Amnesty Report Nigeria 22. Februar 2015

Nigeria 2015

 

Auf beiden Seiten des im Laufe des Jahres 2014 eskalierenden Konflikts zwischen dem nigerianischen Militär und der bewaffneten Gruppierung Boko Haram kam es zu völkerrechtlichen Verbrechen sowie schweren Menschenrechtsverletzungen und -verstößen. Folter und andere Misshandlungen durch Polizei und Sicherheitskräfte waren an der Tagesordnung. Ein Gesetz trat in Kraft, das gleichgeschlechtlichen Paaren die Eheschließung, das Eingehen einer Lebenspartnerschaft und Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit untersagt. Das Recht auf freie Meinungsäußerung war eingeschränkt. Die Todesstrafe wurde auch weiterhin angewendet.

Hintergrund

Das Jahr 2014 war geprägt von den Vorbereitungen der für Februar 2015 geplanten Parlamentswahlen sowie von einer fünfmonatigen nationalen Konferenz unter Beteiligung bedeutender Persönlichkeiten aus Regierung, Politik und öffentlichem Leben und dem Konflikt zwischen der Regierung und Boko Haram. Der Wahlkampf für die Wahlen 2015 wurde im Wesentlichen zwischen der Regierungspartei Peoples Democratic Party (PDP) und dem im Februar 2013 aus dem Zusammenschluss mehrerer Oppositionsparteien hervorgegangenen All Progressives Congress (APC) ausgetragen. Im Januar und Juli 2014 kam es im Bundesstaat Rivers zu Zusammenstößen zwischen Anhängern und Gegnern von Gouverneur Rotimi Amaechi, der Ende November 2013 zum APC gewechselt war. Die Polizei wurde im Zusammenhang mit den Protesten wegen einer angeblichen PDP-Parteilichkeit kritisiert. Zivilgesellschaftliche Organisationen berichteten, dass Politiker mit der Bewaffnung ihrer Anhänger begonnen hätten.

Zwischen März und August 2014 kamen fast 500 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zusammen, um über die aktuelle Lage in Nigeria zu diskutieren. Auf dieser sogenannten Nationalen Konferenz wurden über 600 Empfehlungen für Reformen von Verfassung, Gesetzgebung und Politik verabschiedet, darunter die Schaffung neuer Bundesstaaten und die Erhöhung des Anteils der Bundesstaaten an den Staatseinnahmen. Ein siebenköpfiger Präsidialausschuss wird sich mit dem Bericht der Konferenz befassen und die Regierung über Möglichkeiten zur Umsetzung der Empfehlungen beraten.

Boko Haram intensivierte seine Angriffe auf Städte im Nordosten des Landes und eroberte wichtige Städte in drei Bundesstaaten. Der Ausnahmezustand in den von der Gewalt am stärksten betroffenen Bundesstaaten Adamawa, Borno und Yobe wurde im Mai 2014 verlängert, im November jedoch nicht erneuert.

Bewaffneter Konflikt

Boko Haram Die gewalttätigen Angriffe der bewaffneten Gruppierung Boko Haram gegen die Regierung und zivile Ziele eskalierten im Jahr 2014. Im Juli und in den darauffolgenden Monaten nahm Boko Haram mehr als 20 Städte in den Bundesstaaten Adamawa, Borno und Yobe ein und besetzte sie. Dabei wurden mehrere Tausend Zivilpersonen in Städten im gesamten Nordosten, in Gebieten unter der Kontrolle von Boko Haram und bei landesweiten Bombenanschlägen getötet. Bei Angriffen auf Städte entführte Boko Haram häufig junge Frauen und Mädchen. Boko Haram zwang entführte Frauen und Mädchen zur Heirat, zwangsrekrutierte Männer und folterte Personen, die in von ihnen kontrollierten Gebieten lebten und gegen ihre Regeln verstießen. Mitglieder von Boko Haram plünderten Märkte, Geschäfte und Häuser und gingen dabei gezielt gegen Schulen und andere zivile Einrichtungen vor. Einige dieser Handlungen stellten Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar. Die Behörden führten keine angemessenen Ermittlungen bei Tötungen und Entführungen durch und versäumten es auch, Verdächtige vor Gericht zu bringen oder weitere Angriffe zu verhindern.

Am 25. Februar 2014 töteten Boko-Haram-Mitglieder bei einem Angriff auf eine Schule in Buni Yadi im Bundesstaat Yobe mindestens 43 Personen, darunter zahlreiche Schulkinder.

