Amnesty Journal Syrien 17. September 2013

Stadt der Idealisten

Traum von einer freien Presse

Traum von einer freien Presse

Seit fast zwei Jahren wird die syrische Stadt Zabadani von der Armee belagert. Die Menschen haben sich eingerichtet und trotzen dem Regime.

Von Carsten Stormer

Am Morgen brachten sie den alten Mann. Die Kugel eines Scharfschützen hatte den 72-Jährigen in den Rücken getroffen, die Lunge durchschlagen, war an einer Rippe abgeprallt und oberhalb der linken Niere wieder ausgetreten. »Er wird überleben, Insch’allah«, sagt Doktor Abdulhameed Al-Ghaibar, orthopädischer Chirurg und Chefarzt des einzigen Krankenhauses von Zabadani, einem Städtchen im Südwesten Syriens. Die Klinik hat ein Patientenzimmer mit vier Betten und einen Operationsraum, das muss reichen. Drei Ärzte sind ihm geblieben, die, wie er, nicht aus der Stadt geflohen sind, vor den Bomben, den Panzern, den Scharfschützen. 24 Stunden Bereitschaft. Abdulhameed Al-Ghaibar ist umgeben von Sandsäcken, ein Rollstuhl rostet im Korridor. Sein Reich zwischen Leben und Tod befindet sich im Erdgeschoss eines Hauses, das früher fünf Stockwerke hatte und nur noch eine Ruine ist – seit zwei Jahren wird es Stein für Stein von den Panzergranaten der syrischen Armee abgetragen. Zwei Stockwerke sind noch einigermaßen erhalten. »Eine Zeit lang sind wir noch in Sicherheit.« Doktor Al-Ghaibar stellt sich neben den Alten, der leise röchelt, prüft eine Kanüle, den Tropf, streicht ihm über den Kopf. Am Bett sitzen eine Tochter und zwei Söhne des Mannes, Wut und Tränen in den Augen.

Doktor Al-Ghaibar ist ein kleiner, untersetzter Mann. Dreißig Jahre alt, dicke Brillengläser, ein Vollbart, durch den unermüdlich seine Finger gleiten, während er spricht. »Bin ich ein Terrorist?«, fragt er. Seit zwei Jahren ist dieses notdürftige Krankenhaus sein Zuhause. Hier schläft er, operiert er. Ohne Pause – weil ständig Menschen mit Schusswunden oder abgerissenen Gliedmaßen auf seinem Operationstisch landen. Warum bleibt er? Warum flieht er nicht aus der Stadt, wie so viele andere? »Weil es meine Pflicht ist, den Menschen zu helfen. Ich habe ­einen Eid geschworen. Und dies ist meine Heimat.«

Zufluchtsort in den Bergen
Es sind Sätze wie diese, die man überall in Zabadani hört. Die Vorstadt von Damaskus war die erste syrische Stadt, die »befreit« wurde. Das war im Januar 2012. Aber frei ist hier niemand. Denn seitdem ist Zabadani eingekesselt. Auf den Bergen ringsum stehen Panzer und Artilleriestellungen der Armee, die die Stadt unaufhörlich beschießen; siebzig, achtzig Granaten fallen täglich. Kaum ein Haus, dessen oberste Stockwerke nicht zerstört sind. Zabadani ist zu achtzig Prozent zerstört und die we­nigen verbliebenen Bewohner suchen Zuflucht in Kellern und Erdgeschossen.

Zabadani, 1.100 Meter über dem Meeresspiegel, umgeben von bewaldeten Bergen, war einst Zufluchtsort reicher Syrer vor der Sommerhitze. Die Menschen waren stolz auf die Architektur ihrer Stadt. Auf die Süße der Aprikosen. Auf die Schönheit der Berge. Zabadani war reicher als andere Städte, die Einwohner ­gebildeter. Reiche Damaszener bauten hier Ferienhäuser und brachten Wohlstand und Ansehen. Dann revoltierte das Volk gegen vierzig Jahre Diktatur und die Einwohner mussten sich entscheiden: Weiter Mitläufer zu sein und ungestört ihren Wohlstand zu genießen. Oder für ein gerechteres Syrien auf die Straße zu gehen. Die Menschen mussten nicht lange überlegen. Erst demonstrierten sie, dann vertrieben sie die Soldaten, Polizisten, den Bürgermeister und Spitzel des Regimes. Die Regierung schickte Panzer und Scharfschützen. Die Villen aus dickem Mauerwerk dienen jetzt als Bunker vor dem Bombardement der Regierung. Doch noch immer ist ein letzter Rest dieses Stolzes geblieben. Neben Trotz und Hass auf das Regime ist dies einer der Gründe, warum nicht alle Menschen aus Zabadani geflohen sind.

