Afghanistan: Verfolgung queerer Menschen unter Taliban
Idris lebt nach gescheiterter Flucht versteckt in Afghanistan (Markt in Afghanistan, Herat, 2024)
© Wakil Kohsar / AFP / Getty Images
Queere Menschen in Afghanistan werden von den regierenden Taliban systematisch verfolgt. Drei Betroffene berichten über ihr Leben in Angst, aber auch über ihren Aktivismus.
Protokolle: Sabine Küper-Büsch
"Angst wurde mein Schatten"
Idris, 19 Jahre, in afghanischer Haft gefoltert
Idris ist mein Name. Ich bin queer und lebe seit meiner Abschiebung aus Iran ohne ein Zuhause in Herat. Ich schlafe in Moscheen oder dort, wo mich niemand findet. Ich habe keine Arbeit, keine Sicherheit. Die Taliban nahmen mich im Sommer 2022 fest, ein Jahr nachdem sie die Macht übernommen hatten. Ich war damals 15. Vielleicht hat mich jemand angezeigt, vielleicht haben sie mich einfach als homosexuell erkannt. Sie hielten mich vier Tage lang gefangen, schlugen mich. Jede Nacht fürchtete ich, sie würden mich vergewaltigen. Und dann taten sie es. Mehrere Männer. Als ich freikam, konnte ich nicht mehr selbstständig gehen. Zwei Personen mussten mich stützen. Die Taliban drohten mir zum Abschied, wenn sie mich noch einmal fänden oder etwas von mir hörten, würde ich nicht mit dem Leben davonkommen. Seitdem leide ich unter Panikattacken und möchte sterben. Schon in meiner Kindheit begann die Angst. Ich merkte früh, dass ich anders bin. Zu Hause wurde ich geschlagen, beschimpft und gedemütigt, weil ich mich mädchenhaft verhielt und manchmal schminkte. Ich sei ein Schandfleck, hieß es dann.
Als ich älter wurde, folgte mir die Gewalt auch auf die Straße. Pöbeleien, Anzüglichkeiten, Angriffe. Angst wurde mein Schatten. Nach meiner Entlassung aus der Haft floh ich nach Iran. Ich überquerte illegal die Grenze, arbeitete für wenig Geld und lebte in ständiger Angst vor der Polizei. 2025 wurde ich festgenommen und nach Afghanistan abgeschoben – obwohl mir hier wieder Folter droht. Ich lebe von Spenden und meide die Straße. Ich habe mehrmals versucht, mir das Leben zu nehmen. Und trotzdem habe ich die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben. Ich träume von einem kleinen Zuhause, ehrlicher Arbeit und einem Leben ohne Angst, egal wo.
Ada lebt nach zunächst gescheiterter Flucht derzeit in Pakistan, Islamabad (2025)
© privat
"Unter einer anderen Identität"
Ada, 20 Jahre, in pakistanischer Flüchtlingsunterkunft sexuell erpresst
Ich nenne mich Ada und habe es geschafft, das zweite Mal nach Islamabad auszureisen. Ich habe ein temporäres Visum für eine medizinische Behandlung, weil ich in Afghanistan im Gefängnis massive Gewalt erlebt habe. Ich bin eine afghanische trans* Frau und wuchs in einer gebildeten Familie in Mazar-i-Sharif auf. Meine Eltern waren Ingenieur*innen und ich ihr einziges Kind. Mit neun Jahren merkte ich, dass ich mich nicht als Junge fühlte. Ich war sehr gut in der Schule, aber das schützte mich nicht vor dem Stigma. Ich war die gemiedene Außenseiterin und begann schließlich, meinen Ausschluss politisch zu benennen und Queer-Sein zu verteidigen. Das gab mir Kraft.
Meine Eltern unterstützten mich. Doch mit der Rückkehr der Taliban wurde diese Haltung lebensgefährlich. Sie lauerten mir auf und bedrohten mich mit dem Tod. Mein Vater verkaufte einen Teil des Hausrats, um meine Flucht zu ermöglichen. Im März 2024 floh ich mit einem Visum nach Pakistan. In Islamabad nahm mich eine Hilfsorganisation auf. Dort wurde ich von dem pakistanischen Direktor sexuell belästigt. Als ich mich weigerte, Sex mit ihm zu haben, wurde ich vor die Tür gesetzt. Ich schlief in Parks, ohne Decke, ohne Essen. Im November 2025 wurde ich von der pakistanischen Polizei aufgegriffen und direkt abgeschoben. Aus Angst als queere Person geoutet zu werden, erwarb ich einen falschen Pass und lebte unter einer anderen Identität in meinem Heimatland. Am 14. Februar wurde ich von der Taliban aufgegriffen. Sie schlugen mich bei der Vernehmung mit Ketten und folterten mich wegen meiner "Perversion" mit elektrischen Drähten. Meine Familie konnte mich schließlich aus der Haft herausholen. Am 26. Februar konnte ich mit meiner 70-jährigen Mutter nach Pakistan ausreisen. Ich träume davon, Modedesign zu studieren und frei zu sein. Ich will einfach in einem sicheren Land leben, ohne Angst, ohne Verstecken, ohne jeden Tag an den drohenden Tod zu denken.
