Amnesty Journal 24. Februar 2020

"An mir ist nichts Heldenhaftes"

Menschen halten Schilder hoch, um ihre Solidarität mit dem ukrainischen Filmemacher Oleg Sentsov zu bekunden.

Solidarität. Amnesty-Aktion für Oleg Sentsov auf der Berlinale 2016.

Der ukrainische Filmemacher Oleg Sentsov engagiert sich seit seiner Freilassung aus russischer Haft selbst für politische Gefangene. Ein Gespräch über seinen Hungerstreik, sein Hafttagebuch und die Rolle Russlands in Europa.

Interview: Anastasia Rodion

Sie haben fünf Jahre im Gefängnis gesessen. Welche Spuren hat das hinterlassen?
Jeder Mensch verändert sich innerhalb von fünf Jahren. Und es verändert sich jeder Mensch, der besonders harten Umständen ausgesetzt ist – wie es beispielsweise ein Gefängnis ist. Freunde, die mich fünf Jahre lang nicht gesehen haben, hatten große Angst davor, dass ich mich sowohl physisch als auch psychisch verändert haben könnte. Als sie dann mit mir sprachen, haben sie gesagt, dass ich derselbe geblieben sei. Ich weiß nicht, wie ich das ausgehalten habe. Aber ich bin nicht der Einzige, daran ist nichts Heldenhaftes. Es gibt Menschen, die noch viel mehr zu ertragen imstande sind.

Als im Rostower Gerichtssaal das Urteil verkündet wurde, wirkten Sie selbstsicher und ruhig. Waren Sie nie verzweifelt oder verloren den Glauben daran, vor Ablauf von 20 Jahren freigelassen zu werden?
Ich versuche immer, die Dinge objektiv zu betrachten und die Situation so zu bewerten, wie sie ist. Jeder hat schwierige Momente, ich auch. Manchmal war es so hart, dass ich glaubte, ich hätte keine Kraft mehr. Aber das kam sehr selten vor, dauerte auch nicht lange, und es hat auch niemand bemerkt.

2018 waren Sie 145 Tage im Hungerstreik und haben 20 Kilogramm Gewicht verloren. Ihr Leben war akut gefährdet. Wie fühlen Sie sich jetzt?
Okay. Nach einem Jahr war mehr oder weniger alles wieder wie vorher. Ich habe noch Probleme mit dem Stoffwechsel und der Leber. Doch das alles sind Kleinigkeiten im Vergleich zu der Zeit unmittelbar nach dem Hungerstreik.

Während des Hungerstreiks haben Sie begonnen, Tagebuch zu führen. Sie konnten diese Aufzeichnungen aus dem Gefängnis schmuggeln und wollen sie noch dieses Jahr veröffentlichen, ohne sie noch einmal durchzulesen und zu redigieren. Warum nicht?
Dieses Tagebuch besteht aus vier bis fünf eigenständigen Heften. Wie soll man das redigieren? Ich habe es in dem Bewusstsein geschrieben, dass dies vielleicht das Letzte ist, was ich schreibe. In solch einer Lage ist ein Mensch maximal offen. Ich will die Wahrheit nicht schönen. Sie würde dann unverständlich werden, auch für mich selbst. So arbeite und schreibe ich eben, über mich und andere, so ungeschminkt. Die Wahrheit ist wichtiger als schöne Worte.

Warum, glauben Sie, kamen Sie erst nach dem Machtwechsel in der Ukraine auf freien Fuß?
Russlands Präsident Wladimir Putin sucht nach Möglich­keiten, um wieder mit Europa in Kontakt zu kommen und die ­Situation in der Ukraine, so wie sie jetzt ist, festzuschreiben. Über die Krim redet doch schon niemand mehr. Der Donbass soll zwar irgendwie zur Ukraine zurückkehren – aber zu russischen Bedingungen. Die separatistischen Gruppierungen werden legitimiert und erhalten einen besonderen Status und eine Autonomie für den Donbass. Dann wird Putin in den nicht von der Ukraine kontrollierten Gebieten Wahlen abhalten, und das war es dann. Das ist die Falle, in die Putin die Ukraine locken will.
Sie haben gesagt, dass es in Russland nur dann zu Veränderungen kommen wird, wenn Putin nicht mehr an der Macht ist. Wie soll das gehen, wo ihn doch so viele Menschen unterstützen?
Sie unterstützen ihn, weil es einen starken Polizeiapparat gibt, der alle unter Druck setzt, die gegen ihn sind. Dazu kommt die Propaganda, die die Menschen einer Gehirnwäsche unterzieht. Außerdem hat Putin es verstanden, mit den kleinen postkolonialen imperialistischen Ambitionen der Bürger zu spielen. Ihre Logik ist folgende: Wir leben schlecht, aber unsere Iskander-Raketen bedrohen die ganze Welt. Für die Europäer ist das schwer zu verstehen, aber so ist die russische Mentalität. Doch die Situation in Russland wird sich verschlechtern. Und das wird letztlich zum Abgang Putins führen. Das globale Ausmaß dieser tiefgreifenden Veränderungen in Russland ist schwierig vorherzusagen. Aber dass es Veränderungen geben wird, ist eine Tatsache.

