Amnesty Journal Vereinigte Staaten von Amerika 06. September 2020

Schwarze Wut und rote Linien

Ein Mann mit schwarzer Atemmaske und mit einer Fotokamera in seiner rechten Hand steht vor einem Graffiti und ballt seine linke Faust.

Geschütztes Gesicht des Protests: Amir, ein Bewohner Oaklands, vor einem Wandgemälde George Floyds (2020)

Der gewaltsame Tod von George Floyd in Minneapolis war nur der Auslöser. Seit Wochen gehen in den USA Zehntausende auf die Straße und protestieren ­gegen Polizeigewalt und systematischen Rassismus.

Aus Oakland berichtet Arndt Peltner

Die Bilder von George Floyd gingen um die Welt. Erst das Video, auf dem zu sehen war, wie ein Polizist fast neun Minuten lang auf dem Hals des am Boden liegenden 46-Jährigen kniete. Auch dann noch, als dessen Hilferufe schon verstummt waren. Dann das Wandbild von Floyd, das an die Mauer des kleinen Ladens gemalt wurde, vor dem er starb. Seitdem gehen die USA auf die Straße. Der Ruf "I can’t breathe" steht nicht nur für Floyds Todeskampf. Er wurde zum Symbol gegen den tief verwurzelten Rassismus in den USA.

Die USA erleben derzeit eine gewaltige Protestwelle, wie es sie seit der Bürgerrechtsbewegung in den 1960er Jahren nicht mehr gab. "Black Lives Matter" (BLM) ist der deutliche und laute Ruf dieses Jahres. Und das tagtäglich. Die Gewerkschaft der "International Longshore and Warehouse"-Arbeiter solidarisierte sich Mitte Juni und machte alle Häfen an der Westküste dicht. Unternehmen schließen sich dem Protest an, schauen auf ihre Firmengeschichte, ändern Namen von Produkten. Im Zuge der BLM-Bewegung entfernte zuerst der Sportartikelhersteller Nike alle Merchandising-Produkte des American-Football-Teams Washington Redskins. Der ehemaligen Redskins ist hinzuzufügen, denn der Club hat sich mittlerweile in Washington Football Team umbenannt. Langfristig soll ein komplett neuer Name gesucht werden. Schon lange hatten Vertreterinnen und Vertreter der Native Americans verlangt, diesen rassistischen Namen zu entfernen.

Denkmäler von Generälen der Südstaaten, von ehemaligen Sklavenhaltern, aber auch von Christoph Kolumbus und anderen werden gestürzt. In den Vereinigten Staaten von Amerika ­erhebt sich eine breite Front, die ein Umdenken und eine tief­gehende Reform des gesellschaftlichen Lebens einfordert. Die Proteste kommen zu einer Zeit, in der bereits eine grundlegende Diskussion über Rassismus in den USA entfacht wurde, denn auch die Infektions- und Sterberaten der Corona-Pandemie treffen vor ­allem Afroamerikanerinnen und Afroamerikaner. Der Grund dafür liegt auch in der Geschichte der USA.

Eine Statue Abraham Lincolns, die mit roter Farbe bespritzt wurde.

Von Farbe getroffenes Gesicht: Statue Abraham Lincolns in Oakland (2020)

 

Imaginärer Stacheldraht

Als ich vor ein paar Jahren über das Redlining in den USA berichtete, wusste kaum jemand etwas mit diesem Begriff anzufangen. Doch dieses Vorgehen hat die USA im 20. Jahrhundert geprägt – die weißen Vorstädte wie die innerstädtischen Problemviertel. Redlining war ein imaginärer Stacheldraht in den US-amerikanischen Städten und Gemeinden.

