Amnesty Journal 06. April 2021

"Wir können Hunger hören"

Junger Mann mit lockigem kurzem Haar und Brille guckt zur Seite.

Das Hörbare sichtbar machen: Klangkünstler Lawrence Abu Hamdan.

Der britisch-libanesische Künstler Lawrence Abu Hamdan geht Menschenrechtsverbrechen anhand von Klängen nach. Schwierig war seine Recherche über das syrische Foltergefängnis Saydnaya: Was die Inhaftierten dort erlitten, hat er anhand ihrer akustischen Erinnerungen rekonstruiert.

Interview: Hannah El-Hitami

Sie haben gemeinsam mit Amnesty International und der Forschergruppe Forensic Architecture 2016 das syrische Militärgefängnis Saydnaya rekonstruiert, das für systematische Folter und Massenexekutionen bekannt ist. Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Saydnaya war meine bislang schwierigste Recherche, aber auch die, bei der ich am meisten gelernt habe: über die Beziehung zwischen Ton und Gewalt und über die Art, wie wir uns an Ton erinnern. Weil die Gefangenen meist Augenbinden trugen und im Dunkeln gehalten wurden, rekonstruierten wir das Gefängnis auf Grundlage dessen, was sie gehört hatten.

Sie haben mit sechs ehemaligen Gefangenen gesprochen. Wie haben die ihre akustischen Erinnerungen beschrieben?

Ton hat keine eigene Sprache, die ihn beschreibt. Wir bezeichnen ihn zum Beispiel als hell oder scharf, leihen also Begriffe für andere Sinneseindrücke aus. Um von den Gefangenen zu erfahren, was sie in Saydnaya gehört haben, musste ich kreativ werden. Zum Beispiel habe ich Objekte genutzt, um Geräusche in verschiedenen Lautstärken nachzumachen. Ein Zeuge konnte Geräusche der Zellentürschlösser identifizieren, woraus wir ableiteten, wie viele Personen auf seinem Gang festgehalten wurden. Diese Information glichen wir später mit den Aussagen von Gefangenen ab, die auf dem gleichen Flur festgehalten worden waren.

Ist es für Gefangene nicht retraumatisierend, sich solche Geräusche anzuhören?

Ganz im Gegenteil: Psychologen und Traumaexperten sagten uns, dass es Zeugen am meisten traumatisiert, wenn man sie bittet, eigenständig zu rekapitulieren, was passiert ist. Die Person muss sich alles selbst vorstellen, sich ganz alleine in diesen Raum begeben. Wir sagten nicht: "Schließ deine Augen und versetze dich an den Ort zurück", sondern spielten Geräusche ab. Dadurch erlaubten wir den Zeugen, die Erinnerungen anhand dieser Details abzurufen, anstatt selbst danach zu suchen. Wir brachten sie nicht näher heran, sondern erzeugten Distanz zwischen ihnen und dem Gefängnis, indem wir es zum Objekt machten: Sie konnten es auf einem Bildschirm sehen, hören, ­berühren.

Neben Geräuschen spielte auch Stille eine wichtige Rolle. Wie konnten Sie die greifbar machen?

Stille wurde in Saydnaya brutal umgesetzt. Die Gefangenen durften keinen Ton von sich geben, selbst wenn sie gefoltert wurden. Stille war das erste, was ihnen befohlen wurde, und es war das letzte, woran sie scheiterten und weswegen sie ihr Leben verloren. Es kam zum Beispiel vor, dass jemand hustete, und deswegen mit dem Tode bestraft wurde. Ich sehe die Stille als eine eigene Form der Misshandlung. Ich wollte sie genauso verstehen, wie man jede andere Waffe und den Schaden, den sie anrichtet, untersuchen würde. Ich habe viel Zeit damit verbracht, diese Stille zu analysieren.

Sie stellten fest, dass die Lautstärke, in der sich Gefangene in Saydnaya unterhalten durften, nach Beginn der syrischen Revolution um 19 Dezibel sank. Dafür verglichen Sie die Aussagen von Inhaftierten vor und nach 2011. Wie gingen Sie vor?

