Venezuela: Trotz Erdbeben - Hunderte weiter zu Unrecht in Haft
Angehörige von politischen Gefangenen protestieren vor einem Gefängnis in Venezuelas Hauptstadt Caracas (20. Februar 2026)
© IMAGO / Anadolu Agency
Während die verheerenden Folgen der Erdbeben vom 24. Juni immer deutlicher zutage treten, sind weiterhin Hunderte Menschen aus politischen Gründen willkürlich inhaftiert. Berichten zufolge wurde die Haftanstalt "Rodeo I" schwer beschädigt. Zudem gibt es Hinweise auf Gewalt gegen Gefangene bis hin zu Folter. Einige Inhaftierte sollen sogar Opfer des Verschwindenlassens geworden sein.
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Appell an
Larry Devoe
Attorney General
Edificio Ministerio Público, PB
Av. Urdaneta, esquinas de Ánimas a Platanal
Caracas
VENEZUELA
Sende eine Kopie an
Botschaft der Bolivarischen Republik Venezuela
Herrn Vartkes Martin Saatdjian Castellanos
Gesandter-Botschaftsrat
Lietzenburger Str. 107
10707 Berlin
Fax: 030 – 83 22 40 20
E-Mail: embavenez.berlin@botschaft-venezuela.de
oder embavenez.movil@gmail.com
Amnesty fordert:
- Ich fordere Sie auf, für die sofortige Freilassung aller willkürlich Inhaftierten zu sorgen.
- Insbesondere angesichts der humanitären Krise, die durch die jüngsten Erdbeben noch verschärft wurde, muss im Gewahrsam des Staates das Leben aller inhaftierten Personen geschützt werden. Ihr Verbleib und Schicksal müssen bekannt gegeben werden, ihre medizinische Versorgung muss gewährleistet sein, und sie müssen Familienbesuch erhalten dürfen.
Sachlage
Angehörige von Menschen, die im Gefängnis "Rodeo I" im Bundesstaat Miranda inhaftiert sind, berichteten Amnesty International, dass Sicherheitskräfte nach den Erdbeben massive Gewalt gegen Gefangene eingesetzt haben. Demnach kamen innerhalb der Haftanstalt Gummigeschosse, Schrotmunition und Tränengas zum Einsatz. Sollten sich diese Vorwürfe bestätigen, könnten sie Folter oder andere Formen der Misshandlung darstellen. Ähnliche Berichte wurden auch von der Nichtregierungsorganisation CLIPPVE dokumentiert. Sie bewertet das Vorgehen als Vergeltungsmaßnahme gegen Gefangene, die auf die durch die Erdbeben verursachten Schäden sowie auf schwer verletzte Mithäftlinge aufmerksam gemacht hatten. Laut Angaben von Angehörigen ist der Verbleib von mindestens sieben Inhaftierten unbekannt – sie könnten Opfer des Verschwindenlassens geworden sein.
Angesichts der verheerenden Auswirkungen der Erdbeben vom 24. Juni müssen die venezolanischen Behörden ihren Menschenrechtsverpflichtungen sowie den humanitären Grundsätzen der Menschlichkeit, Unparteilichkeit, Neutralität und Unabhängigkeit uneingeschränkt nachkommen. Die anhaltende willkürliche Inhaftierung Hunderter Menschen lässt sich unter diesen Umständen nicht rechtfertigen. Die Forderungen von Angehörigen, Communities und zivilgesellschaftlichen Organisationen nach Schutz und Freilassung der Betroffenen müssen gehört werden.
In den letzten Jahren hat Amnesty International die Haftbedingungen im Gefängnis "Rodeo I" sowie die Behandlung der Inhaftierten als potenzielle Folter und als andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung angeprangert. Außerdem ist es äußerst besorgniserregend, dass willkürliche Inhaftierungen in Venezuela oft auch mit anderen schweren Menschenrechtsverletzungen einhergehen. Dies gilt beispielsweise für Jorgen Guanares, dessen Schicksal und Verbleib seit August 2024 unbekannt sind, sowie für Emirlendris Benítez und Juan Carlos Marrufo, denen derzeit eine angemessene medizinische Versorgung verweigert wird, obwohl sie diese dringend benötigen.
