Artikel Vereinigte Staaten von Amerika 24. November 2017

Frei nach fast 44 Jahren Isolationshaft

Porträt von Albert Woodfox

Der afroamerikanische Aktivist Albert Woodfox wurde 2016 freigesprochen. Gemeinsam mit seinem Freund Robert King war er nun zu Besuch in Deutschland. Das hier ist seine Geschichte.

Im Februar 2016 kam der schwarze US-Amerikaner Albert Woodfox nach mehr als vier Jahrzehnten in Isolationshaft frei. Weltweit hatte Amnesty mehr als 650.000 Appelle für ihn und seine beiden Mitgefangenen gesammelt und auch im Rahmen des Briefmarathons 2015 Druck auf die US-Behörden gemacht. Im November 2017 besuchte der Black-Panther-Aktivist Berlin und Köln und hat über Widerstand und Menschenrechte im Angesicht von Rassismus im Justizsystem gesprochen – zusammen mit seinem Freund und Mithäftling Robert King.

 

Portaitaufnahme eines Mannes mit grauen Haaren und Brille

Sie haben mich ein bisschen verbogen, mir Schmerzen bereitet, mir vielleicht sogar mein Leben genommen. Aber sie werden niemals in der Lage sein mich zu brechen.

Albert
Woodfox
verbrachte 43 Jahre in Isolationshaft
Portraitaufnahme eines Mannes mit kariertem Pullover und Schiebermütze

Jahrelang hatte ich die Zelle neben Albert. Wir fingen an, uns zu wehren. Unser Bereich des Gefängnisses wurde als der radikalste angesehen, wir versuchten, Veränderungen herbeizuführen, zum Beispiel durch Hungerstreiks und sehr, sehr viel störendes Verhalten.

Robert
King
war mit Albert Woodfox zusammen inhaftiert

Ein sechs Quadratmeter großer Raum, das Bett betoniert, Toilette und Waschbecken aus Metall. 43 Jahre war Albert Woodfox unter diesen Bedingungen inhaftiert – im Hochsicherheitstrakt des Louisiana State Gefängnisses, auch bekannt als "Angola-Gefängnis", nahezu allein und sozial isoliert. Nur durch das Türgitter hindurch war es möglich, andere Gefangene zu hören – wenigstens. Nach der Verlegung in eine andere Zelle gab es auch das nicht mehr. Mit der soliden Stahltür habe sich der Raum angefühlt wie ein Grab. "Der seelische Zusammenbruch in der Isolationshaft manifestiert sich in vielfältigster Art und Weise", sagte Woodfox nach seiner Freilassung. Er selbst litt lange unter Klaustrophobie und Panikattacken.

Es soll auch Menschen gegeben haben, die nur noch brüllen konnten. Wegen eines Fahrzeugdiebstahls war Albert Woodfox erstmals 1972 verurteilt worden und landete daraufhin im "Angola-Gefängnis". An der Liebe der alleinerziehenden Mutter und seiner fünf Geschwister hätte es nie gemangelt, zuhause in New Orleans. Aber Armut, gesellschaftliche Ausgrenzung und Perspektivlosigkeit machten das Leben schwer. In den frühen 1970er Jahren bestanden neben verheerenden Haftbedingungen auch noch strenge Segregationsregeln zwischen schwarzen und weißen Inhaftierten, es durften zudem nur Weiße als Angestellte in Angola arbeiten.

Fotografie eines Bildes, das die Zellen im Angola-Staatsgefängnis von Louisiana darstellt

Fotografie eines Bildes, das die Zellen im Angola-Staatsgefängnis von Louisiana darstellt

 

Der allgegenwärtige Rassismus und die Gewalt unter den Inhaftierten veranlassten Albert Woodfox, Herman Wallace, der 2013 starb, und Robert King früh, als "Black Panthers" aktiv zu werden und sich für ihre Rechte und mehr Solidarität zwischen den Inhaftierten einzusetzen. Im gleichen Jahr kam es zu den Vorfällen, die die nächsten Jahrzehnte im Leben von Woodfox, Wallace und King bestimmen sollten: Der weiße Strafvollzugsbeamte Brent Miller wird in einem Schlafsaal des Gefängnisses erstochen aufgefunden. Trotz des Fehlens jeglicher Beweise hat die fragwürdige Aussage eines Mitinsassen ausgereicht, um Woodfox und Wallace zu lebenslangen Haftstrafen zu verurteilen. Robert King widerfuhr dasselbe Schicksal, nachdem er ohne Beweise für den Tod eines Mitgefangenen schuldig gesprochen wurde. Weder Woodfox und Wallace noch King konnte die angelastete Schuld nachgewiesen werden.

 

All meine Stärke habe ich von meiner Mutter geerbt. Ich bin dankbar, dass sie lange genug lebte, damit ich ihr noch sagen konnte, dass ich sie liebe und dass sie meine wahre Heldin ist.

Albert
Woodfox

Die Medien brachten die Ungerechtigkeit, die den "Angola Three" widerfuhr, schließlich in die internationalen Schlagzeilen und Menschenrechtsaktivistinnen und -aktivisten gingen für sie auf die Straße. Auch Amnesty International hatte sich weltweit mit mehr als 650.000 Appellen an die US-Behörden gewandt. Dreimal war Woodfox’ lebenslange Haftstrafe aufgehoben worden, aber Berufungsgerichte kippten die Urteile. 2016 schließlich kam Albert Woodfox als Letzter der "Angola Three" mit 69 Jahren endlich frei.

Die Leute fragten Woodfox nach seiner Entlassung 2016, wie hast du das überlebt, wie bist du psychisch gesund geblieben? Woodfox ist sich bewusst, dass er zu denen gehört, die Glück gehabt haben. In den 43 Jahren hat er die seelischen und körperlichen Tiefschläge vieler Mitinsassen erlebt. Der Moment, in der er seinen persönlichen Grenzen am nächsten kam, war der Tod seiner Mutter und das Verbot, an ihrer Beerdigung teilzunehmen.

 

Being Politicized - Veranstaltung mit Albert Woodfox und Robert King im Maxim Gorki Theater in Berlin

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Weil er im Gegensatz zu anderen Inhaftierten Lesen und Schreiben konnte, las er viele Zeitungen und Magazine, jeden Tag mindestens zwei Stunden. Er eignete sich selbst juristische Kenntnisse an und auf einem kleinen Fernseher in seiner Zelle liefen Dokumentationen und tagesaktuelle Programme, mit denen er sich intellektuell beschäftigen konnte. "Der Schlüssel" zum Gesundbleiben, sagt Woodfox, war sein Interesse für das, was in der Welt "da draußen" passierte. Am 28. und 29. November werden Albert Woodfox und Robert King in Berlin und Köln ihre Geschichten erzählen und mit Vertreterinnen und Vertretern der Schwarzen Community und weiteren Menschenrechtsaktivistinnen und -aktivisten über gemeinsame Handlungs- und Bewältigungsstrategien sprechen.

 

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