Amnesty Journal Russische Föderation 26. März 2019

Auf den Playlists der Zensoren

Eine grölende Menge in rotem Licht bei einem Konzert

Das Solidaritätskonzert für den Rapper Husky im November 2018 galt als Verteidigung der künstlerischen Freiheit.

HipHop und Rap standen in Russland bislang nicht gerade unter Oppositionsverdacht. Doch seitdem sich die Musikszene politisiert, reagiert der Staat mit Konzertverboten.

Aus Moskau Ute Weinmann 

Während Oppositionelle und politisch auffällige Gruppen schon lange staatlichen Verfolgungsmaßnahmen ausgesetzt sind, sah sich die nichtkonforme Musikszene in Russland bislang eher nur mit punktuellen Gängeleien konfrontiert. Das Jahr 2018 setzte hier neue Maßstäbe. Als subversiv gelten nicht nur protestierende Jugendliche, sondern nun auch ihr Musikgeschmack. Da ist zum Beispiel der Rap. Er fand in Russland erst vor kurzem Anerkennung als fester Bestandteil moderner Kultur – und geriet gleich ins Visier der Sicherheitsbehörden.

Von Dutzenden Konzertverboten im ganzen Land betroffen waren diverse Musiker. Schlagzeilen machte jedoch erst die Festnahme von Husky, mit bürgerlichem Namen Dmitri Kusnezow. Nach mehrmaligen erzwungenen Konzertabsagen verlegte der Rapper im November 2018 in Krasnodar spontan seinen Auftritt von einem Club, in dem der Strom abgedreht worden war, auf die Straße.

Letztlich kam er mit einer Administrativhaft davon, die er nicht einmal komplett absitzen musste. Denn der Fall sorgte nicht nur für Aufsehen, sondern für echte Solidarität. Die ganz großen Stars der Szene, Oxxxymiron, Basta und Noize MC organisierten ein gemeinsames Konzert für ihren inhaftierten Kollegen, das zugleich eine Kampfansage zur Verteidigung ihrer eigenen künstlerischen Freiräume war.

"Moralisch bedenkliche" Konzerte

Die Konzertverbote initiierten Abgeordnete aus Gebietsparlamenten, Bürgermeister, aber auch Elternvereinigungen. Im sozialen Netzwerk VKontakte gibt es eine Gruppe mit fast 166.000 Mitgliedern, über die detaillierte Anleitungen verbreitet werden, wie "moralisch bedenkliche" Konzerte verhindert werden können. Songbeispiele werden gleich mitgeliefert, wie diese Liedzeilen des Hip-Hoppers Allj: "In der Mittelschule wurde ich gerne angefasst. Die Schule habe ich bei ihnen zu Hause geschwänzt" oder "Ecstasy, bring mich weg".

Drogen, Sex und der Gebrauch tabuisierter, in der Umgangssprache aber durchaus geläufiger Schimpfwörter gelten aus Sicht selbsternannter Moralapostel als anstößig und sollen eine entsprechende Maßregelung nach sich ziehen. Im Fall von Husky wurden auch Extremismusvorwürfe erhoben. Gegen Oxxxymiron liegt eine Beschwerde bei der russischen Aufsichtsbehörde vor, verfasst von einer Privatperson, die auch gegen andere Musiker aktiv geworden ist. Einer der Videoclips des Rappers zum Thema Amoklauf in Schulen habe als Auslöser für die ­Tragödie in einem Berufskolleg auf der Krim gedient. Dabei ­erschoss ein Student Mitte Oktober 21 Menschen.

Polizeiliche Maßnahmen versprechen aus Sicht der Hard­liner schnelle Erfolge. Zumal wenn jedes nicht von Staats wegen kontrollierte Handeln generell unter dem Aspekt der Sicherheitsgefährdung steht. Doch das russische Innenministerium ließ verlautbaren, der Zentralapparat habe seinen Regionalstellen keinerlei Anweisungen zur Unterbindung von Konzerten ­erteilt.