Hintergrundinformation
Am Nachmittag des 24. Juni 2026 erschütterten zwei Erdbeben den Norden Venezuelas mit einer Stärke von jeweils 7,2 und 7,5 auf der Richterskala. Von den Erdbeben waren vor allem dicht besiedelte Bundesstaaten betroffen, darunter La Guaira, Caracas, Carabobo, Falcón, Aragua, Miranda und Yaracuy. Nach offiziellen Angaben vom 12. Juli waren mindestens 4.561 Menschen ums Leben gekommen, 16.740 wurden verletzt und 17.907 hatten ihr Zuhause verloren. Hunderte Wohnblocks und andere Gebäude sind eingestürzt oder haben strukturelle Schäden davongetragen. Es wird davon ausgegangen, dass diese Zahlen nicht das gesamte Ausmaß der durch die Erdbeben verursachten menschlichen und materiellen Schäden widerspiegeln. Berichten zufolge werden noch immer Tausende vermisst. Der Zugang zu Informationen ist nach Jahren staatlich geförderter Zensur und einer Politik der Unterdrückung nach wie vor eingeschränkt.
Am 25. Juni veröffentlichte Amnesty International eine Pressemitteilung, in der die Organisation vor den verheerenden Auswirkungen warnte, die diese Erdbeben auf die Menschen in Venezuela haben dürften – vor dem Hintergrund einer seit einem Jahrzehnt andauernden komplexen humanitären Notlage, einer systematischen Politik der Unterdrückung und, was besonders schwerwiegend ist, eines zusammengebrochenen Gesundheitssystems. Am 30. Juni veröffentlichte Amnesty International eine Urgent Action, in der eine menschenrechtskonforme und diskriminierungsfreie Katastrophenhilfe gefordert wird.
Zwischen Dezember 2025 und Mai 2026 haben die venezolanischen Behörden langsam und sporadisch einige willkürlich Inhaftierte freigelassen, die meisten mit Auflagen und unter Aufrechterhaltung der strafrechtlichen Ermittlungen oder Anklagen gegen sie. So auch die beiden gewaltlosen politischen Gefangenen und Menschenrechtsverteidiger Javier Tarazona und Carlos Julio Rojas. Am 6. Juli waren nach Angaben der venezolanischen NGO Foro Penal noch immer mindestens 372 Menschen aus politischen Gründen willkürlich inhaftiert, wobei andere lokale NGOs wie Justicia, Encuentro y Perdón zum 13. Juli eine Zahl von 518 angeben.
Seit 2020 haben Berichte der unabhängigen internationalen Untersuchungsmission der UN für die Bolivarische Republik Venezuela (FFM) Hunderte Fälle von außergerichtlichen Hinrichtungen, Verschwindenlassen, willkürlichen Inhaftierungen, Folter und anderer grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung, die seit 2014 im Land begangen wurden, dokumentiert. Ebenfalls belegen die Berichte die Art und Weise, in der das Justizsystem als Instrument für die Unterdrückungspolitik der Regierung dient, und kommen zu dem Schluss, dass einige dieser internationalen Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen. Die Regierung fährt damit seit Langem eine repressive und auf Schikane, Strafverfolgung und Zensur beruhende Linie gegen Aktivist*innen und zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich für den Schutz der Rechte der Venezolaner*innen einsetzen. In Venezuela herrscht derweil eine komplexe humanitäre und menschenrechtliche Krise, die dazu geführt hat, dass so viele Menschen wie nie zuvor das Land verlassen haben, um im Ausland Schutz zu suchen. Bis Mai 2025 waren 7,9 Millionen Menschen aus Venezuela geflohen.
Seit November 2021 führt die Anklagebehörde des Internationalen Strafgerichtshofs ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren zu der Lage in Venezuela durch und konzentriert sich dabei insbesondere auf von den Sicherheitskräften, zivilen Behörden und regierungstreuen Gruppen (Colectivos) mindestens seit April 2017 begangene Verbrechen gegen die Menschlichkeit wie "Inhaftierung und andere schwere Formen des Entzugs der körperlichen Freiheit; Folter; Vergewaltigung und andere Formen der sexualisierten Gewalt [sowie] Verfolgung aus politischen Gründen".