Artikel 10. Dezember 2018

70. Geburtstag: Wie geboren für die Menschenrechte

Ein Kind im karierten Kleid steht in einem Kinderbett, im Hintergrund ein Gemäuer

Helen Thomas im Alter von zwei Jahren in ihrem Bettchen im Victoria-Kinderkrankenhaus, Kingston-upon-Hull, Großbritannien 1951

Die politisch engagierte Britin Helen Thomas teilt ihren Geburtstag mit der berühmtesten Erklärung der Vereinten Nationen. Hier schildert sie ihre Gedanken darüber, was es heißt, "frei und gleich" geboren zu sein, und wie viel noch zu tun bleibt, um dies für alle Menschen Realität werden zu lassen.

Ich kam 1948 in einer eiskalten Winternacht im kleinen Häuschen meiner Eltern in Nordengland zur Welt. Meine Mutter hatte stundenlang in den Wehen gelegen und mich schließlich am 9. Dezember um Mitternacht geboren. 

Es waren die harten Jahre der Nachkriegszeit. Meine Eltern hatten eine Woche vor der Kriegserklärung geheiratet. Als sie nach jahrelanger Trennung wieder vereint waren, zog meine Mutter in einer Welt geprägt von Trümmern, Rationierung und Armut mühevoll ihre vier Kinder auf. Ihr Leben war tagein, tagaus von anstrengender Hausarbeit geprägt, und es musste für sie den Anschein gehabt haben, als wirkten sich die Ereignisse in der Außenwelt kaum auf ihr eigenes Dasein aus. 

In der Nacht meiner Geburt mühte sich im 800 Kilometer entfernt liegenden Paris eine andere Frau ab, etwas Neues zur Welt zu bringen, das ebenfalls ein Produkt monatelanger Reifung war. Allerdings war sie eine frühere First Lady der USA, eine Diplomatin und Repräsentantin der Vereinten Nationen. Ihr "Kind" sollte das Leben von Millionen Menschen verändern, mich eingeschlossen. Es war die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. 

Monatelang hatte ein Ausschuss unter dem Vorsitz von Eleanor Roosevelt darum gerungen, eine Liste von grundlegenden Rechten und Freiheiten zusammenzustellen, auf die sich sämtliche in den noch jungen Vereinten Nationen versammelten Länder zugunsten ihrer Bürger_in­nen einigen konnten.

Als ich meine ersten Schreie ausstieß, hielt Eleanor Roosevelt zu später Stunde eine Rede vor der UN-Generalversammlung und bezeichnete die Allgemeine Erklärung als "bedeutsames Dokument". Am 10. Dezember wurde sie von der Generalversammlung verabschiedet, und allen Menschen dieser Welt wurden ihre Menschenrechte zugesichert. Zumindest auf dem Papier.

Viele Jahrzehnte verstrichen, ehe ich die monumentalen Ausmaße dessen begriff, was in den Stunden meiner Geburt geschehen war. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte ging über die Vorstellungen von "Gut und Böse", mit denen ich aufgewachsen war, ebenso hinaus wie über die Aufteilung in Nationen und Kulturen.

In den ersten Stunden meines Lebens wurde ich "frei und gleich an Würde und Rechten" wiedergeboren. Ich hatte unter anderem die Freiheit von Folter und Diskriminierung und die völlige Gleichheit vor dem Gesetz erlangt sowie das Recht auf Freizügigkeit, Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit zugesprochen bekommen. Viele Jahre lang wusste ich allerdings nichts davon. 

Erst durch die Lektüre von Geschichtsbüchern weiß ich heute, dass die 30 Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte neue Debatten anstießen, Eingang in verschiedene Gesetze und einzelstaatliche Verfassungen fanden und die Grundlage für Menschenrechtsabkommen schufen.

Der Krieg hatte eine Schneise der Armut durch Großbritannien geschlagen, aber auch Vermächtnisse des Egalitarismus hinterlassen. Eines dieser Vermächtnisse war der kostenlose und umfassende Nationale Gesundheitsdienst (National Health Service – NHS), der bei meiner Geburt gerade einmal fünf Monate alt war.

