wurden.
 
"Der Luftangriff auf Tschernihiw ist schockierend. Dies war ein erbarmungsloser, wahlloser Angriff auf Menschen, die zuhause, auf der Straße oder in den Läden ihrem Alltag nachgingen", sagte Joanne Mariner, Direktorin des Krisenteams von Amnesty International.
 
"Dieser schockierende Angriff ist einer der tödlichsten, den die Menschen in der Ukraine bisher ertragen mussten. Die Anklagebehörde des Internationalen Strafgerichtshofs sollte diesen Luftangriff als Kriegsverbrechen untersuchen. Diejenigen, die für solche Verbrechen verantwortlich sind, müssen zur Rechenschaft gezogen und die Betroffenen und ihre Angehörigen müssen voll entschädigt werden."
 
Nach Angaben der Regionalverwaltung von Tschernihiw wurden bei dem Angriff 47 Menschen (38 Männer und neun Frauen) getötet. Das ausgewertete Filmmaterial des Angriffs zeigt acht kurz hintereinander abgeworfene Objekte, die in einer Reihe fallen, wie es für einen Bombenangriff typisch ist. 
 
Amnesty International konnte am Ort des Angriffs oder in dessen Nähe kein legitimes militärisches Ziel identifizieren. Satellitenbilder vom 28. Februar zeigen eine Menschenschlange vor einem Gebäude, das bei dem Angriff getroffen wurde. Anhand dieser Bilder und Zeugenaussagen geht Amnesty International davon aus, dass die meisten Opfer für Essen anstanden, als die Raketen einschlugen.
 
"Alles wurde zerstört" 
 
Die 21-jährige Studentin Alina war mit ihrer Familie in ihrer Wohnung in der nahe gelegenen Ivana-Bohuna-Straße als die Bomben einschlugen. 
 
Sie berichtete Amnesty International: "Ich hörte ein sehr, sehr lautes Summen und spürte, wie unser Gebäude wackelte. Es war, als würde sich unsere Wohnung aufblähen... Und dann, nach zwei Sekunden, hörte ich, wie die Fenster zerbarsten und in den Hof flogen. Unser Gebäude wurde stark erschüttert. Ich dachte, dass keine Wand stehen bleiben würde.
 
"Als ich das Summen hörte, rief ich meine Oma zu mir auf den Flur. Wir haben uns auf den Boden gelegt und das hat uns wahrscheinlich gerettet."

Instagram-Beitrag von Amnesty in Deutschland:

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Alinas Eltern befanden sich auf der Straße, als die Explosion stattfand, und überlebten den Angriff. Alina berichtete weiter: "Vor [einem nahegelegenen] gelben Gebäude standen Menschen für Brot an, und dorthin wollten sie gehen... Ich weiß nicht mehr, ob es meine Mutter oder mein Vater war, einer von ihnen sagte: 'Die Schlange ist zu lang, lass uns wieder gehen'. Und so gingen sie. Die Leute, die in dieser Schlange standen, gibt es nicht mehr."
 
Die 33-jährige Yulia Matvienko war mit ihren drei Kindern zu Hause, auch in der Ivana-Bohuna-Straße, als die Bomben fielen. Sie erlitt eine Kopfverletzung und berichtete Amnesty International: "Ich ging durch den Flur und hatte die Küche noch nicht erreicht, als ich plötzlich taub wurde – ich verstand nicht, was geschah.
 
"Alles begann plötzlich zu bröckeln und einzustürzen. Die Kinder schrien. Für einige Sekunden herrschte Stille und die Zeit stand still. Dann habe ich meine Kinder aus den Trümmern herausgezogen. Das Blut lief an mir herunter, und ich zerrte meine Kinder nach draußen. Alles war zerstört, und die Tür [zu unserem Gebäude] war herausgerissen worden. Kein einziges Fenster war mehr ganz, und einige Balkone waren völlig abgerissen. Die Kinder haben keinen einzigen Kratzer. Es ist ein Wunder... alles Blut an ihnen [war] von mir."
 
Auf Dashcam-Aufnahmen des Angriffs sind herabfallende Bomben zu sehen und das Geräusch eines wahrscheinlich tief und schnell fliegenden Flugzeugs ist zu hören, was dem Vorgehen bei einem Angriff dieser Art entspricht. Der Abwurf ungelenkter Bomben in Wohngebieten verstößt gegen das Verbot, wahllose Angriffe durchzuführen. Solche Bomben haben eine großflächige Wirkung und sind weit weniger genau als präzisionsgelenkte Munition.
 
Überprüfung durch das Amnesty Crisis Evidence Lab

 
Das Crisis Evidence Lab von Amnesty International verifizierte Filmmaterial von den Folgen des Luftangriffs, das Schäden an Gebäuden und Tote auf der Straße zeigt. Aufnahmen des Staatlichen Katastrophenschutzes der Ukraine zeigen ebenfalls Schäden und Rettungsarbeiten.
 
Andere überprüfte Videos von den Folgen zeigen weitreichende Zerstörungen und mindestens einen deutlich erkennbaren Bombenkrater, dessen Größe etwa der Wirkung bei Explosion einer 500kg-Bombe entspricht.
 
Weiteres verifiziertes Material von einem anderen Luftangriff in der Ukraine zeigt eine ungelenkte Fliegerbombe des Typs FAB-500 M62, die von Zivilschutzkräften entfernt wird. Darüber hinaus zeigt ein offizielles Video, das vom russischen Militär am 6. März veröffentlicht wurde, den Start von Su-34 Fullback-Flugzeugen, die mit acht FAB-500-Bomben beladen sind – ein Hinweis auf die typische Bombenlast bei aktuellen russischen Operationen. 
 
"Alle Staaten sollten mit dem Internationalen Strafgerichtshof und der vom UN-Menschenrechtsrat neu eingerichteten Untersuchungskommission zusammenarbeiten, um die Rechenschaftspflicht für schwere Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen wie diesen Angriff zu gewährleisten. Den Opfern dieses Konflikts muss Gerechtigkeit widerfahren", sagte Joanne Mariner.
 
Amnesty International fordert erneut eindringlich, dass alle Parteien im Konflikt in der Ukraine das humanitäre Völkerrecht und die Menschenrechtsnormen respektieren.

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