Kein sicherer Ort
Viele geflüchtete Frauen haben im Heimatland oder auf der Flucht sexuelle Gewalt erlebt. Doch auch in Deutschland finden sie häufig keinen Schutz.
Von Michaela Ludwig
Es geschah in den frühen Morgenstunden. Sarah* war auf dem Rückweg von den Toiletten, die draußen auf dem Hof der Flüchtlingsunterkunft stehen. Hier muss sich der Mann wohl an ihre Fersen geheftet haben. Als Sarah wieder in ihrem Bett lag, stand er plötzlich im Zimmer und warf sich auf sie. Die junge Frau aus Westafrika schrie so laut sie konnte, ihre Bettnachbarin auch. Doch als das Wachpersonal eintraf, war der Angreifer schon verschwunden.
Was Sarah in der Sammelunterkunft in Gießen erlebt hat, ist kein Einzelfall. In einem offenen Brief beklagten im September vier hessische Frauen- und Sozialverbände Missstände in der Erstaufnahmeeinrichtung. Auch aus anderen Städten wird von sexueller Gewalt berichtet. Sexuelle Belästigung gehört für viele Frauen, die allein nach Deutschland geflüchtet sind, zum Alltag. Sogar über Zwangsprostitution wird berichtet. "Die Situation in den Flüchtlingsunterkünften fördert Gewalt an Frauen", sagt Jae-Soon Joo-Schauen, Geschäftsführerin der Frauen-Beratungsstelle "agisra" in Köln.
Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) schätzt, dass bis zum Jahresende rund 800.000 Schutzsuchende nach Deutschland eingereist sein werden – vermutlich werden es sogar mehr sein. Die hohe Zahl führt zu einer reinen Krisenbewältigung in den Ländern, Städten und Kommunen. Meist geht es bei der Suche nach Unterkünften nicht mehr darum, Standards einzuhalten, sondern schlichtweg um die "Vermeidung von Obdachlosigkeit", wie der Hamburger Senat in der Antwort auf eine Kleine Anfrage im September bestätigte.
In vielen Städten werden Neuankömmlinge in Großzelten, Turnhallen oder leerstehenden Baumärkten untergebracht. Hier leben Familien, allein geflüchtete Frauen und Männer auf engstem Raum, ohne Privatsphäre. Schon rein zahlenmäßig werden die Unterkünfte von Männern dominiert, nur gut 30 Prozent der Antragstellenden in Asylverfahren sind Frauen. Es gibt keinen Ort, an dem sie vor fremden Blicken geschützt sind – um das Kind zu stillen oder das Kopftuch abzulegen.
"Selbst wenn die Wasch- und Toilettenräume für Männer und Frauen getrennt sind, kann man häufig nur die Kabinen abschließen, die Räume nicht", sagt Jae-Soon Joo-Schauen. Viele Frauen wagen sich abends nicht mehr auf die Toiletten. Die Duschen benutzen sie nur, wenn andere Frauen Wache stehen. "Das Gefühl von Unsicherheit begleitet sie Tag und Nacht", so Jae-Soon Joo-Schauen. "Sie müssen immer wachsam sein."
Dabei sind geflüchtete Frauen mit und ohne Kinder auf besonderen Schutz angewiesen, so Wiebke Judith, Asyl- und Flüchtlingsexpertin von Amnesty International. "Auch wenn die Situation derzeit schwierig ist, müssen die Unterkünfte bestimmten Standards gerecht werden. Es muss sichergestellt sein, dass Frauen vor Gewalt geschützt sind."
Gravierend ist die Situation in den Unterkünften für Frauen, die im Heimatland oder auf der Flucht sexuelle Gewalt erlebt haben. Manche wurden von Schleppern vergewaltigt, andere mussten sich prostituieren, um die Flucht zu finanzieren. "Für traumatisierte Frauen ist dies eine emotionale Fortsetzung ihrer Verfolgungsgeschichte", sagt Jürgen Soyer, Geschäftsführer von "Refugio" in München, einem Behandlungszentrum für Flüchtlinge und Folteropfer. "Es besteht das Risiko der erneuten Traumatisierung."
Refugio bietet unter anderem in der Bayernkaserne, der zentralen Erstaufnahme in München, eine Gruppentherapie für Frauen an. "Sie haben das Grundgefühl von Sicherheit verloren und empfinden eine ständige Bedrohung", sagt Soyer. "Gemischte Unterkünfte sind für die Frauen kein Ort, um zu genesen", resümiert er. "Sie sollten die Wahl haben, eine reine Frauenunterkunft beziehen zu können."
Über das tatsächliche Ausmaß sexueller Gewalt in Flüchtlingsunterkünften gibt es keine verlässlichen Zahlen. Jedoch deuten die Ergebnisse einer nicht repräsentativen Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland aus dem Jahr 2004 darauf hin, dass Flüchtlingsfrauen häufiger Opfer sexueller Gewalt werden. Bei der Befragung gaben 25 Prozent an, von sexueller Gewalt betroffen gewesen zu sein. Zum Vergleich: 13 Prozent aller in Deutschland lebenden Frauen haben nach eigenen Aussagen sexuelle Gewalt erlebt.
Diese Tatsache lässt sich nach Ansicht von Expertinnen wie Ulrike Krause nicht notwendigerweise mit religiösen oder kulturellen Gründen erklären, wie dies insbesondere in rechten Kreisen häufig getan wird.
"Die Lebensbedingungen in Flüchtlingslagern können sexuelle Gewalt fördern", sagt die Marburger Friedensforscherin. Ulrike Krause forscht über den Zusammenhang von Gewalt, Geschlechterverhältnissen und der Unterbringung in Flüchtlingsunterkünften.
