Gaza: Alaa Alqaisi übersetzt gegen das Vergessen
Mit Worten stemmt sich Alaa Alqaisi gegen die Entmenschlichung und das Vergessen.
© Natalia Bronny
Unter den mehr als 70.000 Toten in Gaza waren auch zahlreiche Autor*innen und Journalist*innen. Damit deren Geschichten weiterleben, übersetzt Alaa Alqaisi sie ins Englische. Dabei stößt sie immer wieder an die Grenzen des Übersetzbaren.
Von Hannah El-Hitami
Aus Gaza zu übersetzen, bedeutet, nicht nur den Völkermord zu dokumentieren, sondern auch die gewöhnlichen Momente des Lebens, die der Krieg auszulöschen versucht. Den Duft von Orangenblüten vor einem Luftangriff, den Gebetsruf, der über einer Stadt schwebt, die am nächsten Morgen vielleicht nicht mehr existiert, die Stimme eines Kindes, das in einem Klassenzimmer Gedichte rezitiert, das bald zerstört sein könnte", schreibt Alaa Alqaisi in ihrem Essay "Das Doppelleben einer palästinensischen Übersetzerin". Indem sie diese Erzählungen für ein internationales Publikum zugänglich mache, widersetze sie sich der Entmenschlichung und dem Vergessen.
Die Übersetzerin Alaa Alqaisi kommt aus Gaza. Im Sommer 2025 konnte sie mithilfe eines Stipendiums des Trinity College in Dublin nach Irland ausreisen. Dort schreibt die 32-Jährige seitdem ihre Doktorarbeit, in der sie irische und arabische Lyrik vergleicht. Im Februar 2026 war sie Gast im Literarischen Colloquium Berlin: Die prächtige Villa am Wannsee mit ihrem weitläufigen Garten bildet den denkbar größten Kontrast zu der Umgebung, in der Alaa Alqaisi noch vor Kurzem gefangen war.
Vom Arabischen ins Englische
Laut den Vereinten Nationen und internationalen Organisationen wie Amnesty International begeht Israel in Gaza einen Völkermord an den Palästinenser*innen. Mehr als 70.000 Menschen wurden seit dem 7. Oktober 2023 durch Angriffe aus der Luft und am Boden und die Folgen der Belagerung getötet. Eine aktuelle Studie des Max-Planck-Instituts schätzt die Zahl der Opfer sogar auf mehr als 100.000. Unter ihnen sind auch zahlreiche Künstler*innen, Autor*innen und Journalist*innen.
Deren Texte übersetzt Alaa Alqaisi vom Arabischen ins Englische, damit sie nicht mit ihnen verloren gehen, sondern eine internationale Bühne bekommen. Die Übersetzungen wurden in Literaturmagazinen wie ArabLit und auf Online-Plattformen veröffentlicht. Alaa Alqaisi will damit möglichst viele Menschen erreichen.
Eigentlich fühlt sie sich dem Englischen nicht sehr verbunden. Sie hält die Sprache für steril, distanziert und damit für ungeeignet, die Erfahrungen der Menschen in Gaza auszudrücken. Das Englische wolle "immer neutral sein und Verantwortung verstecken, indem es den Akteur durch Passivkonstruktionen unsichtbar macht", sagt sie. Grund für ihre Skepsis sind unter anderem die vielen englischsprachigen Schlagzeilen, die über die getöteten Zivilist*innen, den Hunger, die zerstörten Krankenhäuser und Schulen in Gaza berichteten, ohne dabei das israelische Militär und die Regierung als Verantwortliche zu benennen.
Dennoch übersetzt Alaa Alqaisi weiter und schreibt inzwischen auch selbst englische Texte. Denn: "Englisch ist die Sprache der Macht. Sie ist verbunden mit Institutionen, Medien und Politik. Diesen Raum aufzugeben, würde bedeuten, den Raum der Macht zu verlassen."
Hört man Alaa Alqaisi zu, wirkt sie wie jede andere junge Frau, die von ihrer Arbeit erzählt. Zwischendurch blickt sie auf den Wannsee, entdeckt eine Ente auf dem Eis und lacht. Doch dann wirkt sie plötzlich erschöpft, so als würde sie von der Wucht der Erinnerungen eingeholt, die sie noch nicht verarbeiten konnte. Manchmal fehlen ihr die Worte, etwa wenn es um ihre Familie geht, die sie in Gaza zurücklassen musste. Dann verstummt sie und lächelt entschuldigend.
