Amnesty Journal Palästinensische Autonomiegebiete 22. November 2018

Lieben ohne Scham

Zeichnung eines Strandes, an dem drei Pärchen Arm in Arm sitzen

Intimität der Abgeschiedenheit. Strandszene aus der Graphic Novel "Hand aufs Herz".

Wie Feministinnen aus der arabischen Welt die Sprache über Sexualität und Gender mit der Webseite Jeem neu definieren wollen.

Von Elisabeth Wellershaus

In Ramallah galt Dalia Othman als Rebellin, wenn sie sich den Kopf kahl rasierte und bei öffentlichen Auftritten zu kurzen Shorts griff. Ihr Spiel mit Gendernormen, das Aufbegehren gegen patriarchale Strukturen, das Engagement für eine offene Gesellschaft: All dies stand im heimatlichen Palästina für die Unangepasstheit der jungen Aktivistin. Seit zwei Jahren lebt Othman jetzt in Berlin. Und hier in Deutschland gehört sie ebenso wenig zum Mainstream wie im Westjordanland.

Immerhin, an diesem Nachmittag im Stadtteil Wedding fällt die 34-Jährige kaum auf. Im Café be’kech gehören die Aufkleber von feministischen Comic-Heldinnen, die auf Othmans Laptop glitzern, zum Einheitslook. Die Freiberuflerinnen und -berufler an den Nebentischen sind kosmopolitisch und intellektuell flexibel, genau wie Othman. Sie hat in Ägypten, den USA und jetzt in Deutschland zur digitalen Zivilgesellschaft geforscht, ist bes­tens integriert. Und doch fällt sie außerhalb ihrer Community nun erneut aus dem Rahmen. Denn sie kratzt an stereotypen Vorstellungen der deutschen Einwanderungsgesellschaft.

Als Palästinenserin gehört sie zu einer neuen Generation arabischer Aktivistinnen, die sich gemeinsam Fragen nach der eigenen Identität stellen. Vor Monaten hat sie sich mit Feministinnen und Feministen aus anderen arabischen Ländern zusammengetan, um ein drängendes Thema anzugehen: den Umgang mit Sexualität und Gender. "Nach den Revolutionen ging es in einigen unserer Länder so lange um politische Neuausrichtung, dass gesellschaftlich vieles auf der Strecke blieb", sagt Othman, während drei dunkelhaarige Mädchen in engen Kleidern am Café vorbeilaufen. Sie lächelt in ihre Richtung und sagt, wie wichtig es sei, dem stereotypen Blick des Westens etwas entgegenzusetzen. Mittlerweile ist ihr Magazin Jeem online und verhandelt Fragen zum Thema Sexualität auf Arabisch.

Zum deutschen Launch der Webseite kommen am Abend Redaktionsmitglieder und Gender-Aktivistinnen aus Beirut, London, Tunis und Ramallah ins be’kech. Künstlerinnen und Journalisten aus Berlin finden sich ein, die das Projekt mit Texten unterstützen wollen, ebenso wie das Team des Goethe-Instituts aus Kairo, das es initiiert hat und nun unterstützt. Gemeinsam wenden sie sich an eine breite junge Leserschaft; an den ägyptischen Akademiker, der zum Thema forscht, wie an die libanesische Automechanikerin, die unter Gender-Vorurteilen in ihrem Dorf leidet. Mit unterschiedlichsten Schwerpunkten will Jeem all das ansprechen, was in ihren Gesellschaften bislang noch selten diskutiert wird: den Umgang mit sexueller Gewalt, mit Körperlichkeit und Begehren und mit den Behörden jener Länder, die Sexualität außerhalb gesellschaftlicher Normen noch immer kriminalisieren.

In modernem Hocharabisch will die Redaktion in Zeiten westlicher Gender-Debatten nicht die euro-amerikanischen ­Ansätze wiederkäuen, sondern speziell auf die Bedürfnisse und Tabus im eigenen Kulturraum reagieren. Sie nennen sich Jeem, nach dem Buchstaben im arabischen Alphabet, mit dem die Wörter Sex, Sexualität, Körper und Gender beginnen. Wörter, die im arabischen Raum noch immer selten benutzt werden. "Für manches müssen wir die Begrifflichkeiten sogar noch erfinden", sagt eine ägyptische Redakteurin, bevor sie auf der Bühne einen Spontanvortrag zum Thema Sex und Scham hält. Für die meisten im Raum ist diese öffentliche Unverblümtheit neu.

Wie erwartet stößt Jeem mit Diskussionen über Feminismus, Sextoys und die Rechte von Transmenschen in arabischen Ländern deshalb auch auf Widerstand. In Ägypten wurde die Seite nach gerade mal drei Wochen blockiert. In Kairo ist dies längst bedauerlicher Alltag: Seit April vergangenen Jahres sollen mehr als 500 ägyptische Webseiten zensiert worden sein, die man heute bestenfalls noch über technische Umwege erreicht. Seit dem Militärputsch von Abdel Fattah al-Sisi wird für Kulturschaffende, kritische Journalisten und Regimekritiker die Luft immer dünner. Und natürlich sind davon auch Projekte betroffen, die für einen unbefangeneren Umgang mit Liebe und Sexualität werben. Erst im September 2017 waren etliche Besucher eines Konzertes der libanesischen Band Mashrou’ Leila in Kairo festgenommen worden. Der offizielle Grund: Sie hatten Regenbogenfahnen im Publikum geschwenkt und der Musik eines Sängers gelauscht, der sich offen zu seiner Homosexualität bekennt. Inoffiziell, heißt es aus Künstlerkreisen, fördere die Regierung ein reaktionäres Moralverständnis, um von der Unsicherheit in politisch repressiven Zeiten abzulenken.