Zunächst bat ich sie, zu wiederholen, in welcher Lautstärke sie gesprochen hatten. Damit hatte ich aber keinen Erfolg, denn sie unterschieden sich sehr stark voneinander. Ich bat sie also stattdessen, sich zu erinnern, in welcher Lautstärke andere mit ihnen gesprochen hatten. Ich spielte einen Ton ab, machte ihn immer leiser, und sie sollten sagen, an welcher Stelle er sich richtig anhörte. Da waren die Zeugen dann alle weniger als fünf Dezibel voneinander entfernt, was extrem akkurat ist.

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In Koblenz stehen derzeit zwei ehemalige syrische Geheimdienstmitarbeiter wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor Gericht. In dem Verfahren berichten zahlreiche Zeuginnen und Zeugen über ihre Erfahrungen in einem Geheimdienstgefängnis, in dem sie nur mit Augenbinden die Zellen verlassen durften. Warum wird in einem solchen Prozess keine Analyse wie Ihre angewandt, um Beweise zu sammeln?

Ich glaube, dass unsere Methoden einen hohen Wahrheitswert haben. Das wurde auch im Nachhinein bestätigt, als wir unsere Ergebnisse mit den Aussagen ehemaliger Wärter abglichen. Aber sie entsprechen eben nicht den Standards, die ein Gericht nutzt, um in einem Strafverfahren Beweise zu sammeln. Wir erfuhren in unserer Recherche zwar viele forensisch valide Fakten. Aber einige der aufschlussreichsten Aussagen waren die, in denen Zeugen ganz verzerrte Erinnerungen beschrieben.

Was meinen Sie damit?

Bei einem Zeugen namens Samer versuchten wir herauszufinden, wie nah er an der Haupttür gewesen war. Ich spielte also das Geräusch einer großen Tür ab, und Samer sagte mir immer, ich solle das Geräusch noch lauter machen. Irgendwann war es so laut, dass es unmöglich die tatsächliche Lautstärke der Tür ­gewesen sein konnte. Es klang eher so laut wie ein Autounfall. Da sagte Samer, so habe nicht die Tür geklungen, sondern das Brot, wenn es morgens vor die Tür seiner Zelle geworfen wurde. Einen solchen Beweis kann man nicht in einem Gerichtssaal präsentieren.

Was er sagt, ist unmöglich: dass das Geräusch eines Brotes, das auf dem Boden landet, so laut ist wie ein Autounfall.

Genau. Aber ich habe in dem Moment sehr viel über das ­Gefängnis verstanden. Es geht nicht um die Geräusche, die die Gefangenen dort hörten, sondern darum, was diese ihnen bedeuteten: in diesem Fall, dass sie hungrig waren, dass sie im Dunkeln waren, und dass es still war. Ein winziges Geräusch ­beschrieb Samer als das lauteste. Seine Aussage ist verzerrt, doch genau diese Verzerrung ist ein Beweis für extreme Mangelernährung. Wenn wir die richtigen Instrumente haben, können wir Hunger hören.

Die Ergebnisse Ihrer Arbeit landeten nicht im Gerichtssaal, sondern waren in renommierten Kunstmuseen und in Ausstellungen zu sehen. Passt ein syrisches Foltergefängnis in eine Kunstgalerie?

Die Erfahrungen aus dem Gefängnis müssen sichtbar, ­hörbar und verstehbar werden. Ich wollte das Projekt in einem künstlerischen Raum fortsetzen, weil die Menschen dort Stille, Abstraktion und Verzerrung gewohnt sind. Das kennen sie spätestens seit dem Impressionismus. Das Publikum ist deshalb in der Lage, sich Aussagen anzuhören, die woanders nicht funktionieren.

Lawrence Abu Hamdan (35) ist ein libanesisch-britischer Künstler, der sich selbst als "Private Ear" bezeichnet, als "akustischen Privat­detektiv". Er studierte Sonic Arts in London und promovierte anschließend zur Geschichte der forensischen Linguistik am Goldsmiths College. Für seine Arbeit zu Saydnaya gewann Abu Hamdan 2019 den renommierten britischen Turner Prize. Er lebt in Dubai.

Hannah El-Hitami ist freie Journalistin und lebt in Berlin. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International oder der Redaktion wieder.

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