Amnesty Journal Ukraine 22. Januar 2016

Nähe zum Geschehen

Kultur der Straflosigkeit. Unabhängigkeitsplatz in Kiew, 3. März 2014

Kultur der Straflosigkeit. Unabhängigkeitsplatz in Kiew, 3. März 2014

Yulia Serdyukovas Dokumentation »Kiew brennt« zeigt, wie die Maidan-Demonstrationen friedlich begannen und in Straßenschlachten mündeten.

Interview: Jens Dehn

Wie kamen Sie dazu, über den Maidan zu berichten?

Mein Kollege, der Fotograf Oleksandr Techynskyi, arbeitet seit mehr als zehn Jahren für die »Frankfurter Allgemeine Zeitung«, gemeinsam mit Konrad Schuller, der als FAZ-Korrespondent aus der Ukraine berichtet. Ich stieß 2013 als Fotografin dazu, als Oleksandr begann, Videoreportagen für die Webseite der FAZ zu drehen. Als die Proteste anfingen, war sofort klar, dass wir dort hin müssen, um alles auf Videos und Fotos festzuhalten. Da vieles gleichzeitig ablief, bat Oleksandr zwei Kollegen, Dmitry Stoykov und Aleksey Solodunov, uns zu unterstützen. Während der drei Monate des Protests arbeiteten wir als Team: Konrad als Autor, die drei Regisseure als Videoreporter und ich als Fotografin.

Ein Dokumentarfilm war zu Beginn also gar nicht geplant?

Nein. Aber nach etwa eineinhalb Monaten wurde uns klar, dass die Geschehnisse ein viel größeres Ausmaß annahmen, als wir selbst zu Anfang dachten. Da kam der Gedanke auf, einen langen Film aus dem Material zu schneiden.

Der Film ist sehr nah dran an den Ereignissen. Es gibt darin Bilder, die man so noch nie gesehen hat.

Als Fotojournalisten sind wir Nähe zum Geschehen gewohnt. Es gibt ja diesen Spruch: »Sind deine Bilder nicht gut genug, warst du nicht nah genug dran.« Meine drei Kollegen waren die einzigen, die auch versucht haben, aus der Perspektive der Polizisten zu filmen und sie nicht nur automatisch als die Bösen hinzustellen. Das haben die anderen nicht gemacht, weil sie Angst vor Repressalien hatten. Doch Aleksey Solodunov ist ein sehr angenehmer Zeitgenosse, der überhaupt nicht aggressiv wirkt. So haben ihn die Polizisten lange Zeit gewähren lassen.

Hatten Sie beim Schnitt ein bestimmtes Ziel?

Oleksandr Techynskyi hat das ganze Material geschnitten und dabei versucht, für sich selbst zu verstehen, wie es zu der Eskalation kommen konnte, wie dieser friedliche Protest in so ein Chaos münden konnte. Als wir mittendrin waren, haben wir gar nicht verstanden, was vor sich ging. Unser Ansatz war, das alles im Schnittraum zu rekonstruieren und zu begreifen.

Gab es Momente, in denen Sie sich überfordert fühlten?

Beim Drehen und Fotografieren bist du durch das Adrenalin in einer Art Hochstimmung. Wir hatten zwar eine Wohnung, aber die meiste Zeit waren wir auf dem Maidan. Dort war so eine Atmosphäre von Hoffnung und Unterstützung, dass man gar nicht müde werden konnte. Aber wenn du dann nach Hause kommst und den Fernseher einschaltest, wirst du schon nervös. Es war viel beunruhigender, die Ereignisse im Fernsehen zu sehen als selbst Teil davon zu sein. Trotzdem gab es natürlich für jeden von uns Momente, in denen wir Angst hatten. Es gab durchaus gefährliche Situationen.

Wie haben Sie sich geschützt?

Wir benutzten Motorrad- und Fahrradhelme, um uns gegen die Steine zu schützen, die wie Konfetti flogen. Die Männer hatten sehr einfache kugelsichere Westen, die aber gegen Kalaschnikows nicht geholfen hätten. Irgendwann waren dann auch Heckenschützen da, die in die Menge feuerten. Ich selbst trug einen Fahrradhelm. Als ein Arzt mich so sah, empfahl er mir, den Helm abzunehmen. Er meinte, ein Stück Metall könne man unter Umständen aus meinem Kopf herausoperieren. Aber Metall plus zersplittertes Plastik von dem Fahrradhelm wäre schwierig.

