Amnesty Journal 24. Mai 2021

Von Utopien und Realitäten

Ein Mann mit Doppelkinn, blauen Augen und braunen zurückgelegten Haaren guckt in die Kamera.

Kritischer Blick. Der Rechtsanwalt Wolfgang Kaleck untersucht die Lage der Menschenrechtsarbeit.

Die Menschenrechte sind eine konkrete Utopie, für die es sich zu kämpfen lohnt. Davon ist der Berliner Rechtsanwalt Wolfgang Kaleck überzeugt. In einem Essay analysiert er aktuelle Herausforderungen und zeigt Perspektiven auf.

Von Wera Reusch

Von außen betrachtet mute die tägliche Menschenrechtsarbeit wenig strategisch an, stellt Wolfgang ­Kaleck fest: "Oft reagieren wir zu spät, mit unzureichenden Mitteln, machtlos angesichts der gewaltigen Gefahren. Trotz oder gerade wegen dieser alltäglichen Belastungen kommen wir nicht umhin, unsere Praxis kritisch zu reflektieren." Der 60-Jährige gründete 2007 gemeinsam mit anderen international aktiven Anwältinnen und Anwälten das European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) in Berlin. Die juristische Menschenrechtsorganisation hat seither in zahlreichen Fällen dafür gesorgt, dass Verantwortliche für Folter, Kriegsverbrechen, sexualisierte Gewalt und wirtschaftliche Ausbeutung nicht ungestraft davonkamen.

Kaleck hat die Ruhe des Corona-Lockdowns zum Anlass genommen für eine kritische Reflektion der Praxis. In seinem gut lesbaren Essay erinnert er an die Geschichte der Menschenrechte und ihre Bedeutung für historische Freiheitskämpfe von religiösen Minderheiten, Frauen, Schwarzen und Arbeitern. Unter der Überschrift "Die konkrete Utopie der Menschenrechte und die Realität nach 1945" analysiert er die politischen Entwicklungen und Instrumentalisierungen dieser Rechte vom Kalten Krieg über den "Krieg gegen den Terror" bis hin zur Gegenwart. Sehr lesenswert ist nicht zuletzt sein Überblick über wichtige Etappen der juristischen Menschenrechtsarbeit – angefangen von den Nürnberger Prozessen über die Pinochet-Verhaftung 1998 bis zu den jüngsten Verfahren gegen globale Unternehmen.

Ausführlich geht Wolfgang Kaleck auf aktuelle menschenrechtliche Herausforderungen und Bewegungen wie #MeToo, Fridays for Future und Black Lives Matter ein. Ein eigenes Kapitel ist Amnesty International und der Geschichte der Organisation gewidmet. Er bescheinigt ihr einen enormen Erfolg, kritisiert aber ihre "Betroffenheitspolitik". Amnesty habe darauf ­gezielt, "die Substanz der Politik, das Politische schlechthin zu moralisieren und nicht darauf, die Verhältnisse, die zu Menschenrechtsverletzungen führten, grundsätzlich in Frage zu stellen oder gar umstürzen zu wollen". Dies sei "zugleich Grund für die Erfolgsgeschichte der Organisation wie für das Dilemma, unter dem sie bis heute leidet". Inzwischen habe sich Amnesty zwar thematisch geöffnet und sei auch im globalen Süden besser verankert, dies habe jedoch zu einem neuen Dilemma geführt: "Der allenthalben sichtbare und bekannte Markenkern löste sich zunehmend auf."

Kaleck plädiert für breite Ansätze und Allianzen: Die juristische Menschenrechtsarbeit müsse stets von politischen Strategien begleitet werden. Neben politischen und bürgerlichen Rechten sollten wirtschaftliche und soziale Rechte stärker in den Mittelpunkt rücken. Menschenrechtsarbeit müsse "dekolonial, feministisch und ökologisch konzipiert werden". Zudem fordert er eine stärkere Zusammenarbeit mit Kunstschaffenden. Selbst wenn man nicht alle Einschätzungen Kalecks teilt – seine Standortbestimmung ist zweifellos ein sehr sinniges Geschenk zum 60-jährigen Bestehen von Amnesty!

