Amnesty Journal Costa Rica Brasilien Ecuador 16. Juni 2026

Lateinamerika: Widerstand gegen Umweltzerstörung

Es gibt Mittel und Wege, sich gegen die Plünderung von Rohstoffen und den Raubbau an der Natur zu wehren – auch wenn sie manchmal nur halbherzig sind. Drei Beispiele aus Mittel- und Südamerika.

Von Knut Henkel

Costa Rica:  Bergbau verboten! 

Der 9. November 2010 ist in Costa Rica umweltpolitisch ein wichtiges Datum. 

An diesem Tag stimmten die Parlamentarier*innen des Landes einstimmig für die Reform des Bergbaugesetzes 8904. Damit wurde Costa Rica zum ersten Land auf dem amerikanischen Kontinent, das den Abbau von Erzen im offenen Tagebau ­verbietet. Das Gesetz war nicht zuletzt ein Ergebnis der langjährigen Arbeit vieler Umweltorganisationen und sozialer Bewegungen.

Mitte der 1980er Jahre hatte das mittelamerikanische Land das Gros seines Waldes verloren. Der Waldbestand betrug nur noch gut 20 Prozent seiner ursprünglichen Fläche. Costa Rica war zu einem Land geworden, das vor allem massenhaft Rindfleisch und Agrarprodukte in die USA exportierte. Damals tauchten erste Studien auf, die einen Zusammenhang herstellten zwischen der Abholzung und dem Klimawandel, und die Regierung nahm sie ernst und reagierte. Unter dem Druck einer starken Umweltbewegung entwickelte sie ein Aufforstungsprogramm und baute die ressourcenverschlingende Ökonomie in eine ressourcenschonende um. Mittlerweile können mit erneuerbaren Energien wie Erdwärme, Wind- und Wasserkraft sowie Solarenergie mehr als 98 Prozent des Strom­bedarfs erzeugt werden. 

"Das ist aber kein Selbstläufer", sagt Mauricio Álvarez, Professor für Geografie und Politik an der Universität von Costa Rica. Er weist auf die Bedrohung von Umweltaktivist*innen hin und auch darauf, dass die Regierung des konservativen Präsidenten Rodrigo Chaves im Sommer 2025 einen Goldbergbau wiedereröffnen wollte. Im Parlament fand er dafür zwar keine Mehrheit, doch könnte sich das schnell ändern, wenn im Mai die neue Präsidentin Laura Fernández die Amtsgeschäfte übernimmt. Ihre Partei stellt im Parlament die Mehrheit der Abgeordneten.

Damit droht Costa Rica einen ähnlichen Weg zu gehen wie die Nachbarländer: In El Salvador galt zwischen 2017 und 2024 ein Bergbaumoratorium, das 2024 von Präsident Nayib Bukele abgeschafft wurde. In Honduras ist der Bergbau umstritten, die Umweltschäden sind immens. In Panama will die Regierung von José Raúl Mulino die riesige Kupfermine Cobre Panama wiedereröffnen, deren ­Genehmigung im November 2023 vom Verfassungsgericht als "nicht verfassungskonform" eingestuft worden war, und gegen die die Zivilgesellschaft immer wieder protestiert. Künftig soll die Mine rund fünf Prozent zum Bruttoinlands­produkt beitragen.

Ecuador: Naturschutz hat Verfassungsrang

Artikel 71 der ecuadorianischen Verfassung besagt, die Natur ("Pachamama") hat ein Recht auf Erhalt und Regeneration. Dabei ist es gleich, ob es sich um ein Schutzgebiet, ein Ökosystem oder einen Fluss handelt. "Alle Bürger, Gemeinden und Gemeinschaften können diese Rechte im Namen der Natur vor Gericht einfordern", sagt Alberto Acosta. Der Nachhaltigkeitstheoretiker hat als Präsident der Verfassunggebenden Versammlung 2008 dazu beigetragen, dass dieser Paragraf in die Verfassung einfloss. Dutzende wegweisende Urteile belegen, dass Artikel 71 inzwischen zur juristischen Praxis des Landes gehört. 

Dank der konservativen Regierungen von Guillermo Lasso (2021–2023) und ­Daniel Noboa (seit 2023) hat Artikel 71 ­jedoch bei politischen und juristischen Entscheidungen an Gewicht verloren. Umweltorganisationen wie Acción Ecológica oder Geografíca Crítica monieren, dass die Regierung Gesetze, die zugunsten der Umwelt erlassen wurden, vernachlässigt. Das beste Beispiel dafür ist das bindende Referendum zum Nationalpark Yasuní, das im August 2023 die Erdölförderung im größten Schutzgebiet Ecuadors untersagte. Zweieinhalb Jahre später sind aber nur zehn von mindestens 247 Bohrlöchern versiegelt. "Es wird weiter gefördert", sagt Esperanza Martínez von Acción Ecológica. Sie kritisiert, dass die Regierung Noboa das Ende der Förderung bewusst verzögere.

