Amnesty Journal Mexiko 28. März 2017

Teuflische Freiheit

Szene aus dem Film "La libertad del diablo" von Everardo González, 2017

Szene aus dem Film "La libertad del diablo" von Everardo González, 2017

Für seinen Dokumentarfilm »La libertad del diablo« erhielt der mexikanische Regisseur Everardo González den Amnesty-Filmpreis der Berlinale.

Von Jürgen Kiontke

"Meinen ersten Mord habe ich im Alter von 14 Jahren verübt. Ich hatte meine Schuluniform dabei an.« Ein junger Mexikaner, Berufsbild Auftragsmörder, aus der Gegend um Ciudad Juárez, erzählt von seinem Alltag – einem Arbeitsalltag im Drogenkrieg. Er tut dies in Everardo González’ Berlinale-Film »La libertad del diablo« (Die Freiheit des Teufels).

Wenn es dieses Jahr einen heftigen Film auf den Berliner Filmfestspielen im Februar zu sehen gab, dann war es dieser. González, mexikanischer Regisseur, Produzent und Kameramann, ist eine der wichtigsten Stimmen unter den lateinamerikanischen Dokumentarfilmern. Bei seinem neuesten Werk hat sich der Teufel in der Tat alle Freiheiten genommen – und der Zuschauer ist gefordert, darüber nachzudenken, wie es gelingen kann, ihm diese wieder zu nehmen.

Der Film handelt vom Krieg mexikanischer Kartelle, von ­bezahlten Mördern, von Geldeintreibern und ihren Opfern. Die Kriminalität und ihre Bekämpfung gleichen einem Bürgerkrieg, bei dem in den vergangenen fünf Jahren um die 100.000 Menschen in Mexiko getötet wurden.

Doch sind sehr viel mehr Menschen betroffen und um die geht es González: Er lässt die Angehörigen zu Wort kommen – ebenso wie die Täter. Denn Statistiken bleiben abstrakt, über schreckliche Nachrichten regt sich in Mexiko kaum noch ­jemand auf. González will die Geschichten hinter den Zahlen ­erlebbar machen. Vor seiner Kamera, so die Idee, können Opfer und Täter über ihre Gefühle sprechen, ohne Wertung, nach dem Prinzip einer Wahrheitskommission.

Um sie vor Verfolgung und Rache zu schützen, tragen Täter wie Opfer Stoffmasken. Die Erzählungen werden spärlich von Alltagsszenen illustriert: Männer posieren mit Waffen, es folgt eine Fahrt durch die Wüste.

Berlinale-Besuchern mag dieser Film im allgemeinen Festivalgewusel entgangen sein, weil er in der eher unbedeutenden Sektion »Berlinale-Spezial« lief. Dabei hätte er durchaus in den Wettbewerb gehört, zumal er in Berlin Weltpremiere hatte.

Szene aus dem Film "La libertad del diablo" von Everardo González, 2017

Szene aus dem Film "La libertad del diablo" von Everardo González, 2017

Denn nicht nur die Interviews mit den Protagonisten sind ­beeindruckend, sondern auch die Art, wie der Film gemacht ist. Mit der Maskierung wird hier ein komplexes Drama inszeniert. Dass die Täter zu Wort kommen, ist schwer auszuhalten, soll aber den Angehörigen ermöglichen, mit den grässlichen Folgen der Taten abzuschließen, soll gleichsam Vergebung durch Trauer ermöglichen.

Darüber hinaus sorgte der Film schlichtweg für die eindrucksvollste Filmszene der Berlinale: Als eine Mutter erzählt, wie ihre Kinder hingerichtet wurden, beginnt sie zu weinen. ­Unter den Augen beginnt sich der dünne Stoff der Maske durch die Tränen dunkel zu färben. Auch anderen passiert das, während sie von den Gräueltaten berichten. Ein Bild, das den Film in aller Schrecklichkeit strukturiert. »La libertad del diablo« lässt so manchen Zuschauer schockiert im Kinosessel zurück. Ein radikaler Film, der nicht zu Ende ist, wenn das Licht angeht.

Und er ist auch nicht mit der üblichen Kinoware vergleichbar. Dabei ist es nicht das erste Mal, das Regisseure auf solch grausame Weise verknüpfte Schicksale auf die Leinwand bringen. Da gibt es Claude Lanzmanns »Shoah«, in dem die Beteiligten die Schrecken des Holocausts im Interview schildern. Oder Joshua Oppenheimer, der in seinen Filmen Opfer und Massenmörder – die der indonesischen ­Militärjunta – inszenierte.

In »La libertad del diablo« jedoch findet das Morden in der Gegenwart statt, jetzt, in dieser Minute. Andere sehr starke Beiträge, die nominiert waren, wie »Maman Colonelle« über eine kongolesische Polizistin und »I Am Not Your Negro« über den US-Schriftsteller und Bürgerrechtler James Baldwin, wirken ­dagegen nahezu konventionell.