Am 14. April und 1. Mai verübte Boko Haram zwei Bombenangriffe auf Nyanya, einen Vorort der Hauptstadt Abuja. Beim ersten Angriff starben mehr als 70 Personen, beim zweiten 19 Personen; mehr als 60 Personen wurden verletzt.

Ebenfalls am 14. April entführte Boko Haram 276 Mädchen aus einer staatlichen Oberschule für Mädchen in Chibok im Bundesstaat Borno. Die nigerianischen Sicherheitskräfte waren mehr als vier Stunden vor dem Angriff auf Chibok gewarnt worden, hatten jedoch nichts unternommen.

Am 5. Mai tötete Boko Haram bei einem Anschlag in Gamborou Ngala im Bundesstaat Borno mindestens 393 Personen. Bei den Todesopfern handelte es sich zum größten Teil um Zivilpersonen. Boko Haram setzte Marktstände, Fahrzeuge sowie nahe gelegene Häuser und Geschäfte in Brand.

Am 6. August nahm Boko Haram die Stadt Gwoza ein und tötete mindestens 600 Zivilpersonen. Mehreren Quellen zufolge war die Zahl der Todesopfer noch höher.

Am 1. September eroberte Boko Haram die Stadt Bama. Bei dem Angriff kamen über 50 Zivilpersonen ums Leben. Augenzeugen zufolge wurden 300 Männer von der Gruppe gefangen genommen und später getötet. 30 Frauen wurden gezwungen, Mitglieder der Gruppe zu heiraten.

Am 28. November detonierten drei Bomben vor einer Moschee in der Stadt Kano, und Männer, bei denen es sich um Boko-Haram-Kämpfer gehandelt haben soll, schossen in die Menge. Bei dem Angriff kamen mindestens 81 Personen ums Leben.

Bei zwei Angriffen auf das Dorf Gumsuri am 12. und 14. Dezember tötete Boko Haram 24 Personen und entführte mehr als 110 Kinder, junge Frauen und Männer.

Sicherheitskräfte Die nigerianischen Sicherheitskräfte begingen bei ihrem Kampf gegen Boko Haram schwere Menschenrechtsverletzungen und Verstöße gegen das Völkerrecht.

Im Nordosten Nigerias kam es auch weiterhin zu willkürlichen Festnahmen durch das Militär. In vielen Gemeinden zwangen Militärangehörige die Männer, sich in aller Öffentlichkeit von einem Informanten begutachten zu lassen, der mögliche Boko-Haram-Mitglieder identifizieren sollte. Wer herausgegriffen wurde, kam in Militärhaft. Im November 2014 entließ das nigerianische Militär mindestens 167 Häftlinge aus seinem Gewahrsam, was einem Bruchteil der Inhaftierten entsprach.

Den Inhaftierten wurde jeglicher Außenkontakt untersagt, auch zu Rechtsbeiständen, Gerichten und Familien, und sie waren ohne gesetzlichen Schutz. Im Allgemeinen wurde den Häftlingen der Grund ihrer Festnahme nicht mitgeteilt, und auch ihre Familien erhielten keinerlei Informationen über ihr Schicksal oder ihren Aufenthaltsort. Bis zum Jahresende waren nur sehr wenige Militärhäftlinge vor Gericht gestellt worden oder hatten die Erlaubnis erhalten, die Rechtmäßigkeit ihrer Inhaftierung infrage zu stellen.

Viele Inhaftierte wurden Berichten zufolge bei Verhören oder als Bestrafung gefoltert oder anderweitig misshandelt. Es kam auch weiterhin zu Todesfällen von Insassen militärischer Hafteinrichtungen aufgrund von Folter oder äußerst schlechten Haftbedingungen.

Die Regierung führte keine Ermittlungen zu Todesfällen in Gewahrsam durch und verweigerte der Nationalen Menschenrechtskommission den Zugang zu militärischen Hafteinrichtungen.