Dayana Daneshwar floh 2024 nach Deutschland und engagiert sich hier für die Rechte queerer Menschen.
© privat
"Alles brach weg"
Dayana Daneshwar, 19 Jahre, Queer-Aktivistin im deutschen Exil
Ich heiße Dayana Daneshwar und lebe heute in Deutschland. Aufgewachsen bin ich in Afghanistan, in einer streng religiösen Familie, in der es keinen Platz für meine Identität gab. Ich bin eine trans* Frau. Für meine Familie war ich immer Yasir – ein Junge, der funktionieren sollte. Doch meine Seele war Dayana. Schon als Kind wusste ich, dass ich anders bin, auch wenn mir die Worte dafür fehlten. Mit 13 moderierte ich eine Radiosendung für Kinder und Jugendliche. Es war eine der wenigen Zeiten, in denen ich mich frei fühlte. Mit 14 erkannte ich, dass ich eine Frau bin.
Als die Taliban ein Jahr später, im August 2021, an die Macht kamen, wurde der Sender geschlossen. Von einem Augenblick zum anderen brach alles weg: meine Stimme, meine Hoffnung, meine Zukunft. Unter den Taliban lebte ich in ständiger Angst. Menschen aus meiner Umgebung wurden bedroht, auch meine Familie erhielt Warnungen. Meinem Bruder wurde gesagt, ich würde verhaftet oder getötet, wenn ich mit queeren Menschen gesehen würde. Selbst der Weg zum Bäcker war gefährlich. Im Mai 2024 floh ich in Männerkleidung aus Afghanistan. An jedem Kontrollpunkt hatte ich Panik. Acht Monate lebte ich in Pakistan in Unsicherheit, bis ich im Dezember 2024 nach Deutschland weiterreisen konnte. Heute bin ich körperlich in Sicherheit, aber die Wunden sitzen tief. Meine Familie schweigt mich weiterhin tot, nur meine Mutter spricht mit mir. Aber ich bin zum ersten Mal ohne Angst vor Verhaftung oder Tod. Ich nutze diese Freiheit. Ich protestiere, ich spreche öffentlich, ich kämpfe gegen Genderapartheid. Schweigen tötet. Queere Menschen in Afghanistan gehören zu den am stärksten Verfolgten. Jeder Mensch hat das Recht auf ein würdiges und freies Leben.
HINTERGRUND
Seit der Machtübernahme der Taliban im August 2021 sind queere Menschen (LGBTI+) in Afghanistan systematischer Verfolgung ausgesetzt. Die Taliban verleugnen und kriminalisieren gleichgeschlechtliche Beziehungen und vielfältige Geschlechtsidentitäten. Die Strafen reichen von Auspeitschung und Inhaftierung bis hin zu Vergewaltigung, Folter und Todesstrafe. Menschenrechtsorganisationen dokumentieren willkürliche Festnahmen, sexualisierte Gewalt, Erpressung und Einschüchterung durch die Taliban und ihnen nahestehende Personen. Sexualisierte Übergriffe – häufig in Haft oder an Kontrollpunkten verübt – werden gezielt als Mittel der Demütigung und Kontrolle eingesetzt, insbesondere gegen trans* Frauen und schwule Männer. Viele queere Menschen erfahren Gewalt außerdem in den eigenen Familien und Gemeinschaften, darunter Schläge, erzwungene Isolation und Zwangsverheiratungen. Aus Angst leben viele im Verborgenen und verlieren den Zugang zu Bildung, Arbeit, Gesundheitsversorgung und Ernährungssicherheit; schwere psychische Folgeerkrankungen sind weit verbreitet. Selbst Flucht bedeutet selten Sicherheit. Queere Afghan*innen stoßen auf geschlossene Grenzen, Kriminalisierung in Nachbarstaaten und Abschiebungen trotz bekannter Gefahren. Der Internationale Strafgerichtshof hat aufgrund geschlechtsspezifischer Verfolgung von Frauen, Mädchen und queeren Menschen in zwei Fällen Haftbefehle wegen des Verbrechens gegen die Menschlichkeit erlassen.