Amnesty Journal Vereinigte Staaten von Amerika 01. November 2019

Aufmüpfig in Guantánamo

Zeichnung eines engen raumes von oben, rechts oben und links unten eine gezeichnete Figur.

Das Teillager "Camp X-Ray" lag unter freiem Himmel. Es wurde nach gut drei Monaten durch "Camp Delta" ersetzt. Aus der Graphic Novel "Guantánamo Kid" von Jérôme Tubiana und Alexandre Franc.  

Im Alter von 14 Jahren wurde Mohammed el Gharani in Guantánamo inhaftiert. Er galt als unschuldig. Der Journalist Jérôme Tubiana und der Zeichner Alexandre Franc haben die Geschichte des jüngsten Häftlings des US-Gefangenenlagers in einer Graphic Novel festgehalten.

Von Hannah El-Hitami

Sogar nach den Verhören, wenn er in die Zelle zurückgebracht wurde, versuchte Mohammed el Gharani zu lächeln. "Die schlimmen Wärter waren zufrieden, wenn sie uns krank und traurig sahen", erinnert er sich an seine Zeit in Guantánamo. "Ich wollte ihnen diese Freude nicht machen." So steht es in der Graphic Novel "Guantánamo Kid" des französischen Journalisten Jérôme Tubiana und des Zeichners Alexandre Franc. Die Memoiren eines ehemaligen Guantánamo-Häftlings zu lesen und sich danach hoffnungsvoll zu fühlen, ist nicht sehr wahrscheinlich. "Guantánamo Kid" schafft es aber tatsächlich, einen leisen Optimismus auszulösen: dass Menschen unter den unmenschlichsten Bedingungen ihre Würde bewahren und überleben, indem sie sich auflehnen.

"Wir haben die Geschichte so erzählt, wie Mohammed sie uns erzählt hat", sagt Tubiana, der Gharanis Erinnerungen schon 2011 aufgeschrieben hatte. "Er sprach lieber über die Momente, als er Siege gegen das System errang, wenn auch nur kleine, als über die Momente des Leids. Und auch ich wollte lieber die Story eines Freiheitskämpfers erzählen als die eines Opfers." Mohammed el Gharani war mehr als sieben Jahre lang in dem berüchtigten US-amerikanischen Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba eingesperrt. Trotzdem wird er auf 150 Seiten Comic kein einziges Mal als Opfer dargestellt, sondern immer als rebellischer Vorkämpfer des alltäglichen Widerstands im Lager. Und das trotz seines jungen Alters: Gharani war erst 14, als er 2001 festgenommen und in der Folge nach Guantánamo gebracht wurde. Vom ersten Tag an nutzte er jede Gelegenheit, um sich gegen die Schikanen und die Brutalität der Gefängniswärter aufzulehnen: Er motivierte seine Mitgefangenen dazu, den Hofgang zu überziehen, Wärter mit Fäkalien zu bewerfen, in den Hungerstreik zu treten oder einfach nur positiv zu denken.

Die Graphic Novel startet in Medina zu einer Zeit, als Gharanis Leben noch in Ordnung ist. In Ordnung, das heißt, er arbeitet als Straßenverkäufer in der saudi-arabischen Pilgerstadt, um seine Familie zu versorgen. Weil er als tschadischer Migrant in Saudi-Arabien keinen Zugang zu Bildung hat, geht der Teenager 2001 nach Pakistan, wo er sich in Informatik ausbilden lassen will. Kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wird Gharani beim Verlassen einer Moschee von der pakistanischen Polizei festgenommen und den US-Behörden übergeben. Sie werfen ihm unter anderem vor, Mitglied einer Al-Qaida-Zelle in London gewesen zu sein – zu einer Zeit, als Gharani erst sechs Jahre alt war. Nach zwei Monaten Haft in Afghanistan bringen die US-Sicherheitskräfte ihn nach Guantánamo, wo er als "feindlicher Kämpfer" festgehalten wird. Als alleiniger Beweis für seine Schuld gelten die Statements zweier Mitgefangener, die sich später als widersprüchlich und unglaubwürdig herausstellen.