Ihr Film war schon auf Arte zu sehen. Werden andere Sender folgen? Können ihn die Menschen in der Ukraine sehen?

Außer in Frankreich und Deutschland wurde der Film auch schon in Litauen und Estland im Fernsehen gezeigt. Für andere Länder laufen die Planungen. Davon abgesehen ist er bei iTunes und Vimeo on demand verfügbar. Die Premiere in der Ukraine war Ende März bei den »Docudays« in Kiew. Es gab zwei Vorstellungen, die ausgebucht waren, und die Zuschauer reagierten mit stehenden Ovationen. Wir sind sehr glücklich über die Publikumsreaktion in der Ukraine, vor allem deshalb, weil »Kiew brennt« sich von anderen Filmen über die Revolution deutlich unterscheidet. Er ist komplexer und kontroverser. Nach dem Festival lief der Film im ganzen Land in den Kinos. Wir hoffen, dass er eines Tages auch im ukrainischen Fernsehen läuft.

Wie haben Sie »Kiew brennt« finanziert?

Die Ereignisse haben uns regelrecht überrollt, wir waren viel zu sehr mit den täglichen Reportagen beschäftigt als dass wir Zeit gefunden hätten, über eine Finanzierung nachzudenken. Wir haben stets mit unserem eigenen Equipment gearbeitet, auch später in der Postproduktion. Sehr viele Leute haben uns unterstützt, indem sie umsonst oder für ganz wenig Geld gearbeitet haben. Bezahlt haben wir sie mit dem, was wir bei der FAZ verdienten. Glücklicherweise hat sich unser Einsatz ausgezahlt: Beim Leipziger Dokumentarfilmfestival haben wir den Preis für die beste osteuropäische Dokumentation gewonnen und wir ­haben auch einen Vertrieb gefunden, der Verträge mit Fernsehsendern auf den Weg gebracht hat, darunter Arte und der MDR.

Der Film lief auf diversen Festivals. Wie waren die Reaktionen?

Es gibt einen großen Unterschied zwischen den Zuschauern in der Ukraine und im Ausland. Uns Ukrainern gehen die Ereignisse immer noch sehr nah. Während der Premiere in der Ukraine lachten und weinten die Leute, sie kommentierten lautstark das Geschehen auf der Leinwand und applaudierten danach sehr lange. Und während der anschließenden Diskussionsrunde mit dem Publikum kam es fast zu tätlichen Auseinandersetzungen. Als wären wir wieder auf dem Maidan.

Wie sehen westliche Zuschauer den Film?

In Europa sind die Reaktionen ruhiger, wobei wir wärmeren Zuspruch bekommen, je näher das Land, in dem wir den Film zeigen, der Ukraine ist. Das Publikum auf den Festivals ist sehr interessiert und mitfühlend. Nach der Vorführung beim goEast-Festival in Wiesbaden etwa befragte mich ein junges Paar eine halbe Stunde lang nach der Situation in der Ukraine. Ich glaube, das ist die zentrale Aufgabe von Filmen wie unserem auf Festivals: Informationen zu geben und Erfahrungen zu teilen.

Arbeiten Sie an einem neuen Film?

Während des vergangenen Jahres hat Oleksandr Techynskyi viel als Fotograf und Übersetzer aus dem Kriegsgebiet berichtet, vor allem für die FAZ. Die aktuellen Entwicklungen haben viel Zeit und Kraft in Anspruch genommen. Und darüber zu informieren, war sicher wichtiger als ein neuer Film, wenngleich wir schon lange etwas Neues planen. Aber die Revolution und der Krieg haben auch diesbezüglich alles verändert.

Yulia Serdyukova wurde 1981 in Kiew geboren. 2005 schloss sie ihr Studium der Kulturwissenschaft und Medien ab, seit 2007 arbeitet sie als professionelle Fotografin. Zusammen mit Regisseur Oleksandr Techynskyi gründete Serdyukova die Produktionsfirma »Honest Fish Documentary Stories«. Ihr Film »All Things Ablaze« gewann beim DOK Leipzig 2014 den Preis für den besten osteuropäischen Dokumentarfilm.

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