Amnesty Journal Serbien 01. Januar 2020

Fette Beats, volles Bewusstsein

Zwei junge Männer und eine junge Frau in T-Shirts stehen nebeneinander.

Echter Sound. Emrah, Koki und Ferid von der Rap-Formation Gipsy Mafia wissen, wovon sie singen, wenn es um Diskriminierung geht (von links).

In Serbien als Roma gefährdet, in Deutschland als Flüchtlinge diskriminiert: Die Hip-Hop-Formation Gipsy Mafia rappt gegen Antiziganismus, Rassismus und Kapitalismus.

Von Tanja Dückers

Was ist hier los? Auf dem Konzert von Gipsy Mafia in Berlin stehen unter den üblichen Hip-Hop-Fans auch Leute, die man sonst eher bei Lesungen oder kulturpolitischen Veranstaltungen antrifft. Oder auf "unteilbar"-Demos. Tatsächlich klingen die Songs der Gipsy Mafia, bei durchaus genretypischem hackendem Hip-Hop-Sound, auf der Textebene ziemlich anders als das übliche Herabwürdigen von Müttern und Zurschaustellen von Statussymbolen. Jetzt stimmen die beiden auf Deutsch und Serbisch rappenden Jungs zu "Sicheres Herkunftsland" an. Sie skandieren, dass man in Deutschland ein Land wie Serbien für "sicher" halte, auch wenn dort immer wieder Roma-Siedlungen in Brand gesteckt und Morde an Mitgliedern der Minderheit nicht aufgeklärt werden. Und weiter: "32 Milliarden werden für Waffen ausgegeben, doch nur ein Bruchteil könnte Tausend Menschen retten." Es wird über das "Asylpaket" und Ertrunkene im Mittelmeer nachgedacht und über Sprüche wie "Zigeuner – nicht willkommen!".

Diskriminierung in Serbien
Mit solchen Sprüchen kennt sich die Gipsy Mafia aus. Die Brüder Ferid und Emrah, alias Skill und Buddy O.G., haben diese oft zu hören bekommen. Die beiden, heute 34 und 28 Jahre alt, waren noch Kinder, als sie 1991 während des Krieges im ehemaligen Jugoslawien in die kleine Stadt Marl, ins nördliche Ruhr­gebiet, kamen. 2003 wurde die Familie dann aufgefordert, Deutschland zu verlassen, der Krieg sei vorbei. Als sie, um einer Abschiebung zuvorzukommen, "freiwillig" zurück nach Serbien gingen, waren aus den Kindern längst Jugendliche geworden. Deutschland war ihr Zuhause.

Die Probleme begannen bereits an der serbischen Grenze. Die Grenzsoldaten fragten die Familie: "Als der Krieg herrschte, wo wart ihr da?" Dass sie dreizehn Jahre nicht im Land gewesen waren, ließ sie vielen Landsleuten als Verräter erscheinen, erschwerte ihnen den Wiedereinstieg in die Gesellschaft. Papiere, Ausweise, bei allen bürokratischen Angelegenheiten ließ man sie besonders lang warten. Vor allem: In Serbien, in Zrenjanin, wurde Ferid und Emrah erst richtig deutlich, was es bedeutet, Roma zu sein. Emrah fand es im Ruhrgebiet da einfacher, wie er in einem Interview mit dem Magazin Vice berichtete: "Wir hatten viele Freunde, die Türken oder Araber waren, das hat man gar nicht so gecheckt. Richtig gemerkt hat man das erst in Serbien." Und Ferid ergänzte: "Ich hatte damals noch so ’ne gewisse Verbundenheit mit Serbien, weil ich dachte, das ist meine Heimat. Aber als wir wieder da waren, waren wir quasi immer noch Ausländer." Der Antiziganismus, den sie in Deutschland erlebten, stellte sich in Serbien als noch krasser dar. "Hier hast du Leute aus der Türkei und von überall her. Aber da bist du halt entweder Serbe oder Zigeuner." Hinzu kamen finanzielle Probleme: In Serbien arbeiteten Ferid und Emrah in einem deutschen Callcenter und für einen Zuliefererbetrieb für BMW – für ein lächerliches Gehalt im Vergleich zu dem, was sie in Deutschland verdient hätten. Lohndumping per Abschiebung.

