Amnesty Journal Myanmar 26. Juli 2018

Getrennte Geschäfte

Die Tempel der myanmarischen Stadt Mrauk U im Sonnenuntergang

Trügerische Idylle. Die Ratanabon-Pagode in Mrauk U, Dezember 2016.

Im Bundesstaat Rakhine haben Myanmars ­Militärs ein Apartheidsystem errichtet. Wenn es überhaupt noch Verbindungen zwischen Buddhisten und Muslimen gibt, dann hat das in erster Linie geschäftliche Gründe.

Aus Mrauk U berichtet Verena Hölzl

Htun Shwe schiebt ein Blech Brötchen in den Ofen. Der Duft der süßen Teilchen zieht durch den Innenhof seiner Pension in Mrauk U, einer uralten Tempelstadt im Nordwesten Myanmars. Die Anreise zu den 150 Tempelruinen unweit der Grenze zu Bangladesch ist beschwerlich, doch die Reise lohnt sich: Nirgendwo in Myanmar schmiegt sich der Morgendunst schöner an dunkelgrüne Hügel und Pagodenspitzen als in der einstigen Kapitale des Rakhine-Königreiches.

Htun Shwe ist Buddhist – und Geschäftsmann. Seine beiden Kinder schickt er in Rangun, Myanmars größter Stadt, auf eine internationale Schule. Er ist hochgewachsen, trägt Jeans und spricht makelloses Englisch. Htun Shwe ist ein Macher. Wer in Mrauk U etwas auf die Beine stellen will, kommt an ihm nicht vorbei. Doch die Geschäfte laufen derzeit nicht gut für Htun Shwe. Denn es kommen kaum noch ­Touristen in die Tempelstadt.

Der Grund: Mrauk U liegt in der Provinz Rakhine, dem Schauplatz eines der größten Flüchtlingsdramen der Welt. Vor genau einem Jahr, im August 2017, zwang Myanmars Militär hier 700.000 Mitglieder der muslimischen Minderheit der Rohingya aus dem Norden des Bundesstaats zur Flucht nach Bangladesch. Mit voller Brutalität. Ärzte ohne Grenzen geht von Tausenden aus, die gewaltsam ums Leben gekommen sind – viele von ihnen erschlagen, erstochen oder verbrannt. Die Vereinten Nationen sprechen von ethnischen Säuberungen und schließen einen Genozid nicht aus. Es kam zu massenhaften Vergewaltigungen und Folter, Hunderte Dörfer wurden niedergebrannt. Dies belegt auch ein neuer Bericht von Amnesty International, der fordert, die Verantwortlichen vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zu stellen.

Die Rohingya siedeln zwar seit Langem in Myanmars westlichstem Bundesstaat und besaßen einst auch die burmesische Staatsbürgerschaft. Doch die offiziellen Ausweispapiere wurden nach und nach durch minderwertigere Dokumente ersetzt. Immer wieder gab es Spannungen, zuletzt 2012, kurz nach dem Ende der Militärdiktatur. Seitdem leben in Rakhine mit seinen gut drei Millionen Einwohnern beide Religionsgemeinschaften praktisch voneinander getrennt. In der Provinzhauptstadt Sittwe wohnen die meist sunnitischen Muslime sogar hinter Stacheldrahtbarrieren – in einer Art Ghetto, abgeschottet von der buddhistischen Mehrheitsbevölkerung.

In den Moscheen von Sittwe residiert heute die Polizei. Muslime sind gefährlich, sagen die Bud­dhisten. Viele Rohingya wurden außerdem in Lager abge­schoben, in denen sie zum Teil immer noch ihr Leben fristen. Wer raus will, muss zahlen – oder riskiert, festgenommen zu werden.

Es hätte auch anders laufen können, wenn es mehr Menschen wie Htun Shwe gäbe im 53 Millionen Einwohner zählenden Myanmar. Als ein deutsche Sportartikelhersteller einmal Sportschuhe spenden wollte und sich an ihn wandte, hatte Htun Shwe eine Idee: Wieso nicht gleich ein Fußballspiel mit Buddhisten und Muslimen organisieren? Doch seine Freunde sagten, das gebe nur Ärger. Am Ende hat er es gelassen. Dennoch wünscht sich Htun Shwe, dass die Buddhisten und Muslime endlich in Frieden zusammenleben. Nach Leuten wie Htun Shwe muss man derzeit aber in Rakhine suchen.