Die US-Regierung hatte 1934 mit dem sogenannten National Housing Act Nachbarschaften in vier Klassen unterteilt: A, B, C und D. Die höchste davon, A, wurde auf Karten grün eingefärbt und bezeichnete die "besten" Gebiete: rein weiße Nachbarschaften, erstrebenswert für die Mittelklasse. Schon eine einzige nicht weiße Familie in der Gegend drückte die Einstufung auf B, die Farbe wechselte auf blau und die Bezeichnung auf "immer noch begehrenswert". C-Nachbarschaften, in gelber Farbe, wurden als "eindeutig im Niedergang" bezeichnet. Rote D-Gebiete wurden als "gefährlich" eingestuft. Praktisch jede US-Stadt hatte solch eine Klassifizierung. Offiziell festgehalten wurde sie auf Karten, die von der "Home Owners’ Loan Corporation" erstellt wurden, einer staatlichen Agentur zur finanziellen Unterstützung von Hauseigentümerinnen und Hauseigentümern.

Die Zoneneinteilung hatte Folgen, die bis heute nachwirken. Nicht nur, dass eine A-Straße "weiß" sein sollte, also ausschließlich von Weißen bewohnt – die Stadtteile unterhalb von A wurden auch gezielt benachteiligt. Afroamerikanerinnen und Afro­amerikaner erhielten für den Häuserkauf in A- oder B-Gegenden keine staatlich geförderten Hypotheken und konnten für Häuser keine Versicherungen abschließen. Sie wurden somit in C- oder D-Stadtteile gedrängt: Gebiete, umrahmt von einer gelben oder roten Linie, in denen weniger städtebauliche Investitionen getätigt wurden und wo sich kaum Geschäfte ansiedelten.

Redlining beförderte Ghettoisierung 

Bis in die 1970er Jahre blieb diese Form der geografischen Diskriminierung gängige Praxis. Redlining beförderte jahrzehntelang die Ghettoisierung in US-Großstädten und traf vor allem Afroamerikanerinnen und Afroamerikaner. Viele Weiße zogen nach dem Zweiten Weltkrieg mithilfe der GI Bill, einer Fördermaßnahme für rückkehrende Soldaten, aus den Zentren in die Vorstädte. Die Regelung galt nur für weiße Armeeangehörige.

East Oakland ist ein Stadtteil von Oakland, der drittgrößten Stadt in der San Francisco Bay Area in Kalifornien. Das Viertel reicht vom Lake Merritt in Downtown bis zur südlichen Stadtgrenze, wo San Leandro beginnt. Im Westen liegt der Flughafen, zwei Autobahnen durchschneiden das Gebiet. Dort ist das Oakland Coliseum, in dem lange Jahre die Golden State Warriors Basketball und die Raiders Football spielten.

Unweit davon, an der Fruitvale Station, prangt das Wandbild von Oscar Grant, der in der Neujahrsnacht 2009 von einem ­Polizisten des Verkehrsunternehmens Bay Area Rapid Transit ­erschossen wurde. Grant lag auf dem Bauch, Polizisten hielten ihn fest, einer zog eine Waffe und schoss den unbewaffneten Schwarzen in den Rücken. Downtown Oakland wurde in den folgenden Nächten von einer Protestwelle überrollt. Müllcontainer und Autos brannten, Läden wurden geplündert, es gab Straßenschlachten mit der Polizei. Oscar Grants Bild erinnert an die Polizeigewalt.

Zu Fuß zum Corona-Test

Genau dort hat die Ärztin Noha Aboelata 2008 die Roots ­Clinic gegründet – am International Boulevard, zwischen der 99. und der 100. Avenue. An der Ecke ein Fast-Food-Restaurant, gegenüber ein Bestattungsinstitut, ein Tätowierer, daneben ein Corner-Store, in dem man von Chips bis Alkohol alles kaufen kann. Dr. Noha, wie sie hier alle nennen, wartet am Rande des Parkplatzes, der in diesen Tagen für "Walk-up"-Corona-Tests genutzt wird. Anfangs richteten die Stadt und der Bezirk Alameda Testmöglichkeiten für Autofahrerinnen und Autofahrer ein, man konnte im Wagen bleiben, bekam dort einen Abstrich.

