Amnesty Journal Serbien 09. Juli 2020

Das Foto mit dem Schlächter

Vier Soldaten in Tarnkleidung, zwei davon sind der serbisch-bosnische General Ratko Mladić und UN-Kommandeur Thomas Karremans, stehen im Halbkreis und halten Gläser zum Anstoßen in der Hand.

Verhandlungspartner und Gegner: General Ratko Mladić (l.) und UN-Kommandeur Thomas Karremans (Mitte) am 12. Juli 1995.

Vor 25 Jahren ermordeten serbische Soldaten in Srebrenica 8.000 bosnische Männer und Jungen. Kurz zuvor hatte ein UN-Kommandeur mit dem verantwortlichen General angestoßen. Hätte er das Massaker verhindern können?

Von Paul Hildebrandt

Dieser Moment wird über Leben und Tod entscheiden: Vier Männer stehen im Kreis, sie tragen Camouflage-Kleidung. In der Hand halten sie ein Glas mit Wein. Sie haben den Trinkspruch bereits gesprochen, "živjeli", aufs Leben. Einer von ihnen, ein großer Mann mit Schnurrbart, hebt das Glas an die Lippen und blickt auf einen untersetzten, breitschultrigen Mann mit glatt rasiertem Gesicht. Er schaut ihn nicht an, wie man einen Trinkpartner anschaut, sondern eher wie einen gefährlichen Hund.

Es ist der 11. Juli 1995 am frühen Abend, als dieses Foto geschossen wird. Noch Jahre später wird die Aufnahme in Zeitungen auf der ganzen Welt abgedruckt, von Richtern und Anwälten diskutiert und von Demonstranten ausgedruckt und in die Luft gehalten. Denn was viele Menschen auf dem Foto zu erkennen glauben, ist der Beweis für die Mitschuld der UNO an einem der schlimmsten Massaker in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg: Srebrenica.
Fakt ist: Nicht einmal 48 Stunden nach diesem Treffen werden rund 8.000 Jungen und Männer von hinten erschossen und im Boden verscharrt, ein Gericht wird das Massaker später als Völkermord bezeichnen. Der Streit um das Foto steht deshalb auch für die große Frage: Hätte das Morden verhindert werden können?

Mladićs geheimer Auftrag

Das Jahr 1995: Seit mehr als drei Jahren tobt bereits der Krieg. ­Jugoslawien zerfällt, Kroatien und Slowenien haben sich abgespalten, nun wollen auch muslimische Bosniaken die Unabhängigkeit, erbitterte Kämpfe entbrennen. Um die Zivilbevölkerung zu schützen, haben die Vereinten Nationen in Bosnien und Her­zegowina Schutzzonen eingerichtet, in denen nicht gekämpft werden darf. Die beiden Männer, die sich auf dem Foto gegenüberstehen, sind Verhandlungspartner – und Gegner. Der Mann mit dem Schnurrbart heißt Thomas Karremans, ein Kommandeur der niederländischen UN-Schutztruppen. Obwohl er kaum Erfahrungen in Krisenregionen besitzt, soll er den Waffenstillstand in der Region Srebrenica überwachen.

Nur eine Armlänge entfernt steht Ratko Mladić, General der serbisch-bosnischen Truppen. Vor wenigen Monaten hat er vom Präsidenten der bosnischen Serben einen geheimen Auftrag erhalten: Er soll alle muslimischen Bosnier aus der Region vertreiben. "Verursache bei den Bewohnern von Srebrenica und Žepa eine totale Unsicherheit, ohne Hoffnung auf Überleben", steht in einem Dokument, das nach dem Ende des Krieges an die Öffentlichkeit gelangte. Im Frühling des Jahres 1995 hatte Mladić deshalb Massaker an der Zivilbevölkerung verübt. Nach dem Krieg sollten im Osten des Landes nur noch Serben leben.

Die Männer treffen sich im Hotel Fontana in Srebrenica, nur wenige Stunden nachdem die serbischen Truppen die Stadt eingenommen haben. Karremans ist erschöpft, seit März blockieren die Serben alle Zufahrtsstraßen, es fehlt an Benzin und Verpflegung im Camp der UN-Truppen. Weil die Stromverbindungen gekappt wurden, können die Soldaten nicht einmal mehr Wasser kochen oder nachts das Licht brennen lassen. Seit Beginn der serbischen Attacke vor knapp einer Woche hat Karremans kaum geschlafen. So wird er es später erzählen.

Nicht ebenbürtige Verhandlungspartner

Mladić hingegen ist bester Laune, er bellt den Niederländer an: "Sie haben die Muslime bewaffnet und für einen Krieg vorbereitet. Und Ihre Truppen haben auf meine geschossen, auf mich persönlich. Haben Sie das angeordnet?" Karremans sagt: "Lassen Sie mich erklären. Es sind die Anweisungen. Wenn wir beschossen werden, dann müssen wir zurückschießen." Und dann: "Dafür möchte ich mich entschuldigen." Von diesem Treffen gibt es Filmaufnahmen, darauf sieht man: Die beiden Männer sind nicht ebenbürtig. Mladić ist der Sieger, Karremans der Verlierer. Er wirkt nicht wie der Kommandeur einer internationalen Armee, sondern wie ein Mann, der große Angst hat.

