Amnesty Journal Dänemark 23. Mai 2017

Zurechtgeschnitten

Anja aus Halle, intergeschlechtlich geboren.

Anja aus Halle, intergeschlechtlich geboren.

Jedes Jahr landen in Deutschland intergeschlechtliche Kinder auf dem OP-Tisch. Viele leiden ein Leben lang unter den Folgen der Behandlung, die vor allem ein Ziel hat: die Operierten in eine Gesellschaft einzupassen, die nur männlich und weiblich kennt.

Von Alexandra Mankarios

Lucie Veith nennt die Dinge gern beim Namen. »Man kann ein Kind nicht fragen: Hättest du lieber eine Scheide oder einen ­Penis? Es hat ja noch gar kein Begehren!« Oder: »Wir betonen immer, dass Deutschland so ein liberales Land ist. Trotzdem ­zerschneiden wir Kindern die Genitalien.« Die beiden Amnesty-Researcher Marco Perolini und Laura Carter hören zu, nicken, machen sich Notizen. Gelegentlich stellen sie eine Frage, aber vor allem lassen sie die 60-Jährige erzählen.

Carter und Perolini sind extra aus London angereist, um solchen Klartext zu hören. Ihr Ziel: Informationen über die Lebenssituation von Menschen in Deutschland zu sammeln, die weder völlig männlich noch durch und durch weiblich sind – so wie Lucie Veith. In ihrem bunt gemusterten Kleid, mit ihrer Hochsteckfrisur und den langen Ohrringen geht die Vorsitzende des Vereins Intersexuelle Menschen e.V. klar als Frau durch. Aber ihre DNA enthält ein männliches XY-Chromosom, und anstelle von Gebärmutter und Eierstöcken befanden sich einmal Hoden in ihrem Körper.

Die hat sie allerdings nicht mehr – womöglich würde sie sonst heute gar nicht hier sitzen, weil ihr Leben dann völlig ­anders verlaufen wäre. Die Operation, die Ärzte ihr mit Mitte zwanzig aufnötigten, war der Auftakt zu einem langen Leidensweg, der schließlich im Kampf für die Rechte intergeschlechtlicher Menschen mündete. Heute ist Veith eine der bekanntesten Aktivistinnen für deren Rechte.

Dass sie selbst ein intergeschlechtlicher Mensch ist, hat Veith häppchenweise erfahren. Mit 13 teilte ihr ein Frauenarzt mit, sie könne keine Kinder bekommen, weil sich ihre Eier­stöcke und Gebärmutter nicht richtig entwickelt hätten. Mit 23, inzwischen glücklich verheiratet, erfuhr sie weitere Details, ­dieses Mal bei einem Krankenhausaufenthalt.

»Mehr als 25 ­Leute haben mich tagelang wieder und wieder untersucht, anal, rektal, das war wie eine Vergewaltigung«, erzählt sie. Schließlich er­öffnete ihr der Stationsarzt, die Hand auf ihrer nackten Brust: »Sie haben ja Glück gehabt! Nicht alle Zwitter ­haben so schöne Brüste.« »Ach, hat man Ihnen das gar nicht ­gesagt? Sie sind gar keine Frau. Sie sind ein Mann. Sie haben ein XY-Chromosom.«

Die Aussage des Arztes wühlt Veith auf, ihrem Mann stellt sie frei, sie zu verlassen. Aber der lässt sich nicht beirren: »Du bist immer noch die Person, die ich liebe. Du hast dich doch nicht verändert und nichts falsch gemacht.« Im Rückblick sagt Veith: »Bis dahin hatte ich Glück.« Mit dem dritten Häppchen Aufklärung sollte sich das ändern. Als man sie erneut ins Krankenhaus zitiert, erfährt sie, dass sie Hoden in ihrem Körper trägt. Und deren Krebsrisiko sei sehr hoch, warnen die Ärzte. Womöglich seien die Zellen schon entartet, man müsse sofort operieren.

