Venezuela: Trotz Erdbeben - Hunderte weiter zu Unrecht in Haft

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Das Foto zeigt mehrere Personen mit Kerzen und Plakaten. Auf den Treppenstufen vor ihnen haben sie Fotos von Inhaftierten platziert.

Angehörige von politischen Gefangenen protestieren vor einem Gefängnis in Venezuelas Hauptstadt Caracas (20. Februar 2026)  

Während die verheerenden Folgen der Erdbeben vom 24. Juni immer deutlicher zutage treten, sind weiterhin Hunderte Menschen aus politischen Gründen willkürlich inhaftiert. Berichten zufolge wurde die Haftanstalt "Rodeo I" schwer beschädigt. Zudem gibt es Hinweise auf Gewalt gegen Gefangene bis hin zu Folter. Einige Inhaftierte sollen sogar Opfer des Verschwindenlassens geworden sein.

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Sehr geehrter Herr Generalstaatsanwalt,

Angehörige von Menschen, die im Gefängnis "Rodeo I" im Bundesstaat Miranda inhaftiert sind, berichteten Amnesty International, dass Sicherheitskräfte nach den Erdbeben massive Gewalt gegen Gefangene eingesetzt haben. Demnach kamen innerhalb der Haftanstalt Gummigeschosse, Schrotmunition und Tränengas zum Einsatz. Sollten sich diese Vorwürfe bestätigen, könnten sie Folter oder andere Formen der Misshandlung darstellen. Ähnliche Berichte wurden auch von der Nichtregierungsorganisation CLIPPVE dokumentiert. Sie bewertet das Vorgehen als Vergeltungsmaßnahme gegen Gefangene, die auf die durch die Erdbeben verursachten Schäden sowie auf schwer verletzte Mithäftlinge aufmerksam gemacht hatten. Laut Angaben von Angehörigen ist der Verbleib von mindestens sieben Inhaftierten unbekannt – sie könnten Opfer des Verschwindenlassens geworden sein. 

Angesichts der verheerenden Auswirkungen der Erdbeben vom 24. Juni müssen die venezolanischen Behörden ihren Menschenrechtsverpflichtungen sowie den humanitären Grundsätzen der Menschlichkeit, Unparteilichkeit, Neutralität und Unabhängigkeit uneingeschränkt nachkommen. Die anhaltende willkürliche Inhaftierung Hunderter Menschen lässt sich unter diesen Umständen nicht rechtfertigen. Die Forderungen von Angehörigen, Communities und zivilgesellschaftlichen Organisationen nach Schutz und Freilassung der Betroffenen müssen gehört werden.

In den letzten Jahren hat Amnesty International die Haftbedingungen im Gefängnis "Rodeo I" sowie die Behandlung der Inhaftierten als potenzielle Folter und als andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung angeprangert. Außerdem ist es äußerst besorgniserregend, dass willkürliche Inhaftierungen in Venezuela oft auch mit anderen schweren Menschenrechtsverletzungen einhergehen. Dies gilt beispielsweise für Jorgen Guanares, dessen Schicksal und Verbleib seit August 2024 unbekannt sind, sowie für Emirlendris Benítez und Juan Carlos Marrufo, denen derzeit eine angemessene medizinische Versorgung verweigert wird, obwohl sie diese dringend benötigen.

Ich fordere Sie auf, für die sofortige Freilassung aller willkürlich Inhaftierten zu sorgen. Insbesondere angesichts der humanitären Krise, die durch die jüngsten Erdbeben noch verschärft wurde, muss im Gewahrsam des Staates das Leben aller inhaftierten Personen geschützt werden. Ihr Verbleib und Schicksal müssen bekannt gegeben werden, ihre medizinische Versorgung muss gewährleistet sein, und sie müssen Familienbesuch erhalten dürfen.

Mit freundlichen Grüßen

Mr Attorney General, 

In the midst of the terrible impact caused by the earthquakes that hit Venezuela on 24 June, the Venezuelan authorities must fully comply with their human rights obligations, as well as with the humanitarian principles of humanity, impartiality, neutrality, and independence. Today, more than ever, there can be no excuse or delay in releasing all those arbitrarily detained in Venezuela.

