Artikel Vereinigte Staaten von Amerika 20. November 2017

Die Angola 3 – Rassismus und Isolationshaft in den USA

Mann steht vor Wandgemälde

Robert King steht vor einem Wandgemälde von Albert Woodfox in New Orleans

Einen grausamen Rekord halten die US-Amerikaner Albert Woodfox, Robert King und Herman Wallace. Zusammen haben die drei über 100 Jahre in Isolationshaft verbracht – täglich fast 24 Stunden eingesperrt in einem 2x3 Meter kleinen Raum im Louisiana State Penitentiary, auch bekannt als "Angola-Gefängnis".

Den "Angola 3“, wie die drei afroamerikanischen Aktivisten genannt werden, wurde von den Behörden vorgeworfen, an der Tötung des Gefängniswärters Brent Miller im Jahr 1972 während eines Gefangenenaufstandes beteiligt gewesen zu sein. Sie selbst bestreiten das und gehen davon aus, dass man sie der Tat beschuldigte, weil sie der Black Panther Party angehörten, die sich vor allem für die Rechte von Afroamerikanerinnen und Afroamerikanern einsetzte. Auf den rassistischen Hintergrund der Inhaftierungen deuten die rechtlichen Aspekte der Fälle hin. So waren die Geschworenen in allen drei Fällen überproportional häufig weiße US-Amerikanerinnen und US-Amerikaner. Zudem wurde nie ein objektiver Erweis erbracht, dass die drei Männer eine Verbindung zum Mord aufweisen. Möglicherweise entlastende DNA-Beweise verschwanden und die Verurteilungen wurden auf fragwürdige Zeugenaussagen der Mithäftlinge gestützt. Nach Jahren tauchten Dokumente auf, die belegten, dass die Hauptzeugenaussage durch Bestechung der Gefängnisleitung zustande kam und dass der Staat Louisiana Beweise einer Zeugenfalschaussage eines weiteren Gefängnisinsassen zurückgehalten hatte.

Sogar die Frau des ermordeten Gefängniswärters, Teenie Verret, zweifelte zunehmend an der Verurteilung der drei:

"Wenn sie es nicht getan haben – und ich glaube, sie haben es nicht getan – dann haben sie in einem Albtraum gelebt.“

Albert Woodfox‘ und Herman Wallaces Verurteilungen wegen Mordes wurden im Laufe der Jahre mehrmals aufgehoben und wieder vollstreckt. Den Richterinnen und Richtern werden in ihren Schuldsprüchen Rassendiskriminierung, Fehlverhalten bei der strafrechtlichen Verfolgung, unzureichende anwaltliche Beratung sowie die Zurückhaltung möglicher entlastender Beweise vorgeworfen. Robert King war nachweislich zum Zeitpunkt des Mordes nicht im Gefängnis, wurde aber dennoch in Einzelhaft verlegt.

Warum verbrachten sie so lange Zeit in verschärfter Einzelhaft?

In den frühen 1970er Jahren herrschten grausame Bedingungen im "Angola-Gefängnis“ in Louisiana. Rassismus und eine Kultur der Gewalt spiegelten sich dort in der hohen Zahl an Ermordungen und sexuellen Übergriffen unter den Insassen wieder. Gefangene mussten unter menschenunwürdigen Bedingungen für zweieinhalb Cents die Stunde 17 Stunden pro Tag arbeiten, meistens in der Verarbeitung von Zuckerrohr. Albert Woodfox und Herman Wallace wurden zu dieser Zeit wegen eines bewaffneten Raubüberfalls inhaftiert. Sie gründeten im Gefängnis einen Ableger der Black Panther Party, einer Bürgerrechtsbewegung, die sich unter anderem gegen den institutionellen Rassismus im Land einsetzte. Als die beiden zur Solidarität zwischen schwarzen und weißen Inhaftierten aufriefen und ein Ende der Vergewaltigungen und sexuellen Ausbeutungen im "Angola-Gefängnis“ forderten, schloss auch Robert King sich an, der zu diesem Zeitpunkt kurz vor seiner eigentlichen Entlassung stand.

"Sie brachten Menschen zusammen und eine Weltanschauung ins Gefängnis, die besagte, dass man zwar Gefangener war, aber dennoch Rechte hatte. Deshalb sahen die Verwaltungsbehörden sie als Gefahr an und ließen sie teuer bezahlen“, sagte King über Woodfox und Wallace.

Immer wieder tauchten Beweise auf, die zeigten, dass die Isolierung der drei zumindest teilweise auf den Aktivitäten und der Verbindung mit der Black Panther Party basierten. Sie beteuerten weiterhin ihre Unschuld und festigten ihre Verteidigung für über 20 Jahre bis sich aus einer anfänglich lokalen Gruppe aus Aktivistinnen und Aktivisten und Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten eine internationale Koalition zur Unterstützung der Angola 3 bildete.

