Amnesty Journal Paraguay 11. April 2021

Vergewaltigt und vergessen

Eine Frau mit langen Haaren trägt ein Kleid, hält die Arme verschränkt und steht vor dem Büro von Amnesty International in Paraguay.

Will die Straflosigkeit beenden: Rosalía Vega von Amnesty Paraguay vor ihrem Büro.

Sexuelle Gewalt in Paraguay: In kaum einem anderen lateinamerikanischen Land ­werden Minderjährige so häufig Opfer. Doch der Staat lässt sie im Stich.

Von Andrzej Rybak (Text und Fotos)

Vor dem Parlament in der Hauptstadt Asunción sitzt eine Frau und trauert. Sie trägt ein schwarzes Kopftuch, und auch ihre Bluse und ihre Hose sind schwarz. "Ich trauere um die Mädchen, die sexuell missbraucht und getötet wurden", sagt Felipa Díaz. In ihren Händen hält sie ein Plakat mit der Aufschrift "#VivasNosQueremos", auf Deutsch: "#Wir wollen uns lebend". Normalerweise demonstriert Díaz mit mehreren Gleichgesinnten. Doch die Corona-Pandemie sorgt auch in Paraguay für Einschränkungen.

Hin und wieder laufen Menschen an Díaz vorbei – Abgeordnete und andere, die im Parlament arbeiten oder es besuchen. Manche werfen einen Blick auf das Schild. Andere tun so, als hätten sie Díaz nicht gesehen. Für sexuelle Gewalt an Kindern wollen sich viele in Asunción nicht interessieren.

Derzeit tobt ein Streit über einen Aktionsplan für Kinder und Jugendliche von Jugendministerin Teresa Martínez, der die Gleichstellung von Mädchen und Jungen und die Aufnahme von Sexualerziehung in die Lehrpläne der Schulen vorsieht. Der Erzbischof von Asunción, Edmundo Valenzuela, ­religiöse Fundamentalisten und konservative Ab­geordnete werfen der Ministerin vor, damit die ­Institution der Familie zu zerstören und die Homo-Ehe zu befürworten. "Das ist eine verlogene Hetze", sagt Díaz. "Der Staat muss doch etwas tun, um seine Kinder vor Gewalt und sexuellem Missbrauch zu schützen."

Abtreibung verboten

Paraguay gehört seit Jahren zu den Ländern mit den meisten Fällen von sexueller Gewalt gegen Minderjährige in Lateinamerika. In keinem anderen ­lateinamerikanischen Land gibt es mehr Mädchen unter 14 Jahren, die schwanger werden. Abtreibungen sind in Paraguay jedoch selbst im Falle einer Vergewaltigung verboten.

Nach Angaben der Koordinationsstelle für die Rechte von Kindern und Jugendlichen (CDIA) wurden 2019 täglich 20 Fälle von Gewalt gegen Kinder und Jugendliche gemeldet; in zwölf Fällen handelte es sich um sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Jungen, die jünger als 16 Jahre alt waren. Von 2012 bis 2019 wurden demnach etwa 36.000 Kinder Opfer sexueller Gewalt. Sozialarbeiter schätzen, dass die Fallzahlen tatsächlich drei- bis viermal so hoch sind, da viele Fälle aus Scham oder Angst verschwiegen werden.

"Diese Zahlen sind eine Schande für Paraguay", sagt Ministerin Martínez. "Der Staat hat die Pflicht, seine Macht zu gebrauchen, um Kinder zu schützen, wenn ihre Familien versagen." ­Offiziellen Angaben zufolge werden rund 80 Prozent aller ­sexuellen Gewaltdelikte von Familienmitgliedern verübt: von Vätern und Stiefvätern, Cousins, Onkeln und Brüdern.

Tiefverwurzelter Machismo

Notwendig sei ein tiefgreifender gesellschaftlicher Wandel, sagt Martínez. Man müsse dem tiefverwurzelten Machismo Einhalt gebieten, und sexuelle Belästigung dürfe nicht länger als Kavaliersdelikt gelten. Außerdem müssten Eltern verstehen, dass auch Kinder Rechte haben, stellt die Jugendministerin fest: "Viele Eltern sehen ihre Kinder immer noch als ihr Eigentum, so wie vor 100 Jahren."

Felipa Díaz kennt viele Kinder, die Gewalt und sexuellen Missbrauch erlebt haben. In der Stadt Capiatá, in der sie lebt, ­gehört Gewalt zum Alltag. "Die Männer lassen ihre Frauen und Kinder mittellos sitzen, die Frauen suchen neue Partner und haben mehr Kinder", sagt die 67-jährige Aktivistin. "Die Stiefväter schlagen ihre Stiefsöhne und vergehen sich an ihren Stieftöchtern." Die Kirche male das Bild einer heilen paraguayischen ­Familie, das mit der Realität wenig zu tun habe. "Wir leben in ­einer total verlogenen Gesellschaft", sagt Díaz.