Am 14. März 2014 griffen Boko-Haram-Mitglieder die Giwa-Militärkaserne in der Stadt Maiduguri an, um mehrere Hundert Häftlinge zu befreien. Als das Militär die Kontrolle über die Kaserne zurückerlangte, wurden, wie Zeugen berichteten, mehr als 640 Personen, in der Mehrzahl unbewaffnete wieder aufgegriffene Häftlinge an verschiedenen Orten in und um Maiduguri außergerichtlich hingerichtet. In einem Video ist zu sehen, wie bei einer dieser Hinrichtungen Personen, offenbar Angehörige des nigerianischen Militärs und der Miliz Civilian Joint Task Force (Civilian JTF), fünf Häftlingen mit einem Messer die Kehle aufschlitzen, um sie dann in ein offenes Massengrab zu werfen. Neun Personen wurden auf diese Weise getötet. Andere Häftlinge, die in dem Video zu sehen sind, wurden Augenzeugenberichten zufolge erschossen.

Die Regierung kündigte Untersuchungen der Ereignisse vom 14. März an. Zum Jahresende waren jedoch weder das Mandat noch die Zusammensetzung oder zeitliche Planung der Untersuchungsgremien bekannt gegeben worden.

Nigerianische Sicherheitskräfte führten wiederholt außergerichtliche Hinrichtungen durch, häufig im Anschluss an eine zweifelhafte „Auslese“ von Verdächtigen. So stürmten am 23. Juli 2013 Angehörige der nigerianischen Streitkräfte und der Civilian JTF den zentralen Markt von Bama und forderten alle erwachsenen Männer in der Nähe auf, sich an einer Stelle zu versammeln und die Kleidung abzulegen. Die Männer wurden in zwei Gruppen unterteilt: Eine Gruppe von 35 Männern wurde anscheinend willkürlich zu Boko-Haram-Mitgliedern deklariert, während eine andere mit etwa 300 Männern für unschuldig befunden wurde. Ein Video zeigt, wie die angeblichen Boko-Haram-Mitglieder nebeneinander auf dem Boden liegen und mit Stöcken und Macheten von den Angehörigen des Militärs und der Civilian JTF traktiert werden. Augenzeugen bestätigten, dass die 35 Gefangenen auf ein Militärfahrzeug geladen und zur örtlichen Militärkaserne in Bama gebracht wurden. Am Nachmittag des 29. Juli 2013 brachten Militärangehörige die Männer aus der Kaserne in ihre Gemeinden, wo sie jeweils mehrere auf einmal erschossen und ihre Leichen anschließend an mehreren Stellen außerhalb der Dörfer abluden. Alle 35 Gefangenen wurden getötet.

Flüchtlinge und Binnenvertriebene

Infolge der Gewalt kam es zu einer weiteren Verschlechterung der humanitären Situation im Nordosten des Landes. Seit Mai 2013 mussten mindestens 1,5 Mio. Personen, meist Frauen, Kinder und ältere Menschen, in andere Regionen Nigerias flüchten oder in Nachbarländern Zuflucht suchen. Familien wurden getrennt, Kinder konnten nicht zur Schule gehen und vielen Menschen wurde ihre Lebensgrundlage entzogen. Aufnehmende Gemeinden, staatliche Behörden und internationale Organisationen hatten Schwierigkeiten, den Vertriebenen angemessenen Zugang zu humanitärer Hilfe zu ermöglichen. In den beiden Städten Maiduguri und Biu kam es in Lagern für Binnenvertriebene zu einer Cholera-Epidemie, die über 100 Menschen das Leben kostete.

Folter und andere Misshandlungen

Folter durch die nigerianische Polizei und das Militär war weiterhin an der Tagesordnung. Unzählige Personen wurden physischer und psychischer Folter und anderen Misshandlungen ausgesetzt. Im ganzen Land wurden Verdächtige in polizeilichem oder militärischem Gewahrsam gefoltert, entweder zur Strafe oder um „Geständnisse“ zu erzwingen, insbesondere kam dies in Fällen von mutmaßlichem bewaffnetem Raubüberfall oder Mord vor. Besonders betroffen waren auch Personen, die verdächtigt wurden, der bewaffneten Gruppierung Boko Haram nahezustehen.

Zahlreiche Polizeieinheiten in verschiedenen Staaten, darunter die Spezialeinheit für Raub (Special Anti-Robbery Squad – SARS) sowie die Kriminalpolizei (Criminal Investigation Division – CID) unterhielten „Folterkammern“ für das Verhören von Verdächtigen. Willkürliche Festnahmen sowie willkürliche Inhaftierungen ohne Kontakt zur Außenwelt waren gängige Praxis. Wegen mutmaßlicher Straftaten inhaftierte Frauen, weibliche Angehörige von Strafverdächtigen sowie Sexarbeiterinnen und Frauen, die man für Sexarbeiterinnen hielt, wurden häufig Opfer von Vergewaltigung und anderen Formen sexueller Gewalt durch Polizeibeamte. Auch Minderjährige wurden auf Polizeistationen inhaftiert und gefoltert oder anderweitig misshandelt.