Indigene Völker wie die Waorani, die in der Förderregion leben, wünschen sich, dass die Justiz häufiger einschreitet. ­"Neben der Erdölförderung ist auch der Goldbergbau in der Amazonasregion ein gravierendes Problem. Die Kontaminierung mit Quecksilber nimmt zu", warnt Alicia Cahuiya, eine Repräsentantin der Waorani. 
Das Problem betrifft nicht nur die Amazonasregion, sondern auch andere Gebiete. "Gold wird auch in den Hochmooren der Anden gefördert, und die ­Förderung bedroht landesweit die Trinkwasserversorgung", stellt Alberto Acosta fest. Er kritisiert die Untätigkeit staatlicher Behörden und ist sich sicher, dass die Regierung die Verfassung gern ändern würde, um Artikel 71 verschwinden zu lassen. "Das war eines der Ziele eines Referendums, das Noboa im November 2025 durchführen ließ", sagt Acosta. Mehr als 60 Prozent der Ecuadorianer*innen lehnten jedoch ab. Für die Umwelt war das ein grandioser Erfolg, für Noboa eine empfindliche Niederlage.

Brasilien:  Amazonasschutz mit halber Kraft

Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva hatte sich dafür engagiert, dass die 30. UN-Klimakonferenz (COP30) 2025 in Belém stattfand. In der Hauptstadt des Amazonas-Bundessstaates Pará wollte er der Welt zeigen, dass Brasilien die Region schützt, sich damit gegen den globalen Klimawandel stellt und viel für den Umweltschutz tut. 

Indigene Vertreter*innen aus der Amazonasregion bezweifelten, dass die staatlichen Maßnahmen ausreichen. Ronaldo Amanayé, Koordinator der Föderation der Indigenen Völker von Pará, wies auf der COP30 auf politische Defizite hin: "Indigene Völker haben massive gesundheitliche Probleme. Düngemittel, Pestizide, aber auch Quecksilber vergiften unser Trinkwasser, Hauterkrankungen und Krebs nehmen zu."

Auch Alessandra Korap vom Volk der Munduruku nutzte die Klimakonferenz, um Probleme anzusprechen. "Landtitel sind für Indigene schwer zu bekommen, Prozesse dauern Jahrzehnte. Die Justiz und die Behörden agieren oft zu langsam. Die Sojabauern dringen indes immer weiter in den Regenwald vor", klagt Korap. Die Bewilligung eines kollektiven Land­titels kann durchaus 20 Jahre auf sich warten lassen. Die Munduruku erhielten im März 2004 einen solchen Titel für 2.381.000 Hektar Land – eine Fläche so groß wie ein Drittel Bayerns. Das sei "positiv", meint Korap, aber "alles andere als ausreichend". 

Korap klagte gemeinsam mit anderen Repräsentant*innen der Munduruku gegen illegale Goldbergbauunternehmen, die Flüsse mit Quecksilber vergiften – und hatte Erfolg. Das sei aber langwierig und bei legalen Bergbauprojekten auch teuer und riskant. Manchmal bleibt nur Symbolpolitik: Auf einem Tribunal beim "Gipfel der Völker", der Mitte November 2025 parallel zur COP30 in Belém stattfand, wurden vier Bergbaukonzerne sowie die Institutionen des Bundesstaates Pará schuldig gesprochen, die Rechte der Menschen und der Natur nicht ausreichend geschützt zu haben.

Die Regierung steht dabei unter dem Druck eines einflussreichen Parlaments, in dem viele Abgeordnete Verbindungen zur Agrarindustrie, zum Bergbau und zu anderen Rohstoffe ausbeutenden Firmen haben. Für Präsident Lula da Silva ist das ein Dilemma. Er versucht, den Schutz von Umwelt und Klima mit sozialer Entwicklung und Armutsbekämpfung in der Amazonasregion zu verbinden. Gleichzeitig muss er Kompromisse eingehen, um parlamentarische Mehrheiten zu sichern. Er vergab im Juni 2025 einige Konzessionen für die Suche nach Erdöl und Erdgas auch in der Amazonasregion.

Knut Henkel arbeitet als freier Korrespondent in Lateinamerika. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

Hier erfährst Du mehr über den Zusammenhang von fossilen Brennstoffen und Menschenrechten und kannst Dich engagieren. Und hier geht es zum Amnesty Bericht "Extraction Extinction – Why the lifecycle of fossil fuels threatens life, nature and human rights".

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