Amnesty Journal Uganda 30. November 2022

Gottesdienst unter dem Regenbogen

Fünf Menschen stehen auf der Veranda vor einem Haus, einer von ihnen trägt eine Sonnenbrille, die anderen ihr Handy in der Hand.

Nur hinter Mauern sicher: Biba, Appo Jonathan, Simon, Marc Gabriel und Mosha (von links)

In Uganda ist Homosexualität strafbar. In dem zutiefst christlichen Land tragen auch die Kirchen zur Diskriminierung von LGBTI+ bei – mit Ausnahme der Adonai Inclusive Christian Ministries, die Verfolgten eine Heimat bietet.

Aus Kampala Felix Lill

Appo Jonathan hat sich von seinem Schock immer noch nicht erholt. "Letztes Jahr habe ich eigentlich geheiratet", sagt der 20-Jährige. Seine Dreadlocks fallen ihm ins Gesicht, er blickt zu Boden, rutscht auf seinem Plastikstuhl herum. "Als die Polizei davon erfuhr, sprengte sie unsere Feier." An seinem großen Tag, für den er sich mit einem Brautschleier geschmückt hatte, wurde Appo Jonathan festgenommen. Seinem Partner und den gut 40 Gästen erging es ebenso. "Wir kamen ins Gefängnis!"

Gegen eine Strafzahlung wurde die Hochzeitsgesellschaft zwar wieder freigelassen. Aber an eine Rückkehr in sein altes Leben war nicht zu denken. "Bei meinen Eltern konnte ich mich nicht mehr blicken lassen. Ich landete erstmal auf der Straße." Seit einigen Monaten teilt sich Appo Jonathan nun ein Zimmer mit anderen in einem kargen Haus hinter einer hohen Mauer – einer geheimen Unterkunft für vertriebene LGBTI+ am Rande von Kampala. "Schwul sein darf man hier ja nicht", sagt er.

Homosexualität als Straftat

Homosexualität ist in Uganda eine Straftat. Im Jahr 2013 verabschiedete das Parlament ein Gesetz, das sogar die Todesstrafe vorsah. Doch wurde dieses Gesetz dann aus technischen Gründen vom Obersten Gerichtshof des Landes für ungültig erklärt. 2021 beschlossen die Abgeordneten ein neues Gesetz, das Vergewaltigung und Pädophilie unter Strafe stellt und gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen mit bis zu fünf Jahren Gefängnis belegt.

Wer in Uganda offen homosexuell lebt, geht ein hohes Risiko ein. Die Bewohner*innen der versteckten Unterkunft wissen das genau. Neben Appo Jonathan ist da Marc Gabriel, den die Kirche rausschmiss, in der er als Ministrant aktiv war. Oder Mosha, dessen Vater während des Corona-Lockdowns sein Handy durchsuchte und auf verdächtig liebevolle Chats mit seinem Freund stieß. Auch die muslimische Biba wurde unfreiwillig geoutet, als ein Familienmitglied auf ihrem Handy lesbische Pornos entdeckte.

Die Handvoll junger Menschen hat ihre Unterkunft einer Kirchengemeinde zu verdanken. "Mir hat ein Freund davon erzählt. Er nahm mich mit zum Gottesdienst", erinnert sich Appo Jonathan. Als er dort erklärte, dass er kein Zuhause mehr habe, wurde ihm sofort ein Schlafplatz angeboten. "Ich fühle mich sicher hier. Und akzeptiert", sagt er und lächelt.

Sie sind ekelhaft. Was für Leute sind das? Ich weiß nicht, ich wusste nie, was sie tun. Aber mir wurde es vor Kurzem berichtet. Und das ist schrecklich! Ekelhaft!

Yoweri
Museveni
Präsident von Uganda

Dass Menschen wie Appo Jonathan ausgerechnet bei einer Kirche Unterschlupf finden, überrascht. In Uganda sind 80 Prozent der Bevölkerung christlichen Glaubens, und die Mehrzahl der mächtigen Kirchen ist für die Ausgrenzung nicht-heterosexueller Menschen mitverantwortlich. Homosexualität ist demnach eine westliche Ideologie, die "afrikanische Werte" verletzt. Dass das evangelikale Christentum ein Wertegerüst ist, das aus den USA nach Afrika kam, wird dabei großzügig übersehen.

Der seit mehr als 35 Jahren regierende Präsident Yoweri Museveni hat nicht das Christentum, wohl aber die LGBTI+-Bürgerrechtsbewegung als "sozialen Imperialismus" bezeichnet. In einem Interview mit dem US-Sender CNN im Jahr 2016 antwortete er auf die Frage, ob er etwas gegen Homosexuelle habe: "Natürlich! Sie sind ekelhaft. Was für Leute sind das? Ich weiß nicht, ich wusste nie, was sie tun. Aber mir wurde es vor Kurzem berichtet. Und das ist schrecklich! Ekelhaft!"