Übersetzen als politischer Akt
Schon während ihres Studiums der englischen Literatur begann Alaa Alqaisi, als Übersetzerin zu arbeiten. Was als Nebenjob für internationale Unternehmen anfing, ist seit dem 7. Oktober 2023 zu einer persönlichen Mission geworden. "Das Internet in Gaza war abgeschaltet, doch ich hatte eine eine spezielle Sim-Karte. Damit hing ich am Fenster und versuchte, Empfang zu bekommen. Ich kontaktierte ein Literaturmagazin und fragte, ob ich Kurzgeschichten und Gedichte aus Gaza für sie übersetzen kann."
Einige der Menschen, deren Texte Alaa Alqaisi übersetzt hat, leben heute nicht mehr: etwa die Fotojournalistin Fatima Hassouna. Ein israelischer Luftangriff tötete die 25-Jährige im April 2025 zusammen mit ihrer Familie. Es sind Verluste wie diese, die das Übersetzen für Alaa Alqaisi zu einem politischen Akt gemacht haben. In ihrem Essay schreibt sie: "Palästinensische Übersetzerin zu sein bedeutet, Vermittlerin zu werden zwischen einer verschwindenden Welt und einer, die dieses Verschwinden oft nicht anerkennen will."
Das Vermitteln zwischen Originaltext und Zielpublikum fällt ihr nicht immer leicht. Wie alle Übersetzer*innen muss sie einerseits möglichst nah am Original bleiben, andererseits gibt es in jeder Sprache Eigenheiten und Nuancen, die sich nicht übersetzen lassen. "Bei der Übersetzung geht immer etwas verloren", sagt sie. "Aber wenn man es schafft, dass der Text den gleichen Effekt auf die Leser*innen hat wie in der Originalsprache, dann ist die Übersetzung akkurat."
Sprachliche Checkpoints überwinden
Doch wer aus Gaza übersetzt, begegnet nicht nur sprachlichen Hürden. Die Debatte darüber, was in Gaza passiert, ist insbesondere in Europa und den USA angespannt. Formulierungen werden auf die Goldwaage gelegt, Begriffe stehen stellvertretend für politische Positionen. Bei ihrem Besuch in Berlin im Februar erfuhr Alaa Alqaisi, wie umstritten der Begriff "Völkermord" in der deutschen Öffentlichkeit nach wie vor ist – in vielen Redaktionen und Institutionen ist er tabu. "Stell dir vor, du erlebst etwas, dass diese Menschen sich gar nicht vorstellen können. Und dann kommst du hierher und sie stellen das infrage." Sie schüttelt den Kopf. "Soll ich etwa zurückgehen und mich töten lassen, damit sie mir glauben, dass dort ein Völkermord passiert?"
In dieser Situation wird das Übersetzen zur Gratwanderung. Es gelte, eine Sprache zu finden, "die den Schmerz ungefiltert lässt und gleichzeitig sicherstellt, dass er die sprachlichen Checkpoints passiert, die darüber entscheiden, welches Leiden anerkannt und welches verworfen wird", schreibt Alaa Alqaisi.
Seit sie Gaza verlassen konnte, ist die Arbeit für sie teils mit heftigen körperlichen Reaktionen verbunden; oft überwältigenen sie dabei die Erinnerungen. Aufhören will sie aber nicht. "So kann später zumindest keiner behaupten, dass wir geschwiegen haben oder dass niemand etwas davon wusste."
Immer wieder plagen Alqaisi Zweifel, ob die Worte, die sie schreibt und übersetzt, einen Unterschied machen können. "Ist die Welt bereit, zuzuhören, oder sprechen wir nur in einen Echoraum der Trauer?", fragt sie. Als palästinensische Übersetzerin klammere sie sich jedoch an den Glauben, "dass Gaza nicht ausgelöscht ist, solange die Worte bestehen bleiben, die Namen ausgesprochen und die Gedichte rezitiert werden".
Hannah El-Hitami ist freie Journalistin und lebt in Berlin. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.