Aktuell Ägypten 07. März 2011

Lässt die ägyptische Revolution Frauen außen vor?

Beitrag zum Internationalen Frauentag - 8. März 2011
Widney Brown, Leiterin "Law and Policy" im Internationalen Sekretariat von Amnesty International

Widney Brown, Leiterin "Law and Policy" im Internationalen Sekretariat von Amnesty International

Von Widney Brown, Abteilungsleiterin
für Internationales Recht und politische Strategien im Internationalen Sekretariat von Amnesty International in London.


8. März 2011 - Vor hundert Jahren gingen in ganz Europa mehr als eine Million Frauen auf die Straße, um ein Ende der Diskriminierung und gleiche Rechte für Frauen und Männer zu fordern: Zugang zu Arbeit, Stimmrecht und politische Beteiligung an der Gestaltung der Zukunft ihrer Länder. Es war der erste Internationale Frauentag.

Frauenrechte in vielen Ländern immer noch stark eingeschränkt


Hundert Jahre später sind gleiche Rechte für die meisten Frauen noch immer keine Selbstverständlichkeit. Frauen sind stärker durch Armut gefährdet als Männer. Sie sind häufiger Analphabetinnen. Sie verdienen nur zehn Prozent des Welteinkommens, aber leisten zwei Drittel aller Arbeit. In Entwicklungsländern produzieren sie bis zu 80 Prozent aller Nahrungsmittel, aber besitzen nur ein Prozent des Bodens.

In vielen Ländern wird Frauen immer noch vorgeschrieben, was sie zu tun und zu lassen, ja sogar was sie anzuziehen haben. Frauen in Saudi-Arabien, Tschetschenien und im Iran werden belästigt, wenn sie konservative religiöse Kleidungsregeln missachten. Musliminnen in Belgien, Frankreich und einigen Teilen Spaniens könnten demnächst gegen das Gesetz verstoßen, wenn sie eben diese Regeln einhalten.

Frauen, die sich für eine andere Zukunft einsetzen, werden oft lächerlich gemacht, erleiden Übergriffe oder Schlimmeres. So wurden in Russland, den Philippinen, Mexiko und Nepal vor kurzem führende Aktivistinnen ermordet, weil sie offen ihre Meinung sagten. In China, Bangladesh, Indien, Zimbabwe und vielen anderen Ländern werden sie systematisch inhaftiert und gefoltert.

Die internationale Gemeinschaft jedoch sieht über diese Fakten weitgehend hinweg. Die Ungleichstellung von Frauen wird als bedauerlich, aber unvermeidlich und unabänderlich betrachtet.

Frauen werden bei den Verhandlungen in Ägypten außen vor gelassen.


Während der dramatischen Ereignisse der letzten zwei Monate in Nahost und Nordafrika sind Millionen von Menschen auf die Straße gegangen, um eine andere Zukunft zu fordern – an diesem Wochenende sogar in Saudi-Arabien, wo 40 Frauen dem strengen Demonstrationsverbot der Machthaber trotzten.

Frauen forderten Seite an Seite mit den Männern ein Ende der politischen Repression und umfassende Reformen. Unter der Unterdrückung durch die Regimes litten Frauen wie Männer. Frauen waren allerdings zusätzlich mit diskriminierenden Gesetzen und tief verwurzelten Geschlechterungleichheiten konfrontiert.

Kein Wunder also, dass Frauen mit demonstrierten, dass sie lautstark ihrer Freude über den Sturz von Mubarak Ausdruck gaben und dass sie gerne an eine neue Morgenröte in der ägyptischen Politik glaubten. Was sich für die Ägypterinnen nun aber wirklich ändert, bleibt abzuwarten.

Viele Regierungen, auch viele westliche, scheinen sich für Frauenrechte nur dann einzusetzen, wenn es gerade passt. Im politischen Ringen um die Hoheit über die internationale Agenda werden diese Rechte oft als Verhandlungstrumpf benutzt.

Wenn Verhandlungen mit den Taliban angesagt scheinen, sind Frauenrechte plötzlich nicht mehr so wichtig. Wenn man Pakistan als Verbündeten braucht, darf die pakistanische Regierung schon mal Regionen Autonomie geben, in denen Frauen massiv unter Parallelgesetzgebungen leiden. Und im Irak kann man Bündnisse mit Milizen eingehen, die ansonsten Frauenrechtsaktivistinnen angreifen und umbringen.

Nicht viel anders geht es nun auch in Ägypten. Während das Land in die Zukunft zu blicken beginnt, laufen Frauen Gefahr, einmal mehr außen vor gelassen zu werden.

Unglaublich, aber nach Jahrzehnten der Diskriminierung und der fehlenden Gleichberechtigung sollen Frauen in der Schaffung eines neuen Ägypten abermals keine Rolle spielen. Sie werden sowohl von der Übergangsregierung wie auch von der internationalen Gemeinschaft ausgegrenzt. Vor kurzem wurde ein nationaler Ausschuss eingesetzt, um die neue ägyptische Verfassung zu schreiben – zusammengesetzt aus ausschließlich männlichen Mitgliedern. Das ist inakzeptabel.

Frauen müssen bei der Schaffung einer neuen Ordnung gleichberechtigt eingebunden werden


Würde sich die internationale Gemeinschaft ernsthaft für Frauenrechte im künftigen Ägypten interessieren, müsste sie jetzt dafür sorgen, dass Frauen in allen Belangen an der Gestaltung des neuen Systems und seiner Institutionen teilhaben.

Die Übergangsregierung und die internationale Gemeinschaft legen ein paternalistisches Verhalten an den Tag, das den Frauen in Ägypten nur allzu bekannt vorkommen muss: Sie haben jahrzehntelang unter einer repressiven Regierung gelebt, die von Staaten unterstützt wurde, die sich der Einhaltung der Menschenrechten rühmen.

Ob Regierungen um Veränderung ringen oder neue Regierungen entstehen, sie alle müssen das Recht der Frauen auf Gleichstellung in Gesetz und Praxis einhalten. Aber diese tatsächliche Gleichstellung wird nur erreicht, wenn Frauen aktiv an allen Verhandlungen und Entscheidungen teilhaben, die während dieser Übergangsphase stattfinden.

Wenn der versprochene Wandel in Ägypten und anderswo in der Region – und auf der ganzen Welt - Wirklichkeit werden soll, müssen Frauen unterschiedlicher Herkunft und mit verschiedenen politischen Überzeugungen als gleichberechtigte Partnerinnen am Verhandlungstisch sitzen.

Der Einsatz für Frauenrechte ist heute so dringend wie früher


In den vergangenen hundert Jahren hat sich vieles verändert, doch viele Probleme sind dieselben geblieben. In vielen Ländern blieben die Reformen weit hinter den Versprechungen der Regierungen zurück. Diskriminierung zieht sich bis heute quer durch Gesellschaften und hinterlässt tiefe Spuren der Ungleichheit.

Der Ruf nach Gleichheit, Gerechtigkeit und Respekt stand im Zentrum des ersten Internationalen Frauentags. Ein Jahrhundert später ist er so dringend wie damals.

Dieser Beitrag erschien erstmalig in der Süddeutschen Zeitung, Nr. 55, vom 8. März 2011, Seite 2.

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