Nun sitzt er hinter dem Steuer, das Autoradio spielt Bruce Springsteen, der Kofferraum ist voll mit Backwaren. Htun Shwe liefert seine Brötchen aus, auch in Gegenden, wo es noch Rohingya gibt. Sie dürfen schließlich nicht mehr nach Mrauk U kommen. Muslimfreie Zone. Etwas außerhalb deutet er ein bisschen entschuldigend auf Bambushütten, in denen sich Buddhisten und Muslime zum Tee träfen. Handel zwischen den Religionsgemeinschaften gibt es nämlich nach wie vor.

Einst residierten in Mrauk U Könige, die Region war fruchtbar, die Menschen reich, stolz – und wohl auch glücklich. Es gab so viel Arbeit, dass die ehemaligen britischen Kolonialherren Muslime von jenseits des Flusses ins heutige Rakhine holten. Damals gab es noch keine Grenze zwischen dem heutigen Bangladesch und Myanmar. Heute ist Bangladesch im Bewusstsein vieler Bewohner Rakhines nur noch das benachbarte mus­limische Land, aus dem illegale Einwanderer nach Myanmar drängen.

Für viele Menschenrechtsorganisationen, darunter auch Amnesty International, ist klar: Myanmar hat im Bundesstaat Rakhine ein Apartheidsystem etabliert, in dem die ­Rohingya systematisch ausgegrenzt und diskriminiert werden. Die staatlich verordnete Trennung von Ethnien gilt nach internationalem Recht als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Dessen mache sich die Regierung Myanmars schuldig, weil sie "aktiv ein Apartheid-Regime aufgebaut" habe, so Amnesty.

Ein Zaun aus Bambus

Htun Shwe liefert die Kisten mit den Brötchen am Markt eines Dorfes namens Bawli ab. "Ich habe keine Angst vor den Kalar", ruft der kleine Soe Min Aung. Die Kinder um ihn herum kichern. "Kalar" ist in Myanmar eine abschätzige Bezeichnung für die Rohingya. Aber das weiß der Zehnjährige mit dem schelmischen Blick wahrscheinlich gar nicht. Zu den Muslimen rübergehen? Die Kinder schauen verstört. Nein, niemals würden sie das tun. Wieso auch? Schließlich gibt es da ja einen Zaun.

Weil viele Buddhisten sich während der Unruhen vor sechs Jahren vor den nebenan wohnenden Muslimen fürchteten, flochten sie diesen Zaun aus Bambus. Und obwohl er immer wieder verwitterte, wurde er immer wieder neu aufgebaut.

"Es ist besser, wenn wir nicht mit den Kalar zusammenleben", sagt der Bauer Maung Win. Durch das Gitter kann man Kinder auf der von Muslimen bewohnten Seite des Zauns sehen. Sie schauen interessiert, trauen sich aber nicht heran. Wer auf den wackeligen Bambus-Wachturm neben der Abgrenzung steigt, kann weite Teile des Dorfs überblicken.

Je weiter weg vom Zaun man kommt, desto größer werden die Horrorgeschichten über die andere Seite. So erzählt man sich zum Beispiel, dass die Muslime sich gefährlich schnell vermehren. Auch die Regierung glaubt das und hat 2013 "zum Abbau von ethnischen Spannungen" angeordnet, dass die Rohingya nicht mehr als zwei Kinder haben dürfen, da die hohe Geburtenrate die buddhistische Mehrheit in eine Minderheit verwandeln könne.

Eine Nachbarin dämpft ihre Stimme, als sie erzählt, dass zwei Frauen bei den Unruhen vor sechs Jahren von Muslimen aufgeschlitzt worden seien. Maung Win hat von einem solchen Mord noch nie etwas gehört. Er wohnt direkt am Zaun. "Wir schlafen hier sehr gut", sagt er. "Aber wir wollen auch in der Zukunft keine Probleme hier." Deshalb gebe es den Zaun. So einfach sei das. Die Muslime seien oft betrunken und würden stehlen. Manche hätten Waffen. Wann er zum letzten Mal drüben war, weiß er nicht mehr. Irgendwann deutet der Bauer an, dass es auch Vorteile hätte, wenn es den Zaun nicht gäbe: Er könnte seine Ernte dann viel besser verkaufen. Richtig laut sagen will er das aber nicht.

