Amnesty Journal China 03. März 2026

China: 75 Jahre lang auf der Flucht

Ein chinesischer Mann sitzt in einer Wohnküche und isst etwas mit Stäbchen, neben ihm ein Wasserkocher, ein Esstisch, an der Wand Fotos und ein Regal.

Ein Schriftsteller muss im Gefängnis gewesen sein, findet Liao Yiwu (Berlin, 2019)

"Schreiben heißt entgiften" lautet das Motto des im Exil lebenden chinesischen Autors Liao Yiwu. Sein neues Buch handelt vom Widerstand gegen das Gefängnissystem Chinas und porträtiert 18 Gefangene.

Von Maik Söhler

Einen etwas verspäteten Beitrag zum 75-jährigen Bestehen der Volksrepublik China liefert der Schriftsteller Liao Yiwu mit seinem neuen Buch "18 Gefangene". Sein Jubiläumsbeitrag dürfte die Führung in Peking ärgern, denn der seit 2011 im Berliner Exil lebende Autor berichtet darin über jene Orte, die das mächtige Land gern vor der Welt verborgen halten würde: die Haftanstalten, Umerziehungslager und Zwangsarbeitsstätten. Liao Yiwu kennt sie jedoch aus eigener Anschauung – er wurde 1990 zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt. 

75 Jahre Volksrepublik werden bei ihm zu 75 Jahren hinter Gittern und Mauern, häufig ohne rechtlichen Schutz und oft auch ohne Kontakt zu Angehörigen. Von der Staatsgründung 1949 über die Gewaltorgie während der Kulturrevolution unter Mao Zedong und die folgenden repressiven Reform- und Neuausrichtungsphasen bis fast in die Gegenwart findet Liao Yiwu immer eine Person, die über die jeweilige Zeit aus der Haftperspektive erzählen kann. 

"Größtes Gefängnis der Welt"

Der Untertitel des Buchs "Fluchtgeschichten aus China, dem größten Gefängnis der Welt" ist auf den ersten Blick irreführend. Denn längst nicht alle Gespräche und Geschichten handeln von gelungener oder gescheiterter Flucht aus Haft oder Zwangsarbeit. Eine tiefere Lektüre macht jedoch klar, dass auch dort, wo nicht über Mauern geklettert wird, das Thema Flucht allgegenwärtig ist: Hier ein Rückzug ins eigene Innere angesichts täglicher Misshandlung, dort eine selbst beigebrachte Krankheit samt Klinikaufenthalt, um nicht zu verhungern. Die Verhältnisse in Chinas Gefängnissen sind ohne ein Mindestmaß an Eskapismus ­offenbar kaum zu ertragen. Selbst die Privilegien von Strafgefangenen, die eingesetzt werden, um andere zu überwachen und zu denunzieren, sind nur von kurzer Dauer: Auch der Überwacher wird überwacht, und der Denunziant ist oft der ­Erste, der ebenfalls denunziert wird.

"Ein Schriftsteller muss im Gefängnis gewesen sein", schreibt Liao Yiwu im Vorwort des literarischen Sachbuchs. Das Motto des Autors, "Schreiben heißt entgiften", macht verständlich, warum er sich derart intensiv mit der Gewalt in chinesischen Gefängnissen, inklusive Folter und Exekutionen, auf Hunderten Seiten auseinandersetzt, denen Tausende Stunden an Gesprächen und Textarbeit vorausgegangen sein müssen.

Jedes einzelne Kapitel vertieft unser Verständnis, wie brutal 75 Jahre Volksrepublik China für jene Millionen Menschen waren, die einen Teil dieser Zeit in Haft verbringen mussten – 22 Jahre etwa im Fall des Dichters Li Bifeng. Etwas mehr Kontext zur Geschichte Chinas und zum Wandel von Politik und Gesellschaft hätte den Gesprächen und Texten gut getan. Dennoch: Ein wichtiges Buch für alle, die die Menschenrechtslage in China kritisch beobachten.

Maik Söhler ist Chefredakteur des Amnesty Journals.