I extend my sincere solidarity with all those affected by the earthquakes, as well as with the families, communities and civil society organizations who demand the protection and release of all those arbitrarily detained, in the face of the devastating effects of the June earthquakes. Their resilience and solidarity cannot be overstated. I condemn the accounts from relatives of individuals held in the 'Rodeo I’ prison that denounce the use of force against detainees in the aftermath of the earthquakes. Specifically, the reports that claim officers shot pellets and tear gas against detainees are horrifying. These acts could constitute torture and ill treatment. Other reports of individuals who might have been forcibly disappeared are also profoundly concerning.

In recent years, Amnesty International has denounced the conditions in 'Rodeo I’ and acts committed against individuals held there as potential acts of torture and other cruel, inhuman and degrading treatment. In addition to torture and ill treatment, it is hugely concerning that arbitrary detention in Venezuela is all too often also connected to other grave human rights violations, including enforced disappearance, like the case of Jorgen Guanares, whose fate and whereabouts have been unknown since August 2024, and of Emirlendris Benítez and Juan Carlos Marrufo, who are currently being denied adequate medical care despite suffering an urgent need for it.

I call on you to ensure the immediate release of all those arbitrarily detained in Venezuela. While in custody of the state, and particularly amidst the humanitarian crisis deepened by the recent earthquakes, every detainee must see their life protected, their fate and whereabouts known, and be granted adequate medical care and family visits. 

Your sincerely,

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Appell an

Larry Devoe
Attorney General
Edificio Ministerio Público, PB
Av. Urdaneta, esquinas de Ánimas a Platanal
Caracas
VENEZUELA

Sende eine Kopie an

Botschaft der Bolivarischen Republik Venezuela
Herrn Vartkes Martin Saatdjian Castellanos
Gesandter-Botschaftsrat
Lietzenburger Str. 107
10707 Berlin
Fax: 030 – 83 22 40 20
E-Mail: embavenez.berlin@botschaft-venezuela.de
oder embavenez.movil@gmail.com

Amnesty fordert:

  • Ich fordere Sie auf, für die sofortige Freilassung aller willkürlich Inhaftierten zu sorgen. 
  • Insbesondere angesichts der humanitären Krise, die durch die jüngsten Erdbeben noch verschärft wurde, muss im Gewahrsam des Staates das Leben aller inhaftierten Personen geschützt werden. Ihr Verbleib und Schicksal müssen bekannt gegeben werden, ihre medizinische Versorgung muss gewährleistet sein, und sie müssen Familienbesuch erhalten dürfen.

Sachlage

Angehörige von Menschen, die im Gefängnis "Rodeo I" im Bundesstaat Miranda inhaftiert sind, berichteten Amnesty International, dass Sicherheitskräfte nach den Erdbeben massive Gewalt gegen Gefangene eingesetzt haben. Demnach kamen innerhalb der Haftanstalt Gummigeschosse, Schrotmunition und Tränengas zum Einsatz. Sollten sich diese Vorwürfe bestätigen, könnten sie Folter oder andere Formen der Misshandlung darstellen. Ähnliche Berichte wurden auch von der Nichtregierungsorganisation CLIPPVE dokumentiert. Sie bewertet das Vorgehen als Vergeltungsmaßnahme gegen Gefangene, die auf die durch die Erdbeben verursachten Schäden sowie auf schwer verletzte Mithäftlinge aufmerksam gemacht hatten. Laut Angaben von Angehörigen ist der Verbleib von mindestens sieben Inhaftierten unbekannt – sie könnten Opfer des Verschwindenlassens geworden sein. 

Angesichts der verheerenden Auswirkungen der Erdbeben vom 24. Juni müssen die venezolanischen Behörden ihren Menschenrechtsverpflichtungen sowie den humanitären Grundsätzen der Menschlichkeit, Unparteilichkeit, Neutralität und Unabhängigkeit uneingeschränkt nachkommen. Die anhaltende willkürliche Inhaftierung Hunderter Menschen lässt sich unter diesen Umständen nicht rechtfertigen. Die Forderungen von Angehörigen, Communities und zivilgesellschaftlichen Organisationen nach Schutz und Freilassung der Betroffenen müssen gehört werden.

In den letzten Jahren hat Amnesty International die Haftbedingungen im Gefängnis "Rodeo I" sowie die Behandlung der Inhaftierten als potenzielle Folter und als andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung angeprangert. Außerdem ist es äußerst besorgniserregend, dass willkürliche Inhaftierungen in Venezuela oft auch mit anderen schweren Menschenrechtsverletzungen einhergehen. Dies gilt beispielsweise für Jorgen Guanares, dessen Schicksal und Verbleib seit August 2024 unbekannt sind, sowie für Emirlendris Benítez und Juan Carlos Marrufo, denen derzeit eine angemessene medizinische Versorgung verweigert wird, obwohl sie diese dringend benötigen.