Recht auf Wohnen

Im März 2014 bekannte sich Nigeria vor dem UN-Menschenrechtsrat erneut zu seinen internationalen Menschenrechtsverpflichtungen in Bezug auf die Rechte auf angemessenes Wohnen und einen wirksamen Rechtsbehelf. Dennoch verletzte die Regierung des Bundesstaates Lagos das Recht auf einen wirksamen Rechtsbehelf von nahezu 9000 Personen, die im Februar 2013 in Badia East im Bundesstaat Lagos im Zuge von rechtswidrigen Zwangsräumungen aus ihren Unterkünften vertrieben worden waren. Aufgrund wachsenden Drucks stellte die Regierung des Bundesstaates fast ein Jahr, nachdem Tausende in die Obdachlosigkeit entlassen worden waren, einigen Betroffenen in begrenztem Umfang finanzielle Hilfe zur Verfügung, anstatt sie angemessen für ihren Verlust zu entschädigen. Darüber hinaus mussten Personen, die diese finanzielle Hilfe in Anspruch nehmen wollten, Dokumente unterzeichnen, mit denen sie auf jede weitere Entschädigung verzichteten.

Im Juni 2014 sprach der Gerichtshof der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (Economic Community of West African States – ECOWAS) Angehörigen der Bundu im Zusammenhang mit einem Zwischenfall am 12. Oktober 2009 fast 70000 US-Dollar Entschädigung zu. Damals hatten Sicherheitskräfte in einer informellen Siedlung in Port Harcourt das Feuer auf unbewaffnete Demonstrierende eröffnet und dabei eine Person getötet und zwölf weitere schwer verletzt. Die Demonstrierenden hatten gegen Pläne zum Abriss ihrer Häuser protestiert. Das Gericht führte an, dass es keine rechtliche Grundlage für die Schüsse gegeben habe und die Regierung gegen ihre Verpflichtung verstoßen habe, die Rechte auf friedliche Versammlung und Vereinigungsfreiheit zu schützen und zu respektieren.

Justizsystem

Das Strafjustizsystem war auch weiterhin durch fehlende Ressourcen, Korruption und allgemeines Misstrauen gekennzeichnet. Sicherheitskräfte griffen häufig auf Schleppnetzfahndungen zurück, anstatt Einzelpersonen auf der Grundlage eines begründeten Verdachts festzunehmen. Inhaftierte Verdächtige waren regelmäßig unmenschlicher und erniedrigender Behandlung ausgesetzt.

In den vergangenen zehn Jahren wurden mindestens fünf Präsidialausschüsse und Arbeitsgruppen zur Reformierung des Strafjustizsystems eingerichtet. Bis Ende 2014 war die Mehrzahl ihrer Empfehlungen – auch zur Bekämpfung von Folter – jedoch noch nicht umgesetzt worden.

Am 10. Dezember 2014 gab die nigerianische Polizei ein Praxishandbuch für Menschenrechte heraus. Darin wurden Menschenrechtsstandards für Polizeibeamte formuliert und Ratschläge zu deren Umsetzung gegeben.

Todesstrafe

In Nigeria wurden 2014 auch weiterhin Todesurteile verhängt, es gab jedoch keine Hinrichtungen. Im März 2014 verkündete Nigeria im Rahmen der Annahme der Ergebnisse der Allgemeinen Regelmäßigen Überprüfung durch den UN-Menschenrechtsrat, den nationalen Dialog über die Abschaffung der Todesstrafe fortzusetzen.

Im Juni wies der ECOWAS-Gerichtshof Nigeria an, die Todesurteile gegen Thankgod Ebhos, der noch nicht alle Rechtsmittel ausgeschöpft hatte, und Maimuna Abdulmumini, die zum Zeitpunkt des mutmaßlichen Vergehens noch minderjährig war, bis auf Weiteres nicht zu vollstrecken. Im Oktober 2014 wurde Thankgod Ebhos, der 19 Jahre in der Todeszelle verbracht hatte und im Juni 2013 nur knapp einer Hinrichtung entgangen war, auf Anordnung des Gouverneurs des Bundesstaates Kaduna freigelassen. Vier andere Männer waren im Juni 2013 hingerichtet worden. Dabei handelte es sich um die ersten bekannten Hinrichtungen in Nigeria seit 2006.