Liao Yiwu: 18 Gefangene. Fluchtgeschichten aus China, dem größten Gefängnis der Welt. Aus dem Chinesischen von Brigitte Höhenrieder und Hans Peter Hoffmann. S. Fischer, Frankfurt/M. 2025, 528 Seiten, 32 Euro.

Hier kannst Du Dich einsetzen für Aktivist*innen in Isolationshaft in China.

WEITERE BUCHTIPPS

Zwei von Tausenden

von Tanja Dückers



Mit ihrer "Erzählung von der dunklen Seite des Glücks" ist Isabelle Flükiger ein großer Wurf gelungen. Gebannt liest man die Geschichte von Gloria aus Kamerun und Mohammed aus Marokko, die als "Papierlose" in der Schweiz leben und sich der Schriftstellerin anvertraut haben.
Gloria floh mit ihren Kindern vor der Gewalt ihres Partners. Sie sollte sich prostituieren, um für ihre Unterbringung in der Schweiz zu zahlen. Mit Mühe gelang es ihr, Arbeit als Kindermädchen zu finden. Seit 15 Jahren lebt sie ohne gültigen Aufenthaltstitel in der Schweiz, getrennt von ihren Kindern, die bei ihrer Schwester in Kamerun aufwachsen. Deren Leben finanziert sie mit einem Einkommen unterhalb des Existenzminimums, immer der Willkür ihrer Chefin ausgesetzt.
Mohammeds Familie stürzte sich in den Ruin, damit er nach Europa gehen konnte. Der abgewiesene Asylbewerber arbeitet bis zu 14 Stunden am Tag für 1.000 Franken im Monat illegal auf dem Bau. Die Hälfte seines Lohns bezahlt er 
an einen "Marchand de sommeil", einen "Schlafhändler", für eine Matratze in einem Vierbettzimmer. Eine ganze Mafia profitiert von Menschen ohne gültige ­Papiere; als sich die Polizei dafür interessiert, wird Mohammed auf dem Bau von der Polizei aufgegriffen.
Gloria und Mohammed stehen ­stellvertretend für Tausende, die in der Schweiz illegal und ohne Sozialversicherung arbeiten. Isabelle Flükiger gibt nicht nur ihre Lebensläufe in literarisch verdichteter Form wieder, sie hat auch Ge­setzestexte studiert und mit Behörden, Rechtsbeiständen, Arbeitgeber*innen und der Polizei gesprochen. Herausgekommen ist eine gründlich recherchierte, kluge Dokufiktion über das Leben derer, die so gut wie keine Lobby haben, ohne die das wirtschaftliche Leben in der Schweiz und in anderen europäischen Ländern aber nicht funktionieren würde.

Isabelle Flükiger: Gloria. Mohammed. Eine Erzählung von der dunklen Seite des Glücks. Aus dem Französischen von Ruth Gantert, Rotpunkt Verlag, Zürich 2025, 
168 Seiten, 24 Euro.