Hintergrundinformation

Hintergrund

Am Nachmittag des 24. Juni 2026 erschütterten zwei Erdbeben den Norden Venezuelas mit einer Stärke von jeweils 7,2 und 7,5 auf der Richterskala. Von den Erdbeben waren vor allem dicht besiedelte Bundesstaaten betroffen, darunter La Guaira, Caracas, Carabobo, Falcón, Aragua, Miranda und Yaracuy. Nach offiziellen Angaben vom 12. Juli waren mindestens 4.561 Menschen ums Leben gekommen, 16.740 wurden verletzt und 17.907 hatten ihr Zuhause verloren. Hunderte Wohnblocks und andere Gebäude sind eingestürzt oder haben strukturelle Schäden davongetragen. Es wird davon ausgegangen, dass diese Zahlen nicht das gesamte Ausmaß der durch die Erdbeben verursachten menschlichen und materiellen Schäden widerspiegeln. Berichten zufolge werden noch immer Tausende vermisst. Der Zugang zu Informationen ist nach Jahren staatlich geförderter Zensur und einer Politik der Unterdrückung nach wie vor eingeschränkt.

Am 25. Juni veröffentlichte Amnesty International eine Pressemitteilung, in der die Organisation vor den verheerenden Auswirkungen warnte, die diese Erdbeben auf die Menschen in Venezuela haben dürften – vor dem Hintergrund einer seit einem Jahrzehnt andauernden komplexen humanitären Notlage, einer systematischen Politik der Unterdrückung und, was besonders schwerwiegend ist, eines zusammengebrochenen Gesundheitssystems. Am 30. Juni veröffentlichte Amnesty International eine Urgent Action, in der eine menschenrechtskonforme und diskriminierungsfreie Katastrophenhilfe gefordert wird. 

Zwischen Dezember 2025 und Mai 2026 haben die venezolanischen Behörden langsam und sporadisch einige willkürlich Inhaftierte freigelassen, die meisten mit Auflagen und unter Aufrechterhaltung der strafrechtlichen Ermittlungen oder Anklagen gegen sie. So auch die beiden gewaltlosen politischen Gefangenen und Menschenrechtsverteidiger Javier Tarazona und Carlos Julio Rojas. Am 6. Juli waren nach Angaben der venezolanischen NGO Foro Penal noch immer mindestens 372 Menschen aus politischen Gründen willkürlich inhaftiert, wobei andere lokale NGOs wie Justicia, Encuentro y Perdón zum 13. Juli eine Zahl von 518 angeben.

Seit 2020 haben Berichte der unabhängigen internationalen Untersuchungsmission der UN für die Bolivarische Republik Venezuela (FFM) Hunderte Fälle von außergerichtlichen Hinrichtungen, Verschwindenlassen, willkürlichen Inhaftierungen, Folter und anderer grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung, die seit 2014 im Land begangen wurden, dokumentiert. Ebenfalls belegen die Berichte die Art und Weise, in der das Justizsystem als Instrument für die Unterdrückungspolitik der Regierung dient, und kommen zu dem Schluss, dass einige dieser internationalen Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen. Die Regierung fährt damit seit Langem eine repressive und auf Schikane, Strafverfolgung und Zensur beruhende Linie gegen Aktivist*innen und zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich für den Schutz der Rechte der Venezolaner*innen einsetzen. In Venezuela herrscht derweil eine komplexe humanitäre und menschenrechtliche Krise, die dazu geführt hat, dass so viele Menschen wie nie zuvor das Land verlassen haben, um im Ausland Schutz zu suchen. Bis Mai 2025 waren 7,9 Millionen Menschen aus Venezuela geflohen.

Seit November 2021 führt die Anklagebehörde des Internationalen Strafgerichtshofs ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren zu der Lage in Venezuela durch und konzentriert sich dabei insbesondere auf von den Sicherheitskräften, zivilen Behörden und regierungstreuen Gruppen (Colectivos) mindestens seit April 2017 begangene Verbrechen gegen die Menschlichkeit wie "Inhaftierung und andere schwere Formen des Entzugs der körperlichen Freiheit; Folter; Vergewaltigung und andere Formen der sexualisierten Gewalt [sowie] Verfolgung aus politischen Gründen".