Mehr als 40.000 Menschen waren in den Monaten zuvor vor den serbischen Truppen nach Srebrenica geflohen, um Schutz bei den UN-Truppen zu suchen. Als die Serben am 6. Juli 1995 mit ihrer Attacke begannen und sich die niederländischen Soldaten zurückzogen, waren die Menschen verzweifelt aus der Stadt geflohen. Tausende machten sich auf den Weg nach Norden. Der Rest, etwa 25.000 Menschen, versuchte auf das UN-Gelände zu gelangen, das nur wenige Kilometer entfernt lag. Vor den Toren des UN-Geländes harrten sie aus, in der Hoffnung auf Rettung. Sie sind es, um die Mladić und Karremans an jenem 11. Juli verhandeln.

Hundert Meter entfernt die Leichen

Es ist halb neun Uhr abends, Karremans sagt, er habe den Auftrag bekommen, für die Sicherheit der Flüchtlinge zu sorgen, und auch seine Soldaten wollten nach Hause. Ob er, Mladić, dafür sorgen könne, sie zu evakuieren? Karremans ist der Bittsteller, Mladić entscheidet, wie es weitergeht. Er wird versöhnlicher, bietet dem Niederländer eine Zigarette an, erkundigt sich nach dessen Familie, dann bestellt er Wein und Mineralwasser für ­einen "Spritz", ein serbischer Fotograf schießt Fotos.

In den folgenden Stunden treffen sich Mladić und Karremans drei Mal und finden einen Deal: Die Niederländer sorgen dafür, dass die Bosniaken entwaffnet werden, Mladić wird alle Zivilisten aus Srebrenica evakuieren. Zuerst Frauen und Kinder, dann Männer. Mladić sagt, er müsse zuerst überprüfen, ob unter den Männern Kriegsverbrecher seien. Ihn interessiere die Zivilbevölkerung nicht. Eine Lüge, die Karremans nicht hinterfragt. In diesem Moment hätte er darauf bestehen können, die Flüchtlinge nur unter UN-Aufsicht ziehen zu lassen. Doch er versucht es nicht einmal.

Es ist heiß am nächsten Tag, die muslimischen Flüchtlinge sitzen auf dem Boden, es gibt wenig Essen, kaum zu trinken. Die Niederländer lassen niemanden rein. Serbische Soldaten zerren immer wieder bosnische Männer aus der Menge der Flüchtlinge. Am folgenden Tag finden UN-Soldaten nur wenige hundert Meter entfernt die Leichen der Männer. Sie liegen mit dem Gesicht nach unten im Dreck, von hinten erschossen. Auch davon wird Karremans berichtet. Er unternimmt nichts.

Pralinen, Scherze und Schnaps

Am 12. Juli fahren die ersten Busse vor das UN-Gelände. Mladić hat sie organisiert. Er befiehlt Frauen und Kindern, einzusteigen. Serbische Soldaten kontrollieren, dass keine Männer dabei sind. Karremans hat sich zurückgezogen. Als ihn einer seiner Ärzte fragt, was nun mit den bosnischen Männern passiere, antwortet er: Darüber solle man besser nicht nachdenken. Es sei vermutlich nichts Gutes. Das zumindest wird der Arzt später ­berichten. Am 13. Juli liefern die UN-Truppen auch die letzten bosnischen Männer an die Serben aus. Am späten Nachmittag  zwingen serbische Soldaten rund 6.000 bosnische Männer in Busse und transportieren sie ab. Niemand hält sie auf.

Sechs Tage später, am 21. Juli 1995, dürfen auch die Holländer abziehen. Zum Abschied überreicht Mladić Pralinen und andere Geschenke an Karremans, die Männer scherzen und trinken noch einen Schnaps. Zu diesem Zeitpunkt haben serbische Truppen nur wenige Kilometer entfernt vermutlich 8.000 Menschen getötet. Die Öffentlichkeit erfährt schnell von den Massakern bei Srebrenica, Karremans wird Jahre später für seine Verdienste ausgezeichnet. Als er zum Treffen mit Mladić befragt wird, behauptet er, er habe damals nur Wasser und keinen Wein getrunken.

Mladić wird 2011 verhaftet und dem UN-Tribunal übergeben. Im Jahr 2017 verurteilt ihn das Gericht als Kriegsverbrecher zu lebenslanger Haft. Im Jahr 2019 kommt das Gericht in Den Haag zu dem Schluss: Die Niederlande tragen eine Mitschuld am Tod von rund 350 Menschen, jenen also, die auf dem UN-Gelände bereits Zuflucht gefunden hatten.

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