Andernorts fallen die Reaktionen zu Jeem indes positiv oder zumindest verhalten aus: Tunesien, Marokko, Libanon oder Palästina sehen dem virtuellen Treiben der Redaktion vermutlich skeptisch, doch bislang ohne weitere Konsequenzen zu. Und dadurch entsteht Raum für ein Netzwerk, das Autorinnen und interessierte Leser über große geografische Räume hinweg zusammenbringt und die Arbeit von bereits bestehenden Gender-Initiativen bündelt.

Von dieser Art des kollektiven Aufbegehrens hat Dalia Othman immer geträumt. Ihre Mutter ist Christin, ihr Vater Muslim, sie haben sich an der Universität von Bagdad kennengelernt. Als junges Mädchen hörte Dalia Othman ihre Eltern oft über die israelische Besatzung oder den Bürgerkrieg im Libanon diskutieren. Sie unterstützten die palästinensische Befreiungsbewegung von Beirut aus und zogen ihre Tochter im Geiste der Revolution – und der Toleranz – groß. Seither bewegt sich Othman im kulturellen und nationalen Dazwischen. Sie hat den Beginn der zweiten Intifada als Abiturientin in Ramallah erlebt. Und schon damals war sie enttäuscht über die einseitige Be­richt­erstattung in den westlichen Medien. Den 11. September 2001 erlebte sie als Studentin in New York, verbrachte Tage vor dem Fernseher und beschloss, selbst über die arabische Welt zu berichten. "Die Bilder der westlichen Mainstream-Medien sind fast immer schief, die Darstellung muslimischer Frauen oftmals regelrecht skurril", sagt sie am späten Abend im be’kech.

Othman weiß, dass viele Araber und Araberinnen gerade erst damit begonnen haben, ihre komplexe Identität zwischen Repression in der Heimat und Bevormundung durch den Wes­ten zu reflektieren. "Ich weiß auch, dass Medien wie Jeem kein Allheilmittel gegen gesellschaftliche Missstände sind", sagt sie und klappt ihren Laptop zu. Doch die Tatsache, dass sich Autoren und Autorinnen zwischen Golfstaaten, Maghreb und dem östlichen Mittelmeerraum nun auch mit ihrer Leserschaft aus den Regionen austauschen können, sei viel wert. Zumal in der Anonymität des Netzes auch die heiklen Themen auf den Tisch kämen. Wie man am besten an Vibratoren gelangt oder ob Masturbation tatsächlich blind und steril macht, wird bei Jeem ebenso verhandelt wie die Tatsache, dass überall auf der Welt junge Männer und Frauen leben, die mit ihrem Coming-out hadern. Dass viele junge Menschen in der arabischen Welt unter der ständigen Kontrolle der Familie sexuellen Frust entwickeln. Und dass Internetdating für sie deshalb zwar voller Möglichkeiten, aber auch voller Tabubrüche steckt. "Die Bandbreite unserer Themen ist groß", sagt Othman zum Abschied. "Es geht uns um Selbstermächtigung auf ganzer Linie. Um die Möglichkeit, eigene Geschichten zu erzählen."

Ihr ist klar, dass in den arabischen Ländern Handlungs­bedarf besteht, was Geschlechtergerechtigkeit und sexuelle ­Freiheit angeht. Doch sie ist überzeugt, dass manche Veränderungen längst vor Ort – vielfach durch Frauen – angestoßen ­werden. Und Othman will den Diskurs darüber nicht im Schatten eines vermeintlich freiheitlichen Westens führen, der sexuelle Gewalt und Diskriminierung dieser Tage erneut umfassend thematisiert. Jeem ist am interkulturellen Kontext interessiert. Daran, dass Menschen im Westen mit Sexvideos erpressbar sind, während man jungen Musliminnen mit Fotos drohen kann, auf denen sie ohne Kopftuch abgebildet sind. Daran, dass weltweit Schamgefühle weitergetragen werden, die unser Verständnis von Sexualität und Identität bestimmen. Und dass sexuelle Machtmechanismen kultur- und religionsübergreifend wirken.

"Hand aufs Herz"

Die Graphic Novel "Hand aufs Herz" befasst sich mit dem Tabu der Sexualität in einer patriarchalen islamischen Gesellschaft. Aus Sicht verschiedener marokkanischer Frauen beschreiben Leïla Slimani und Laetitia Coryn intime Tragödien und den Kampf für Selbstbestimmung.

Avant-Verlag, Berlin 2018, 108 Seiten, 25 Euro.

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