Im September und Dezember 2014 wurden insgesamt 70 Soldaten vor Militärgerichten wegen Meuterei zum Tode verurteilt.

Recht auf freie Meinungsäußerung

Im gesamten Jahr 2014 wurde die Meinungsfreiheit von Sicherheitskräften beschnitten. Im Juni stürmten Angehörige des Militärs und des Inlandsnachrichtendienstes an drei Tagen in Folge mehrere Zeitungsredaktionen, verwüsteten sie und durchsuchten Fahrzeuge für die Zeitungsauslieferung. Wie das Verteidigungsministerium mitteilte, lag das Vorgehen im Interesse der nationalen Sicherheit.

Im August inhaftierten Soldaten kurzzeitig zwei Manager der Zeitung Daily Trust in Maiduguri. Berichten zufolge geschah dies, nachdem die Zeitschrift einen Artikel veröffentlicht hatte, in dem es hieß, Soldaten hätten sich geweigert gegen Boko Haram zu kämpfen.

Im Oktober nahm die Polizei den Journalisten Amaechi Anakwe vom Fernsehsender African Independent Television fest, nachdem er einen stellvertretenden Generalinspekteur der Polizei im Fernsehen als „umstritten“ bezeichnet hatte. Am darauffolgenden Tag wurde er von einem Gericht freigesprochen.

Gewalt zwischen ethnischen und religiösen Gruppen

In zahlreichen Landesteilen, vor allem in der Region des Middle Belt, kam es zu Gewalt zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Nach Schätzungen der NGO International Crisis Group (ICG) wurden zwischen Januar und Juli 2014 in den Bundesstaaten Kaduna, Katsina, Plateau, Zamfara, Taraba, Nassarawa und Benue mehr als 900 Personen bei solchen gewalttätigen Auseinandersetzungen getötet.

Am 14. und 15. März 2014 erschossen Männer, allem Anschein nach Fulani-Hirten, in drei Dörfern des Bundesstaates Kaduna etwa 200 Bewohner. Weitere 200 Personen wurden im April bei zweitägigen Zusammenstößen zwischen bewaffneten Angreifern und lokalen Bürgerwehren in Unguwar Galadima im Bundesstaat Zamfara getötet. Im August starben mindestens 60 Personen bei Kämpfen zwischen Fulani-Hirten und Bauern der ethnischen Gruppe der Eggon im Bundesstaat Nasarawa. Im November verloren mindestens 40 Personen bei einem weiteren Zusammenstoß zwischen den ethnischen Gruppen der Eggon und der Gwadara wegen Landstreitigkeiten in der Region ihr Leben. Im April 2014 starben 25 Personen in Andoyaku im Bundesstaat Taraba, als Angreifer das gesamte Dorf niederbrannten.

Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgendern und Intersexuellen Im Januar 2014 unterzeichnete Präsident Jonathan das Gesetz zum Verbot gleichgeschlechtlicher Ehen von 2013. Das Gesetz kriminalisiert Eheschließungen und nichteheliche Lebensgemeinschaften von gleichgeschlechtlichen Partnern, den feierlichen Vollzug von Eheschließungen gleichgeschlechtlicher Paare in Gotteshäusern, den Austausch von Zärtlichkeiten zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern in der Öffentlichkeit und die Zulassung und Förderung von Clubs und Vereinen für Homosexuelle in Nigeria. Bei Zuwiderhandlung sieht das Gesetz Haftstrafen zwischen zehn und 14 Jahren vor.

Bereits wenige Tage nach Inkrafttreten des Gesetzes wurden Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und Intersexuelle (LGBTI) sowie Aktivisten schikaniert, erpresst und mit dem Tode bedroht. In Ibadan im Bundesstaat Oyo nahm die Polizei fünf Männer wegen ihrer vermeintlichen sexuellen Orientierung fest. Sie wurden später gegen Kaution freigelassen. In Awka im Bundesstaat Anambra wurden Berichten zufolge sechs Personen im Rahmen des neuen Gesetzes von der Polizei festgenommen und inhaftiert. Der stellvertretende Leiter der Polizei in Bauchi gab an, dass die Polizei im Rahmen ihrer „Profilerstellung von Kriminellen“ eine Liste vermeintlicher LGBTI-Personen bei sich führe, die „unter Beobachtung“ stünden.

