Amnesty Journal Iran 14. Mai 2012

Zwischen Liebe und Zorn

Die iranische Künstlerin Parastou Forouhar kämpft seit Ende der neunziger Jahre für die ­Aufklärung der politischen Morde an ihren Eltern.

Kann man Liebe für ein Land empfinden, in dem die Bevölkerung bevormundet und unterdrückt wird, regierungskritische Meinungen zensiert werden und Oppositionelle in Haft kommen? »Wenn ich an den Iran denke, fühle ich eine Zerrissenheit zwischen Liebe und Zorn«, sagt Parastou Forouhar. »Liebe für meine Kindheitserinnerungen und die Menschen, die auf ihr Recht beharren und – wie meine Eltern – dafür kämpfen. Zorn für die brutale Diktatur und Bevormundung, die auch den kleinsten Teil des Lebens im Iran bestimmen.«

Parastou Forouhar ist eine der prominentesten iranischen Künstlerinnen. Sie wurde 1962 in Teheran geboren, seit 1991 lebt sie in Deutschland. Viele ihrer Fotoarbeiten, Zeichnungen und Installationen spiegeln die ambivalente Beziehung zu ihrem Heimatland wider. Wenn Parastou Forouhar die bestehenden politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse kritisiert, dann mit Ironie und Feingefühl.

Eines ihrer jüngeren Werke zeigt eine Serie von gezeichneten Schmetterlingen. Bei näherem Blick entpuppen sie sich als Ornamente aus einzelnen Personen, die sich krümmen, aneinanderklammern und die Hände in die Höhe reißen. »Der Schrecken offenbart sich erst, wenn man genauer hinsieht«, sagt Forouhar. Die Schmetterlinge tragen Namen wie »Evin«, das bekannteste Gefängnis im Iran, oder »Khavaran«, ein Massengrab im Südosten Teherans.

Ein Schmetterlingsbild ist nach dem Todestag ihrer Eltern benannt. In der Nacht des 21. November 1998 wurden sie in ihrem Haus in Teheran von Mitarbeitern des Informationsministeriums mit zahlreichen Messerstichen ermordet. Dariush und Pervaneh Forouhar waren führende Oppositionspolitiker, die sich für mehr Demokratie einsetzten. Sie forderten Meinungsfreiheit und eine Trennung von Staat und Religion. Die Tat war Teil der sogenannten »Kettenmorde« im Iran, einer politisch motivierten Mordserie, der in den neunziger Jahren vor allem linke Oppositionelle zum Opfer fielen.

»Politische Verbrechen hinterlassen eine Aufgabe. Eine Verantwortung, die getragen werden muss, bis jene als solche benannt und lückenlos aufgeklärt worden sind«, schreibt Parastou Forouhar in ihrem 2011 erschienenen Buch »Das Land, in dem meine Eltern umgebracht wurden. Liebeserklärung an den Iran«. Darin schildert sie auch einige ihrer Reisen in den Iran und das Gerichtsverfahren, das sie und andere Angehörige der Opfer angestrengt haben, um die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.

Als »Ausnahmezustand« bezeichnet Parastou Forouhar die Zeit, in der sie die Prozessakten, darunter Vernehmungsprotokolle der Geheimdienstmitarbeiter, einsehen konnte. »Mit einem bürokratischen Selbstverständnis sprachen die von ›physischer Liquidierung‹, obwohl es um Menschen ging«, sagt sie. »Diese Phase war die größte Zerreißprobe für mich. Wie kann es sein, dass bei solchen ungeheuerlichen Verbrechen der Alltag weitergeht?«

Das Gerichtsverfahren führte trotz aller Bemühungen nur teilweise zum Erfolg. Einzelne Täter wurden verurteilt, doch die mutmaßlichen Drahtzieher des Verbrechens, hohe Staatsbeamte, wurden nicht belangt. Dennoch: Parastou Forouhar bleibt beharrlich. »Wir haben alles versucht, aber keinen Erfolg erzielt. Stattdessen haben wir aber erreicht, dass in der Bevölkerung ein Bewusstsein und eine kollektive Erinnerung für diese Taten entstanden sind.« Parastou Forouhar fährt jedes Jahr zum Todestag ihrer Eltern in den Iran: Nicht nur um zu trauern, sondern auch, um dafür zu sorgen, dass die Ermordung ihrer Eltern nicht in Vergessenheit gerät.

Text: Ralf Rebmann

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