Amnesty Journal Russische Föderation 17. November 2011

Die Schwalbe

Wer den Tschetschenienkonflikt verstehen und ­begreifen möchte, was er für seine Opfer bedeutet, muss sich an German Sadulajew wenden. Der Jurist und Romanautor ist beides: Russe und Tschetschene.

Von Barbara Kerneck

Wie German Sadulajew stellt man sich einen Nordrussen vor: blond, gedrungen, blaue Augen. »Aber auch viele Tschetschenen sehen so aus, sogar ein ganzer Clan«, versichert der Schriftsteller. Als Sohn einer Russin und eines Tschetschenen wurde er 1973 in dem großen tschetschenischen Dorf Schali geboren. Später studierte er Jura in Sankt Petersburg. Heute arbeitet er dort als Justiziar einer ­Firma.

Die Schilderung seines Erwachens in dieser russischen Großstadt steht am Beginn seines vorletzten Romans. Wie bei vielen Traumatisierten kehrt für ihn morgens der Albdruck zurück, zusammen mit der Erinnerung an die Realität: Ach ja, das alles hat sich abgespielt, wirklich! Die Gräuel der beiden Tschetschenienkriege (1994 bis 1996 und ab 1999, nach russischer Version 2009 beendet,) werden nicht nur ihn bis ans Ende seines Lebens begleiten. »Dass ich Tschetschene bin, darauf mussten die Russen mich durch diese Kriege erst mit der Nase stoßen«, sagt er.

»Ich bin Tschetschene«, heißt der Roman, in dem Sadulajew unter anderem eine kleine Sowjetrepublik hinter den Bergen beschreibt, die heute wie ein schöner Traum erscheint: das Tschetschenien seiner Kindheit.

Das ist ein fruchtbares Ländchen, bewohnt von zutiefst konservativen Bauern, wo der tschetschenische Vater als Vorsitzender einer Staatsfarm an den Kommunismus glaubt. Wo die ganze Familie über nationale Zugehörigkeiten nicht nachdenkt, sondern sich als Teil des großen Sowjetvolkes empfindet. Wo die russische Mutter, Lehrerin und im Dorf die erste Frau hinter einem Steuer, ihn im roten Moskwitsch in die Stadt Grosny zum Psychotherapeuten kutschiert. Weil der Sohn ständig Schlachtenbilder malt! Die Fahrt führt zum Minutka-Platz, dessen Namen die Welt später als Bezeichnung eines Schlachtfeldes kennenlernte. Für das Kind ist er Ausgangspunkt von Café- und Kinobesuchen. Zu Hause warten Hunde und Kühe. Und im Frühling warten alle in Schali ängstlich auf die Schwalben. Denn bei wem die Schwalben kein Nest bauen, der wird kein Glück haben.

»Wenn von zwei sommers aufgezogenen Schwalbengenerationen wenigstens ein Vogel den Winter überlebt, dann kehrt er im Jahr darauf seinem Gedächtnis folgend zu dem Haus zurück, in dem er geboren wurde, und erneuert das Nest, manchmal baut er es auch neu. Wir aber bekommen keine toten Schwalben zu sehen. Für uns sind Schwalben unsterblich. Die Schwalbe, die im Frühling geflogen kommt, ist dieselbe, die im letzten Jahr da war, es ist die Schwalbe, die immer geflogen kam. In den Schwalben leben die Seelen unserer Vorfahren. Meine Mutter wird nie sterben, sie ist eine Schwalbe«.

Später – im Buch und im Leben – folgt dann der Moment, in dem die Schwalben laut klagend wieder umkehren, weil die Häuser, an denen sie nisteten, dem Erdboden gleichgemacht worden sind. Die beiden Kriege haben auch viele Tschetschenen ihrem Grund und Boden entfremdet. Sadulajew erinnert sich: »In meiner Kindheit wurden überall Gurken, Tomaten, Mais angebaut. Es gab kein Fleckchen Erde, auf dem nicht irgendetwas gedieh. Die Gärten wurden mit Liebe bepflanzt. Als nach dem ersten Krieg alles zerstört war, bauten die Leute schnell ihre Häuser wieder auf – bis zum nächsten. Aber jetzt sind die Menschen dort schon demotiviert. Wenn ich nach Tschetschenien komme, sehe ich jetzt auch unbepflanzte Gärten und ungepflügtes, verwildertes Land.«

Sadulajew umkleidet die für uns im Westen so grauen Ortsnamen seiner Heimat mit bunten Alltagsszenen – Reminiszenzen an eine kurze Epoche. Sie war eine Atempause für das in der Geschichte immer wieder von Kriegen überzogene Land. Endlich gab es einmal nicht den Blitzableiter für die äußeren und inneren Konflikte benachbarter Großmächte, vor allem Russlands. Auch die in den darauf folgenden Kriegen spielenden ­Romanszenen leben noch von diesen Milieuschilderungen.
Der Tschetschene in German Sadulajew lässt sich nicht ausrotten.

Doch der Schriftsteller ist immer auch Russe. Die beiden Völker in ihm bekriegen sich nicht. Jedes hat mit dem anderen Erbarmen. »Nach dem Zerfall der Sowjetunion folgte in Tschetschenien die Errichtung eines Nationalstaates«, sagt er. »Wenn du deinen Staat nicht mit demokratischen Methoden aufbauen kannst, kommt es zum Bürgerkrieg, dann fließt Blut. Es gab zivilisierte Kräfte in Tschetschenien, die das Land als Demokratie in der europäischen Völkerfamilie sehen wollten, aber sie erwiesen sich als Minderheit. Letztlich hat eine tschetschenische Partei die andere besiegt. Nicht zu begreifen ist, warum Russland dies zum Krieg gegen die tschetschenische Zivilbevölkerung nutzte und warum dafür tausende junger Russen sterben mussten.«

Sieger sind in Sadulajews Augen die Anhänger des gegenwärtigen Präsidenten Ramsan Kadyrow mit ihrer menschenverachtenden Despotie. »Kadyrows Regime ist eine kleine Kopie des Regimes in Russland«, meint der Jurist Sadulajew. »Die historische Möglichkeit, sich in die europäische Völkerfamilie zu integrieren, hat Tschetschenien erst einmal versäumt. Vielleicht für Jahrzehnte.«
Und doch ist der blonde Tschetschene mit der russischen Schwermut im Blick langfristig nicht ohne Hoffnung für sein Heimatland: »Russland versucht jetzt erneut, einen zentralistisch gelenkten Staat aufzubauen. Und das wird nicht mehr gelingen. Die Russische Föderation muss auseinanderbrechen, wenn sie wieder ein Einheitsstaat werden will.«

Und er fährt fort: »Im Fernen Osten werden die Autos weiter das Steuer rechts haben, in Tschetschenien werden die Frauen Kopftücher tragen. In Tatarstan wird man das Opferfest Kurban Bajram feiern, in Karelien werden alle an den Wochenenden zum Fischen fahren. Und diese Vielfalt der Kulturen könnte Russland auch als Unterpfand für seine Stabilität nutzen, in ihr besteht seine Stärke. Die Russische Föderation kann nur überleben, wenn die verschiedenen Völker und Nationen in ihr sich gegenseitig in all ihrer Verschiedenheit respektieren und zusammenarbeiten. Und dann wird alles gut!«

German Sadulajew: Ich bin Tschetschene. Aus dem Russischen von Franziska Zwerg. Ammann Verlag, Zürich 2009, 132 Seiten, 17,95 Euro

Die Autorin war Russland-Korrespondentin und arbeitet heute in Berlin.

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