Seit 20 Jahren kämpft sie für die Menschenrechte. "Das bin ich meinem Sohn schuldig", sagt sie. Der junge Feuerwehrmann wurde 1999 auf der Straße in Asunción überfallen und erstochen. Obwohl die Polizei mehrere Hinweise auf die Täter erhielt, unternahm sie nichts. Die Mörder gehörten einer mächtigen Drogenbande an, die regelmäßig Schmiergeld an die Beamten zahlte.

Díaz wollte etwas gegen die Ungerechtigkeit im Land unternehmen. Sie schloss sich Menschenrechtsgruppen an, trat Amnesty International bei und begann, ehrenamtlich für das Rote Kreuz zu arbeiten. Außerdem trennte sie sich von ihrem Ehemann, einem evangelikalen Pastor, der sie immer wieder geschlagen hatte. Ihre Verwandtschaft will nichts mehr von ihr wissen, weil sie die Rechte ihrer lesbischen Tochter verteidigt hat. "Bei uns werden Mädchen missbraucht, und niemand regt sich auf", sagt Díaz. "Aber wenn Frauen lesbisch sind, ist der Teufel los." Das gesellschaftliche Leben in Paraguay ist durch ­patriarchale Strukturen geprägt, deren Wurzeln weit in die ­Geschichte zurückreichen. Von 1864 bis 1870 führte Paraguay Krieg gegen Brasilien, Argentinien und Uruguay, der bis zu 80 Prozent der männlichen Bevölkerung das Leben kostete. Die überlebenden Männer wurden angehalten, mit mehreren Frauen möglichst viele Kinder zu zeugen. 1954 putschte sich der deutschstämmige Armeegeneral Alfredo Stroessner an die Macht. Während seiner 35-jährigen Diktatur wurden Tausende von Mädchen von den Militärs vergewaltigt. Diese Ereignisse hinterließen Spuren in der Gesellschaft. Heute werden viele Kinder von Verwandten oder Nachbarn missbraucht. Oft dann, wenn alleinerziehende Mütter sie in deren Obhut geben, um zu arbeiten.

"Eine Pandemie der Gewalt"

"Die Lage hier ist schlimmer als in anderen Ländern Lateinamerikas", sagt Anibal Cabrera. Er leitet die CDIA, in der sich alle paraguayischen NGOs zusammengeschlossen haben, die sich mit den Rechten von Kindern und Jugendlichen befassen. "Wir erleben eine Pandemie der Gewalt gegen Minderjährige, und die ­Regierung schaut weitgehend tatenlos zu."

Das Land hat die UNO-Kinderrechtskonvention 1990 ratifiziert, setzt sie jedoch nicht um. Es fehlen Kinder- und Jugend­büros zur Prävention von Gewalt gegen Kinder, und es gibt nicht genügend Sozialarbeiter, Psychologen, Ärzte und Anwälte, die sich um die Betroffenen kümmern. "Wir brauchen einen soziokulturellen Wandel, wir müssen die Leitbilder und die Mentalität der Gesellschaft ändern", sagt Cabrera. "Die Sexualerziehung in der Schule, die Gleichstellung von Mädchen und Jungen sind nur die ersten Schritte."

Ein beleibter Mann in Jeans und Karohemd mit schwarzem Bart steht vor ein paar Pflanzen in einem Hauseingang.

Spricht von einer "Pandemie der Gewalt": Anibal Cabrera.

Seit etwa fünf Jahren sieht er leichte Anzeichen für einen Wandel. 2015 wurde ein zehnjähriges Mädchen schwanger, nachdem ihr Stiefvater sie vergewaltigt hatte. Obwohl der Arzt vor möglichen Komplikationen warnte, wurde das Mädchen gezwungen, das Kind auszutragen. Der Fall hat viele Menschen wachgerüttelt. Sie gingen auf die Straßen. "Als Reaktion darauf hat das Parlament die Strafe für Kindesmissbrauch auf 15 Jahre angehoben", sagt Cabrera. "Bis dahin wurde Viehdiebstahl mit zwölf Jahren und die Vergewaltigung eines Kindes mit drei Jahren bestraft." Die Regierung bemüht sich seither auch, das sogenannte "Criadazgo" zu beenden. Dabei handelt es sich um eine Praxis, bei der arme Menschen auf dem Land ihre Kinder in die Stadt schicken, um in wohlhabenden Familien zu arbeiten. Die Kinder bekommen dafür Essen und dürfen – zumindest theoretisch – die Schule besuchen. In der Praxis sieht das jedoch anders aus: Viele schuften den ganzen Tag. "Sie sind ­keine Haus­angestellten, sondern Sklaven", sagt Tina Alvarenga, die als Kind selbst in einer fremden Familie gearbeitet hat. "Viele Mädchen werden vom Familienvater oder seinen Söhnen vergewaltigt."