Was hieße für Sie Gerechtigkeit nach einem Ende des Krieges zwischen Russland und der Ukraine?
Es müssten drei Punkte erfüllt sein: Die Rückgabe der besetzten Gebiete Krim und Donbass; die Zahlung von Reparationen für die zugefügten Schäden; und das staatliche Bekenntnis Russlands zu seiner Aggression und zu allen getöteten Ukrainern.

Nach dem Ende der Haft reisten Sie zunächst nach Deutschland und Frankreich. Haben Sie den Eindruck, dass die Unterstützung für die Ukraine in Europa schwindet?
Die Ukraine genießt in Europa immer noch Unterstützung. Ich treffe derzeit viele Menschen, die an unserer Seite sind. Die größte Unterstützung sehe ich vonseiten Polens und der baltischen Staaten, also derjenigen, die sich noch sehr gut an die Zeit der russischen Besatzung und die Unterdrückung ihrer Freiheit erinnern. Erst seit ich in vielen europäischen Staaten unterwegs bin, beginne ich das Ausmaß der russischen Einflussnahme auf die dortigen Prozesse zu verstehen. In Frankreich ist man beispielsweise Russland gegenüber toleranter, betont die historischen Beziehungen. Ich kann diese Position nicht verstehen.

Umfragen zufolge genießen Sie nach Präsident Wolodymyr Selenski das höchste Vertrauen in der ukrainischen Bevölkerung. Sie haben immer gesagt, Sie wollten nicht in die Politik gehen. Ist das noch so?
Ich wollte nie in die Politik gehen. Im Moment steht diese Frage für mich nicht auf der Tagesordnung. Außer meiner Beschäftigung mit der Kunst betätige ich mich derzeit als Aktivist. Ich halte mich auf dem Laufenden und mag es nicht, voreilige Schlüsse zu ziehen und übereilt zu handeln. Meine Hauptaufgabe sehe ich darin, an verschiedenen Orten in Europa über die russische Aggression zu sprechen. Denn viele haben sich bereits an sie gewöhnt. Meine zweite Aufgabe sehe ich darin, an unsere Leute zu erinnern, die in russischer Gefangenschaft sind, und an ihrer Befreiung mitzuwirken. Ich will in einigen Monaten eine zivilgesellschaftliche Organisation gründen, die sich diesen Fragen widmet.

Setzt Ihre Autorität in der Gesellschaft Sie unter Druck?
Ich spüre diese Autorität nicht, obwohl man mir viel darüber erzählt. Ich schenke dem keine Aufmerksamkeit. Ich grenze mich davon ab, um nicht in meiner Arbeit gestört und davon beeinträchtigt zu werden.

 

Oleg Sentsov
Der ukrainische Filmregisseur wurde 1976 in Simferopol auf der Halbinsel Krim geboren. Mit seinem ersten Spielfilm "Gamer" über einen Videospiel-Wettbewerb debütierte er 2012 auf dem Internationalen Filmfestival in Rotterdam. Ende 2013 schloss er sich den Protesten des Euromaidan gegen die Regierung in Kiew an und wandte sich gegen die russische Annexion der Krim im März 2014. Zwei Monate später wurde er in seinem Haus in Simferopol verhaftet und nach Moskau verschleppt. Ein russisches Militärgericht verurteilte ihn 2015 wegen angeblicher terroristischer Aktivitäten zu einer Freiheitsstrafe von 20 Jahren.
Sentsov musste seine Haft in einer sibirischen Strafkolonie in Labytnangi am Polarkreis antreten. 2018 befand er sich 145 Tage lang im Hungerstreik, um auf die Lage von mehr als 60 ukrainischen Gefangenen in russischer Haft aufmerksam zu machen und ihre Freilassung zu erreichen. Noch im selben Jahr verlieh ihm das Europäische Parlament den Sacharow-Preis für geistige Freiheit. Im September 2019 kam Oleg Sentsov nach einem Gefangenenaustausch zwischen der Russischen Föderation und der Ukraine vorzeitig frei.

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