Das alte Leben liegt begraben unter Trümmern. »Stadt der Idealisten« nennt man Zabadani inzwischen in Syrien, wegen Menschen wie Doktor Al-Ghaibar. Und weil sich die Bewohner hier, anders als im Norden Syriens, nach zwei Jahren Krieg noch nicht radikalisiert haben. »Al-Qaida ist bei uns nicht willkommen«, sagt Doktor Al-Ghaibar und putzt seine Brillengläser.

Träume von einem Neuanfang
Ein paar hundert Meter vom Krankenhaus entfernt läuft eine junge Frau an einem ausgebrannten Panzer vorbei, steigt über die Schuttberge in den zerstörten Straßenzügen. Sie besucht erst die ausgebrannte Moschee, dann die Kirche nebenan, deren Glockenturm von einer Granate getroffen wurde, dann die Schulen, in denen schon lange nicht mehr unterrichtet wird. Ein Panorama der Verwüstung. Links und rechts Mauerreste voller Einschusslöcher, rostige Autowracks, Panzerschrott, metertiefe Schlaglöcher; Müll aus zwei Jahren Krieg. Penibel hält sie alles mit ihrer Kamera fest, macht sich Notizen für den nächsten Artikel. An einem Fenster ohne Scheiben erscheint ein Mann, beobachtet die Frau auf der Straße und ruft herunter, sie solle besser verschwinden. »Kanas!«, sagt er. »Scharfschützen!« Dann zieht er sich wieder ins Innere der Ruine zurück. Kurz darauf erfolgt ein Warnruf der Späher in den Bergen, die die Panzer beobachten. »Granate! Granate! Granate!«, krächzt es aus dem Funkgerät, das die Frau, wie alle verbliebenen Einwohner Zabadanis, immer bei sich trägt, um sich gegenseitig vor Angriffen oder Gefahr zu warnen. Die junge Frau rennt in einen offenen Hauseingang. Wartet den ersten Einschlag ab. Rennt weiter, geduckt, die Hände auf ihr Kopftuch gelegt, als wolle sie sich so vor herumfliegenden Splittern schützen. Sie flüchtet in eine Wohnung. Erschöpft und zitternd lehnt sie sich gegen die Mauer, ringt nach Luft. »Wann hat das alles endlich ein Ende?«, fragt sie und schließt die Augen.

Selbst in der sicheren Wohnung umklammert sie den Kugelschreiber minutenlang, als müsse sie sich an etwas festhalten, darunter eine weiße Seite Papier. Still sitzt sie da, mit hängenden Schultern, als draußen die Waffen für einen Moment innehalten. Dann wieder das schrille Pfeifen der Panzergranaten, ein Krachen, ganz in der Nähe. Das Minarett der Moschee ist getroffen. Gestein und Schrapnellsplitter prasseln gegen die Hauswand. Eine Staubwolke dringt durchs Fenster. Mit einem Ruck beugt sich die zierliche junge Frau nach vorn. Und fängt endlich an zu schreiben.

Sie nennt sich Nermin. Züchtig, mit Kopftuch, wie es sich im konservativen Zabadani für Frauen gehört. Ihren richtigen Namen will sie nicht nennen. Sie muss sich und ihre Familie schützen vor der syrischen Armee und der Geheimpolizei, die sie suchen und ein Kopfgeld auf sie ausgesetzt haben. Denn die 31-Jährige ist Chefredakteurin, Reporterin und Karikaturistin der regimekritischen Zeitung »Oxygen«. Ein Blatt mit 32 Seiten, das sie zu Beginn des Aufstands gegen das syrische Regime zusammen mit vier Freundinnen gründete. Damals, als plötzlich alles möglich schien und sie endlich das sagen und schreiben konnten, was ihnen auf der Seele brannte, ohne dass jemand zensierte oder sie für ihre Gedanken ins Gefängnis warf. Als Menschen wie sie erst zu Hunderten, dann zu Tausenden und irgendwann zu Hunderttausenden auf die Straße gingen, um für mehr Chancen und Rechte zu demonstrieren. Als die Hoffnung bestand, die vierzigjährige Diktatur abzuschütteln. Sie träumten von einem Neuanfang: Freie Gedanken in einer freien Presse. So etwas gab es bis dahin nicht in Syrien.

Der Traum ist inzwischen fast unter dem Schutt des Krieges begraben. Nermins Mitstreiterinnen flohen schon vor Monaten aus Zabadani – in die Flüchtlingslager im Libanon, in die befreiten Gebiete des Nordens, zu Verwandten in anderen Teilen Syriens. Nur Nermin ist geblieben. »Weil es meine Pflicht ist«, sagt sie. Ihre Freundinnen liefern jetzt Texte aus dem Exil, per E-Mail, Skype, Twitter. Seit einigen Monaten erscheint »Oxygen« nur noch als Netzzeitung. »Unsere Redaktion ist zerstört und wegen der Blockade bekommen wir kein Papier mehr – oder es ist zu teuer.« Außerdem sind die meisten Bewohner aus Zabadani geflohen. Von den einst 40.000 Einwohnern sind nur noch etwa 4.000 geblieben. »Und die bleiben aus Angst vor den Granaten meistens den ganzen Tag in ihren Häusern.« Aber alle würden »Oxygen« im Netz lesen.

