"Wer protestiert, bezeugt": Wie soziale Bewegungen entstehen und wirken
Black lives matter: Antirassistischer Protest in Paris, Juni 2020
© Anne-Christine Poujoulat / AFP / Getty Images
Protest ist eines der wichtigsten Instrumente der Zivilgesellschaft, um Menschenrechte zu verteidigen. Doch wie entsteht der kollektive Funke, der Menschen auf die Straße treibt? Der Protestforscher Jannis Julien Grimm über Proteste und ihre Wirkung.
Interview: Julia Knichel
Warum werden Menschen Teil einer Protestbewegung?
Menschen schließen sich einer Bewegung an, weil sie ein Bedürfnis nach Veränderung antreibt, oft ausgelöst von Verstörung über das, was um sie herum geschieht. Dieses Gefühl muss nicht in Form von Wut sichtbar werden, es kann sich auch als stille Betroffenheit äußern. So entsteht eine Spannung zwischen eigenen Überzeugungen und dem, was man in der Gesellschaft wahrnimmt. Wenn persönliche Werte und Vorstellungen von Gerechtigkeit mit dem Handeln der Gesellschaft in Konflikt geraten, wird dieser Bruch spürbar – und kann zum Ausgangspunkt einer Bewegung werden.
Was braucht es, damit aus gesellschaftlicher Unzufriedenheit tatsächlich eine Bewegung entsteht?
Damit aus dieser Spannung eine Bewegung erwächst, braucht es Organisation. Menschen, die moralische Empörung in Worte fassen, Botschaften formulieren und wissen, wie man Proteste organisiert und Allianzen schmiedet. Um Protest zu verstehen, muss man zwischen strukturellen Ursachen und konkreten Auslösern unterscheiden. Strukturelle Ursachen sind der Nährboden: wachsende soziale Ungleichheit, der Ausschluss bestimmter Gruppen, Stigmatisierung oder mangelnde politische Repräsentation. Diese Faktoren prägen das gesellschaftliche Klima und sind Indikatoren dafür, dass etwas falsch läuft. Man kann das mit einem Buschfeuer vergleichen: Wir kennen die Bedingungen und Faktoren, die den Verlauf beeinflussen, wissen aber nicht, wann es ausbricht oder welche Wucht es entfaltet. Erst ein spezifisches Ereignis, ein Trigger, entzündet den trockenen Boden, und Wind verleiht dem Feuer zusätzliche Kraft. Ähnlich ist es bei Protesten. Ein Missstand, ein Skandal, ein Gewaltereignis: Solche Auslöser können eine Bewegung in Gang bringen.
Welche Beispiele aus der Vergangenheit hatten solche Auslöser?
In der Forschung sprechen wir von "Moral-Shock-Events". Das sind Momente, die Menschen so stark emotional erschüttern, dass sie plötzlich nicht mehr zuschauen können. Häufig handelt es sich dabei um Gewaltereignisse – wie zum Beispiel die Ermordung von George Floyd in den USA oder von Jina Mahsa Amini im Iran. Einzelne Personen werden zu einem symbolischen Kristallisationspunkt.
Jannis Grimm forscht zum Zusammenhang von politischer Gewalt und sozialen Bewegungen
© M. Bender
Welche Bedeutung haben Leitfiguren für soziale Bewegungen?
Es kann große Vorteile haben, wenn Bewegungen Gesichter haben, die Sympathien kanalisieren können. Ein Beispiel dafür ist Greta Thunberg, also ein Mensch, der für die Bewegung spricht und sie mitprägt. Manche geraten unfreiwillig in solche Rollen, wie bei der Letzten Generation, wo Einzelne zufällig zu Sprecher*innen wurden – und dadurch zur Zielscheibe öffentlicher Anfeindungen.
Weltweit geraten Proteste unter Druck, auch in Demokratien. Vor welchen Herausforderungen steht die Zivilgesellschaft?
Zivilgesellschaftliches Engagement ist zunehmend mit Repressionen, Einschränkungen und Überwachung konfrontiert. Proteste werden häufiger kriminalisiert, Demonstrationen präventiv verboten oder durch übermäßige Polizeigewalt unterdrückt. Dabei ist die Mehrheit der Proteste in Demokratien zivil, geordnet und gesetzlich legitimiert. In Deutschland, Österreich der Schweiz werden die meisten Demonstrationen angemeldet, sie sind legal und transparent. Es gibt Ansprechpersonen, klare Strukturen und nur selten spontane "wilde" Aktionen.
