Amnesty Journal Kolumbien 16. Juni 2021

Verschleppt, nicht vergessen

Schwarzweißes Wandgemälde, das wie ein Mosaik angeordnet ist und verschiedene Gesichter von Opfern paramilitärischer und staatlicher Gewalt in Kolumbien zeigt.

Wenn Wände sprechen: Kolumbianische Murals, die an Opfer von staatlicher und paramilitärischer Gewalt erinnern.

Der Schriftsteller Erik Arellana Bautista unterstützt in Kolumbien die Hinterbliebenen von Verschwundenen und Ermordeten. Er gibt den Trauernden eine Stimme, auch dank gemeinsamer Erinnerungsarbeit.

Von Cornelia Wegerhoff

Die Bilder zeigen einen Platz in der Innenstadt von Bogotá. Weiße Grablichter brennen. Menschen in schwarzer Trauerkleidung haben sich versammelt. Auf rotbraunen Pflastersteinen liegen in Dutzenden Reihen die Fotos von Ermordeten. "Quién dio la orden?", wird zwischen den Bildern auf signalgelben Plakaten gefragt. "Wer gab den ­Befehl?" Es ist der 6. März 2021, in Kolumbien der nationale ­Gedenktag für die Würde der Opfer von Staatsverbrechen.

"Ein Tag gegen das Vergessen", sagt Erik Arellana Bautista in einem Videogespräch. Der Schriftsteller und Journalist ist Mitglied des Verbands Movice, dessen mehr als 200 Organisationen sich für die Opfer von staatlicher und paramilitärischer Gewalt einsetzen und den Gedenktag organisieren. Überall im Land gibt es Aktionen. In der Hauptstadt Bogotá entstehen Graffiti, so knallgelb wie die Poster bei der Mahnwache, nicht zu übersehen, freut sich Arellana Bautista. "Die Graffiti zeigen die Verantwortlichen für die mindestens 6.402 Todesfälle aus der Zeit von 2002 bis 2008", berichtet der 46-Jährige. Damals hatten Soldaten der kolumbianischen Armee Zivilisten umgebracht, um deren Leichen als vermeintliche Guerilla-Kämpfer zu präsentieren. Für ihren "Erfolg" heimsten sie Prämien und Beförderungen ein. Der Massenmord ist als sogenannter "Falsos-Positivos-Skandal" bekannt. In der überwiegenden Zahl der Fälle wurden die Täter weder offiziell ermittelt noch bestraft. Die meisten Befehlshaber wurden gar erst nicht vor Gericht gestellt, klagt Arellana Bautista. Die Hinterbliebenen kämpfen immer noch um die Identifizierung und Herausgabe der sterblichen Überreste sowie um die Rehabilitierung der Todesopfer.

Erik Arellana Bautista hält aus Anlass des Gedenktags eine Lesung. In seinen Gedichten und Kurzgeschichten fasst er den Schmerz der Angehörigen, die Ohnmacht, der sie über Jahre und Jahrzehnte ausgeliefert sind, in Worte. Um sie herum ­werden "Muros del silencios", "Mauern der Stille" errichtet, schreibt der Kolumbianer. Er fordert auf, sie einzureißen.

Mauern des Schweigens

Stein auf Stein und sie wollen uns
trennen.
Felsen auf Felsen und verlangen
das Schweigen,
Gräber im Freien, außerhalb des
Friedhofs,
Wahnsinn, der das Universum
herausfordert.

Unerschöpfliche Tränen auf nicht
beerdigten Leichen,
Pläne für Stimmen und Blicke, die
Lichter und Blitze miteinander verflechten,
Grenzen, geplant mit Verboten, Fallen
und Strafen.

Riss, geöffnet in der Zeit,
Entfernung, den Versen widrig,
gemeinsames Wort jedes Traums
und das Bersten der Mauern des
Schweigens.

Erik Arellana
Bautista
kolumbianischer Schriftsteller (Übersetzung: Lars Stubbe)

Auch Arellana Bautista trägt an diesem 6. März schwarze Kleidung. Nur auf seinem T-Shirt prangt eine Schwarz-Weiß-Aufnahme. Zu sehen ist eine Frau mit einem kleinen Jungen auf dem Arm. Sie hat das gleiche breite, fröhliche Lachen wie der Schriftsteller. "Das ist meine Mama. Und der Kleine, das bin ich", sagt der Kolumbianer. Ihr zu Ehren hat er zusätzlich ihren Namen angenommen. Von ihr habe er gelernt, sich für Frieden und Gerechtigkeit stark zu machen.

Die Aktivistin Nydia Érika Bautista wurde 1987, am Tag von Eriks Erstkommunion, von Paramilitärs entführt. "Drei Jahre später haben wir ihre Leiche in einem Massengrab gefunden", sagt der Sohn. "Das weiße Kleid", heißt eine Graphic Novel, in der er die traumatischen Erlebnisse schildert. Das weiße Festtagskleid seiner Mutter lag neben ihren sterblichen Überresten.