Auch Htun Shwe will keinen Ärger. Er drängt darauf zu gehen. Schon zu viele Dorfbewohner sind neugierig vor der Hütte von Maung Win stehen geblieben. Dass wir mit ihm sprechen, ist nicht verboten. "Aber wenn die Polizei mitbekommt, dass ich mit einer Journalistin reingekommen bin, könnte das Probleme geben", prophezeit Htun Shwe. Die Frage, welche Art von Problemen er befürchtet, bleibt unbeantwortet. Wer die staatlichen ­Unrechtsaktionen anzweifelt, wird in Myanmar schnell zur Zielscheibe von Vorwürfen: Reiche Geschäftsleute aus den Golfstaaten hätten ausländische Journalisten gekauft, die Myanmars Geschichte einfach nicht verstehen – und sich in interne Angelegenheiten einmischen. Menschenrechte stünden nun einmal nur Staatsangehörigen zu. Die Rohingya gehörten halt nicht dazu.

Seit den achtziger Jahren nahm das Militärregime ihnen nach und nach ihre Bürgerrechte. Ausweise wurden eingezogen und nicht durch gleichwertige Papiere ersetzt. Neugeborene werden nur noch gegen Zahlung willkürlicher Gebühren registriert. Viele Myanmarer glauben tatsächlich: Wer nicht der buddhistischen Mehrheit im Land angehört, ist ein Mensch zweiter Klasse. 

Am Ufer treffen wir den Rohingya Mohammed Saed. Der 19-Jährige macht unter einem Bambusverschlag im Schatten Pause. Er arbeitet für einen buddhistischen Chef, bringt für ihn Sand und Steine ans andere Ufer. Die Sonne brennt. Er schließt die Augen und lächelt verlegen. Es hat sich schon lange niemand mehr dafür interessiert, wie es ihm geht. Mohammed schweigt.

Und ja, es gebe eine Schule. Allerdings kann er sich nicht mehr erinnern, wann der von der Regierung bezahlte Lehrer das letzte Mal zum Unterricht erschien. Die Rohingya unterrichten einander deshalb selbst. Viele Kinder verstehen gar kein Burmesisch mehr, was viele Buddhisten ihnen wiederum vorwerfen.

Die Regierung beteuert regelmäßig, jeder in Rakhine habe Zugang zu Schulen und medizinischen Einrichtungen. Manche Rohingya zahlen jedoch fast das Dreifache ihres Monatsverdiensts, um in ein Krankenhaus zu gelangen.

Die Ausgrenzung der Rohingya in Rakhine ist längst zum ­Geschäft geworden. Wer die Provinz verlassen will, zahlt für ­Polizeieskorten. Nicht immer glücken sie. Vor drei Jahren zahlte Mohammed einem Schmuggler, der ihn nach Rangun bringen sollte, ein halbes Vermögen. Mohammed wollte abhauen, am liebsten nach Malaysia. Der Trip ging jedoch schief. Weil er sein Dorf ohne Genehmigung der Behörden verlassen hatte, landete der damals 16-Jährige für anderthalb Jahre im Gefängnis.

"Um seine Macht zu legitimieren, braucht das Militär Feinde", erklärt Htun Shwe zurück im Auto. Im Norden des Landes sind das die Kachin, im Osten die Shan – und im Westen eben die Rohingya: Ethnische Säuberung sei in Myanmar nichts Neues, sagt er. Wie extrem die Gewalt gegen die Rohingya ist, weiß er offenbar nicht. Er liest nur selten die Zeitung. "Ich glaube nur, was ich sehe", sagt er.

Zum Beispiel, dass da vorn die geteerte Straße endet. Schon die englischen Kolonialherren haben ihr Versprechen nicht ­gehalten, sie fertig zu bauen. Heute sind die Verkehrswege in ­Rakhine so schlecht, dass auswärtige Güter mehr kosten als in anderen Landesteilen. Der Flughafen, den die Regierung versprach, ist nie fertiggestellt worden. Stattdessen soll es künftig einen Tiefseehafen geben – für die Chinesen. Strände, Erdgas und Öl könnten die Menschen in Rakhine wohlhabend machen. Stattdessen zählt die Region zu den ärmsten des Landes. "Die Myanmarer", sagt Htun Shwe , "wollen nicht, dass wir in Rakhine reich sind".

 

"Wir werden alles zerstören"

Der Amnesty-Bericht "We Will ­Destroy Everything: Military Responsibility for Crimes against Humanity in Rakhine State, Myanmar" dokumentiert das Vorgehen der Militär­einheiten in Myanmars Bundesstaat Rakhine und zeigt, dass die Verantwortung für die Menschenrechts­verletzungen bis in die obersten ­Befehlsstrukturen reicht. Amnesty hat dafür über 400 Interviews geführt und Satellitenbilder, Foto- und Videoaufnahmen sowie kriminaltechnische Untersuchungen ausgewertet.

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