Unternehmensverantwortung

Die Verschmutzung durch Erdöl verursachte weiterhin gravierende Umweltschäden und zerstörte damit die Lebensgrundlage der Menschen im Nigerdelta. Sowohl 2013 als auch 2014 kam es zu Hunderten von Erdöllecks, verursacht durch defekte Anlagen der Erdölkonzerne sowie durch Sabotage und Öldiebstahl. Erdölgesellschaften schoben die Verantwortung für einen Großteil der Lecks auch weiterhin auf Sabotage und Diebstahl, obwohl es zunehmend Beweise für alte und schlecht gewartete Pipelines sowie schwere Mängel in dem von den Erdölgesellschaften durchgeführten Untersuchungsverfahren für Lecks gab. Es gab häufig Verzögerungen bei der Behebung von Erdöllecks und der Beseitigung der Umweltschäden. Die Säuberungsverfahren waren nach wie vor unzureichend.

NGOs äußerten auch weiterhin Besorgnis angesichts des Versäumnisses der Regierung und des Mineralölunternehmens Shell, die Empfehlungen des UN-Umweltprogramms (UNEP) umzusetzen, die 2011 in einer wissenschaftlichen Studie zur Umweltverschmutzung in der Region Ogoniland im Nigerdelta formuliert worden waren. Die Regierung stellte Personen, deren Wasserquellen durch Erdöllecks verseucht waren, auch weiterhin Trinkwasser zur Verfügung, doch waren Menge und Qualität des Wassers laut zahlreichen Berichten unzureichend. Im September 2014 brachte das Erdölministerium verschiedene Interessengruppen an einen Tisch und richtete vier Arbeitsgruppen ein, die sich der Umsetzung unterschiedlicher Aspekte der UNEP-Empfehlungen widmen sollen.

Im Dezember 2014 wurde ein Verfahren gegen das Mineralölunternehmen Shell durch eine außergerichtliche Einigung beendet. Bewohner der Gemeinde Bodo, in der riesige Erdöllecks einer alten, undichten Shell-Pipeline 2008 und 2009 für enorme Umweltschäden sorgten, hatten in Großbritannien gegen Shell geklagt. Shell musste 55 Mio. britische Pfund an die Gemeinde zahlen. Bis Ende 2014 waren die durch die beiden Lecks verursachten Schäden jedoch noch nicht angemessen beseitigt worden.

Aus den Gerichtsakten ging hervor, dass Shell wiederholt falsche Angaben über Ausmaß und Auswirkungen der beiden Erdöllecks in Bodo gemacht hatte, in der Absicht, die Entschädigungszahlungen gering zu halten. Die Dokumente zeigten auch, dass Shell seit Jahren bekannt war, dass die Ölleitungen alt und fehlerhaft waren. Unter Berufung auf dieselben Dokumente machte die NGO Friends of the Earth Netherlands geltend, dass Shell vor einem niederländischen Gericht in einem anderen Verfahren gegen den Konzern ebenfalls die Unwahrheit über die Ölverschmutzung im Nigerdelta gesagt habe.

In der Region Ikarama und anderen Teilen des Bundesstaates Bayelsa kam es zu zahlreichen Öllecks, die auf Aktivitäten der Mineralölunternehmen Shell und Eni/Agip zurückzuführen waren. Die zivilgesellschaftliche Organisation Shareholders Alliance for Corporate Accountability (SACA), die mit der Bevölkerung vor Ort zusammenarbeitete, äußerte Besorgnis angesichts mangelhafter Säuberungs- und Entschädigungsverfahren in der Region und der Tatsache, dass die Ölkonzerne keine angemessenen Sicherheitsvorkehrungen ergriffen hätten, um ihre Anlagen vor Sabotage zu schützen.

Im November 2014 empfahl der Umweltausschuss des Repräsentantenhauses, dass die nigerianische Unternehmenstochter von Shell Entschädigungen in Höhe von 3,6 Mrd. US-Dollar zahlen solle, um sämtliche Verluste wiedergutzumachen, die die Küstengemeinden im Bundesstaat Bayelsa 2011 durch das Bonga-Erdölleck erlitten hatten. Das Leck hatte Berichten zufolge Auswirkungen auf 350 Gemeinden und Satellitenstädte.

Mehr dazu