Vor der Revolution war Nermin Lehrerin für Englisch und ­Informatik in Damaskus. Jetzt sitzt sie hier im zweiten Stock eines zerschossenen Hauses, das als Redaktion herhalten muss, nachdem das alte Büro von mehreren Granaten getroffen wurde und ausbrannte. »Sie wussten, wo wir die Zeitung drucken und haben uns gezielt beschossen.« Mal wieder ist der Strom ausgefallen, ein Generator brummt. Der Drucker ist kaputt und das Internet funktioniert auch nicht. In wenigen Stunden ist Redaktionsschluss. Und noch immer sind die Artikel ihrer Kolleginnen nicht eingetroffen. Sie schließt eine Digitalkamera an ihren Laptop, lädt die Bilder des Vormittags hoch: die zerstörte Moschee, eine zerschossene Schule, Menschen, die Grafittis auf Wände schreiben – Hilferufe an die Welt, die sich von Syrien ­abgewandt hat.

»Verhandeln statt schießen«
Von der Euphorie des Anfangs ist heute nicht mehr viel übrig. Die Hoffnung auf einen Neuanfang ist Hoffnungslosigkeit gewichen. Nur der Zorn ist geblieben und der Trotz, unter dem ständigen Bombardement der Panzer und der Artillerie nicht einzuknicken. Und die Gewissheit, das Richtige zu tun. »Wir machen weiter«, sagt sie. »Bis wir siegen. Oder sie uns töten oder gefangen nehmen.« Das Leben, das sie einmal kannte, existiert nicht mehr. Und so schreibt sie Woche für Woche gegen das Unrecht an. Gegen die Verhaftungen, gegen Folter, gegen die Zerstörung der Schulen, der Krankenhäuser, der Moscheen und Kirchen. Woche für Woche, seit zwei Jahren. Eine zermürbende, gefähr­liche Arbeit.

Es gibt inzwischen mehrere Revolutionszeitungen in Syrien. In Aleppo, in Damaskus. Die meisten sind Sprachrohre des bewaffneten Aufstands. »Oxygen« ist anders. »Wir kritisieren nicht nur das Regime, sondern auch die Freie Syrische Armee«, sagt Nermin. »Denn sie haben uns die Revolution geklaut und die Werte verraten, für die wir auf die Straße gegangen sind.« In fast jeder Ausgabe von »Oxygen« finden sich Artikel über Rebellen, die plündern, unschuldige Menschen erschießen oder sich gegenseitig bekämpfen. Und am meisten Sorge bereitet ihr die schleichende Radikalisierung innerhalb der Freien Syrischen Armee. »Wie konnten wir es zulassen, Al-Qaida in unsere Reihen aufzunehmen? Mit welcher Rechtfertigung exekutieren manche Rebellengruppen unschuldige Menschen? Das macht uns nicht besser als diejenigen, die wir bekämpfen.« Verhandeln statt schießen, nur so ist Veränderung möglich, glaubt sie. »Wir wollten keinen Krieg!«

Es sind Aussagen wie diese, mit denen sich »Oxygen« in die Herzen der Bevölkerung geschrieben hat. Doch innerhalb der Freien Syrischen Armee und der Revolutionskomitees hat sich die Zeitung damit unbeliebt gemacht. Nermin und ihre Mitstreiterinnen sind zwischen die Fronten geraten, weil sie sich nicht instrumentalisieren lassen wollen. Auf den Straßen Zabadanis und im Internet wird die junge Frau manchmal als Verräterin und Nestbeschmutzerin beschimpft. Die neuen Herren mögen keine Kritik. Einmal stand ein bewaffneter Mann in der Redaktion und drohte: Wenn ihr nicht für uns seid, seid ihr gegen uns. Passiert ist bislang nichts, aber sicherheitshalber hat sie zwei Männer als Reporter angeheuert, weil diese leichter Zugang zu den Rebellen bekommen, von denen einige nicht mit Frauen sprechen wollen. »Als Frauen werden wir häufig nicht ernst genommen. Aber wir machen weiter, weil wir auf der richtigen Seite stehen.« Über 30.000 Leser folgen Nermin auf Facebook und auf ihrer Webseite, lesen Woche für Woche ihre Texte und Reportagen. Und »Oxygen« expandiert: In der Provinzhauptstadt Raqqa, im Norden Syriens, haben Mitstreiter im Mai eine Redaktion eröffnet.