Rap als Ventil
Ihre persönlichen Erfahrungen als unerwünschte Roma, Asylbewerber und Abgeschobene dienen Ferid und Emrah als Grundlage für ihre Raptexte. Als Buddy O.G. und Skill rappen sie seit 2007 gegen Rassismus, Diskriminierung und Ausgrenzung. Auch heimische Nationalisten bekommen ihr Fett weg. Damit begeistern sie nicht nur junge Leute auf dem Balkan. Zusammen mit DJ Koki – Ferids Freundin – touren sie europaweit und spielen vor allem auf linken Konzerten und Festivals, so zum Beispiel in einem besetzten Haus in Barcelona im Rahmen einer Antifa-Nacht. Zu sehen ist die Szene in dem eindrucksvollen ­filmischen Porträt "I am what I am – The story of Gipsy Mafia", das das Goethe-Institut Belgrad initiiert hat. O-Ton Gipsy Mafia: "No borders – no nations, I throw molotov-cocktails at the Police und Fuck the police." Und das Publikum skandiert laut mit. Feingeistige Poeten – das sind die Jungs von Gipsy Mafia nicht. Man könnte ihre Lyrics als ehrlich bezeichnen. Tatsächlich ist den beiden Authentizität wichtig, und ihre Wut ist keine Marketingstrategie, sondern kommt "Straight Outta Mahala" – so der Titel einer ihrer CDs.

Die meisten Roma leben auf dem Balkan in sogenannten Mahalas, heruntergekommenen Armenvierteln, die es in fast ­jeder serbischen Stadt gibt. Die Häuser dort sind aus Blech, Holz oder Karton und direkt aufs Feld gebaut. "Du baust mit dem, was du auf der Straße findest", erklärt Ferid. Dafür ist man in den Mahalas aber unter sich und braucht weniger Angst vor der Mehrheitsgesellschaft zu haben. Die Selbstausgrenzung hat durchaus auch Selbstschutzcharakter. Leuten wie ihnen hilft die Polizei nicht, haben Ferid und Emrah gelernt.

"Viele Roma mögen unsere Musik nicht"
Den Begriff Roma verwendet die Gipsy Mafia fast nie. Sie sprechen in ihren Songs von "Zigeunern". "Und das tun wir mit Stolz", sagt Ferid dem Amnesty Journal nach dem Berliner Konzert. Man merkt, von der neuen Manier, die Menschen zwar bemüht korrekt zu bezeichnen, dann aber doch herabzuwürdigen, hält er nichts. Seiner Freundin Koki, inzwischen festes Mitglied des Ensembles, ist aufgefallen, dass viele ihrer Konzertbesucher "Gadje" sind, also keine Roma. Denn, so sagt Koki: "Viele Roma mögen unsere Musik nicht, weil sie denken, dass man nicht offen über die Probleme reden soll, um nicht noch mehr Ärger zu bekommen."

Auch in Deutschland ist auf die Polizei nicht immer Verlass. Ferid erinnert sich an ein Horrorerlebnis aus seiner Kindheit. Emrah, der sechs Jahre jünger ist, war damals noch ein Baby. Die Familie war nach der Flucht vor dem Krieg auf dem Balkan zunächst in einem Asylbewerberheim im Ruhrgebiet untergebracht worden. Eines Tages kamen junge Männer mit Baseballschlägern in den Flur. Sie suchten Streit, fingen an, wahllos Dinge zu zerstören und herumzuschreien. Die Flüchtlinge wehrten sich und riefen die Polizei. Die kam, blieb aber im Flur vor einer Glastür stehen. Nachdem die Neonazi-Hooligans endlich abgezogen waren, traten die Polizisten ein und fragten: "Was habt ihr vorher hier getan? Ohne einen Grund wären die Jungs doch nie hierhergekommen."

Rückkehr nach Deutschland
Seit 2015 leben die Brüder – Ferid mit Koki und Baby – wieder in Deutschland. Mit Hilfe eines Sonderprogramms des Bundesfreiwilligendienstes konnten sie zurückkehren.
Zu reisen ist für die Gipsy Mafia nicht immer leicht. Gern wollten sie einer Einladung nach Manchester folgen. Die Kosten für Flug und Hotel sollten übernommen werden, wie Ferid mit Stolz erzählt. Die beiden hatten sich schon sehr auf den Gig gefreut. In der alten Arbeiterstadt hätten ihre antikapitalistischen Brachialsongs sicher ein interessiertes Publikum gefunden. Aber die Visa wurden verweigert. Aus der Traum von einer ­ersten Reise nach Großbritannien.

Auf der Bühne in Berlin gibt die Gipsy Mafia wirklich alles. Aus der Ich-Perspektive wird über einen deutschen Neonazi-Hool-Macho erzählt ("Ich bin ein glatzköpfiger Faschist, habe ein Jesus-Tattoo auf dem linken Arm, Hitler auf dem rechten"), dessen Fortpflanzungsorgan klein ist, der einen auf Superheld macht und täglich ins Fitnessstudio rennt. Neben der wütenden Gesellschaftskritik nimmt Gipsy Mafia das tradierte Männlichkeitsbild der Hip-Hop-Szene gründlich auseinander: "Online bin ich sehr aktiv und beleidige jedem seine Mutter." Sowohl Deutschland als auch Serbien bekommen ihr Fett weg: "Sicheres Herkunftsland, ja da komm ich her, als Zigeuner bist du sicher, wie Flüchtling auf dem Meer."

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