In den Geschichtsbüchern heißt es, dass das neue Rahmenwerk der Menschenrechte unmittelbare Auswirkungen auf den noch in den Kinderschuhen steckenden NHS hatte. Als ich jedoch in den Genuss seiner medizinischen Dienste kam, musste ich feststellen, dass man es dort massiv an Respekt für die Würde und Rechte der Patient_in­nen vermissen ließ.

Im Alter von zwei Jahren tappte ich durch das Gartentor auf die Straße und geriet unter die Räder eines Lastwagens. In diesem Moment wurde der Lauf meines Lebens unwiderruflich verändert. 

Nach dem Unfall kam mir als Erster aus meiner Familie eine kostenlose Krankenhausbehandlung zugute, die sich meine Eltern sonst niemals hätten leisten können. Dank des NHS kann ich heute noch gehen. Doch die Krankenhausregeln waren mitunter grausam. Kinder wurden an Betten festgebunden, manchmal wochenlang.

Medizinische Eingriffe an Kindern wurden oft ohne Schmerzmittel durchgeführt, weil man glaubte, sie würden Kindern nicht nützen. Häufig erfolgten Eingriffe ohne Zustimmung der Patient_innen oder deren Angehörigen. In der ersten Zeit durften Eltern ihre Kinder nur eine Stunde pro Woche besuchen. Derartige Maßnahmen widersprachen den Menschenrechten der Patient_innen, waren jedoch an der Tagesordnung. 

Auch die Rechte auf Bildung und Freiheit von Diskriminierung brauchten ihre Zeit, bis sie sich durchgesetzt hatten. Als ich in die Schule kam, lehnten es manche Lehrkräfte ab, ein "versehrtes" Kind zu unterrichten. Ich wurde oft von meinen Mitschülern getrennt und durfte nicht mit Krücken zur Schule kommen, damit ich nicht zur "Belastung" würde.

In meiner Kindheit hatte die Diskriminierung von Frauen und Mädchen sowohl in der Familie als auch in der Gesellschaft zur Folge, dass es für Mädchen weniger Plätze an den besseren Schulen gab als für Jungen. Jahre habe ich in einem Bildungssystem verschwendet, das überholt und bedeutungslos war. Ich lernte alle Einzelheiten der Französischen Revolution, aber nichts über die Gründung der Vereinten ­Nationen, deren Bedeutung für die Menschheit oder die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. 

Im Alter von 16 Jahren begann ich als Krankenschwester zu arbeiten und bezog ein Gehalt, das es mir ermöglichte, genug Geld für einen Reisepass und einen Koffer zu sparen. Als ich Ende der 1960er Jahre im südafrikanischen Johannesburg ankam, traf ich auf eine offene Welt voller Sonnenschein und Möglichkeiten. Und auf die Apartheid.

Als weiße, gebildete Engländerin konnte ich fast überall arbeiten. Ohne einschlägige Qualifikation bekam ich eine Stelle als Geschäftsführerin eines feinen Restaurants. Unter mir, der einzigen weißen Angestellten, arbeiteten Xhosa in der Küche, Asiat_innen im Service und Malaien an der Bar.

Ich fand das Konzept der Apartheid absurd – eine kleine Gruppe von Privilegierten klammerte sich an das, was sie an sich gerissen hatte, und rechtfertigte das Ganze mithilfe einer falschen Ideologie von der Minderwertigkeit der anderen. Es wäre kinderleicht und sehr einträglich gewesen, auf diesen Zug aufzuspringen. Doch das tat ich nicht. 

War es die bösartige Widersinnigkeit der Apartheid, die mich wachgerüttelt hat? Da ich von Menschenrechten damals noch nicht viel wusste, kann ich es nicht sagen, abgesehen davon, dass die Ungerechtigkeit so eklatant schmerzhaft zutage trat, dass es unerträglich war. Mütter konnten von ihren Babys getrennt und Schwarze straflos getötet werden. Ich begriff, dass der Schutz der Rechte, die ich für selbstverständlich hielt, nicht für alle galt. 