Überzeugt, dass sie nur so dem Krebstod entgehen kann, ­willigt Veith in eine Gonadektomie ein – die operative Entfernung der Hoden. Da ihr Körper danach kein Testosteron mehr herstellen kann, erhält sie fortan Hormone – allerdings kein ­Testosteron, sondern Östrogene, also weibliche Geschlechtshormone. Operation und Hormone lösen eine tiefe Lebenskrise aus. Veith fällt in Depressionen, nimmt zu, verliert jede Lebenslust. »Ich hatte gar kein Körperempfinden mehr, ich war nur noch ein Klumpen Fleisch«, sagt Veith.

Ein Licht am Ende des Tunnels erscheint, als sie, inzwischen Mitte vierzig und schwer depressiv, ihren ersten Internet­anschluss bekommt. Mit Staunen liest sie im Netz, dass sie kein Einzelfall ist – und schließt sich der Selbsthilfegruppe »XY-Frauen« an. Der nächste Durchbruch: Veith findet einen Arzt, der ihr Testosteron verschreibt – das Hormon, das ihr Körper nicht mehr produzieren kann. »Am dritten Tag nach der Umstellung ging eine warme Welle durch meinen Körper«, beschreibt Veith. »Ich empfand wieder Lust, meine Depressionen wurden weniger.« Veith gewinnt ihre alte Kraft und Lebenslust zurück.

Damit es anderen Menschen mit uneindeutigem Geschlecht nicht so ergeht wie ihr, weitet sie ihr Engagement aus und setzt sich schließlich hauptamtlich für die Rechte von Menschen mit »biologischen Besonderheiten bei der Geschlechterdifferenzierung« ein. Und auch ihrer eigenen Geschichte geht sie nach. Als sie Jahre nach ihrer Operation ihre Befunde einfordert, trifft sie den Arzt wieder, der ihre Hoden entfernt hat. Erst jetzt erfährt sie, dass die Organe kerngesund waren. Warum der Arzt sie denn trotzdem entfernt habe, möchte sie wissen. »Aber Frau Veith, in Ihren weiblichen Körper gehören doch keine Hoden!«, behauptet der Mediziner.

Einer Haltung wie dieser begegnet Veith in ihrer Arbeit immer wieder. Die Folge: Kinder, die mit uneindeutigem Geschlecht zur Welt kommen, landen häufig auf dem OP-Tisch. Viele sind noch nicht einmal drei Jahre alt, wenn Mediziner deren Genitalien auf Durchschnittsmaß zurechtschneiden oder gar eigenmächtig über deren Geschlecht entscheiden. Der Grund für die frühen, medizinisch meist nicht notwendigen Eingriffe: Es könnte die Kinder traumatisieren, wenn zum Beispiel im Kindergarten auffällt, dass sie »anders« aussehen – so die Lehrmeinung. Deshalb informierten Mediziner Patientinnen und deren Angehörige jahrzehntelang gar nicht erst über ihre Operationsabsichten.

Die Denkweise besteht bis heute fort. So empfiehlt etwa ein 2013 neu aufgelegtes Fachbuch für Kinderärzte: »Die operative Korrektur soll so früh durchgeführt werden, dass die Mädchen sich später ihrer Intersexualität nicht erinnern, also im Säug­lingsalter, spätestens im zweiten bis dritten Lebensjahr.« Die Folge der komplizierten Operation: Nicht selten bleibt die verkleinerte Klitoris taub.

Der Versuch, intergeschlechtliche Kinder zu Jungen oder Mädchen umzuoperieren, geht auf die »Optimal Gender Policy« des Psychologen John Money zurück. Der hatte in den 1950er Jahren die These aufgestellt, dass Kinder nach Wahl zu Männern oder Frauen heranwachsen könnten – vorausgesetzt, ihre körperlichen Besonderheiten würden vor dem zweiten Lebensjahr einem der beiden Geschlechter angeglichen, die Eltern erzögen ihr Kind konsequent im Sinne des gewählten Geschlechts und verschwiegen ihm ein Leben lang, dass es intersexuell zur Welt gekommen sei.