Wolfgang Kaleck: Die konkrete Utopie der Menschenrechte. Ein Blick zurück in die Zukunft, Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2021, 176 Seiten, 21 Euro

Wera Reusch ist freie Journalistin. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International oder der Redaktion wieder.

WEITERE BÜCHER

Kindheit in Belarus

von Wera Reusch

Die mutigen Demonstrationen in Belarus haben das Interesse für ein Land geweckt, das zuvor nur bekannt war als "letzte Diktatur Europas" samt Todesstrafe. Der Debütroman "Camel Travel" der belarussischen Autorin Volha Hapeyeva kommt daher zum richtigen Zeitpunkt. Die Ich-Erzählerin ­berichtet leichtfüßig von einer Kindheit in den 1980er- und 1990er-Jahren – von Zöpfen, Buchweizengrütze, Spagat und Klavierunterricht. Abgesehen von der Scheidung der Eltern und dem Zerfall der UdSSR keine dramatischen Ereignisse, wie es scheint. Und doch deutet die 1982 in Minsk geborene Autorin mit feiner Ironie an, was für ihre Generation kennzeichnend war: ein autoritäres Schulsystem, eine dogmatische Staatsideologie, ein ambivalentes Verhältnis zur Sowjetunion, der Reaktorunfall in der benachbarten Ukraine, Mangelwirtschaft und ein reaktionäres Frauenbild. Hapeyeva hat ihr Buch zwar lange vor der gefälschten Präsidentschaftswahl geschrieben. Es bildet jedoch einen interessanten Hintergrund; man versteht, warum so viele Frauen gegen das autoritäre und patriarchale Regime von Alexander Lukaschenko protestieren, der seit 1994 an der Macht ist. Volha Hapeyeva verließ das Land bereits vor der Wahl. Sie war als Übersetzerin für die OSZE ins Visier des Geheimdienstes geraten. Literaturstipendien ermöglichten ihr Aufenthalte in Österreich und Deutschland.

Volha Hapeyeva: Camel Travel. Aus dem Belarussischen von Thomas Weiler. Droschl Verlag, Graz 2021, 128 Seiten, 18 Euro
 

Die Welt zu Tisch

von Wera Reusch

In 80 Rezepten um die Welt – die Amnesty-Asylgruppe in Münster hat ein neues Kochbuch veröffentlicht. Es ist bereits die neunte überarbeitete Auflage von "Die Welt kocht", die erste erschien Anfang der 1980er-Jahre. "Wir sammeln seit fast 40 Jahren Rezepte von Menschen, denen wir bei unserer Arbeit begegnen", berichtet die Gruppe. "Wir treffen uns zu Kochabenden und probieren uns gemeinsam durch die Küchen dieser Welt. Unsere Erfahrungen und kulinarischen Entdeckungen möchten wir mit allen Kochbegeisterten teilen." Wer internationale Klassiker sucht wie Chapati oder Empanadas, Taboulé oder Guacamole, Falafel oder Borschtsch wird hier fündig. Aber auch weniger bekannte Küchen werden vorgestellt: Ob aus Afghanistan oder Eritrea, Sri Lanka oder Georgien, Myanmar oder Uganda. Fast die Hälfte der Gerichte ist vegan, ein gutes Viertel ist vegetarisch, etwa ein Viertel enthält Fleisch oder Fisch. Bemerkenswert sind neben der schönen Gestaltung des Buchs und der praktischen Spiralbindung auch die 24 informativen Länderporträts, die den jeweiligen Rezepten vorangestellt sind. Sie sorgen dafür, dass "Die Welt kocht" mehr ist als eine bunte Sammlung: Es ist eine Einladung, sich mit Menschen jedweder Herkunft zu treffen und zu kochen, gemeinsam zu essen und sich auszutauschen.