Die Ambulanz ist ein beliebtes Ziel
Auch Nermin hält es nicht ständig in Zabadani aus. Sie nimmt sich immer öfter Auszeiten, weil sie nachts von den Bomben und ihren toten oder verschwundenen Freunden träumt. Verbringt immer mehr Zeit bei den Eltern, die in einen Vorort von Zabadani geflüchtet sind. »Meine Familie weiß nicht, was ich hier tue.« So sei es sicherer für sie. »Ich will sie nicht in Gefahr bringen. Sie glauben, dass es sich nicht lohnt, für unsere Sache zu sterben. Obwohl sie das Regime nicht unterstützen.« Erst heute Morgen ist sie in die Stadt zurückgekehrt, hat zwei Checkpoints der Armee passiert und zu Allah gebetet, dass die Soldaten ihr die Angst nicht anmerken. Denn in ihrer Handtasche schmuggelte sie eine Mappe mit selbstgemalten Anti-Assad-Karikaturen, die in die aktuelle Ausgabe sollen. »Wenn sie mich ­erwischt hätten, wäre ich jetzt tot oder im Gefängnis«, sagt sie mit zitternder Stimme und holt die Mappe aus ihrer Tasche: ein Dutzend Blätter, auf denen das Leid Syriens gezeichnet ist. Ihre Arbeit sei wichtig, sagt Nermin. »Für die Wahrheit.« Aber sie ist auch ein Drahtseilakt ohne Sicherung und Fangnetz. »Zum Glück kontrollieren die Soldaten Frauen so gut wie nie«, erzählt sie, und angesichts dieses kleinen Sieges huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. Die Zeitung muss pünktlich erscheinen. »Das erwarten unsere Leser. Das ist das Risiko wert.« Dann schlägt die nächste Granate ein. Das Lächeln ist verschwunden.

So geht das den ganzen Tag. Die Einwohner Zabadanis haben gelernt, mit der Gefahr zu leben, sie bleiben in ihren Häusern oder in dem, was davon übrig ist – umgeben von Mauern. Nur wer unbedingt muss, wagt sich auf die Straßen, wenn möglich nachts, auf Motorrädern ohne Licht, um kein Ziel abzugeben. Nur manche wagen sich tagsüber hinaus, weil sie der Gefahr überdrüssig sind oder weil sie müssen. So wie Abu Hamid, der einzige Krankenhausfahrer. Heute war ein relativ ruhiger Tag in Doktor Al-Ghaibars Krankenhaus. Der alte Mann wird es wohl schaffen, am Mittag kam eine Frau, der er Schrapnellsplitter aus dem Knie entfernen musste. Einem jungen Mann gipste er das gebrochene Bein ein. Routine. Noch immer kracht es draußen und über das Funkgerät kommt die Nachricht, dass es jemanden irgendwo am Stadtrand erwischt hat. Abu Hamid verzieht das Gesicht. Draußen dämmert es, noch immer genug Licht, damit ihn die Scharfschützen oder die Soldaten in ihren Stellungen auf den Bergen gut sehen können. Doch er zuckt nur mit den Schultern, grinst hinüber zu Doktor Al-Ghaibar, schickt ein Stoßgebet Richtung Himmel und steigt dann in den weißen Kastenwagen, der als Ambulanz herhalten muss. Er hat Einschusslöcher im Kotflügel, in der Windschutzscheibe, in der Motorhaube. »Sobald mich die Armee sieht, beschießen sie mich. Ich bin ein beliebtes Ziel. Aber sie zielen nicht besonders gut«, sagt er und zündet sich eine Zigarette an, zieht den Rauch in die Lunge. »Daran habe ich mich gewöhnt.« Dann rast er los, im Schutz der schmalen Gassen. Zehn Minuten später ist er zurück. Im Auto einen Toten und einen verwundeten Kämpfer: bärtig, blutverschmiert, bewusstlos, Schaum vorm Mund. Ein Metallsplitter steckt in seiner Schädeldecke. Es muss schnell gehen. Der Sauerstoff ist knapp. Mit einem Skalpell schneidet Doktor Al-Ghaibar den Granatsplitter aus dem Schädel, verbindet den Kopf – und schickt den Mann nach Hause. Im Krankenhaus kann er nicht bleiben: »Zu gefährlich, weil wir ständig mit Granaten beschossen werden. Jetzt ist er in den Händen von Allah!«, sagt er und wäscht sich das Blut von den Händen. Dann setzt er sich auf eine verschlissene Couch, schließt die Augen und wartet auf den nächsten Patienten. Irgendwer muss es ja machen. Das Wichtigs­te sei, nicht aufzugeben. Das sei auch das Schwierigste.

Der Autor ist Journalist und lebt in Manila.

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