Eine Frau mit Atemmaske, OP-Handschuhen und Klemmbrett steht vor geschlossenen Garagentoren, an denen Menschen warten.

Viele können sich die Behandlung nicht leisten: Medizinische Versorgung vor der Terra-Nova-Klinik in Oakland

 

Doch die Ärztin merkte schnell, dass sie damit ihre Klientel nicht erreicht. Denn in East Oakland haben viele keinen Wagen, weil ihnen dafür das Geld fehlt, sie konnten sich deshalb nicht testen lassen. Also reagierte die Roots Clinic und stellte Zelte auf dem Parkplatz auf, nun kann man zu Fuß zum Test kommen. Das Ergebnis war schockierend. "Wir haben bis Mitte Juni 1.400 Menschen getestet, und davon waren zwölf Prozent positiv. Das ist viel höher, als wir erwartet haben, denn wir testen jeden, egal ob er Symptome hat oder einer Risikogruppe angehört. Im ge­sam­ten Bezirk Alameda liegt die Infektionsrate bei fünf Prozent, und zumeist werden nur Leute mit Symptomen getestet. Das zeigt uns, dass wir überproportional betroffen sind."

"Wir", das sind die Menschen in East Oakland, einer Gegend, in der die Folgen des historischen Redlining noch deutlich zu ­sehen und zu spüren sind. 25 Prozent der Corona-Todesfälle im Bezirk Alameda betreffen Schwarze. Die Gesundheitsprobleme in East Oakland seien groß, erzählt Noha Aboelata: Viele Bewohnerinnen und Bewohner litten unter Bluthochdruck, Diabetes, Herzerkrankungen, Asthma und chronischen Lungenkrankheiten. Ideale Bedingungen also für das Corona-Virus. "Die Bedingungen, die durch das Redlining geschaffen wurden, sind genau die gleichen Bedingungen, die für die Armut verantwortlich sind und die dazu führten, dass unsere Community anfälliger ist. Und wenn man eine ansteckende Krankheit hat, die durch die Luft verbreitet wird, dann wird das in nie dagewesenem Maße verstärkt."

Pandemie verdeutlicht strukturellen Rassismus

"I can’t breathe", der Hilferuf von George Floyd, hat in ­Gegenden wie der, in der die Roots Clinic steht, nicht nur eine metaphorische Bedeutung. Die Luftbelastung ist viel größer als in den weißen Nachbarschaften, die nur wenige Kilometer entfernt liegen. Seit Generationen wachsen Afroamerikanerinnen und Afroamerikaner in diesen Stadtteilen auf. Und die Corona-Statistik bringt die Folgen des strukturellen Rassismus zum ­Ausdruck, meint der Soziologe Howard Pinderhughes von der University of California in San Francisco. "All das ergibt sich aus dem Redlining: die unverhältnismäßig hohen Zahlen von Covid-19-Infektionen und Covid-19-Toten in der schwarzen und Latino-Bevölkerung in Alameda County."

 

Es gehört in der afroamerikanischen Community zum Alltagswissen, dass man mit seinem Sohn, wenn er etwa acht Jahre alt ist, ein Gespräch führt. Darin bespricht man, wie man am Leben bleibt, wenn sich Polizisten nähern und man von ihnen festgehalten wird.

Howard
Pinderhughes
Professor an der University of California

Eine afroamerikanische Person, die als Kind in West- oder East Oakland aufwächst, hat eine um 15 Jahre kürzere Lebens­erwartung als eine weiße Person, die nur wenige Kilometer entfernt in den Oakland Hills groß wird. Forscher der University of California in San Francisco und Berkeley haben auch einen direkten Zusammenhang zwischen den ehemaligen ­Redlining-Zonen und einer erhöhten Anzahl an Asthma-Erkrankungen nachgewiesen.

Redlining, Covid-19, Polizeigewalt – immer mehr Menschen in den USA erkennen, dass etwas nicht stimmt im Land der ­unbegrenzten Möglichkeiten, in dem die Hautfarbe darüber entscheidet, wer wie aufwächst, welche Chancen ihm oder ihr geboten werden.

