Amnesty Journal Syrien 21. Februar 2020

Mit den Augen einer Mutter

Eine Frau mit Kopftuch filmt mit einer Kamera aus dem Fenster einer Hausruine eine Szene, die sich unter ihr auf der Strasse abspielt.

Familienalbum eines Krieges. Waad al-Kateab in Aleppo, Szene aus »For Sama«.

"For Sama" ist ein beeindruckendes filmisches Tagebuch über den Krieg in Syrien. Gedreht hat
es eine Bewohnerin von Aleppo für ihre Tochter.

Von Jürgen Kiontke

Die Syrerin Waad al-Kateab ist 18 Jahre alt, als sie sich entschließt, ein Studium der Wirtschaftswissenschaften aufzunehmen. Die Eltern warnen sie, sie möge vorsichtig sein. Was dies bedeuten könnte, wird ihr erst später klar. Denn sie will in Aleppo studieren. Und al-Kateab gerät mitten hinein in die Wirren eines Bürgerkrieges, dessen Ausmaß mörderisch ist: 2011 haben ein paar Jugendliche im südsyrischen Daraa regierungsfeindliche Parolen an die Wände gesprüht. Die Reaktionen der Sicherheitskräfte sind drastisch. Zur Zeit des Films, fünf Jahre später, stehen sich Regierungstruppen, die oppositionelle Freie Syrische Armee und islamistisch orientierte Milizen gegenüber. Auch Kräfte aus dem Ausland mischen mit, die Luftwaffe Russlands hat 2015 in den Konflikt eingegriffen.

Der Osten von Aleppo wird ein Hauptkampfgebiet. Dort haben sich die Rebellen verschanzt – aber auch rund 300.000 Menschen leben hier. Es gibt Berichte von Massakern, die syrische und die mit ihr verbündete russische Luftwaffe fliegen täglich Angriffe, um Milizen aus der Stadt zu bomben. Al-Kateab hat die Kamera eingeschaltet, seitdem sie in der Stadt ist.

"Von Medien hatte ich keine Ahnung"
Das Ergebnis ist jetzt im Kino zu sehen und trägt den Titel "For Sama". Ein ungewöhnlicher Dokumentarfilm: "Anfangs habe ich einfach ohne großartigen Plan mein Leben und die Protestbewegung in Syrien mit dem Handy dokumentiert, wie so viele andere Aktivisten auch", sagt die Regisseurin. "Ich hatte keine Vorstellung davon, wohin mich dieser erste Schritt später führen würde. Von Medien hatte ich keine Ahnung."

Ab Januar 2016, einige Monate vor der Belagerung durch die Truppen der syrischen Regierung, laufen ihre Berichte im Programm des britischen Senders Channel 4. So kommt sie mit dem Co-Regisseur von "For Sama", Edward Watts, in Kontakt. Dessen Augenmerk liegt schon lange auf den Auseinandersetzungen in Syrien: Im Jahr zuvor hat er "Escape from ISIS" gedreht, einen Film über jesidische Frauen, die von der Terrororganisation Islamischer Staat entführt worden sind.

"For Sama" nennt al-Kateab ihr Material, weil sie, um den teils zufällig entstandenen Aufnahmen einen Sinnzusammenhang zu geben, für ihre Tochter dreht, die in die Wirren des syrischen Bürgerkrieges hineingeboren wird. 2012 beginnen die Aufzeichnungen, die in "For Sama" verwendet werden. Bilder von Demonstrationen gegen den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad, gegen die Angriffe seiner Regierungstruppen. Bilder, die zeigen, wie Assads großformatige Porträts übermalt werden.

Die filmische Nacherzählung eines Krieges: "Wir sind die freien Studenten von Aleppo", rufen Demonstranten, aber es sind auch schon die ersten Bewaffneten mit Maschinengewehren darunter. Später wird es heißen: "Islamistische Gruppen versuchen, die Rebellion für sich zu nutzen." Aber auch: "Die russischen Luftangriffe sind das Schlimmste."

Straßenszenen zeigen die Opposition: Reifen werden angezündet, um mit dem Qualm Angreifer zu irritieren. Männer in Uniform schlagen Demonstranten zusammen. Später folgen ­Bilder von Leichen, die aus einem Fluss geborgen werden.

Liebe in Zeiten des Krieges
Al-Kateabs Kamera erzählt auch von dem Arzt Hamza, den sie kennen und lieben lernt. Bilder von einer glücklichen Hochzeit folgen, bald ist die junge Frau schwanger. Sie lässt auch die Geburt ihrer Tochter Sama filmen, das hier soll ein Familien­album werden. Später wird sie in die eigenen Filmaufnahmen hinein fragen: "Sama, in welches Leben habe ich dich gebracht?"