Was in den Tätern des mexikanischen Drogenkriegs vorgeht, weiß in der Tat wohl der Teufel am besten. Wenn man die Menschen, die es zu töten gilt, nicht persönlich kenne, dann störe ­einen die Tat selbst nicht sonderlich, sagt ein Mörder lapidar. Wenn Mord eine Alltagsverrichtung ist, lebt man damit. Wobei: »Kinder zu töten fällt schwer. Das tut schon weh«, sagt ein Bandenmitglied. Aber den Audi A4 vor der Tür zu haben, das wäre schon cool. Und es sei ein gutes Gefühl, wenn die Leute aus Angst vor einem wegliefen.

Demgegenüber stehen die Aussagen der Opfer. Eine Mutter berichtet, wie sie mit den Tätern verhandelt habe, sie mögen ihre Kinder in Frieden lassen. Aber die hatten anderes im Sinn. Sie berichtet weiter, wie sie später die Knochen der Opfer ausgegraben und die Turnschuhe ihrer Kinder wiedererkannt habe. Immer wieder kommt es zu Pausen, die Betroffenen müssen sich sammeln.

Szene aus dem Film "La libertad del diablo" von Everardo González, 2017

Szene aus dem Film "La libertad del diablo" von Everardo González, 2017

Kinder im Micky-Maus-T-Shirt, ebenfalls mit Masken, fordern Blutrache, sie wollen, dass die Täter ebenso behandelt werden wie die Opfer. Und die Polizisten, die sich in González’ Film äußern, sagen, schon der Selbstschutz gebiete es, festgenommene Täter umgehend zu liquidieren, sonst hätte man später selbst das Nachsehen.

Hier spricht eine Gesellschaft vor der Gesellschaft – als gäbe es außer Mord und Totschlag keine Geschäftsgrundlage für ein Leben, das kein Zusammenleben erlaubt. Killer wie Polizisten haben zuweilen dieselbe Erklärung: Sie würden »Befehle« befolgen. Hier haben sich alle schon ein ­wenig mit den Umständen arrangiert. Wer immer auch zu Wort kommt: Bald fragt sich der Zuschauer, was in diesem Gebiet der Erde bloß passiert sein mag.

Die Jury des mit 5.000 Euro dotierten Amnesty-International-Filmpreises war von »La libertad del diablo« überzeugt. »Schonungslos schildert Regisseur Everardo González das unermessliche Grauen, indem er Opfer und Täter gleichermaßen zu Wort kommen lässt«, sagte der Regisseur Oliver Hirschbiegel bei der Verleihung des Preises im Namen der Jury, der neben ihm die Schauspielerin Aylin Tezel und Anne-Catherine Paulisch von Amnesty International angehörten.

Mit großem Respekt zeige der Filmemacher ihren Schmerz und ihre Verletzungen, ohne zu werten, zu kommentieren und zu belehren. »In intensiven und streng komponierten Bildern entsteht das zutiefst ehrliche und feinfühlige Porträt einer Gesellschaft, in der Angst und tiefe Verunsicherung dominieren, weil Gewalt von allen Seiten kommen kann«, so die Jury.

Und dies führt zu einem weiteren Aspekt des Films. Denn González’ Absicht ist es, den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen. Dies könne aber nur über die Vergebung der Angehörigen geschehen. »Denn Mord bringt Mord hervor«, sagte Jean-Christophe Simon vom zuständigen Filmverleih »Films Boutique«, der den Amnesty-Preis stellvertretend für González entgegennahm. Die Auszeichnung für diesen Film sei besonders wichtig, sagte Simon, weil er für Aufmerksamkeit sorge und so auch die Befragten und das Filmteam schütze. Denn das Problem sei ja nicht aus der Welt.

Alle der 17 für den Amnesty-Preis nominierten Filme seien großartig gewesen, meinte Aylin Teze. »Aber dieser Film ist so ehrlich, man kann sich nicht distanzieren.« Täter und Opfer seien dermaßen präsent, als sei man selbst im Gespräch mit ­ihnen.

»Filme können Geschichten und Ereignisse nahebringen, die außerhalb unseres Alltags passieren. Sie können Menschenrechtsverletzungen bekannt machen oder Menschen in den Vordergrund stellen, die sich unter Einsatz ihres Lebens für eine bessere Welt einsetzen und von denen wir sonst nie erfahren würden«, hatte Anne-Catherine Paulisch zu Beginn der Berlinale gesagt. Man könne die Arbeit von Filmschaffenden, die Menschenrechtsthemen auf besondere Weise abbilden und erlebbar machen, unterstützen, »und die Menschen dazu ermutigen, sich für den Schutz der Menschenrechte einzusetzen«. Einen besseren Preisträger hätte man so gesehen kaum finden können.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe April/Mai 2017 des Amnesty Journals erschienen.

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