Als mein weißer Verlobter begann, in seiner Werkstatt heimlich nicht-weiße Lehrlinge auszubilden, schikanierten und bestraften ihn seine weißen Kollegen und versuchten sogar einmal, ihn anzuzünden. Da wir es ablehnten, Beweise für unsere "rein weiße Abstammung" für unsere Eheschließung vorzulegen, fuhren wir über die Grenze und heirateten in Swasiland.

Zurück in Südafrika waren wir mit weiteren Schikanen konfrontiert, weil die meisten unserer Freunde als "Farbige" registriert waren. Die Weigerung, den Mythos der weißen Überlegenheit zu akzeptieren, setzte uns dem Klima der Unterdrückung, ­Polizeigewalt und staatlichen Spitzel schutzlos aus. Wir bestiegen ein Schiff nach Indien, um einer Festnahme zu entgehen.

Während der Maharashtra-Dürre trafen wir in Mumbai ein, wo die Hälfte der 14 Millionen Einwohner_innen der Stadt auf der Straße lebte und auf der Straße starb. Erneut war ich schockiert darüber, dass extreme Armut und schwere Krankheiten derart Teil des täglichen Lebens sein konnten. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte zeigte auch hier keine Wirkung. 

Als ich in den 1970er Jahren nach England und zu den Vorzügen kostenloser Bildung zurückkehrte, promovierte ich in Gesundheitsforschung. Dann wurde ich Pflegemutter eines vor der Apartheid in Südafrika geflüchteten Jungen und bekam selbst drei Kinder. 

Heute arbeite ich ehrenamtlich für Initiativen, die Flüchtlinge unterstützen, engagiere mich für Verbesserungen im lokalen Umweltschutz und helfe bei der Organisation einer Tafel. Ansonsten wird mein Leben wie das der meisten von uns keine großen Spuren im Universum hinterlassen. 

Mit meinen 70 Jahren frage ich mich, welche Fortschritte die Welt in Bezug darauf gemacht hat, die von Eleanor Roosevelt angestrebten Rechte anzuerkennen und zu respektieren. Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren, doch in der Schule lernten meine Kinder, genau wie ich damals, nichts über die Existenz der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.

Immerhin erfuhren sie etwas über das Aufkommen des Faschismus im Europa der 1930er Jahre und dessen grauenhafte Kulmination in Auschwitz und anderswo – Ereignisse, die zur Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung geführt hatten. Meine jüngste Tochter sah die Verbrechen des Faschismus als etwas, das "unwissende alte Leute" getan hatten. Jetzt erlebt sie, wie ihre eigene Generation in das gleiche Muster verfällt. Wie können wir unsere Freiheiten beschützen, wenn wir nicht wissen, woher sie stammen? 

Diesen Winter kommt mein erstes Enkelkind zur Welt. Wird es genauso wenig von seinen Rechten wissen wie meine Generation? Oder wird es von ihrer Existenz erfahren und den Mut haben, das zu tun, was meine Generation regelmäßig versäumt hat: für sich selbst und andere diese Rechte und Freiheiten zu sichern, die sein Geburtsrecht sind? Wenn nicht, wird dieser Augenblick der Menschheitsgeschichte, in dem wir nach etwas Besserem strebten, gegenüber den stets im Widerspruch dazu stehenden menschlichen Neigungen zu Habgier, Rache, Egoismus und Machtgier, die eine ständige Bedrohung unserer Rechte darstellen, unter die Räder kommen. 

Allzu oft kommen die Menschenrechte lediglich den Eliten zugute und werden von diesen kontrolliert, während nur die wenigsten Menschen sich dieser Rechte bewusst sind. Um die Menschenrechte zu erhalten, müssen sie meiner Meinung nach jedoch der breiten Masse bekannt sein und von ihr verstanden werden. Wir müssen alle Kinder über die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte informieren, ihnen erklären, warum sie wichtig ist und welche Rechte jedem Menschen zustehen. Jeder Mensch muss eine gemeinschaftliche Verantwortung für den Erhalt dieser Rechte verspüren und tagtäglich für sie kämpfen.

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