"For Sama" erzählt nicht chronologisch. Zeitsprünge in die Vergangenheit und in die Zukunft machen die Erzählung bisweilen undurchsichtig. Zu Beginn des Films ist Sama schon geboren, dann holt der Film nach, was dem vorausging.

Al-Kateab filmt vornehmlich in den eigenen vier Wänden oder im provisorisch eingerichteten Krankenhaus ihres Mannes – etwa das Chaos in der Krankenstation nach einem Bombeneinschlag: Die Menschen und die Betten, in denen sie liegen, fliegen durcheinander; Verletzte werden in die Notaufnahme getragen, von draußen dringt der Staub herein. Ein Mann wird über den Boden gezogen, er hinterlässt eine große Blutlache. Verletzte jeden Alters werden angeliefert. Mitten in dem Durcheinander kommt ein Kind zur Welt, die Mutter hat Bombensplitter im Körper. Von draußen hört man eine weitere Explosion. Verwackelte Aufnahmen, ein Schwenk vor das Gebäude: Über der Stadt sind Jagdflugzeuge und Hubschrauber zu sehen, sie werfen Bomben ab, Häuser explodieren. Die meisten Fenster der Gebäude sind geplatzt, man hat die Rahmen mit Matratzen ausgestopft – gegen den Staub und die Bombensplitter.

"Daily Soap der Bombardierungen"
Dann Szenen auf der Straße: Kinder spielen in Pfützen, malen einen ausgebrannten Bus an. "Das Kind wird Architekt", sagt eine Mutter, "um Aleppo wieder aufzubauen." Es folgen vordergründig friedliche Bilder. Die kleine Familie bezieht eine neue Wohnung, im Garten blühen bunte Blumen, dann Aleppo im Schnee.

Überraschend dann: Die Familie unternimmt eine Fahrt in die Türkei zu Familienangehörigen. Warum bleiben sie nicht dort? Aleppo sei ihre Heimat, Hamza könne das Krankenhaus nicht alleinlassen, erklärt al-Kateab. Alsbald sieht man die Familie zurückkehren, freudig empfangen vom Team der Sanitäter.

Das Mädchen Sama bekommt ein ungewöhnliches, ein durchaus verwirrendes Familienalbum. Es zeigt einen Krieg aus der Innenansicht, in dem viele Frontverläufe nicht geklärt sind. Eine systematisch-politische Einordnung der Kriegssituation findet kaum statt. Zu den unmittelbar erlebten Ereignissen ist bisweilen ein zynischer Kommentar zu hören: "Eine Daily Soap der Bombardierungen", stellt eine der Nachbarinnen al-Kateabs irgendwann lapidar fest. Alltag im Krieg.

Diese Art der Dokumentation macht "For Sama" zu einem eindrücklichen Film. Kaum ein Festival, bei dem er nicht den Publikumspreis gewinnt. Bei den Filmfestspielen in Cannes, wurde er als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet.

Weltkulturerbe in Trümmern
Im Zentrum stehen Teile der über 500 Stunden Material, das die junge Filmemacherin über vier Jahre produziert hat: Rufen, Schreien, Menschen im Staub, die Zerstörungen in der Stadt. In den 1980er Jahren wurde Aleppos Altstadt zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt, 2016 zählte man 33.000 zerstörte Häuser allein in Ost-Aleppo. Wiederkehrende Drohnenbilder, die nach der Belagerung entstanden sein müssen, zeigen das Ausmaß des Elends.

"Für mich ist dies mehr als ein Film", sagt Waad al-Kateab, die mit Mann und Kindern schließlich nach Großbritannien geflohen ist. Sie widmet ihn allen Opfern der Kämpfe. "Diese Bilder sind das Archiv der Belagerung", sagte ihr Mann Hamza anlässlich einer Sondervorführung des Films im Dezember in Berlin. Er rief dabei auch die zahlreichen Flüchtlinge ins Gedächtnis, die derzeit in türkischen Lagern leben müssen. Und er erinnerte daran, dass der Krieg in Syrien keineswegs beendet ist.

"For Sama" ist ein sehenswertes, radikal subjektives Dokument über die Auswirkungen dieses Krieges auf seine Betroffenen.

"For Sama". GB, USA 2019. Regie: Waad al-Kateab, ­Edward Watts. Kinostart: 5. März 2020

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