Howard Pinderhughes ist nicht nur Professor an der University of California in San Francisco, er ist auch Afroamerikaner und lebt im kalifornischen Berkeley. Er hat selbst mehrfach erlebt, wie er auf dem Nachhauseweg ohne ersichtlichen Grund von der Polizei kontrolliert wurde. Einmal musste er sich nur wenige Meter von seinem Haus entfernt auf den Bürgersteig legen: "Wenn du schwarz und männlich bist, dann bist du verdächtig", sagt er. "Interessant wird es, wenn sie einen 1,90 Meter großen Schwarzen suchen und einen 1,70 Meter großen Mann wie mich stoppen. Statt "interessant" könnte der Wissenschaftler auch sagen: rassistisch. Auch im Jahr 2020 fühlen sich viele Afroamerikanerinnen und Afroamerikaner als Menschen zweiter Klasse, wenn Polizistinnen und Polizisten nach wie vor das "Racial Profiling" anwenden, Kontrollen, die nur auf der Grundlage der Hautfarbe beruhen.

Auch wenn sie offiziell abgeschafft wurde, ist diese Praxis nach wie vor alltäglich, sagt Pinderhughes. "Und es gehört in der afroamerikanischen Community zum Alltagswissen, dass man mit seinem Sohn, wenn er etwa acht Jahre alt ist, ein Gespräch führt. Darin bespricht man, wie man am Leben bleibt, wenn sich Polizisten nähern und man von ihnen festgehalten wird." In den afroamerikanischen Communities im ganzen Land wird nun ein "New Black Deal" gefordert, in Anlehnung an den "New Deal" von Präsident Franklin D. Roosevelt in den 1930er Jahren.

 

Es braucht nun so etwas wie eine Wahrheits- und Versöhnungskommission, wie sie 1994 am Ende des Apart­heid-Regimes in Südafrika eingerichtet wurde.

Jamaal
Smith
Koordinator für Gewaltprävention im Gesundheitsamt von Milwaukee/Wisconsin

Jamaal Smith ist der Koordinator für Gewaltprävention im Gesundheitsamt von Milwaukee im Bundesstaat Wisconsin. Auch dort im Mittleren Westen hat Covid-19 die schwarze Bevölkerung hart getroffen. Er sieht einen engen Zusammenhang zwischen Redlining, Polizeigewalt und hohen Corona-Zahlen in seiner Community: Der Rassismus sei nie weg gewesen – trotz des Civil Rights Act von 1964, des Wahlgesetzes von 1965 oder den Wohngesetzen, die Ende der 1960er und in den 1970er Jahren verabschiedet wurden. "Das alles bedeutet nicht, dass der Rassismus auf einmal verschwunden und ausgemerzt worden wäre. Ich glaube, es braucht nun so etwas wie eine Wahrheits- und Versöhnungskommission, wie sie 1994 am Ende des Apart­heid-Regimes in Südafrika eingerichtet wurde."

Eine Chance für solch eine tiefgehende und schmerzhafte nationale Debatte über Polizeigewalt und die Folgen des systemischen Rassismus sieht er derzeit aber nicht. Denn es gebe noch immer zu viele Menschen, die diesen Zusammenhang ­bestritten.

Die tiefen Spuren, Narben und Wunden in der US-Gesellschaft sind mehr als offensichtlich. Es wären gravierende Veränderungen nötig, um dem strukturellen Rassismus entgegenzutreten. Und das alles in einem Wahljahr, in dem der Präsident unablässig wiederholt: "Make America Great Again". Von welchem Amerika, von welcher Zeit er dabei spricht, ist unklar, denn eine gerechte und faire USA für alle hat es noch nie gegeben. Auf die Vereinigten Staaten kommen schwierige Wochen zu, die am 3. November, dem Wahltag, noch lange nicht enden. 

Arndt Peltner ist freier USA-Korrespondent und lebt in Oakland/Kalifornien.
Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International oder der Redaktion wieder.

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