Anwälte ermordet

Zwei der Anwälte, die damals im Auftrag der Familie vor Gericht gingen, wurden später ebenfalls ermordet. Einer von ihnen ist der bekannte Menschenrechtsanwalt Eduardo Umaña Mendoza. Movice hat den Platz in Bogotá nach ihm benannt, auf dem der Gedenktag am 6. März begangen wurde.

Erik Arellana Bautista erzählt das alles auf Deutsch. Der ­Kolumbianer hat in Kassel und Weimar audiovisuelle Kommunikation studiert. Nachdem er in Bogotá schon zu Beginn seines Journalismusstudiums angefangen hatte, Fälle des gewaltsamen Verschwindenlassens zu dokumentieren, war er auf eine Todesliste geraten und musste mit 21 Jahren erstmals das Land verlassen. In Deutschland begann er literarisch zu schreiben. Als ihm 2006 in Bogotá eine Stelle als Universitätsprofessor angeboten wurde, kehrte er in seine Heimat zurück und gründete eine Menschenrechtsstiftung, benannt nach seiner Mutter. Bald entstanden künstlerische Arbeiten wie das Projekt "Geomalla", eine städtische Erinnerungswerkstatt, und der Gedichtband "Transitos de un hijo al Alba". Darin setzt sich Arellana Bautista nicht nur mit dem eigenen Schicksal als Sohn einer Verschwundenen auseinander, sondern beschreibt die Geschichte eines Volkes ohne Namen. Während des über 50 Jahre dauernden Konfliktes in Kolumbien wurden mehr als 260.000 Menschen verschleppt, gefoltert, ermordet und meist namenlos verscharrt, mehr als 120.000 sind Movice zufolge immer noch vermisst.

Ein junger Mann mit Brille und V-Neck-T-Shirt blickt ernst in die Kamera.

Gegen das Vergessen: Der kolumbianische Künstler Erik Arellana Bautista.

Diese Erinnerungsarbeit ist wichtig, damit die Dinge sich nicht wiederholen.

Erik
Arellana Bautista
kolumbianischer Schriftsteller

Als Erik Arellana Bautista 2013 an einer Filmdokumentation über diese Opfer arbeitete, brachen Sicherheitskräfte in Bogotá in seine Wohnung ein, nahmen seine Kamera, den Computer und Speicherkarten mit. Er begegnete den Männern noch im Hausflur. "Das nächste Mal bringen wir Dich um", warnten sie ihn. Arellana Bautista flüchtete erneut nach Deutschland, dieses Mal mit Frau und Tochter. 2014 wurde er "Writers-in-Exile-Stipendiat" des deutschen PEN-Zentrums.

Wink des Schicksals

"Als wir im 30. August 2017 nach Bogotá zurückkehrten, war das zufällig der internationale 'Tag der Verschwundenen'", erzählt der Schriftsteller. Er nahm es als Wink des Schicksals und setzte trotz der Gefahr sein Engagement für die Opferfamilien fort. Inzwischen hat er zusammen mit anderen eine sogenannte "Kartografie des gewaltsamen Verschwindenlassens in Kolumbien" verfasst. Über 170 Karten und Dokumente informieren über Untersuchungsergebnisse, Zeugenaussagen oder Beispiele für aktiven Widerstand. Die Karten sind im Internet zu sehen und auch in einem Buch festgehalten. "Diese Erinnerungsarbeit ist wichtig, damit die Dinge sich nicht wiederholen", sagt Arellana Bautista. Denn trotz des Friedensvertrags von 2016 zwischen der Regierung und der FARC-Guerilla werden weiterhin Menschen verschleppt und ermordet. "Leider haben wir in Kolumbien noch keinen echten Frieden", meint der Autor.

Inzwischen hilft er den Hinterbliebenen auch mit Kulturprojekten, ihre Stimme selbst zu erheben. Manche erinnern an ihre Toten, indem sie ihre Porträts als Graffiti auf die Wände in der Nachbarschaft sprühen. Andere schreiben mit seiner Hilfe Song­texte, Gedichte oder Theaterstücke. "El Palacio arde", heißt etwa ein Stück, das sich gegen die Mächtigen Kolumbiens in Politik und Justiz richtet. Mutig treten in ihm Witwen, Mütter, Schwestern und Töchter von Todesopfern auf die Bühne.

Die aktive kulturelle Erinnerungsarbeit helfe den Hinterbliebenen, sich aus der jahrelangen Passivität zu befreien, in die sie zuvor von den Behörden gedrängt wurden, sagt Erik Arellana Bautista.

Die Graffiti mit den Verantwortlichen für die mindestens 6.402 Todesfälle aus der Zeit von 2002 bis 2008 wurden schon kurz nach dem 6. März wieder zerstört, schreibt der Schriftsteller später aus Bogotá. Die Stimmen der Angehörigen werde ­dennoch niemand zum Schweigen bringen.

Kartografie und Kulturprojekte: www.desaparicionforzada.com

Cornelia Wegerhoff ist freie Journalistin. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

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