Sie haben mich ein bisschen verbogen, mir Schmerzen bereitet, mir vielleicht sogar mein Leben genommen. Aber sie werden niemals in der Lage sein mich zu brechen.

Albert
Woodfox

Robert King wurde schließlich nach 32 Jahren Haft, davon 29 in verschärfter Einzelhaft, 2001 entlassen und setzte sich fortan unermüdlich für die Befreiung seiner beiden Freunde ein. Herman Wallace, bei dem noch im Gefängnis Leberkrebs im Endstadium diagnostiziert wurde, kam daraufhin 2013 nach 41 Jahren in Isolationshaft frei, starb jedoch drei Tage später an den Folgen seiner Krankheit. Amnesty International und viele andere Organisationen setzten sich über viele Jahre für die Freilassung der Aktivisten ein. Tausende Briefe gingen zuletzt beim Justizminister des US-Bundesstaates Louisiana ein, in denen Menschen auf der ganzen Welt die Freilassung vom letzten noch Inhaftierten, Albert Woodfox, forderten. Insgesamt sammelte Amnesty in den letzten Jahren mehr als 650.000 Appelle, allein 241.000 gingen im Rahmen des Briefmarathons zur Befreiung von Woodfox im Dezember 2015 ein, weitere 67.000 Unterschriften wurden in einer Petition an den Gouverneur von Louisiana gesammelt.

"Dass sich dann so viele Leute für uns einsetzten, hat uns Hoffnung und Bestätigung gegeben, Mut gemacht und die nötige politische Plattform geschaffen, um weiterzumachen.“

2016 - an seinem 69. Geburtstag - kam Albert Woodfox als letzter der Angola 3 endlich frei. Er hatte 43 Jahre in psychischer und sozialer Isolation verbracht. Doch statt zu schweigen, haben es sich Woodfox und King zur Aufgabe gemacht, weiter für Gerechtigkeit zu kämpfen und auf die Grausamkeit der Jahre in Isolationshaft aufmerksam zu machen.

Das Einzige, was mich im Gefängnis immer geärgert und frustriert hat, ist, dass ich keine Stimme hatte. Also beschloss ich den Rest meines Lebens eine Stimme für diejenigen zu sein, die sich weiterhin in der Hölle der Isolationshaft befinden.

Albert
Woodfox

Isolationshaft in den USA

2016 befanden sich mehr als 80.000 Gefangene in den Vereinigten Staaten von Amerika in Isolationshaft. Sie gehört zu den menschenunwürdigsten Strafen, die gesetzlich immer noch erlaubt sind. Ein Alltag nahezu vollständig isoliert von jeglichen äußeren Einflüssen und Reizen in einer sechs Quadratmeter kleinen Zelle kann Gefangene innerlich zerstören. Laut UNO kann die Isolationshaft oder auch verschärfte Einzelhaft über lange Zeit bei einer Person angewandt auch als 'eindeutige Folter‘ angesehen werden.

Amnesty International berichtete bereits 2014 (Entombed – Isolation in the US Federal Prison System, Bericht Index: AMR 51/040/2014) davon, dass Gefangene in einigen Haftanstalten in den USA 22-24 Stunden am Tag in psychischer und sozialer Isolation verbringen müssen und die im Bericht beschriebenen Umstände einen Bruch internationaler Standards im menschenwürdigen Umgang mit Gefangenen darstellen. Einige der Gefangenen befanden sich auf undefinierbare Zeit in verschärfter Einzelhaft, ohne auch nur die Möglichkeit zu haben, ihre Situation ändern zu können.

Hermann Wallace, Robert King und Albert Woodfox sind Beispiele für die Menschen, die durch das Leben auf engstem Raum ernsthafte Gesundheitsprobleme wie Schlaflosigkeit, Bluthochdruck, Angstzustände und Gelenkerkrankungen erlitten, unter denen sie heute noch leiden. Somit kommt diese Praxis einer Verletzung des völkerrechtlichen Verbots von Folter und anderer grausamer, unmenschlicher und erniedrigender Behandlung oder Strafe gleich. Obwohl im Januar 2016 neue Leitlinien und Politikempfehlungen durch das Justizministerium zur Beschränkung von Isolationshaft in US-amerikanischen Gefängnissen herausgegeben wurden, bleibt sie an der Tagesordnung.

Deshalb fordert Amnesty seit Jahren die Abschaffung der verschärften Einzelhaft.

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