Was zeichnet die Gaza-Proteste aus?
Sie sind kein neues Phänomen. Transnationale Mobilisierungen im Kontext von Massengewalt hat es immer gegeben – bei Kriegen, Massakern oder Genoziden. Schon in früheren Fällen entzündeten sich die Proteste stark an der empfundenen Mitverantwortung der eigenen Regierungen an Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen. Neu ist ihre Größe, Reichweite und Ausdauer. Auffällig ist zudem, dass die aktuellen Proteste dezentraler organisiert sind und stark von Communities getragen werden. Sie sprechen die Sprache des Völkerrechts und rücken normative Leitbilder in den Vordergrund. Prinzipien also, die in den europäischen Verfassungen, in internationalen Abkommen und in der UN-Charta verankert sind. Aktivist*innen der Gaza-Proteste berichten von einer deutlichen Zunahme von Gewaltanwendung durch die Polizei, auch meine Forschung bestätigt das. Ein Beispiel sind sogenannte Schmerzgriffe, Würgegriffe oder Schläge gegen am Boden liegende Personen.
Wieso werden Proteste als etwas Störendes wahrgenommen? Weshalb polarisieren sie so stark?
Protest wirkt für viele zunächst radikal, als würde er den normalen Ablauf der Demokratie stören. Darum wird auch ein Großteil von Repression dadurch legitimiert, dass man soziale Bewegungen pauschal als demokratie- oder verfassungsfeindlich abstempelt. Im Zusammenhang mit Protest wird oft das Bild von "jungen, irrationalen Menschen" gezeichnet, weil die es sind, die gegen Missstände aufstehen. Dabei wird oft übersehen, dass Protest eng mit konstruktiven und kreativen Prozessen verbunden ist und er seine Kraft im Zusammenspiel mit anderen Formen gesellschaftlichen Engagements entfaltet. Protest, vom lateinischen "protestari", bedeutet so viel wie "etwas bezeugen". Wer protestiert, bezeugt etwas – nicht nur gegen, sondern auch für eine Sache.
Warum verlieren manche Bewegungen wieder an Bedeutung?
Im besten Fall macht sich eine Bewegung durch ihren eigenen Erfolg überflüssig – ein Phänomen, das die Forschung "Issue Depletion" nennt. Bedeutungsverlust kann auch eintreten, wenn Politik oder andere Gruppen das Thema übernehmen. Das mag hilfreich sein, ist aber zugleich eine Herausforderung, weil es die eigene Legitimation untergräbt, weiter auf die Straße zu gehen. Manchmal verlieren Proteste an öffentlicher Sympathie. Das bedeutet nicht automatisch ihr Scheitern. Entscheidend ist, ob sie Debatten anstoßen, Strukturen verändern oder langfristig politische Prozesse beeinflussen. Viele erfolgreiche Bewegungen waren umstritten oder verhasst. Studien zeigen, dass Klimaproteste das Bewusstsein für den Klimawandel deutlich erhöht haben – selbst dort, wo Aktivist*innen auf Ablehnung stießen.
Wie können wir als Gesellschaft dazu beitragen, dass Protest bestehen bleibt?
Eine Bewegung muss sich im Laufe der Zeit neu erfinden und ihre Forderungen anpassen, um bestehen zu können. Wir als Zivilgesellschaft können das unterstützen, indem wir Räume für Protest verteidigen, solidarische Netzwerke stärken und den Dialog auch dann suchen, wenn Positionen unbequem sind.
Julia Knichel ist Redakteurin des Amnesty Journals in Österreich.
ZUR PERSON
Lebt in Berlin, wo er zum Zusammenhang von politischer Gewalt und sozialen Bewegungen forscht. Er leitet die Forschungsgruppe "Radical Spaces" am Zentrum für interdisziplinäre Friedens- und Konfliktforschung der Freien Universität Berlin und ist zudem Mitglied des Instituts- für Protest und Bewegungsforschung (ipb).