Während seiner gesamten Haft ist Gharani ein Stachel im Fleisch des Gefängnissystems. Wer ihm durch die Comic-Szenen folgt, kann förmlich hören, mit welchem Trotz er seine Geschichte erzählt. Er treibt die Wärter mit einer jugendlichen Aufmüpfigkeit vor sich her, die diesen Bericht aus einem der härtesten Gefängnisse der Welt zu einer sehr speziellen Coming-of-Age-Geschichte eines rebellischen Teenagers macht. Ästhetisch erinnert die Graphic Novel an ein Abenteuer-Comicbuch für junges Publikum. Mit schwarz-weiß gehaltenen, klaren Linien charakterisiert der Zeichner Alexandre Franc die Protagonisten des Gefängniskosmos. Die Emotionen der Häftlinge stehen nicht im Vordergrund, und Folter wird im gesamten Buch nur angedeutet: die Elektroschocks, der Schlafentzug, die Beschallung mit lauter Musik, das Übergießen mit eiskaltem Wasser, und immer wieder Schläge. Man ahnt sie mehr, als sie zu sehen – und ist fast überrascht, wenn Gharani zweimal versucht, sich umzubringen oder von Mitgefangenen berichtet, die das Lager nicht überlebt haben.

Das Überraschendste an Mohammed el Gharanis Erinnerungen an Guantánamo ist jedoch die Ausgewogenheit, mit der er die Gefängniswärter beschreibt. "Die Menschen sind wie die Finger der Hand, nicht alle sind gleich", zitiert er ein Sprichwort aus dem Tschad. Manche der Wärter sind grausam, doch mit anderen freunden sich die Häftlinge an. Wieder andere bringt Gharani mit seiner rebellischen Art zum Lachen. Und gerade unter den nichtweißen US-Soldaten gibt es einige, die sich mit ihm und den anderen Inhaftierten aus unterschiedlichen muslimisch geprägten Ländern solidarisch zeigen.

Um die Aussagen Gharanis zu überprüfen, nutzte Tubiana weitere Quellen. "Die Idee war, eine komplett journalistische und keine fiktionale Graphic Novel zu machen", so der 45-Jährige. Er sprach mit Anwälten und Ex-Häftlingen, verglich die Aussagen mit offiziellen Dokumenten der US-Behörden. Da diese aber häufig geschwärzt waren und, so Tubiana, nicht der Wahrheit entsprachen, habe er auf Dokumente von WikiLeaks zurückgegriffen. Weil Gharani als jüngster Häftling Guantánamos bekannt wurde, gab es außerdem jede Menge Berichterstattung über seinen Fall. Er zählte zu den ersten, die anwaltliche Unterstützung erhielten, und war einer der ersten, die 2009 gegen ihre Inhaftierung klagten und freikamen. 22 Jahre alt war Gharani, als er Guantánamo verließ. Doch weil er tschadischer Staatsbürger ist, durfte er nicht zu seiner Familie nach Medina zurückkehren, sondern wurde in den Tschad gebracht.

Der Epilog von "Guantánamo Kid" liest sich tragischer als die Geschichte über die Haft. Darin berichtet Tubiana von seinem jüngsten Treffen mit Gharani 2017, nach acht Jahren Freiheit. Den ehemaligen Häftling plagt eine Vielzahl an Gesundheitsproblemen, die er im Tschad nicht behandeln lassen kann. Er war in der Zwischenzeit immer wieder inhaftiert worden. Mehrere Versuche, das Land zu verlassen, und sich ein neues Leben im Sudan oder in Ghana aufzubauen, scheiterten an bürokratischen Hürden, der Willkür verschiedener Polizeiapparate und am unlöschbaren Stigma seiner Guantánamo-Vergangenheit. "Ich wollte zeigen, dass man nach Guantánamo nie wieder als unschuldig gilt", sagt Tubiana. "Das Stigma bleibt und das Trauma natürlich auch." Er wisse jedoch, dass Gharani sich immer wieder aufraffen werde. "Er verliert nie die Hoffnung und hat immer einen Plan B."

Jérôme Tubiana und Alexandre France: Guantánamo Kid. Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock. Carlsen, Hamburg 2019. 176 Seiten, 20 Euro. Ab 14 Jahren.

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