Amnesty Journal Nicaragua 21. Juli 2020

Wenn der Doktor schreibt

Ein Mann mit grau-schwarz-meliertem Haar, es ist der nicaraguanische Schriftsteller Sergio Ramirez, sitzt vor einem Wandbild und trägt eine rahmenlose Brille.

Kämpfer mit Worten, Texten und Analysen: Der nicaraguanische Schriftsteller Sergio Ramírez (März, 2020).

Der Schriftsteller Sergio Ramírez ist eine der wichtigsten literarischen und politischen Stimmen Mittelamerikas. Er übt scharfe Kritik am nicaraguanischen Präsidenten Daniel Ortega und dessen Umgang mit der Covid-19-Pandemie.

Von Knut Henkel

"Verboten, zu Hause zu bleiben", lautet der Titel einer der jüngsten Kolumnen von Sergio Ramírez. In Nicaragua ticken die Uhren in Zeiten der Corona-Pandemie anders als in den Nachbarländern. Statt Ausgangssperre, Quarantäne und Sicherheitsabstand standen in Nicaragua auch nach dem 11. März noch politische Versammlungen, Boxkämpfe und Fußballspiele auf dem Programm – ohne jede Vorsichtsmaßnahme.

Die Grenzen des Landes seien gepanzert durch göttlichen Schutz, und Covid-19 sei eine Krankheit der übergewichtigen Reichen, zitiert der Schriftsteller Regierungspropaganda in seinem Kommentar für das Online-Magazin El Faro aus El Salvador.

Angesichts voller Krankenhäuser ist die offizielle Propaganda mittlerweile weitgehend verstummt, doch der 77-jährige Schriftsteller nicht. Er scheut sich nicht, diejenigen zu benennen, die für die Desinformation und Politik verantwortlich sind, die viele Leben kostet: Präsident Daniel Ortega und seine Ehefrau und Vizepräsidentin Rosario Murillo. Wie sie sich hartnäckig an die Macht klammern, weckt bei dem preisgekrönten Schriftsteller und vielzitierten Analysten traumatische Erinnerungen.

Einst Sandinist

Im Juli 1959, als Ramírez gerade sein Jurastudium begonnen hatte, eröffneten Soldaten der Armee von Diktator Anastasio Somoza das Feuer auf protestierende Studenten der Universität León. Vier Tote und mehr als 60 Verletzte lautete die Bilanz. "Dieses Erlebnis hat mein Leben geprägt. Heute denke ich oft daran zurück, denn die Studenten, die heute den Widerstand gegen Daniel Ortega anführen, werden ebenfalls brutal unterdrückt – allerdings unter sandinistischer Flagge", sagt Ramírez.

Unter dieser hatte der Schriftsteller einst auch gekämpft, nicht mit der Waffe in der Hand, sondern mit Worten, Texten, Analysen. Er wurde damit zu einer prägenden Figur der "Zwölf" – einer Gruppe von Intellektuellen, die die Sandinistische Befreiungsbewegung in den 1970er Jahren unterstützte. Die Gruppe wirkte über lange Zeit aus dem Exil in Costa Rica. Ramírez leitete dort einen Verlag, war literarisch und publizistisch aktiv und verlieh dem Widerstand gegen Somoza eine Stimme. Das brachte ihm in der Sandinistischen Nationalen Befreiungsfront (FSLN) den Spitznamen "El Doctor" ein.

Heute heißt der Mann, der das mittelamerikanische Land unterdrückt, nicht mehr Somoza, sondern Ortega. Die rot-schwarze Flagge der Befreiungsbewegung steht nunmehr für Repression und Unterdrückung, die blau-weiße Nationalflagge für Freiheit und die Rückkehr zur Demokratie. Eine bittere Randnotiz der jüngeren Geschichte, die Ramírez fast beiläufig erwähnt, denn für Sentimentalitäten ist kein Platz: "Damals musste man etwas gegen die Diktatur unternehmen, und das ist heute nicht anders. Ich unterstütze die Proteste für ein demokratisches Nicaragua, wo ich kann", sagt er.