Amnesty International Asylgruppe Münster – Bezirk Münster-Osnabrück: Die Welt kocht. Rezepte. Menschen. Rechte. Überarbeitete 9. Auflage, Münster 2020, 191 Seiten, 19,50 Euro. Bezug: bestellung@dieweltkocht.de

Dahlie der Azteken

von Wera Reusch

"Wenn ich einmal an der Reihe bin, die Welt zu erschaffen – womit ich fest rechne! –, soll mein Mai neunzig Tage dauern." Jamaica Kincaid hat neben dem Schreiben eine weitere Leidenschaft: ihren Garten. Und im US-Bundesstaat Vermont, wo die Schriftstellerin wohnt, ist der Mai der Wonnemonat. Geboren 1949 auf der Karibikinsel Antigua, kam Kincaid als Au-pair-Mädchen in die USA, machte sich mit Kolumnen und Romanen einen Namen und unterrichtete afrikanische und afro-amerikanische Studien an der Harvard University. In "Mein Garten(Buch)" schildert sie mit Verve ihre eigenen Vorlieben und Fehlschläge, zitiert aus Samenkatalogen und Gartenklassikern, beschreibt Besuche in Botanischen Gärten und Parks. Immer wieder kommt sie darauf zurück, dass auch Pflanzen eine Kolonialgeschichte haben: So stammt die Dahlie von den Azteken und hieß cocoxochitl, bevor der schwedische Botaniker Andreas Dahl sie weiterzüchtete. Jamaica Kincaid ist meinungsfreudig und impulsiv. Ihr rhythmischer Stil erinnert an gesprochene Sprache. Ihre häufig autobiografisch grundierten Bücher sind im Deutschen in den vergangenen Jahrzehnten in unterschiedlichen Verlagen erschienen und teilweise vergriffen. Der Kampa Verlag bereitet Kincaid nun mit einer Neuausgabe ihrer Werke erneut eine Bühne. Ihre Gartenessays sind ein guter Einstieg, um die originelle Autorin (wieder) zu entdecken.

Jamaica Kincaid: Mein Garten(Buch). Aus dem Englischen von Renate Orth-Guttmann, Kampa Verlag, ­Zürich 2021, 272 Seiten, 22 Euro

Mordnacht der Nazis

von Marlene Zöhrer

Kirsten Boie ist zugleich eine der renommiertesten und engagiertesten deutschsprachigen Autorinnen. Geradezu unermüdlich ist ihr Einsatz für Kinder, Leseförderung und gegen Rechtsextremismus. Mit "Dunkelnacht" schreibt sie nun eindrucksvoll gegen das Vergessen der nationalsozialistischen Verbrechen an: Ihre Novelle beruht auf den historischen Geschehnissen um die Penzberger Mordnacht. Am Nachmittag des 28. und in der Nacht auf den 29. April 1945 – nur zwei Tage vor Hitlers Selbstmord – wurden in der oberbayerischen Kleinstadt 16 Menschen auf Befehl der Wehrmacht als "Verräter und Verbrecher am Volke" hingerichtet. Sozialdemokratisch gesinnte Penzberger hatten versucht, das Rathaus zu übernehmen, um die Zerstörung des Ortes zu verhindern und die erwartete Ankunft der Amerikaner vorzubereiten. Mitten hinein in die dramatischen Geschehnisse kurz vor Kriegsende setzt Boie drei Jugendliche, fiktive Charaktere, die sie die Schrecken, Brutalität und Grausamkeit beobachten und miterleben lässt. Marie und Schorsch sind frisch verliebt, aber wegen ihrer Väter – der eine "Soze", der andere Polizeimeister – im inneren Zwiespalt. Und Gustl hat sich der nationalsozialistischen Organisation "Werwolf" angeschlossen, die in dieser Nacht acht Menschen erhängt. Dicht, bedrückend und aufwühlend ist das, was Boie erzählt, auch, weil es zeigt, wozu "ganz und gar durchschnittliche Menschen fähig" sind.

Kirsten Boie: Dunkelnacht. Oetinger, Hamburg 2021, 112 Seiten, 13 Euro, ab 15 Jahren

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