Da weibliche Genitalien leichter zu modellieren sind als männliche, wurden nach Moneys Vorstellungen bis weit in dieses Jahrhundert hinein fast alle Kinder mit uneindeutigem Geschlecht zu Mädchen umoperiert. Man schnitt Kleinkindern die Keimdrüsen heraus und sterilisierte sie damit, stutzte Genitalien zurecht, dehnte Gewebe auf schmerzhafte Weise zu »kohabitationsfähigen« Scheiden und verschrieb Hormone. Aber Moneys Ansatz ging nicht auf: Zahlreiche Operierte konnten sich später mit dem zugewiesenen Geschlecht nicht identifizieren, viele sind ein Leben lang traumatisiert und gehen keine Partnerschaften ein.

Seit einigen Jahren scheint sich die Lage zu bessern. Aktivistinnen wie Veith ist es gelungen, eine Diskussion in Gang zu bringen, die Genital-OPs hinterfragt und die Bedürfnisse intersexueller Menschen stärker in die Öffentlichkeit trägt. Sie fordern, kosmetische Genitaloperationen an Säuglingen zu verbieten. Wer mit 16 Jahren selbst eine Operation wünscht, soll sie aber bekommen. Rückendeckung erhält die Bewegung von den Vereinten Nationen.

»Deutschland ist wiederholt von UNO-Menschenrechtsgremien wie dem Kinderrechtsausschuss, dem Antifolterausschuss und dem Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen aufgefordert worden, den Schutz und die Achtung der Menschenrechte intergeschlechtlicher Menschen in Deutschland zu verbessern«, sagt Petra Follmar-Otto vom Deutschen Institut für Menschenrechte. »Insbesondere soll Deutschland sicherstellen, dass keine unzulässigen geschlechtszuweisenden Operationen an Säuglingen und Kindern stattfinden.«

In der Praxis stoßen Betroffene aber auf juristische Hürden, zum Beispiel zu kurze Verjährungsfristen und unklare Zuständigkeiten. Selbst Verstöße gegen die Antifolterkonvention bleiben ungeahndet: »Obwohl der Antifolterausschuss deutlich gemacht hat, dass Opfer menschenrechtswidriger Operationen ein Recht auf Entschädigung haben, ist dies in Deutschland auf dem Rechtsweg im Einzelfall kaum durchsetzbar«, so Follmar-Otto.

Immerhin aber sei es gelungen, das Thema auf die politische Agenda zu setzen: So müssen Eltern seit 2013 kein Geschlecht mehr für ihr Neugeborenes angeben. Eine interministerielle Arbeitsgruppe überprüft, ob weitere Gesetzesänderungen nötig sind. Und eine neue ärztliche Leitlinie empfiehlt, mit nicht überlebenswichtigen Genital-OPs zu warten, bis die Kinder selbst darüber entscheiden können. Verbindlich ist sie allerdings nicht.

Mitunter geht es aber nur um ganz ­einfache Alltagsfragen – etwa einen Tipp, was man dem Chef sagen könne, wenn der wissen will, warum seine Auszubildende regelmäßig zum Arzt muss. Andere suchen gute Ärzte, manche Unterstützung beim Coming-out. Von der jahrelang von Medizinern heraufbeschworenen Ablehnung, die dieses hervorrufe, hören Beraterinnen eher wenig. Im Gegenteil: »Häufig beziehen Familien die Lehrkräfte ein«, sagt Gerda Janssen-Schmidchen von der Beratungsstelle für Intersexualität in Niedersachsen. »Die Kinder in der Klasse lernen dann, dass sie alle männliche und weibliche Hormone produzieren. Das öffnet den Weg zu mehr Verständnis.«

Auch Veith hat in ihrem Umfeld keine Diskriminierung erfahren, als sie sich outete: »Eine Freundin war sogar böse, weil ich nicht mehr Vertrauen zu ihr hatte.« Inzwischen hat Veith ihre Geschichte oft erzählt, als Beispiel dafür, was Menschen in Deutschland widerfährt, die zwar gesund sind, deren Genitalien aber nicht ins gängige Schema passen. Vor allem ihre Courage habe ihr geholfen, das alles durchzustehen, sagt sie im Rückblick.

Der Amnesty-Bericht »Zum Wohle des Kindes? – Für die Rechte von ­Kindern mit Variationen der Geschlechtsmerkmale in Dänemark und Deutschland« ist unter www.amnesty.de zu finden.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe Juni/Juli 2017 des Amnesty Journals erschienen.

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