Was nicht heißt, dass der Punkt in Moskau nicht auf der Tagesordnung stand. Zumindest berichtete das Nachrichten­portal URA.RU über eine Direktive des Innenministers Wladimir Kolokolzew, die Polizeikräften den Besuch von Konzerten untersage, auf denen anarchistische und staatskritische Inhalte propagiert würden. Das Portal verwies dabei auf eigene Quellen im Sicherheitsapparat. Bei Verstoß gegen die Direktive würden Sanktionen bis hin zur Entlassung folgen. Welche Definition der Vorschrift zugrunde liegt und welche Musikgruppen und Solokünstler künftig zu meiden seien, ist unklar.

Die Musikszene wird politisch

Pavel Chikov, Leiter der Menschenrechtsorganisation Agora, geht davon aus, dass die Sicherheitsbehörden anhand der Auswertung individueller Playlists von Jugendlichen in sozialen Netzwerken eine schwarze Liste zusammen­gestellt haben. Akuten Handlungsbedarf habe man vermutlich gesehen, nachdem ein Berufsschüler Ende ­Oktober im Gebäude des Inlandsgeheimdienstes FSB in Archangelsk einen selbstgebauten Sprengsatz gezündet hatte und dabei ums Leben gekommen war. Wenige Minuten zuvor verwies der Jugendliche in einer Nachricht über den Messengerdienst Telegram auf Folterpraktiken des FSB, zudem sympathisierte er offenbar mit dem Anarchismus.

Den meisten populären Rappern, Hip-Hoppern und sonstigen Musikschaffenden geht politischer Tiefgang jedoch ab. Auch das mag der Grund dafür sein, weshalb kulturelle und ­musikalische Bezüge bei der auffallend hohen Beteiligung von Schülern und Studenten an oppositionellen Kundgebungen der vergangenen Jahre außen vor blieben. Inzwischen lässt sich ­jedoch eine zunehmende Politisierung der Musikszene beobachten.

Das auch im Ausland erfolgreiche Elektronik-Duo Ic3peak veröffentlichte im Oktober seinen ersten offen politischen Video­clip mit dem Titel "Kein Tod mehr", der bis Mitte Februar über 18 Millionen Klicks auf Youtube verzeichnete. Anastasia Kreslina singt darin "Ich begieße meine Augen mit Kerosin, lass es brennen, lass es brennen" – den Sitz der russischen Regierung im Rücken – während Nikolaj Kostyljow ein Streichholz zündet und fallen lässt.

Unter Beobachtung des FSB

Seither steht das Duo ­unter Beobachtung des FSB und ist gezwungen, konspirative Maßnahmen zu ergreifen, um Polizeieinsätzen bei Konzerten zuvorzukommen. Iwan Dremin, besser bekannt unter seinem Bühnen­pseudonym Face, ­forderte alle Rapper auf, sozialkritische Alben zu veröffentlichen. Seine jüngsten Werke zeugen von deutlicher Dissidenz. Er nennt darin Russland ein Gefängnis und prangert die allgegenwärtige Armut im Land an.

In der russischen Führung dürfte diese Tendenz wenig Anklang finden, trotzdem setzte sie der Entwicklung vorerst kein Ende. Klassische Vereinnahmungstaktiken wie die Lockung mit staatlichen Fördermitteln und Einbindung loyaler Rapper in einen beim Jugendparlament angesiedelten frisch geschaffenen Kulturrat, ja selbst Einsätze von Polizei und FSB in Verbindung mit Denunziation vermögen kurzfristig kaum etwas bewirken.

Andererseits: Der auf Provokation angelegte Rap ähnelt dem russischen Rock der späten Sow­jetzeit. Einst von den Herrschenden verschmäht und bekämpft, hat jener sein die Gesellschaft aufrüttelndes Potenzial längst eingebüßt.

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