Verletztende Worte des Pastors

Nicht jeder im Land teilt diese Meinung, nicht einmal jede Kirche. Zehn Minuten mit dem Auto entfernt, hinter einer noch holprigeren und sandigeren Straße als die, die zur Unterkunft führt, sitzt hinter einer noch höheren Mauer ­Ramathan Kaggwa in seinem Büro. "Die Kirche hat doch dieses Bild von sich, dass alle willkommen sind, sogar Diebe und Mörder", sagt der erst 25-jährige Pastor. "Ich weiß aber von keiner anderen Kirche, die LGBTI+ mit offenen Armen empfängt und sagt: Ja, kommt zu uns!" Kaggwa, ein schmächtiger Typ mit dunklem Sakko und einem Armband in Regenbogenfarben, tut dies seit vier Jahren. Damals gründete er die Kirche Adonai Inclusive Christian Ministries.

Kaggwa erzählt, er habe sich zuvor dem Pastor seiner Gemeinde offenbart: "Der zitierte daraufhin die Passagen zu Sodom und Gomorrha aus der Bibel und sagte, Homosexualität sei eine Sünde. Dann gab er mir Aufgaben." Der damals 17-jährige Kaggwa sollte 40 Tage lang fasten, eine Nacht in der Woche draußen schlafen und viel beten. "In der Kirche sagten sie, Schwulsein sei ein Geist, ein Dämon, den man austreiben könne." Die Aussagen, die der Pastor auch vor der ­gesamten Gemeinde über Homosexuelle machte, verletzten Kaggwa, doch versuchte er weiter, ein guter Christ zu sein. "Aber je mehr ich betete, desto schwuler wurde ich. Irgendwann dachte ich über Suizid nach."

Von der Gemeinde verstoßen

Kaggwa war noch minderjährig, als er von seiner Gemeinde verstoßen wurde. Er studierte Labortechnik, wurde an seinem ersten Arbeitsplatz geoutet, gab den Job auf und leitet seitdem einen Frisör- und Kosmetiksalon für Frauen und Männer. Mit diesen Einnahmen und zusätzlichen Spenden finanziert er die Adonai Church. Die Finanzierung ist jedoch nicht die einzige Herausforderung: "Wir stehen ständig vor der Frage, wie wir das Überleben der Kirche und der Unterkunft für die Ausgegrenzten sichern können." Siebenmal musste Kaggwa bereits neue Räume für seine Kirche suchen, nachdem die Polizei sie gefunden hatte. "Wir werden einfach vertrieben. Die gezahlte Miete ist dann auch weg. In dieses Haus hier sind wir gerade erst vor Kurzem gezogen." Dass Kaggwa bereits mehr als 35 obdachlosen Personen ein Dach überm Kopf geboten hat, wird ihm nicht etwa hoch angerechnet. "Polizisten haben schon Pistolen auf uns gerichtet. Wir sind Kriminelle!"

Auch ohne gesetzliche Grundlage habe die Polizei Angehörige der LGBTI+-Community festgenommen, berichtet Kaggwa: 120 Personen in einer queerfreundlichen Bar im November 2019 wegen angeblichen Konsums illegaler Drogen, 20 Personen in einer Unterkunft für ausgegrenzte homosexuelle Menschen im April 2020 wegen angeblichen Verstoßes gegen die Abstands- und Hygieneregeln und einige Zeit später die Festgesellschaft der privaten Trauung von Appo Jonathan.

Radikale Inklusion

Mehrere Gäste der aufgelösten Feier leben heute in einer Obdachlosenunterkunft der Adonai Church, die auch Nicht-Christen aufnimmt: "Die anderen Kirchen glauben nicht, dass Christus auch für homosexuelle Menschen gestorben ist", sagt Ramathan Kaggwa und lächelt. "Aber meine Botschaft lautet: Wir sind eins, wir gehören zusammen. Hier leben wir radikale Inklusion."

Durch das Fenster dringen Gospel ins Büro des Kirchengründers. In der Adonai Church beginnt der Sonntagsgottesdienst. In einem Zelt hinter der schützenden Mauer ist ein Altar aufgebaut, auf einem Keyboard wird mit Verstärkern so laut gespielt, dass die ganze Nachbarschaft es hören kann. Die Gemeinde kommt zusammen: Biba, die Muslima, die ihren Glauben auch behalten will, und Appo Jonathan, der feierlich einen grauen Anzug trägt.

Eine Pastorin, die Ramathan Kaggwa in den vergangenen Monaten ausgebildet hat, beginnt ihre Predigt. Begriffe wie LGBTI+ oder andere verräterische Vokabeln tauchen in der Predigt nicht auf. Ihre Worte werden live in alle Welt gestreamt. "Wir fühlen uns gesegnet", sagt sie und blickt in die Handykamera, die auf einem Stativ vor ihr aufgebaut ist: "Danke, dass ihr von zu Hause die Adonai Church besucht. Jesus Christus ist am Kreuz für uns gestorben und wiederauferstanden. Er hat uns gerettet. Halleluja!"

Nach dem Gottesdienst läuft die Party weiter. Junge Menschen, die nicht mehr Teil der Gesellschaft sein dürfen, bilden hinter einer Mauer am Rande von Kampala ihre eigene. Sie können so sein, wie sie sein wollen. Jedenfalls solange die Polizei nicht weiß, wo sie sind.

Felix Lee ist freier Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

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