Heute Unterstützer der Protestbewegung

Vom Rednerpult, in Interviews oder vom Schreibtisch aus kritisiert er das nicaraguanische Präsidentenpaar, das sich in Managua – von rund 400 Leibwächtern geschützt – eingeigelt hat. "Das ist meine Rolle. Den Protest auf der Straße überlasse ich den Jüngeren", sagt "El Doctor". Nicht nur wegen der schmerzenden Hüfte, sondern vor allem weil er der jüngeren Generation nicht im Weg stehen will. Er gibt Interviews zur Situation des Landes in der Pandemie, schreibt kritische Essays, aber auch Romane. Für sein Gesamtwerk verlieh ihm die spanische Universität Alcalá 2018 den Cervantes-Preis, der als wichtigste literarische Auszeichnung der spanischsprachigen Welt gilt.

Daniel Ortega und Rosario Murillo repräsentieren die Macht in Nicaragua, sie versuchen eine Dynastie aufzubauen, haben die demokratischen Spielregeln ausgehebelt.

Sergio
Ramírez
Nicaraguanischer Schriftsteller

Ramírez widmete den Preis den getöteten jugendlichen Demonstranten in Nicaragua und warb offen um Unterstützung für die Proteste: "Daniel Ortega und Rosario Murillo repräsentieren die Macht in Nicaragua, sie versuchen eine Dynastie aufzubauen, haben die demokratischen Spielregeln ausgehebelt", kritisierte er. Doch er ist zuversichtlich, dass es einen Wechsel geben wird. "Die Menschen sind aufgewacht, lassen sich nicht mundtot machen", meint Ramírez, der wie ein Seismograph die Erosionsprozesse innerhalb des Ortega-Lagers aufzeichnet.

Die ökonomische Krise, unter der die Bevölkerung leidet, untergräbt zunehmend die finanzielle Basis des Regimes und befördert diese Erosion ebenso wie die katholische Kirche, die aktiv auf der Seite der Zivilgesellschaft steht. "Es war ein elementarer Fehler Daniel Ortegas, sich die katholische Kirche zum Feind zu machen – wer kann schon von sich behaupten, in den vergangenen 2000 Jahren gegen die Kirche gewonnen zu haben?", fragt Ramírez voller Ironie.

Gesellschaftskritischer Krimi-Autor

Ironie und schwarzer Humor prägen auch sein literarisches Werk, in dem sich ungewöhnliche Figuren tummeln, wie der beinamputierte Privatdetektiv Dolores Morales. Der Protagonist seiner Krimi-Trilogie ist unverkennbar ein Alter Ego von Ramírez. Im vergangenen Herbst erschien der zweite Band "Um mich weint niemand mehr". Darin stößt Dolores Morales auf einen Missbrauchsfall in einer Familie des Establishments. Das Familienoberhaupt hat sich an seiner Stieftochter vergangen, die daraufhin in den Untergrund Managuas floh. Im Wettlauf mit dem Geheimdienst der "himmlischen Mächte" – einem Synonym für das Paar im Präsidentenpalast – versucht der humpelnde Detektiv, das Missbrauchsopfer aus dem Sumpf von Korruption und Klientelismus zu befreien.

Sexuelle Gewalt in der Familie ist in ganz Mittelamerika weit verbreitet, nicht nur in Nicaragua. Doch dort gibt es einen besonders prominenten Fall: Daniel Ortegas Stieftochter Zoilamérica Ortega Murillo reichte 1998 Klage beim Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte gegen den damaligen Oppositionspolitiker und heutigen Präsidenten ein. Die 50 Seiten umfassende Anklageschrift legt dar, wie Zoilamérica Ortega Murillo seit ihrem 11. Lebensjahr von ihrem Stiefvater sexuell missbraucht wurde. Doch zu einem Urteil kam es nie, denn die junge Frau zog 2008 ihre Klage aus Angst vor dem wachsenden Einfluss Ortegas zurück und ging später ins Exil nach Costa Rica.

Für den überzeugten Menschenrechtsaktivisten Ramírez ist der Fall einer unter vielen, die ihn motivierten, das Thema literarisch zu verarbeiten. Dabei liefert er einen detaillierten Einblick in die Machtstrukturen Nicaraguas, die er wie kaum ein anderer kennt, benennt und kritisiert. "El Doctor" ist sich treu geblieben. Das gilt nur für wenige aus dem Führungszirkel der sandinistischen Revolution von 1979.

Sergio Ramírez: Um mich weint niemand mehr. Aus dem Spanischen von Lutz Kliche. Edition 8, Zürich 2019. 344 Seiten, 23,20 Euro

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