Zehn Jahre war Alvarenga alt, als ihre Eltern sie zu einer Familie nach Asunción schickten. Sie durfte das Haus der Familie nur durch den Dienstboteneingang betreten, aß in acht Jahren kein einziges Mal mit am Tisch. Sie trug gebrauchte Kleider und benutzte alte Teller und Geschirr. "Immerhin durfte ich die Schule besuchen, wurde nicht geschlagen oder missbraucht", sagt die 58-Jährige heute. Sie kennt viele Frauen, die nicht so viel Glück hatten wie sie.

Mit 18 Jahren wurde sie in die Freiheit entlassen. Sie studierte und forschte für die NGO Global Infancia über das Criadazgo-System. "Früher war das für Mädchen und Jungen aus ländlichen Gebieten unter Umständen die einzige Möglichkeit, eine Schulbildung zu erhalten", sagt sie. "Im 21. Jahrhundert ist es aber definitiv an der Zeit, die Ausbeutung und den Missbrauch von Kindern zu beenden." Etwa 47.000 Kinder und Jugendliche dienen heute in ­Paraguay noch fremden Familien – und erfahren dort häufig sexuelle Gewalt.

Eine indigene Frau steht vor einem Hauseingang, neben ihr sind Palmen.

Musste wie eine Haussklavin arbeiten und hatte Glück im Unglück: Tina Alvarenga.

Oft betrifft dies auch indigene Mädchen, die zur verwundbarsten Gruppe der paraguayischen Gesellschaft zählen. "Leider werden indigene Mädchen in Paraguay nicht geschützt – sie werden oft überfallen, vergewaltigt und getötet", sagt Bernarda Pesoa aus Santa Rosa, einem Dorf, in dem Angehörige der indigenen Qom leben. "Wenn unsere Töchter mit dem Bus von der Schule kommen, werden sie deshalb immer von Erwachsenen an der Bushaltestelle abgeholt", sagt Pesoa, die Mitglied der Organisation der ländlichen und indigenen Frauen (Conamuri) ist.

Korrupte Justiz

Im Juni 2020 wurde ein zwölfjähriges Mädchen aus der indigenen Gemeinschaft Arroyo Cora tot aufgefunden – es wurde zuvor vergewaltigt. "Es gab Proteste im ganzen Land, doch dann legte sich die Empörung, und man tat so, als sei nichts gewesen", sagt Pesoa. "Es gibt keine Gerechtigkeit in Paraguay: Der Staat tut nichts, um indigene Mädchen zu schützen. Ob sexuelle Gewalt oder Mord, die Fälle kommen nur selten vor Gericht und enden fast nie mit der Verurteilung der Täter."

Menschen, die für Menschenrechte eintreten, werden von der radikalen Rechten und religiösen Fanatikern bedroht.

Rosalía
Vega
Amnesty International Paraguay

Indigene erfahren in Paraguay kaum Schutz. Großgrund­besitzer und Agrarkonzerne versuchen immer wieder, sie von ­ihrem Land zu vertreiben – oft auch mit Gewalt. "Unsere Leute fliehen in die Stadt, Frauen betteln dort mit Babys in ihren Armen um Geld, Jungen putzen an den Kreuzungen Windschutzscheiben von Autos, Mädchen gehen auf den Strich", sagt Pesoa.

Doch haben sich indigene Bevölkerungsgruppen in den vergangenen Jahren zunehmend organisiert, um ihre Rechte einzufordern. Sie werden dabei auch von anderen gesellschaftlichen Gruppen unterstützt. "Der Kampf ist allerdings nicht leicht", sagt Rosalía Vega von Amnesty International in Paraguay. "Menschen, die für Menschenrechte eintreten, werden von der radikalen Rechten und religiösen Fanatikern bedroht." Vor dem Büro der Menschenrechtsorganisation fanden schon oft Proteste der Ultrarechten statt. "Sie warfen uns vor, Abtreibung und Perversion zu fördern, da wir gesellschaftliche Änderungen fordern und uns für die Rechte der Minderheiten einsetzen."

Amnesty Paraguay versucht Betroffenen auch vor Gericht beizustehen. "Die Justiz ist hier sehr langsam, teuer und oft korrupt", sagt Vega. "Prozesse wegen sexueller Gewalt an Kindern dauern nicht selten vier bis fünf Jahre." Viele Familien geben vorzeitig auf, um die Kinder nicht weiter zu traumatisieren. Und nur ganz wenige Täter werden verurteilt.
"Wir müssen dieser Straflosigkeit in unserem Land ein Ende setzen", sagt Felipa Díaz, die seit Stunden auf der Treppe vor dem Parlament in Asunción ausharrt. "Es wird dauern, aber ­steter Tropfen höhlt bekanntlich den Stein."

Andrzej Rybak ist freier Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International oder der Redaktion wieder.

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