Ringen ums Verstehen

von Till Schmidt

Wenn Menschen nachts oder tagsüber mit den Zähnen knirschen, dann heißt das im medizinischen Fachjargon "Bruxismus". Dabei wirken enorme Kräfte: bis zu 400 Kilogramm lasten auf den Zähnen und ihrem Halteapparat. Das Zähneknirschen schädigt den Zahnschmelz und kann zu Verspannungen der Kiefergelenke und zu Kopf- und Nackenschmerzen führen. Oft ist das Zähneknirschen Ausdruck von Stress, innerem Chaos oder unverarbeiteten Traumata. 
Auch die Erzählerin von Jehona Kicajs autobiografisch geprägtem Roman "ë" leidet unter Bruxismus. Mit ihrer Familie ist sie kurz vor dem Ausbruch des Kriegs 1998 aus dem Kosovo geflüchtet. Ihre ­Ankunft in Deutschland geht mit einem Verstummen einher: In ihrer gesamten Grundschulzeit meldet sie sich kein einziges Mal. Es ist für sie lange unvorstellbar, Dinge zu tun, die auch nur den Anschein erwecken, als würde sie auffallen. 
Während des Studiums begegnet die Protagonistin ihrem späteren Freund, der ihre auffällige Art des Deutsch-Sprechens, ihre markante Tonhöhe und Redegeschwindigkeit, den eigenen Sprachrhythmus und die vielen seltenen, wiederkehrenden Worte und Wendungen kommentiert: "Bei dir klingt alles so perfektioniert." Doch hinter dem Anschein von Souveränität rumort etwas, das die Protagonistin allenfalls bruchstückhaft begreift – bis sie beginnt, ihrer eigenen Geschichte nachzuspüren. Eine wichtige Rolle spielt dabei eine Forensikerin, die die Identität von Kriegstoten anhand ihrer Gebisse feststellt und sich als "Übersetzer der Sprache des Skeletts" versteht.
Das Ringen ums Verstehen und Mitteilen dieser Geschichte, die zwischen ­Kosovo und Deutschland spielt, ist zentral in Kicajs Debüt. Der Titel "ë" bezieht sich auf einen Buchstaben, der im Albanischen eine wichtige Funktion hat, obwohl er meist nicht ausgesprochen wird. Der Roman ist ein komplexer, politischer und persönlicher Text – mit einer ganz eigenen Sprache.

Jehona Kicaj: "ë". Wallstein Verlag, Göttingen 2025, 176 Seiten, 22 Euro.

Aus Angst wird Kraft

von Marlene Zöhrer


Gamze Kubaşık und Semiya Şimşek haben ihre eigene Geschichte als Jugendsachbuch herausgebracht. Ihr Ziel ist es, gegen das Vergessen und gegen Rassismus anzuschreiben. "Wir wollen, dass unsere Väter nicht vergessen werden. Und wir hoffen und wünschen uns, dass nie wieder eine Familie so etwas durchmachen muss. Wir hoffen dabei auch auf euch. Denn wir schaffen es nur gemeinsam. Wir dürfen nicht wegschauen, wir müssen Rassismus bekämpfen", erklären sie im Vorwort. Die Väter der Autorinnen wurden von Mitgliedern der rechtsextremen Terrororganisation NSU ermordet. Ihre Geschichte ist, so betonen sie, auch ein Stück deutsche Geschichte. Das trifft auf die Ermordung von Enver Şimşek (am 9. September 2000) und von Mehmet Kubaşık (am 4. April 2006) ebenso zu wie auf die Aufklärung und Aufarbeitung der Verbrechen. 
Mit Unterstützung der Journalistin Christine Werner erzählen die Töchter, was nach den Morden passierte – in Form von erinnernden Passagen und Chatverläufen. Erklärende Einschübe und Familienfotos ergänzen die unmittelbaren und emotionalen Erzählungen. Was Gamze Kubaşık und Semiya Şimşek berichten, ist erschütternd. Nicht zuletzt, weil deutlich wird, mit welchen Versäumnissen, Vorverurteilungen und welcher Ignoranz die Familien konfrontiert waren. "Elf Jahre wie im Zeitraffer. Die Vernehmungen, die Ängste, unsere Ohnmacht, die Qualen meiner Mutter, die Verdächtigungen, die Lügen, das Alleinsein, die Verantwortung. Ich würde so gern einfach nur erleichtert sein, dass sie die Mörder haben! Aber da ist plötzlich auch eine Angst, die mir die Luft zum Atmen nimmt." Das persönliche Erleben macht das Geschehen für die Lesenden greifbar und zeigt eindrücklich, warum aus diesen Erfahrungen der Wunsch und die Kraft erwachsen, sich gegen Rassismus einzusetzen. Ein wichtiges Sachbuch – nicht nur für Jugendliche.

Gamze Kubaşık, Semiya Şimşek mit Christine Werner: Unser Schmerz ist unsere Kraft. Neonazis haben unsere Väter ermordet. Fischer Sauerländer, Frankfurt/M. 2025, 192 S. ab 14 Jahren

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