Faktoren, die Gewalt fördern, seien der enge Raum mit intensiven sozialen Dynamiken, der gleichzeitig nach außen isoliert ist. Dazu käme das Gefühl, der eigenen Entscheidungskraft beraubt zu sein, sowie die Ungewissheit, wie es weitergeht.
Denn Entscheidungen treffen andere: Heimleitung, Politik, Gesetze und Verordnungen. "Das wirkt sich auf den einzelnen Menschen, Männer wie Frauen, sowie auf die sozialen Rollen und die Geschlechterbeziehungen aus", so die Wissenschaftlerin. Dabei können sich Männer, die sehr patriarchalisch geprägt seien, ihrer Rolle beraubt fühlen. "Angesichts dieser veränderten Bedingungen werden Geschlechterbeziehungen neu ausgehandelt", sagt Ulrike Krause.
Das musste Zahira am eigenen Leib erfahren. Die junge Studentin ist allein aus Syrien geflohen. In ihrer Unterkunft wohnte ein Landsmann, mit dem sie sich zunächst recht gut verstand. Doch dann wurde er zudringlich, fragte Zahira, ob sie ihn heiraten wolle. Als sie ablehnte, begann der Horror: Er streute Gerüchte, dass sie leicht zu haben sei. Fortan wurde Zahira auf ihren Wegen zu Küche oder Dusche von Pfiffen begleitet. Bekannte des Mannes bedrängten und berührten sie unsittlich. Einer von ihnen belästigte sie über Monate. Aus Scham und Schuldgefühl offenbarte sich Zahira nicht dem Sozialdienst.
Zu groß war die Angst, alles noch schlimmer zu machen. Dabei haben Heimleitungen die Möglichkeiten, für den Schutz der Frauen zu sorgen, sagt Heike Rabe vom Institut für Menschenrechte. "In den Unterkünften stellt man sich der Gewalt oft nicht ausreichend entgegen", kritisiert die Juristin mit dem Schwerpunkt "geschlechtsspezifische Gewalt". Sie hat bereits im August Empfehlungen zum Schutz bei geschlechtsspezifischer Gewalt in Flüchtlingsunterkünften herausgegeben.
Ein bisher typischer Umgang zeigt sich in Sarahs Fall: Nach der versuchten Vergewaltigung wurde sie lediglich in ein anderes Stockwerk derselben Unterkunft verlegt. Da auch der Angreifer blieb, lebte Sarah in ständiger Angst.
"In den Unterkünften gibt es keine geregelten Verfahren, wie bei einem Verdacht oder einem konkreten Vorfall zu handeln ist", so Heike Rabe. "Wenn zudem auch das Personal meist nicht sensibilisiert ist, hängen die Reaktionen von der Initiative Einzelner ab." Außerhalb der Unterkünfte gibt es klare Regelungen, wie bei sexueller Gewalt gehandelt werden muss. Es gilt der Grundsatz "wer schlägt, der geht".
"All diese Regelungen müssen rechtlich auch in Unterkünften greifen", sagt sie und fordert Verfahrensleitlinien, wie zum Schutz der Betroffenen vorgegangen werden muss, für jede Einrichtung. Da die Flüchtlinge durch Asyl- und Aufenthaltsgesetz an ihren Wohnort gebunden sind, sei im Notfall ein schnelles Handeln durch die Ausländerbehörden erforderlich, um die Betroffenen aus der Gemeinschaftsunterkunft herausholen zu können.
Dass Ausländer- und Sozialbehörden dem Gewaltschutz Vorrang einräumen sollten, fordern auch Petra Schlesiger und ihre Kolleginnen vom Verein "Frauen helfen Frauen" in Hamburg, Träger eines Frauenhauses. Im ersten Halbjahr 2015 haben elf geflüchtete Frauen mit ihren Kindern in einem der fünf Hamburger Frauenhäuser Schutz gesucht. "Das ist sicher erst der Anfang", sagt Petra Schlesiger.
Die Sozialpädagogin erwartet, dass mehr Notrufe eingehen werden, wenn die Menschen erst einige Monate in den Unterkünften leben. Doch die Kapazitäten in Hamburg sind mit 194 Plätzen sehr begrenzt. Wenn die belegt sind, verbiete es die Wohnsitzauflage für Flüchtlinge, die betroffenen Frauen außerhalb Hamburgs unterzubringen. Zusätzlich erschweren die unterschiedlichen Finanzierungsmodelle der Bundesländer eine Betreuung.
In Städten und Kommunen wird nun unter Hochdruck daran gearbeitet, Flüchtlings- und Frauenberatung zu vernetzen. Kostenlose Beratungsangebote stehen auf dem Papier allen Frauen offen, unabhängig von ihrer Herkunft. Doch den Weg in die Beratungszentren außerhalb der Unterkünfte finden Flüchtlingsfrauen selten. Noch sind es in erster Linie die Flüchtlingshelferinnen, denen betroffene Frauen sich offenbaren. Grundlage dafür ist ein stabiles Vertrauensverhältnis, berichtet ein Mitglied einer Amnesty-Asylgruppe.
Einrichtungen für allein geflüchtete Frauen mit und ohne Kinder gab es bisher nur in Bremen und Jena. Angesichts der Vorfälle in vielen gemischten Flüchtlingsunterkünften werden nun weitere Einrichtungen für Frauen geplant oder sind bereits bezogen. Ein erster Schritt.
- Namen von der Redaktion geändert.
Die Autorin ist Journalistin und lebt in Hamburg.